JuniorUni in Münster : Erst Studium, dann Abitur

Besonders leistungsstarke Schüler sehen sich selbst in der Oberstufe unterfordert. Das Münsteraner Annette-Gymnasium schickt deshalb seine begabten Schüler schon seit zehn Jahren erfolgreich zum Schnupperstudium an die Universität. Das Schulportal sprach mit den verantwortlichen Lehrerinnen und einer Junior-Studierenden.

Sandra Hermes / 13. Juni 2018
Am Annette-Gymnasium in Münster dürfen talentierte Schülerinnen und Schüler bereits Uni-Luft schnuppern.
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Vor einem Jahr ging die 15-jährige Pia Schrot noch auf eine Montessori-Schule – heute ist sie Studierende. Unmöglich? Nein. Aber außergewöhnlich schon! Oberstufenschülerinnen und Schüler des Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasiums in Münster  können bereits während der Schulzeit Uni-Luft schnuppern. Die meisten Junior-Studierenden sind dann allerdings „schon“ zwischen 16 und 18 Jahre alt.

Die Kooperation der Westfälischen Wilhelms-Universität (WWU) in Münster mit Schulen aus der Region gibt es nun seit zehn Jahren. Die Annette-Schule war von Anfang an dabei. Leistungsstarke Jugendliche können parallel zu ihrem regulären Schulbesuch in die „JuniorUni“ gehen. Die Lehrveranstaltungen suchen sie sich selbst aus. Nur Medizin und Musik sind aufgrund der Zulassungsbeschränkungen ausgenommen. Pia besucht zurzeit bei den Politologen die Vorlesung „Internationale Beziehungen“. Was sie daran reizt? „Das Thema ist einfach aktuell. Man erfährt Dinge, die relevant sind und die sich direkt auf das eigene Leben beziehen. Das ist ja zum Beispiel in Mathe nicht so der Fall!“, sagt sie und schmunzelt.

Die Schüler sollen Unterricht verpassen!
Sabrina Hamidi, Französischlehrerin und Expertin für Begabungsförderung am Annette-Gymnasium in Münster

Begabung und gutes Zeitmanagement sind Voraussetzung

„Naturwissenschaften, Geschichte, Politikwissenschaft und Sprachen sind die Lieblingsfächer der Junior-Studierenden an der Annette-Schule“, sagt Sabrina Hamidi. Die Französischlehrerin koordiniert das Junior-Studium am Münsteraner Gymnasium. Geeignet seien besonders Schülerinnen und Schüler, die leistungsstark und intrinsisch motiviert sind, so Hamidi. Melden dürfe sich erst mal jede und jeder, die oder der es sich zutraut.

Aber nicht alle werden dann auch an die Uni gehen. Zur Verantwortung der Schule gehört es, jede Schülerin und jeden Schüler in Zusammenarbeit mit der Uni gewissenhaft auszuwählen und sie oder ihn dann unterstützend zu begleiten. Dazu müssen gewisse Voraussetzungen erfüllt sein. Hat jemand zwar eine außerordentliche Einzelbegabung, aber sein Zeitmanagement nicht im Griff, komme sie oder er als Junior-Student nicht infrage, betont Hamidi. Bei Zweifeln rät die Schule eher ab.

Ganz bewusst werden die Lernenden gebeten, nur Uni-Veranstaltungen zu belegen, die auch am Vormittag liegen. „Die Schülerinnen und Schüler sollen Unterricht verpassen!“, so die Expertin für Begabungsförderung. Eine Forderung, die nur auf den ersten Blick befremdet. Denn die jungen Erwachsenen sollen ja gerade die Erfahrung machen, wie es ist, unter Zeitdruck zu geraten und Stoff selbständig nachzuholen, erklärt Hamidi. Denn auch das werde später zu ihrem Uni-Alltag gehören.

Das Annette-von-Droste-Hülshoff-Gymnasium in Münster zählt zu den Deutschen Schulpreisträgern 2018.
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Gute Argumente für die „Schnupper-Uni“

Und wieso muss das schon jetzt sein? Was lockt Jugendliche ins Junior-Studium? Es gibt eine Reihe von Gründen für Oberstufenschülerinnen und -schüler, schon vor dem Abi zu studieren, erzählt Sabrina Hamidi. Für viele ist das Junior-Studium der Extra-Input, den sie in der Schule vermissen. Viele von ihnen sind hochbegabt und fühlen sich in der Oberstufe unterfordert. An der Uni können sie ihren Wissensdurst stillen.

Gleichzeitig wird Schule durch den verpassten Stoff wieder anspruchsvoller. Sie müssen die Stunden nacharbeiten, in denen sie in einer Vorlesung saßen und gefehlt haben. Auch der Faktor Zeit ist ein schlagendes Argument für das frühe Schnupperstudium. Denn die Junior-Studierenden können in den Lehrveranstaltungen an der WWU bereits sogenannte Credit Points sammeln, die ihnen bei einem künftigen regulären Studium angerechnet werden. Am Ende verkürzt sich dadurch die Studienzeit. Für leistungsstarke Schülerinnen und Schüler ist das eine Chance, auch unter G9 einen frühen Uni-Abschluss zu machen.

Für andere Junior-Studierende sind die Credit Points nicht zentral. Neben der Möglichkeit einer frühen Studienfachorientierung genießen sie besonders das positive Feedback, das sie an der Uni bekommen. „Zu Beginn stellen wir uns den Leiterinnen und Leitern der Lehrveranstaltung als Junior-Studierende vor“, so Pia. Einige Dozentinnen und Dozenten wissen schon Bescheid, andere haben es zum ersten Mal mit Studierenden aus der Oberstufe zu tun und sind erst mal erstaunt. Von Lehrenden, Kommilitoninnen und Kommilitonen erführen die jungen Leute viel Anerkennung, so Hamidi. Das mache stolz und gebe Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten. „Bisher hatte ich noch keine Schwierigkeiten, zu folgen“, erzählt Pia. Die Schule bekam schon häufig die Rückmeldung, dass „die Junior-Studis vom Annette“ zu den besten Seminarteilnehmern gehörten.

Schule geht immer vor!
Beate Dreseler, Mathematiklehrerin und Koordinatorin der Begabungsförderung am Annette-Gymnasium in Münster
Die meisten Junior-Studierenden sind zwischen 16 und 18 Jahre alt, doch auch jüngere Talente dürfen die JuniorUni besuchen.
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Junior-Studium als letzter Baustein des Begabungskonzepts

Als Streber werden sie von ihren Klassenkameradinnen und -kameraden dennoch nicht gesehen, sind sich Pia und ihre Französischlehrerin einig. „Es ist an unserer Schule normal, dass leistungsstarke Schülerinnen und Schüler für diverse Begabtenprogramme stundenweise den regulären Unterricht verlassen“, so Hamidi. Die einen bekommen in der 6. Klasse Extra-Matheunterricht, andere lernen neben der zweiten gleich die dritte Fremdsprache.

Dass die Junior-Universität der letzte Baustein der umfangreichen Begabtenförderung des Annette-Gymnasiums ist, sei auch der Grund dafür, dass noch niemand von der Uni abgelehnt worden sei, glaubt Beate Dreseler. „Unsere Schülerschaft kann sich selbst sehr gut einschätzen“, so die Mathelehrerin, die für die Begabungsförderung der Schule mitverantwortlich ist. Wer Junior-Studierende oder -Studierender wird, entscheidet letztlich das Landeskompetenzzentrum für Individuelle Förderung. Die von der Annette-Schule vorgeschlagenen Kandidatinnen und Kandidaten erfüllten bisher immer die Kriterien und erhielten den Zuschlag, berichtet Dreseler stolz. Im Schnitt sind es 10 bis 15 Jugendliche pro Jahrgang.

„Bei der Junior-Uni und unseren anderen Angeboten für Begabte geht es nicht darum, immer mehr Wissen reinzubekommen“, erklärt Dreseler ihren Blickwinkel und fügt hinzu: „Wir wollen in erster Linie, dass die Kinder und Jugendlichen zufriedener sind. Das ist so ähnlich wie bei talentierten Sportlern oder Musikern. Dass die einfach mehr trainieren, weil es Spaß macht, wundert ja auch keinen.“ Hamidi ergänzt: „Wenn der Druck oder die Arbeitsbelastung zu groß werden oder sich die Noten verschlechtern, können sie auch jederzeit aussteigen.“ Denn eins ist den Pädagoginnen wichtig: „Die Schule geht immer vor!“

Man erfährt Dinge, die relevant sind und die sich direkt auf das eigene Leben beziehen.
Pia Schrot, Junior-Studierende in Münster
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