Dieser Artikel erschien am 20.04.2020 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Bernd Kramer

Lernen zu Hause : Kein Computer, kein Kontakt

Eine aktuelle Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft zeigt, dass Kinder in Hartz-IV-Haushalten und in Familien mit Migrationshintergrund schlechter ausgestattet sind: Sie haben seltener ein eigenes Zimmer, einen Schreibtisch oder einen Computer. Wichtig genommen wird die Schule allerdings in ärmeren und gut situierten Familien gleichermaßen. Zuvor zeigte bereits eine Lehrerumfrage der Robert-Bosch-Stiftung, wie häufig beim Homeschooling der Kontakt abbricht: 37 Prozent der Lehrkräfte sind demnach mit weniger als der Hälfte ihrer Schüler in regelmäßigem Austausch.

Kinder am Laptop
Am Rechner die Arbeitsblätter runterladen und das Mathe-Erklärvideo anschauen – so läuft Homeschooling nur idealerweise.
©AdobeStock

Die Schulen bleiben für die meisten Kinder zu, aber wie will man am neuen digitalen Heimunterricht teilnehmen, wenn alles dafür fehlt: eine Internetverbindung, ein Computer, ein Drucker, ein Scanner? Thomas Wasilewski, ein Familienvater aus Mönchengladbach, drückt es so aus: „Unterricht ist für meine Söhne im Moment Science-Fiction. Wer in einer armen Familie aufwächst, der hat jetzt schlicht Pech gehabt.“

Wasilewski, 57 Jahre, ist seit vier Jahren erwerbsunfähig, seine Frau und die drei Kinder leben von seiner kleinen Rente und Hartz IV. Die beiden älteren Söhne, 16 und 14 Jahre alt, haben immerhin ein eigenes Smartphone. Aber Aufgabenblätter lassen sich darauf kaum vernünftig bearbeiten. In normalen Zeiten kann die Familie den Rechner von Wasilewskis Schwester mitbenutzten, sie wohnt nur ein paar Straßen weiter. Aber nun braucht sie den Computer selbst für ihr Home-Office. Allenfalls am Wochenende können die Söhne vorbeikommen, um Aufgaben auszudrucken.

Als vor gut einem Monat die Schulen wegen der Corona-Krise schlossen, hat Wasilewski sofort bei einem Händler ein Angebot eingeholt: Einen Rechner plus Drucker für seine Söhne hätte er schon für 750 Euro bekommen. Doch das Jobcenter lehnte den Antrag ab. Die Mitarbeiter erkundigten sich sogar bei den Schulen, ob ein Computer wirklich zwingend ist, um am Unterricht aus der Ferne teilzunehmen, oder ob es nicht irgendwie auch so geht. Geht schon irgendwie so, sollen zwei der drei Schulen geantwortet haben. „Mein jüngster Sohn ist zwölf und hat es auf ein ganz gutes Gymnasium geschafft“, sagt Wasilewski. „Er hat sich wahnsinnig über den Anruf aufgeregt. Es ist ihm unangenehm, wenn an seiner Schule herauskommt, dass seine Eltern von Hartz IV leben.“

Nur 27 Prozent der 14-Jährigen aus Hartz-IV-Haushalten können einen eigenen Rechner nutzen

Wie sehr das Homeschooling die sozialen Ungleichheiten im deutschen Bildungswesen zu verschärfen droht, zeigt nun auch eine Untersuchung des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft (IW), die der Süddeutschen Zeitung vorab vorlag. Das Institut wertete Daten des Sozio-oekonomischen Panels aus, einer großen repräsentativen Haushaltsbefragung, um ein genaues Bild von den Voraussetzungen für den Unterricht aus der Distanz zu zeichnen. Demnach sind die Familien zwar im Schnitt recht gut gerüstet fürs Homeschooling – aber eben längst nicht alle.

So haben zwar fast 86 Prozent der Zwölfjährigen ein eigenes Zimmer, wo sie in Ruhe lernen können. In Familien mit Migrationshintergrund verfügen indes nur zwei Drittel über einen Raum für sich allein; in Familien, die von Hartz IV leben, ist es ähnlich. Einen eigenen Schreibtisch haben gut 89 Prozent aller Zwölfjährigen, aber nur knapp 70 Prozent der Kinder aus Hartz-IV-Familien. Auch mit Büchern und Lernsoftware sind die Kinder unterschiedlich gut versorgt. Bemerkenswert ist dabei, dass sich arme und gut situierte Familien zwar in der Ausstattung unterscheiden – offenbar aber nicht in der Einsicht, wie wichtig die Schule für den Lebensweg der Kinder ist: Neun von zehn Schülern gaben an, regelmäßig von ihren Eltern zum Lernen motiviert zu werden, unter Jugendlichen aus Migrantenfamilien oder in Hartz-IV-Haushalten lag der Anteil sogar noch höher.

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Das deckt sich auch mit Erkenntnissen aus der Bildungsforschung, wonach gerade Zuwanderer einen besonders hohen Bildungsehrgeiz an den Tag legen. „Das Problem liegt in der Regel nicht im mangelnden Willen der Eltern, sondern in ihren fehlenden Möglichkeiten“, sagt Axel Plünnecke, der beim Institut der deutschen Wirtschaft den Bereich Bildungsforschung verantwortet.

Entscheidend für den digitalen Distanzunterricht ist dabei die Frage, ob auch alle Schülerinnen und Schüler einen Computer haben, das zeigt schon das Beispiel von Familie Wasilewski aus Mönchengladbach. Und die IW-Studie bestätigt, dass sie mit ihren Sorgen nicht allein ist. Nur knapp 15 Prozent der Zwölfjährigen und 27 Prozent der 14-Jährigen aus Hartz-IV-Haushalten besitzen einen eigenen Rechner, den sie auch für die Schule nutzen können. Unter allen Zwölfjährigen sind es fast 28 Prozent, unter allen 14-Jährigen beinah 42 Prozent.

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Und wer in einer armen Familie aufwächst, hat nicht nur seltener einen eigenen Computer. Auch die Eltern besitzen oft kein Gerät – so wie bei Familie Wasilewski. Hausaufgaben online korrigieren, Fragen im Chat beantworten, die Klasse zu virtuellen Stunden zusammenrufen und per Videokonferenz die Anwesenheit kontrollieren: All diese Homeschooling-Möglichkeiten scheitern, wenn in den Familien die Technik fehlt. Schnell droht deshalb der Kontakt ganz abzureißen.

Bei den jüngeren Söhnen von Thomas Wasilewski laden die Schulen nur Arbeitsblätter hoch. Ansonsten herrscht Stille

Als ein Alarmsignal muss man denn auch die Ergebnisse einer ersten repräsentativen Lehrerumfrage zum Homeschooling sehen, die die Robert-Bosch-Stiftung kürzlich veröffentlichte: 37 Prozent der Lehrkräfte sind demnach mit weniger als der Hälfte ihrer Schüler in regelmäßigem Austausch. Bei den Grundschulen sagten sogar 47 Prozent der Lehrkräfte, mit einem Großteil ihrer Klasse während der Schließung nicht mehr in Kontakt zu sein.

Thomas Wasilewskis ältester Sohn bekam zwei Tage nach der Schulschließung einen blauen Brief von seinem Berufskolleg; die Versetzung sei gefährdet. „Der ist erst einmal in ein Loch gefallen und hatte überhaupt keine Motivation mehr“, sagt Wasilewski. Und ausgerechnet jetzt sollte er sich allein zu Hause zum Lernen aufraffen? Immerhin habe der 16-Jährige einen engagierten Klassenlehrer, der Nachrichten per Whatsapp schreibe: Wo bleiben die Aufgaben? Brauchst du Hilfe? Bei den anderen beiden Jungen, klagt der Vater, sei das nicht so: Da stelle die Schule nur ein paar Blätter auf ihrer Internetseite zum Download bereit. Ansonsten: Funkstille.

Je länger die Schulen geschlossen bleiben, desto mehr drohen Kinder aus benachteiligten Familien abgehängt zu werden. IW-Forscher Axel Plünnecke fordert daher, dass die Schulen Chancenbeauftragte ernennen, die sich speziell um die Förderung derjenigen kümmern, die in den vergangenen Wochen zurückgefallen sind. Wer zu Hause keine optimalen Lernmöglichkeiten hat, solle früher zurück in die Klasse – unter strengen Hygieneauflagen selbstverständlich. Dass dagegen das Homeschooling nun bis in den Mai andauern soll, irritiert ihn. „Es ist schon seltsam, dass es weitere Wochen der Schulschließung braucht, um Konzepte für den Wiedereinstieg zu entwickeln“, sagt er. „Ich hätte erwartet, dass das längst passiert ist.“