Jugendschule am Schlänitzsee : Raus aus dem Klassenzimmer

In der Montessori-Oberschule in Potsdam verbringen die 12- bis 14-Jährigen die Hälfte der Schulzeit auf dem Acker.

Florentine Anders / 07. Juni 2018
Kinder spielen auf einem Strohballen
In den siebten und achten Jahrgangsstufen tauschen die Jugendlichen der Potsdamer Montessori-Oberschule im Zwei-Wochen-Rhythmus das Klassenzimmer gegen einen Acker auf dem Land.
©Montessori School Potsdam

Die Prüfungen für den mittleren Schulabschluss hat die 16-jährige Jule gerade hinter sich, und mit den Ergebnissen ist sie ganz zufrieden. Dass die Arbeit auf dem Feld und mit den Tieren am Schlänitzsee in der siebten und achten Jahrgangsstufe einen entscheidenden Anteil daran hat, davon ist die Schülerin der Montessori-Oberschule in Potsdam heute überzeugt.

In den siebten und achten Jahrgangsstufen tauschen die Schülerinnen und Schüler der Montessori-Oberschule das Klassenzimmer in jeder zweiten Woche gegen einen Acker auf dem Land. „Natürlich gab es Leute im Freundeskreis, die skeptisch waren, ob man da überhaupt genug lernt“, erzählt Jule. Schließlich falle dafür ja die Hälfte des Unterrichts in der Schule aus. Und auch nicht alle Mitschülerinnen und Mitschüler seien von Anfang an begeistert gewesen, als es hieß, sie sollten bei Wind und Wetter in der Erde graben oder Unkraut jäten.

Jule aber hatte sich schon damals auf die Zeit außerhalb der Schule gefreut. Sie kannte die Jugendschule Schlänitzsee von ihrer größeren Schwester, und ab und zu hatte auch ihre Klasse schon einen Ausflug auf das Gelände des ehemaligen DDR-Ferienlagers mit den verfallenen Bungalows außerhalb der Stadt gemacht. Für Jule hatten die fünf Hektar Land eine besondere Anziehungskraft – schließlich war es auch das Versprechen auf ein Stück mehr Verantwortung und Selbstständigkeit.

Wir haben gelernt, große Projekte in der Gruppe zu planen. Ohne die Hilfe von Erwachsenen.
Jule (16), Schülerin der Montessori-Oberschule Potsdam

Schutz vor Wind und Wetter bietet nur ein Unterstand

„Das fängt schon mit dem Weg dorthin an“, erklärt Jule. Denn die Strecke zum Gelände am Schlänitzsee ist wesentlich länger als der Schulweg. Die Jugendlichen sollen selbst organisieren, wie sie zum Schlänitzsee gelangen und dabei auf das Auto der Eltern verzichten. „Das heißt: entweder den Zug nehmen und vom Bahnhof 30 Minuten laufen oder insgesamt 45 Minuten mit dem Fahrrad fahren“, sagt sie. Jule entschied sich für das Fahrrad. Dabei musste sie noch ein paar Umwege in Kauf nehmen, denn wer mit dem Fahrrad kommt, soll nicht allein, sondern besser zu zweit oder zu dritt zu fahren. Vor allem im Winter oder im Regen sei das hart gewesen, aber sie habe es trotzdem die ganze Zeit durchgezogen: „Richtig nass wird man dabei nur einmal – beim nächsten Mal denkt man vorher an die richtige Kleidung.“ Schließlich sind die Schülerinnen und Schüler vor Ort die ganze Zeit draußen, Schutz bietet nur ein Unterstand, wo auch gekocht wird.

Wie viele Spaghetti essen 30 hungrige Teenager?

Und noch eine wichtige Erfahrung hat Jule aus der Jugendschule am Schlänitzsee für sich mitgenommen: „Wir haben gelernt, große Projekte in der Gruppe zu planen. Ohne die Hilfe von Erwachsenen.“ Dazu gehört zum Beispiel auch die Zubereitung des Mittagessens für etwa 30 Personen. Eine kleine Schülergruppe ist für den Einkauf und das Kochen zuständig.  „Natürlich geht da auch mal was schief. Die Möhren werden zu kurz oder zu lange gekocht. Aber geschmeckt hat es eigentlich immer!“, sagt Jule.

Und wie haben die Schülerinnen und Schüler nachgeholt, was sie in dieser Zeit im Unterricht verpasst haben? „Gar nicht“, sagt Jule. Erst jetzt, nach den Prüfungen, sei ihr klar, dass sie überhaupt keinen Unterrichtsstoff versäumt habe. Denn Mathematik beispielsweise hat sie auch – ganz unbewusst und wie selbstverständlich – am Schlänitzsee gelernt: wenn ausgerechnet wird, wie viel Saatgut benötigt wird, um das Feld zu bestellen, oder wie viele Spaghetti für die hungrige Meute gebraucht werden.

Im kommenden Jahr will Jule das Abitur in Angriff nehmen. In der Landwirtschaft sieht sie ihre Zukunft nicht. „Aber ich habe auch keine Berührungsangst mehr vor der Arbeit auf dem Land“, sagt sie.

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©Lars Rettberg (Die Deutsche Schulakademie)

Schülerinnen und Schüler aus den Klassenstufen sieben und acht der Montessori-Ober­schule in Potsdam verbringen die Hälfte ihrer Unter­richts­zeit unter freiem Himmel. Fernab von der Enge eines Klassen­raums arbeiten und experimentieren die Jugendlichen in Land­wirtschaft und Natur. Dabei lernen sie selbst­ständig zu denken und zu handeln.

Seit 2007 betreibt die Montessori-Oberschule, Preisträgerschule des Deutschen Schulpreises, die Jugendschule am Schlänitzsee.

Hier geht es zum Konzept „Jugendschule am Schlänitzsee“.

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