Kinder in der Corona-Pandemie : Kaum geimpft, wenig geschützt

Corona sei für Kinder harmlos, heißt es von organisierten Kinderärzten. Die Einschränkungen hingegen würden den Kleinen zusetzen. Über ein Missverständnis mit Folgen

Dieser Artikel erschien am 14.04.2022 auf ZEIT Online
Corinna Schöps und Florian Schumann
Schüler:innen im Unterricht
Kinder mussten in der Pandemie bisher viel erdulden, etwa nicht gemeinsam lernen zu können.
©dpa

An polarisierenden Zuschreibungen gab es keinen Mangel: Erst drehte sich alles darum, ob die Kinder die „Treiber“ der Corona-Pandemie sind oder nicht. Dann ging es eine gefühlte Ewigkeit darum, wie viel das Virus Kindern überhaupt anhaben kann und ob sie zu klein zum Maskentragen sind. Zuletzt war ein Stimmengewirr zur Impfung der Kinder zu hören, mit den Botschaften: ja, nein, vielleicht. Zurück blieb viel Verwirrung.

Den Kindern jedoch haben die lauten Debatten kaum genutzt, sie gelten schon jetzt als Verlierer der Pandemie, eine Verschiebemasse, über deren Köpfe hinweg entschieden wurde. Millionen junge Menschen, die zuerst tapfer zu Hause hockten, um die Alten zu schützen und zuletzt einer gewaltigen Omikron-Welle ausgesetzt waren. Zu keinem Zeitpunkt in der Pandemie haben sich mehr Kinder mit dem Coronavirus angesteckt als im ersten Quartal dieses Jahres. Auf dem Höhepunkt der Omikron-Welle im Februar lag die Sieben-Tage-Inzidenz unter den Fünf- bis 14-Jährigen bei fast 4.000 – begleitet von tausendfacher Quarantäne und Isolation der Kinder, Eltern, Lehrerinnen und Erzieherinnen.

Vor Corona kann eine sichere, wirksame Impfung schützen. Doch die Jüngeren sind bislang wesentlich seltener geimpft als die Erwachsenen. Während bei den Zwölf- bis 17-Jährigen immerhin 66 Prozent einmal geimpft sind, 63 Prozent doppelt und 30 Prozent dreimal, haben von den Fünf- bis Elfjährigen bislang nur etwa 22 Prozent eine Spritze bekommen, 19 Prozent zwei.

Hohe Infektionszahlen, wenig Impfungen: Was bedeutet das für den Nachwuchs? Und wie geht das nun weiter im Jahr drei der Pandemie, höchstwahrscheinlich nicht dem letzten? Viele Eltern haben ein mulmiges Gefühl: Wird die Infektion auch bei ihrem Kind mild verlaufen? Drohen Komplikationen wie Long Covid oder womöglich gar noch unbekannte Folgeschäden? Sollten die Kleinen also nicht doch besser geschützt werden – mit Impfungen und klugen Konzepten für Kitas und Schulen, die ja längst vorliegen? Fachleute erwarten jedenfalls, dass im Herbst das Infektionsgeschehen wieder erheblich ansteigt und dadurch auch Kitas und Schulen erneut zu Infektionshotspots werden.

Die Kinderärzte und die Krankheitslast

Viele Eltern sind verwirrter denn je. Dazu beigetragen haben ausgerechnet jene, denen die Kinder besonders am Herzen liegen: die organisierten Kinderärzte mit ihren Fachgesellschaften und Berufsverbänden – und deren Wortführern. Die haben früh Position bezogen, Tenor: Covid-19 sei für Kinder kein großes Problem, weil sie selten schwer erkranken, offene Schulen seien der beste Kinderschutz. Impfungen? Könne man machen – was aber oft mitschwang: Man könne es auch ebenso gut sein lassen.

Regelmäßig veröffentlichen die einschlägigen Verbände Stellungnahmen zur Rolle der Kinder in der Pandemie. Und machten sich zum Sprecher der Kinder. In ihrer Lesart von Kinderschutz galt es vor allem, die Kleinen vor unzulässigen Zumutungen zu schützen: vor ständigem Masketragen, zu vielen Schnelltests, zu häufiger Quarantäne. In der Tendenz lief es auf die Botschaft hinaus, dass eine „natürliche Immunisierung“ durch Infektion und Erkrankung für Kinder schon okay sei, Hauptsache, die Schulen und Kitas blieben offen.

Wer solche Stellungnahmen liest oder die Nachrichten hört, die Medien daraus machen, kann den Eindruck bekommen, es gebe unter Kinderärzten nur diese Sicht. „Die kindermedizinischen Verbände suggerieren mit vielen ihrer Äußerungen, dass sie die Einschätzung nahezu aller Kinderärztinnen und Kinderärzte in Deutschland wiedergäben. Aber das stimmt nicht“, sagt Georg Hillebrand, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Neonatologie und Pädiatrische Intensivmedizin am ​​Klinikum Itzehoe. Hillebrand nimmt seit Längerem wahr, dass es innerhalb der Kinderärzteschaft sehr unterschiedliche Meinungen zu Corona und der Impfung gibt. Für Eltern, aber auch Lehrerinnen und Politiker sei es schwer, sich einen neutralen Blick zu verschaffen.

Was aus Hillebrands Sicht noch schwerer wiegt: „Die öffentlichen Äußerungen vieler Kinderarztfunktionäre können den Eindruck erwecken, das Virus sei harmlos für Kinder und man könne es weitgehend unkontrolliert durchlaufen lassen.“ Doch auch das stimme so nicht: Covid sei für Kinder nicht vollkommen harmlos. „Die Krankheitslast ist bei ihnen zwar deutlich niedriger als bei Erwachsenen, aber sie liegt eben nicht bei null – auch nicht mit Omikron.“

Ich plädiere für eine gewisse Demut vor dem Nichtwissen.
Jana Schroeder, Virologin

Ähnlich sieht es Jana Schroeder, Virologin und Chefärztin der Stiftung Mathias-Spital in Rheine, die gemeinsam mit zahlreichen Kinderpsychologen, Kinderärzten und anderen Fachleuten eine Stellungnahme verfasst hat, in der ein besserer Schutz der Kinder vor Corona gefordert wird. „Low risk bedeutet nicht no risk“, sagt Schroeder. Es handele sich immer noch um ein relativ neues Virus. „Ich plädiere daher für eine gewisse Demut vor dem Nichtwissen, denn wir kennen etliche Viren, die Spätfolgen bei Kindern haben können.“

Die Impfung schützt – auch vor Komplikationen

Warum also beharren viele Pädiatriefunktionäre, die ja ihrem Selbstverständnis nach auf der Seite der Kinder stehen, so sehr darauf, dass das Virus für Kinder harmlos sei?
Einer ihrer Sprecher ist Tobias Tenenbaum, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin am Sana Klinikum in Berlin-Lichtenberg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI). Zuletzt hatte sich seine Fachgesellschaft dafür eingesetzt, Routineschnelltests an Schulen aus dem Infektionsschutzgesetz zu streichen. Tenenbaum begrüßt auch, dass Schülerinnen und Schüler nicht mehr verpflichtend Maske tragen müssen.

„Natürlich möchte auch ich grundsätzlich nicht, dass Kinder an Covid-19 erkranken“, sagt Tenenbaum. „Aber die Wahrscheinlichkeit eines schweren Verlaufs oder gar des Todes ist extrem gering, erst recht bei Omikron. Wir sehen die schweren Fälle einfach nicht.“

Es gibt sie freilich schon: Seit Beginn der Pandemie bis zum 6. April 2022 sind in Deutschland 78 Kinder und Jugendliche an Covid-19 gestorben, schreibt das Robert Koch-Institut. 38 davon waren im Alter von null bis neun Jahre, 40 waren zehn bis 19 Jahre alt. Auf deutschen Intensivstationen liegen derzeit etwa 30 Kinder und Jugendliche im Alter von null bis 17 Jahren mit Covid-19. Wie viele davon vorerkrankt sind, geht aus den Daten nicht hervor. Ebenfalls keine Zahlen gibt es dazu, wie viele Corona-erkrankte Kinder auf einer Normalstation behandelt werden. Etwa Säuglinge und Kleinkinder, die wegen ihrer engen Atemwege bei einer Omikron-Infektion einen bellenden Husten und ein pfeifendes Atemgeräusch entwickeln können – einen sogenannten Pseudokrupp. Auch fanden Forscherinnen in einer Studie mit über 400.000 Kindern und Jugendlichen, dass infolge einer Corona-Infektion mit dem Wildtypvirus im Jahr 2020 häufiger Lungenentzündungen auftraten, als dies bei einer Influenza der Fall war (Pediatrics: Duarte-Salles et al., 2021).

Tenenbaum sagt, schwere Fälle kenne jeder Kinderarzt auch von anderen Atemwegserregern wie etwa Influenza oder dem respiratorischen Synzytial-Virus (RSV). Die Krankheitslast durch diese Infektionen sei bei Kindern jedes Jahr deutlich höher als jetzt durch Corona.

Dieses Argument lässt Jana Schroeder nicht gelten. „Es mag ja sein, dass der einzelne Kinderarzt nie einen schweren Fall von Covid-19 zu Gesicht bekommt“, sagt sie. „Aber die Zahlen sind klar: 78 Kinder, die in Deutschland an Corona gestorben sind – ich finde das viel. Manche Kinderärzte finden das wenig. Da kann man einfach zu verschiedenen Bewertungen derselben Daten kommen.“

Jeder Todesfall ist einer zu viel

Der verbreiteten Erzählung, schwere Corona-Fälle seien zu selten, um die Kinder stärker zu schützen, widerspricht auch Robin Kobbe, Kinderarzt und Spezialist für Infektionskrankheiten am Uniklinikum Hamburg-Eppendorf. Jüngst verstarb dort ein 13-jähriges Mädchen ohne Vorerkrankungen, dessen Herz-Kreislauf-System während einer Corona-Infektion versagt hatte und das die Ärzte auch durch Behandlung an einer externen Lunge (ECMO) nicht retten konnten. „Das Mädchen war nicht geimpft und es war hier leider auch nicht der erste Todesfall von ungeimpften Kindern“, sagt Kobbe. Solche schweren Fälle seien zwar im Vergleich zu Erwachsenen selten. Weil sich aber so viele Kinder mit Omikron ansteckten, würden insgesamt mehr Kinder ins Krankenhaus aufgenommen. Die meisten könnten innerhalb weniger Tage wieder nach Hause, aber eben nicht alle.

Wir müssen in Deutschland den Anspruch haben, die schweren Fälle zu verhindern.
Robin Kobbe, Kinderarzt

Hinzu kommt: Die Corona-Krise ist nicht vorbei. „Eine Pandemie ist ja kein Foto, sondern ein Film, der weiterläuft“, sagt Jana Schroeder. Es werden sich also auch weiterhin noch viele Kinder anstecken. Und wenn man schon ein geringes Risiko noch weiter senken kann, sagt Schroeder, warum sollte man es dann nicht tun? „Auch im Straßenverkehr sterben wenige Kinder, trotzdem machen wir Kindersitze immer sicherer.“

Kobbe sieht das ähnlich: „Wir müssen in Deutschland den Anspruch haben, die schweren Fälle zu verhindern“, sagt er. „Die Mittel dazu haben wir. Die zugelassene Impfung für die Kinder etwa ist sehr sicher – man sollte sie endlich breiter empfehlen.“ Zumal Daten aus 31 Kinderkliniken in den USA inzwischen belegen, dass die Impfung Kinder sehr gut vor einem schweren Verlauf schützt – auch bei Omikron-Infektionen. Zwei Dosen des BioNTech-Impfstoffs senkten in der Omikron-Welle das relative Risiko Fünf- bis Elfjähriger, wegen Corona ins Krankenhaus zu müssen, um etwa zwei Drittel. Demnach waren 93 Prozent der Kinder, die wegen Covid-19 im Krankenhaus behandelt wurden, nicht geimpft (New England Journal of Medicine: Price et al., 2022).

Auch vor möglichen Nachwirkungen einer Corona-Infektion wie dem Pädiatrischen Inflammationssyndrom PIMS oder Long Covid könne die Impfung schützen, sagt Kinderarzt Robin Kobbe.

Bei PIMS handelt es sich um ein schweres Entzündungssyndrom, das Kinder rund zwei bis sechs Wochen nach einer Corona-Infektion befallen kann. Es trifft vor allem Grundschulkinder, gesunde ebenso wie vorerkrankte, es muss häufig auf einer Intensivstation behandelt werden.

Im Jahr 2021 haben Kliniken bundesweit etwa 1.000 PIMS-Fälle nach Covid bei den Krankenkassen abgerechnet. Das geht aus noch unveröffentlichten Daten eines Teams um den Intensivmediziner Christian Karagiannidis vom Klinikum Köln-Merheim hervor. „Ein Teil der Kinder war sehr krank, es sind aber zum Glück sehr wenige gestorben“, sagt Karagiannidis. Nach den Berechnungen seines Teams erkrankt etwa eines von 2.000 bis 3.000 Kindern nach Covid auch an PIMS, je nachdem wie hoch man die Dunkelziffer ansetzt. „PIMS ist damit schon etwas häufiger, als wir zunächst dachten.“

Die Daten von Karagiannidis und seinem Team wurden im Jahr 2021 erhoben, als vor allem die Virusvarianten Alpha und Delta kursierten. Zu Omikron lassen sie daher keine Aussage zu.

Kinderarzt Tobias Tenenbaum geht davon aus, dass Komplikationen wie PIMS nach einer Omikron-Infektion seltener aufträten. Darauf deuteten Daten eines Registers der DGPI hin, an das Ärzte bundesweit PIMS-Fälle melden können. Dort, sagt Tenenbaum, sehe man bisher zum Glück kein Alarmsignal. Zwar geben manche Fachleute zu bedenken, dass das Register die Fälle nicht vollständig abbildet. Daten aus den USA deuten aber in dieselbe Richtung.

Was Studien bereits deutlich zeigen: Mit Impfungen lässt sich das Risiko für PIMS reduzieren. In einer Studie senkten zwei Dosen des mRNA-Impfstoffs von BioNTech das Risiko für PIMS bei Zwölf- bis 18-Jährigen um mehr als 90 Prozent (CDC Morbidity and Mortality Weekly Report: Zambrano et al., 2022). Robin Kobbe und auch Tobias Tenenbaum gehen davon aus, dass diese Ergebnisse sich auch auf jüngere Kinder übertragen lassen.

Zu Long Covid ist die Datenlage bei Kindern noch immer recht dünn. So sind viele Studien methodisch nicht geeignet, anhaltende Beschwerden ursächlich auf die Corona-Infektion zurückzuführen, weil es etwa keine Kontrollgruppe gibt für den Vergleich mit Kindern, die noch nicht Corona-infiziert waren. Daher ist unklar, wie groß der Anteil derjenigen Kinder ist, die noch Wochen oder Monate nach einer Infektion unter Symptomen wie starker Müdigkeit oder kognitiven Einschränkungen leiden. Ungeachtet dessen sind sich Expertinnen einig, dass es Long Covid bei Kindern gibt, wenn wohl auch deutlich seltener als bei Erwachsenen.

Bei diesen zumindest lässt sich das Risiko für Long Covid mit einer Impfung offenbar reduzieren, dafür gibt es sehr deutliche Hinweise. Uta Behrends, Leiterin der Post-Covid-Ambulanz für Kinder an der TU München, geht davon aus, dass sich diese ersten Befunde auf die Jüngeren übertragen ließen. „Diese Chance der Vorbeugung von Long Covid dürfen wir nicht verpassen“, sagte sie der Süddeutschen Zeitung.

All das wirft die Frage auf: Warum ist in Deutschland erst etwa jedes fünfte Kind im Alter von fünf bis elf Jahren geimpft, obwohl es weltweit nach Millionen erfolgten Impfungen in dieser Altersgruppe keine Sicherheitsbedenken gibt?

„Bei keiner Impfung ist das Theater so groß wie jetzt bei Corona“

Die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC etwa hatte bis zum Jahresbeginn 2022 unter anderem die Gabe von 8,7 Millionen Impfdosen an Kinder im Alter von fünf bis elf Jahren nachbeobachtet. Die Kinder vertrugen die Impfung sehr gut. Als Komplikation fielen einzig zwölf Fälle von Herzmuskelentzündung auf, die alle einen milden Verlauf nahmen (ein Bericht des CDC hier als PDF). Damit tritt eine Myokarditis nach Impfung in dieser Altersgruppe seltener auf als in anderen. Zudem erkranken Kinder und Jugendliche im Verhältnis deutlich häufiger an dieser Art Entzündung, wenn sie sich ungeimpft mit Sars-CoV-2 infizieren.

In den USA, in Kanada, Spanien, England und Israel findet längst eine andere Güterabwägung statt als in Deutschland. Dort wird viel mehr geimpft. Und das nicht nur, weil die Kinder dort anders wären als hierzulande. Sie sind auch nicht durchweg dicker oder kränker und damit schutzbedürftiger.

In Deutschland hingegen werfen niedergelassene Kinderärztinnen derzeit regelmäßig Impfdosen in den Müll oder impfen gar nicht mehr. Weil die Nachfrage so gering ist. „Und weil die Beratung der Eltern so kompliziert ist“, wie eine Kinderärztin aus Norddeutschland erzählt, die lieber nicht namentlich zitiert werden möchte. Manche würden zum Termin erscheinen, 20 Minuten reden, mitunter weinen und dann doch unverrichteter Dinge mit ihrem Zögling wieder abziehen, weil die Schwiegermutter sie in letzter Minute vor dem Arztbesuch noch verunsichert hat.

In der Öffentlichkeit heißt es dann immer: 'Die Kinderärzte befürworten das nicht.'
Georg Hillebrand, Kinderintensivmediziner

„Zur Zögerlichkeit der Eltern hat sicherlich beigetragen, dass die Verbände die Impfung bisher nicht für jedes Kind empfehlen“, sagt Kinderintensivmediziner Georg Hillebrand. „In der Öffentlichkeit heißt es dann immer: ‘Die Kinderärzte befürworten das nicht’, und das hat natürlich einen Einfluss auf die Eltern.“ Das habe Hillebrand irgendwann nicht mehr ertragen und er versuche seitdem, auf Twitter und in Interviews dem Eindruck entgegenzuwirken, dass Skepsis bei der Kinderimpfung angebracht sei.

Noch immer empfehlen die Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ) oder die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) nicht allen Kindern ab fünf Jahren, sich gegen Corona impfen zu lassen. Sie verweisen auf die noch immer eher defensive Impfempfehlung der Stiko. Das Gremium empfiehlt die Corona-Impfung derzeit nur Kindern mit Vorerkrankung oder wenn sie mit Personen mit erhöhtem Risiko zusammenleben. Auf individuellen Wunsch können aber auch gesunde Fünf- bis Elfjährige geimpft werden.

„Ich verstehe bis heute nicht, warum sich die Sprecher der Kinderarztverbände so gegen die Corona-Impfung sträuben und behaupten, man brauche sie nicht, dafür gibt es überhaupt keine wissenschaftliche Begründung“, sagt die norddeutsche Kinderärztin. „Selbstverständlich sollten wir die Kinder jetzt in großem Maßstab gegen Corona impfen.“

Schließlich impft man Kinder auch gegen andere Erkrankungen wie etwa Rotaviren, Röteln oder Windpocken. Erkrankungen also, an denen in westlichen Ländern vor Einführung der Impfung auch nicht massenhaft Kinder pro Jahr starben. Denn man kann argumentieren, dass auch jede Krankenhauseinweisung eines Kindes durch eine vermeidbare Infektion eine zu viel ist. Und als die Stiko 2004 die Impfung gegen Windpocken für alle Kinder empfahl, begründete sie das unter anderem sogar mit ökonomischen Vorteilen, nämlich durch weniger Arbeitsausfall für Eltern.

Stimmen, die eine langfristige Impfkampagne für Kinder als überfällig ansehen, gehen derzeit aber unter im Getöse etwa um Aufregerthemen wie das Maskentragen in den Schulen. Auch der Corona-Expertenrat ist mit seiner Forderung nach einer Impfaufklärungskampagne speziell für Eltern, Kinder und Jugendliche nicht durchgedrungen.

Die Verunsicherung der Eltern jedenfalls überträgt sich auf die Kinder. „Kinder in dem Alter brauchen Sicherheit und eine ganz klare Orientierung. Wenn die Eltern rumeiern mit der Impfentscheidung, dann haben Sie anschließend so ein kreischendes Kind, das Sie beim Impfen erst mühsam unter dem Tisch hervorholen müssen“, sagt die Kinderärztin aus Norddeutschland. „Bei keiner Impfung ist das Theater so groß wie jetzt bei Corona.“

Wenige einflussreiche Personen entscheiden

Robin Kobbe, selbst Beirat in der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie, sagt, die Meinung innerhalb der Fachgesellschaften, auch der DGPI, sei tatsächlich nicht immer so einheitlich, wie es nach außen hin scheine. Letztlich entschieden manchmal wenige einflussreiche Personen über den Wortlaut einer Stellungnahme, etwa jene von Mitte Februar 2022, wo es um einen „Strategiewechsel“ im Umgang mit Corona geht. Trotz sehr hoher Infektionszahlen forderten die Kinderärzte darin eine „Beendigung anlassloser Massentests“ sowie den Verzicht auf Quarantäne in Schulen und Kitas. Zur Impfung fand sich nur der Satz, dass „Eltern, die Angst vor einer Infektion haben“, die Impfung ihrer Kinder ab fünf Jahren ja offenstehe. Nach einer Ermunterung oder gar Empfehlung klingt das nicht.

Ich habe stark darum kämpfen müssen, dass die Impfung im Text überhaupt auftaucht.
Robin Kobbe, Kinderarzt

In einem weiteren Papier der DGPI und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin zu coronabedingten Todesfällen bei Kindern findet sich nur der knappe Hinweis, dass die Impfung für Risikokinder von besonderer Bedeutung sei. Kobbe sagt: „Ich habe mit weiteren Vorstandsmitgliedern stark darum kämpfen müssen, dass die Impfung als präventive Maßnahme im Text überhaupt auftaucht.“ Dabei wisse er von vielen Mitgliedern der DGPI, dass sie dafür seien, die Impfung allen Kindern zu empfehlen.

Warum ist das Thema Impfen innerhalb der Fachgesellschaften so heikel? Manche wollten der Ständigen Impfkommission Stiko nicht vorgreifen, die Instanz nicht angreifen, sagt Kobbe. Warum allerdings die Stiko selbst immer noch nicht allen Kindern ab fünf die Impfung empfiehlt, verstehe er nicht. „Aus meiner Sicht hätten wir, die Fachgesellschaften, die Impfung für Kinder früher vorantreiben müssen und sollten uns nicht immer nur auf die Stiko beziehen. Die Covid-Impfung ist für Kinder sinnvoll, und so muss man das auch kommunizieren.“ Die ausbleibende Empfehlung müsse die Stiko aus seiner Sicht neu wissenschaftlich begründen.

Fragt man zum Beispiel den DGPI-Vorsitzenden Tobias Tenenbaum, warum seine Fachgesellschaft die Impfung nach wie vor nicht allen Kindern empfiehlt, nennt er ebenfalls die fehlende Stiko-Empfehlung. Er persönlich spreche sich aber für die Impfung aus, versichert er – vor allem wegen PIMS.

In Gesprächen äußern Ärztinnen und Ärzten, die sich mit dem Thema Kinder in der Pandemie beschäftigen, immer wieder die Vermutung, führende Vertreter der Fachverbände hätten sich recht früh in der Pandemie festgelegt, dass Covid-19 für Kinder ungefährlich sei. Trotz neuer Erkenntnisse und hervorragender Sicherheitsdaten zur Impfung komme man nun nicht mehr hinter diese Linie zurück.

„Hohe Infektionszahlen bedeuten Stress für ein Kind“

Hinzu kommt, dass vielen Kinderärzten die seelischen Nöte ihrer kleinen Patientinnen viel drängender erschienen als die Risiken von Covid. Das mag auch damit zusammenhängen, dass in den Behandlungszimmern viel öfter niedergeschlagene Kinder saßen, die von geschlossenen Schulen und Jugendclubs berichteten, als Kinder mit coronabedingter Atemnot.

Ein Hauptargument, das die Kinderarztfachgesellschaften immer wieder vorbringen, lautet, dass die psychischen Schäden bei Kindern durch die Corona-Maßnahmen deutlich schwerer wögen als die Risiken durch die Erkrankung selbst. Das sei auch der Grund, warum die DGPI seit Langem betone, die Schulen offen zu halten, und warum man auch rate, in Schulen und Kitas auf die Quarantäne für Kontaktpersonen zu verzichten und auch nur dann zu testen, wenn Symptome vorlägen, sagt Tobias Tenenbaum.

Den Experten für die Kinderpsyche, Julian Schmitz, stören solche Aussagen sehr. „Vertreter der Kinderarztverbände äußern sich ständig zu psychischen Folgen der Pandemiemaßnahmen, ohne das Thema zu durchdringen. Sie liefern eine unterkomplexe Darstellung, die niemandem hilft“, sagt der Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie an der Universität Leipzig. Daten, die er und sein Team als Preprint veröffentlicht haben, zeigen, dass eben nicht nur Corona-Maßnahmen wie das Schließen von Schulen und Freizeiteinrichtungen auf die Kinderpsyche schlagen.

Sondern die Pandemie insgesamt, mit all ihren Unwägbarkeiten. „Ein starker Belastungsfaktor für Kinder sind die Unsicherheit und Unvorhersehbarkeit, die hohe Infektionszahlen mit sich bringen“, sagt Schmitz. „Hohe Infektionszahlen bedeuten Stress für ein Kind. Es weiß nie, ob es morgen in Quarantäne muss, ob es selbst krank wird und vielleicht seine Familie ansteckt.“ Und ob die eigene Mutter dadurch vielleicht sogar den Job verliere, weil sie in prekärer Arbeit ist. Vor allem für sozial benachteiligte Kinder sei das eine extrem schwierige Lage. Es sei deshalb nicht damit getan, zu sagen, Kinder spielten in der Pandemie keine Rolle, und dass mit offenen Schulen schon alles gut werde.

Jana Schroeder teilt diese Sicht: Masken, gute Lüftung und kluge Schulkonzepte könnten die Kinder womöglich auch vor psychischer Belastung bewahren. Ebenso die Impfung: „Dieses Mantra einiger Kinderärzte, es dürfe auf keinen Fall um Fremdschutz gehen bei der Kinderimpfung, sondern ausschließlich um den Selbstschutz der Kinder, ist nicht logisch: Wie fremd sind denn die eigenen Großeltern, die ich ja als geimpftes Kind seltener anstecke?“

Schmitz fordert, Infektionsschutz und psychische Gesundheit endlich zusammenzudenken. So schlägt er es gemeinsam mit Kollegen aus verschiedenen Fachrichtungen in einer Stellungnahme vor. Unter anderem fordern die Autorinnen und Autoren, die S3-Leitlinie für sichere Schulen umzusetzen, die bei hohen Infektionszahlen auch Wechselunterricht empfiehlt. Sollten Schulen erneut geschlossen werden, müssten vor allem für sozial benachteiligte Familien Notbetreuungskonzepte entwickelt und technische Voraussetzungen geschaffen werden. Und die Autoren schlagen eine Impfkampagne speziell für Kinder vor, wobei diese auch an Schulen geimpft werden könnten.

All das sei bis jetzt versäumt worden. Auch weil sich organisierten Kinderarztverbände und -fachgesellschaften so schwer damit täten, anzuerkennen, dass es eben auch für Kinder ein Restrisiko gebe und es davon abgesehen auch unter psychologischen Gesichtspunkten sinnvoll sei, die Infektionsdynamik bei Kindern so gut es geht zu kontrollieren. „Kinderschutz und Infektionsschutz gehören zusammen, man sollte sie nicht gegeneinander ausspielen und sie sind selbstverständlich auch miteinander vereinbar“, sagt Schmitz.

Experten gehen davon aus, dass das Infektionsgeschehen im Herbst wieder deutlich zunimmt und sich dann noch mehr auf die Schulen fokussieren könnte – weil dort die geringste Immunität ist. „Im Interesse der Kinder“, sagt Schmitz, „wäre es sehr sinnvoll, sich jetzt auf ein Szenario für den Herbst mit einem hohen Infektionsgeschehen in den Schulen vorzubereiten.“ Sonst kann es sein, dass den Eltern und Kindern abermals ein Winter voller Unwägbarkeiten bevorsteht.