Covid-19 : Kinder bremsen laut Studie das Virus aus

Ergebnisse aus Dresden zeigen, dass sich das Coronavirus unter Schülern und Lehrern in Sachsen kaum verbreitet hat.

Dieser Artikel erschien am 13.07.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Christina Berndt
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Wie gefährlich wäre ein Normalbetrieb in den Schulen nach den Sommerferien? Studien sollen Aufschluss geben.
©dpa

Kinder könnten nicht die Treiber der Corona-Pandemie sein, sondern sogar eher Bremsklötze für das Virus. Zu diesem Schluss kommen jetzt zumindest Wissenschaftler des Universitäts­klinikums Dresden, die am Montag­vormittag die Ergebnisse der sogenannten Sächsischen Schulstudie vorstellten.

Im Auftrag der sächsischen Landesregierung hatten die Mediziner seit Mai mehr als 1500 Schüler zwischen 14 und 18 Jahren sowie rund 500 Lehrer aus 13 sächsischen Schulen in den Landkreisen Bautzen und Görlitz sowie der Stadt Dresden auf Infektionen mit Sars-CoV-2 untersucht. Getestet wurde auf Antikörper gegen den Erreger. Dabei fanden die Experten lediglich bei zwölf Schülern und Lehrern einen Hinweis auf eine abgeklungene Infektion mit dem neuen Corona­virus. Unter diesen seien mehr Schüler als Lehrer gewesen, sagte der Infektiologe Reinhard Berner, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugend­medizin am Universitäts­klinikum Dresden, während der Presse­konferenz. Genauer wollte er aufgrund daten­schutz­rechtlicher Bedenken nicht differenzieren.

Zwar haben Tests inzwischen auch gezeigt, dass Antikörper gegen das neue Corona­virus nach einer durch­gemachten Infektion oft rasch wieder aus dem Blut der Genesenen verschwinden. Für Berner steht nach der Untersuchung dennoch fest, dass „die Ausbreitung des Virus an Schulen nicht explosions­artig erfolgt“. Die sächsische Studie ergänze das auch in anderen Studien gewonnene Bild, „dass Kinder wahrscheinlich anders als bei der Influenza nicht die Treiber der Infektion sind, sondern eher Bremsklötze“. Eine anhaltende und weiter­gehende Öffnung der Schulen sei aus seiner Sicht daher möglich. Auch Alexander Dalpke, der Leiter des Instituts für Mikrobiologie und Hygiene am Universitäts­klinikum Dresden, betonte während der Presse­konferenz: „Es gibt jedenfalls keinen Hinweis darauf, dass es sich bei den Schulen um besondere Hotspots handelt.“

Weniger als ein Prozent der Schüler nachweislich infiziert gewesen

Obwohl die Jugendlichen in Sachsen bereits seit Mitte Mai wieder zur Schule gehen und 80 Prozent von ihnen nach eigenen Angaben auch außerhalb von Schule und Familie Kontakte unterhalten, hat sich das Virus der Studie zufolge kaum weiterverbreitet. Nur etwa 0,6 Prozent der getesteten Schüler hatten sich demnach infiziert. Die Wissenschaftler hatten im wenig von der Pandemie betroffenen Sachsen ohnehin schon mit einer niedrigen Durch­seuchungs­rate gerechnet. „Aber das lag noch unter dem, was wir erwartet hatten“, sagte Berner.

Dabei haben die Forscher gezielt in Schulen getestet, in denen sie von Corona-Fällen wussten. „Dennoch haben wir keine Ausbreitung festgestellt, die Infektionen sind auf eine sehr kleine Zahl von Schülern und Lehrern begrenzt geblieben.“ Das wissenschaftliche Manuskript werde heute noch bei einer internationalen Fachzeitschrift eingereicht, ergänzte Berner am Montag, danach werde es auch öffentlich zur Verfügung stehen.

Die niedrige Durchseuchung bedeutet aber auch: Die Immunität in der sächsischen Bevölkerung ist derzeit kaum höher als im März 2020, als die Pandemie begonnen hat. Auch die Dunkelziffer sei in der untersuchten Region offenbar sehr niedrig, sagt Berner. Denn von den zwölf positiv Getesteten haben fünf von ihrer Infektion gewusst, sieben hatten diese nicht bemerkt. In ihre Familien hatten die Jugendlichen die Infektion kaum weitergetragen – und in 20 Familien von Schülern, in denen es Corona-Fälle gab, hatte sich offenbar nur ein Schüler bei seinem Angehörigen infiziert.

Experten und Minister warnen dennoch vor Leicht­fertig­keit

Reinhard Berner betont aber zugleich: „Ich habe großen Respekt vor diesem Virus.“ Mit dem Erreger sei nicht zu spaßen – auch für Kinder und Jugendliche nicht, wenngleich diese selten schwer erkranken. „Auch für Kinder nehmen wir es ernst, wir kennen schwer kranke und verstorbene Kinder“, sagt Berner. Dennoch ist die Frage von Schul- und Kita­schließungen nach Auffassung des Experten heute anders zu bewerten als zu Beginn der Pandemie. Der Virologe Dalpke erklärt dazu: Kinder husten nicht so stark wie Erwachsene, womöglich geben sie das Virus deshalb nicht so leicht weiter. „Zudem scheint die Schwere der Erkrankung dazu beizutragen, wie infektiös ein Patient ist.“

Sachsens Kultusminister Christian Piwarz (CDU) fühlt sich in seinem Kurs bestätigt. Sachsen hatte die Schulen Mitte Mai als erstes Bundesland wieder geöffnet. Die Schulstudie sollte diesen Schritt wissenschaftlich begleiten, um Informationen für weitere Entscheidungen zu sammeln. Die Ergebnisse der Schulstudie zeigten nun, dass eine weitere Öffnung möglich und zu verantworten sei, sagte Piwarz auf der Pressekonferenz. Für die Zeit nach den Sommer­ferien kündigte Piwarz den Übergang zum Normal­betrieb an Sachsens Schulen an – ein weiterhin niedriges Infektions­geschehen im Bundesland voraus­gesetzt. „Wir fühlen uns den Kindern verpflichtet“, sagte er, „deren Recht auf Bildung und Teilhabe.“

Mit Sorge blickt Piwarz auf die Geschehnisse vor allem im Ausland, wo deutsche Touristen offenbar sorglos mit der Infektions­gefahr durch Sars-CoV-2 umgehen. Wenn diese Menschen nach Sachsen zurück­kehrten, könnte das die Infektions­zahlen hochtreiben und am Ende auch die Schul­öffnungen in Frage stellen. Er appelliert daher an die Bevölkerung: „Ich habe die Bitte, dass wir uns alle miteinander unseren Kindern zuliebe so disziplinieren, dass die Kinder weiter zur Schule gehen können.“