Dieser Artikel erschien am 24.09.2019 in der taz
Autorin: Dorothea Hahn

Umweltbeschwerde bei der Unicef : Junge AktivistInnen wollen mehr

Wegen Umweltverschmutzung reichen Jugendliche bei der Unicef eine Sammel­beschwerde gegen fünf Länder ein. Deutschland gehört dazu.

Klimastreik in Berlin: Kinder erleben den Klimawandel längst als persönliche Katastrophen
Klimastreik in Berlin: Kinder erleben den Klimawandel längst als persönliche Katastrophen
©dpa

„Die Erwachsenen hatten doch auch ein Recht auf ihre Zukunft“, sagt Catarina Lorenzo, „warum sollen wir das nicht haben?“ Die 12-Jährige aus dem brasilianischen Salvador steht mit 15 anderen Teenagern aus aller Welt – darunter die 16-jährige Schwedin Greta Thunberg sowie Jugendliche aus Küsten­gebieten, die längst Zerstörungen durch den Klima­wandel erleiden – vor ReporterInnen aus aller Welt bei der Unicef in New York.

Mit Unterstützung eines Anwaltsbüros haben die Teenager an diesem Montag eine Sammel­beschwerde ein­gereicht. Sie wollen rechtlich gegen fünf Länder – darunter auch Deutschland – vorgehen, die trotz seit Jahr­zehnten bekannten Risiken nicht das Nötige unter­nommen haben, um die Kohlen­stoff­emissionen zu begrenzen. Damit, so heißt es in der Beschwerde, verletzen sie die Rechte der Kinder.

Rechtliche Basis für das Vorgehen der Teenager ist die Kinder­rechts­konvention der UN. Alle Mitglieder der UN außer den USA haben diese Konvention ratifiziert, seit sie vor 30 Jahren in Kraft getreten ist. Das macht sie zu der Konvention mit der größten Unter­stützung in der Geschichte der UN. 45 Länder haben darüber hinaus ein Zusatz­protokoll unter­zeichnet, das Beschwerden zulässt, wenn sie die Kinder­rechts­konvention verletzen.

Nur gegen diese Länder ist ein rechtliches Vorgehen möglich. Unter ihnen hat der auf internationale Fälle spezialisierte Anwalt Michael Hausfeld, der die Teenager vertritt, die fünf größten Klima­verschmutzer ausgewählt: Argentinien, Brasilien, Frankreich, Deutschland und die Türkei.

„Wir stehen komplett hinter den Kindern“

Ein solches Vorgehen ist nie zuvor erprobt worden. Der Anwalt stellt sich darauf ein, dass es ein langes und kompliziertes Verfahren wird. Die Jugendlichen sind in Eile. Sie erleben den Klima­wandel längst als persönliche Kata­strophen. „Er nimmt uns unser Land und die Tiere“, sagt der 17-jährige Carl Smith vom Stamm der Yupiaq in Alaska. „Der Ozean schluckt unsere Häuser“, sagt der 17-jährige Carlos Manuel aus Palau. Und der 16-jährige Litokne Kabua von den Marshallinseln beschreibt, dass sein Garten im Meer verschwunden ist. Jene, die es nicht glauben, lädt er ein, zu den Marshall­inseln zu kommen, um sich den zerstörerischen Klima­wandel anzuschauen.

„Das ist besser als Statistiken“, fügt er hinzu. Die Pressekonferenz findet am New Yorker Sitz der Unicef, des Kinder­hilfs­werks der UN, statt, wo Vize­direktorin Charlotte Petri sagt: „Wir stehen komplett hinter den Kindern, die ihre Rechte verteidigen. Der Klima­wandel wird jeden Einzelnen von ihnen betreffen.“ Eine halbe Stunde zuvor hat Greta Thunberg eine emotionale Rede vor dem UN-Gipfel gehalten, bei der sie ihre Enttäuschung über das zögerliche und halb­herzige Vorgehen der Länder gezeigt hat.

Jetzt wollen viele ReporterInnen wieder vor allem von ihr hören. Aber sie bleibt wort­karg. Sie will, dass die anderen Jugendlichen zur Sprache kommen. Eine Frage nach ihren Gefühlen weist sie von sich: „Ich glaube nicht, dass das hier­her­gehört.“ Und über Donald Trump, auf den sie bei jeder Presse­konferenz in den USA angesprochen wird, verliert sie auch an diesem Tag kein Wort. Trump ist dem Klima­gipfel demonstrativ fern­geblieben. Nur während Angela Merkel sprach, kam er für ein paar Minuten in den Saal.

Eine ganze Woche Zeichen setzen

Die Jugendlichen fühlen sich von den Erwachsenen im Stich gelassen. Sie sind ungehalten über das Zögern und Auf-der-Stelle-Treten. Denn sie wissen, dass es alle treffen wird. „Im Ozean gibt es keine Mauer, der Klima­wandel betrifft uns alle“, sagt die Argentinierin Chiarra Sacchi (17). Aber die Jugendlichen glauben zugleich, dass sie notfalls auch ohne die Mächtigen vor­gehen können.

Der Erfolg der Klimademonstration vom Freitag, an der sie alle teilgenommen haben, hat sie beflügelt. Die 15-jährige Hamburgerin Raina Ivanova, die am Freitag ein Transparent „Climate Change is Scheiße“ durch New York getragen hat, sagt am Montag bei der Presse­konferenz: „Wenn jeder einen kleinen Schritt tut, können wir es weit bringen.“ Um den Druck auf­recht­zu­erhalten, warten die Klima­aktivistInnen dieses Mal nicht bis zum nächsten Freitag und damit zum nächsten „Schul­streik“.

Stattdessen haben sie die ganze Woche unter die Fahne der Klima­proteste gestellt. Die Aktionen sind kleiner und oft auch radikaler. Das Spektrum reicht von Demonstrationen an Öl­pipe­lines und Fracking-Bohr­stellen bis zu Walk-ins bei Investment­gesellschaften, die Geld mit der Zerstörung des Amazonas­walds machen.

In der Hauptstadt Washington blockieren am Montagfrüh Klima­aktivistInnen 20 zentrale Straßen­kreuzungen sowie einen Highway. Es geht darum, die Erwachsenen zu „erziehen“. „Planet vor Profiten“ und „Wie wollt ihr erinnert werden“, steht auf den Transparenten. Auf dem Weg zum „American Petroleum Institute“, der Lobby der Branche, diskutieren Klima­aktivistInnen mit Auto­fahrerInnen, die im Stau stehen.

Bei der nächsten „direkten Aktion“ in New York geht es um die Wald­brände am Amazonas. Der Protest richtet sich nicht gegen die politische Verantwortung des Präsidenten Jair Bolsonaro, der wegen der UN-Voll­versammlung in New York ist, sondern gegen den größten Vermögens­verwalter der Welt, BlackRock. Für Klima­aktivistInnen ist es der „größte Investor in die Zerstörung des Regen­walds“, der die „schlimmsten Akteure in Brasilien“ finanziert.