Jugendliteraturpreis : Wie weckt ein gutes Kinderbuch die Lust am Lesen?

Es gibt zwei gute und zwei schlechte Nachrichten. Fangen wir mit einer guten an: Mehr als die Hälfte der 6- bis 13-Jährigen lesen gern und regelmäßig, zum Teil sogar täglich ein Buch. Die beiden schlechten Nachrichten: 45 Prozent in dieser Altersgruppe lesen selten oder gar nicht. Und: Die Lesemotivation nimmt im Jugendalter weiter ab. Jetzt aber die zweite gute Nachricht: Die Leselust lässt sich in jedem Alter steigern. Wie kann das in der Schule gelingen? Und was macht ein gutes Kinderbuch eigentlich aus? Darüber sprach das Schulportal mit Karin Vach. Sie ist Professorin für Literarisches Lernen an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und Vorsitzende der Jury für den Deutschen Jugendliteraturpreis. Die nächste Preisverleihung findet am 22. Oktober 2021 statt.

Annette Kuhn 13. Oktober 2021 Aktualisiert am 15. Oktober 2021
Jugendliche liest Buch auf Wiese
Ein Buch, das Kinder und Jugendliche fesselt, sollte berühren, überraschen und Anstöße geben.
©Getty Images

Deutsches Schulportal: Was macht ein gutes Kinderbuch aus?
Karin Vach: Ein gutes Kinderbuch soll in erster Linie unterhalten. Es muss Spaß machen, es selbst zu lesen oder dem Vorgelesenen zu folgen. An einem guten Kinderbuch bleibt man dran, man will mehr hören oder mehr lesen. Wenn Geschichten gut erzählt werden, dann sind die Kinder – und wir kennen das auch von uns Erwachsenen – emotional beteiligt. Die Leser:innen sind gespannt, wie die Geschichte weitergeht, fiebern mit, fühlen mit den Figuren, leiden mit, freuen sich mit ihnen, sind erleichtert, wenn eine brenzlige Situation gut ausgeht, oder lachen über schräge Figuren und witzige Situationen.

Oft werden mit dem Inhalt von Kinderbüchern auch zusätzliche pädagogische Ziele verknüpft. Dass wir normative Erwartungen an Literatur haben, ist nicht zu leugnen. Auch bei der Erwachsenenliteratur ist das so. Literatur soll bewegen, Anstöße geben, Welt verändern. Das gilt letztlich auch für das Kinderbuch. Es soll etwas über das Leben erzählen, neue Perspektiven eröffnen, möglicherweise den kindlichen Leser:innen helfen, ihre eigene Situation besser zu verstehen. Aus meiner Sicht verlieren die Geschichten jedoch an Attraktivität, wenn die pädagogische Intention offensichtlich ist.

Ein gutes Kinderbuch erzählt Geschichten auf neuartige Weise

Worin unterscheiden sich Kinder- und Jugendbücher?
Diese Merkmale gelten natürlich auch für das Jugendbuch. Auch Jugendbücher müssen gut geschrieben sein, damit die Jugendlichen dranbleiben und ihr Interesse geweckt wird.  Kinder- und Jugendbücher unterscheiden sich lediglich durch die Art des Erzählens und die verhandelten Themen. Aber auch für das Jugendbuch gilt, dass die Antworten nicht simpel und pädagogisch daherkommen dürfen.

Karin Vach Jury-Vorsitzende für den Jugendliteraturpreis
Karin Vach, Jury-Vorsitzende des Deutschen Jugendliteraturpreises.
©privat

Wenn Schule die Bücher zu stark nach der pädagogischen Vermittlungsidee auswählt, dann kann das auf Kosten der Lesefreude und Lesemotivation gehen.

Ein weiteres gemeinsames Merkmal guter Kinder- und Jugendbücher ist sicherlich, dass sie auf eine neuartige, innovative Weise Geschichten erzählen. Geschichten nach bekannten Mustern zu lesen kann in gewisser Weise attraktiv sein. Wenn wir an Serien denken, dann mögen Kinder das immer wiederkehrende Figurenpersonal, die gleichen Settings und Erzählmuster. Das gibt ihnen eine gewisse Sicherheit und hat einen Wiedererkennungseffekt.

Ein gutes Buch hingegen zeichnet sich durch seinen Innovationscharakter aus, weil es auf eine besondere, neue Art Geschichten erzählt. Es kann auf diese Weise den Blick für anderes und Fremdes öffnen. Und es kann ermöglichen, dass die Lesenden berührt werden durch die Art und Weise, wie und was erzählt wird.

Mit welchen Büchern begeistern Sie Schülerinnen und Schüler fürs Lesen?

Wir freuen uns auf Ihre Lese-Empfehlungen! Schreiben Sie einen Kommentar unter diesen Beitrag oder eine Mail an redaktion@deutsches-schulportal.de

„Hauptsache: Kinder lesen, egal, was!“ Teilen Sie diese Ansicht?
Man muss hier unterschieden, um was es geht. Soll es darum gehen, dass Kinder ans Lesen herangeführt werden und ihre Lesekompetenz verbessern? Dann würde ich sagen: Ja, Kinder sollen alles lesen, egal, was. Geht es aber um die Heranführung an Literatur als kulturelle Erfahrung, dann stellt sich die Frage, welche Bücher ich als bedeutsam erachte. Welche Bücher können wichtige Erfahrungen anstoßen und ermöglichen? Welche Bücher können Kinder und Jugendliche in ihrem Erfahrungshorizont erreichen? Welche Bücher machen neugierig, wecken Interesse und wirken noch lange nach?

Bilderbücher steigern Lesemotivation auch bei älteren Grundschulkindern

Wie weckt man Leselust bei Kindern und Jugendlichen?
Wir wissen aus der Lesesozialisationsforschung, dass man in der Familie schon früh die Freude an Geschichten wecken kann, durch gemeinsames Vorlesen, das Betrachten von Bilderbüchern und das Sprechen über Bücher. Die emotional dichte Vorlesesituation von Erwachsenen und Kind sind besonders bei jungen Kindern ganz wichtige Faktoren für einen gelingenden Zugang zur Literatur, auch für den Sprach- und Schriftspracherwerb. Das Interesse an Geschichten, am Lesen und Schreiben kann so schon früh gefördert werden und ist mitunter entscheidend für den späteren Schulerfolg.

Auch für die etwas älteren Kinder im Grundschulalter ist es wichtig, über das Vorlesen zu Hause und in der Schule die Freude an Geschichten, an Büchern aufrechtzuerhalten. Es braucht lange, bis Kinder wirklich selbstständig die Bücher ihrer Wahl lesen können. Solange ihr Lesen noch stockend und angestrengt ist, brauchen sie andere Zugänge zur Literatur –  über das Vorlesen, über Hörbücher und über Bilderbücher. Das Bilderbuch ist ein Medium, das auch bei älteren Grundschulkinder die Lesemotivation fördern kann.

Die basale Lesefähigkeit der Schüler:innen kann sich verbessern, wenn die Lehrpersonen gut vorlesen.

Und was macht man mit Kindern und Jugendlichen, die eher lesefaul sind?
Was heißt „lesefaul“? Kinder und Jugendliche, die nicht gut lesen können, sind angestrengt und haben Mühe, die Geschichte zu verstehen, weil ihre mentale Kapazität auf das Identifizieren einzelner Wörter und Sätze ausgerichtet ist. Die Kinder und Jugendlichen brauchen daher viel Unterstützung in der Schule und, wenn möglich, zu Hause, um ihre Leseflüssigkeit zu verbessern und Kapazitäten für das Verstehen des Textes zu gewinnen. Vorlesen sollte in den Schulen mehr Beachtung finden – nicht nur in der Frühstückspause. Eine große Studie in Baden-Württemberg hat sogar gezeigt, dass sich die basale Lesefähigkeit der Schüler:innen verbessern kann, wenn die Lehrpersonen gut vorlesen.

Vielfalt des Angebots ist wichtig, um alle zu erreichen

In der Schule lesen Schülerinnen und Schüler viele Sach- und Informationstexte. Wieso ist es überhaupt wichtig, literarische Texte zu lesen?
Dass viele Sach- und Informationstexte in der Schule gelesen werden, hat mit dem Wandel unseres Bildungssystems durch den PISA-Schock im Jahre 2000 zu tun. Ausgelöst wurde der Schock dadurch, dass damals festgestellt wurde, dass ein Viertel der jungen Heranwachsenden nicht über grundlegende Lesefähigkeiten verfügte.

Um diese Heranwachsenden besser fördern zu können, werden bis heute vermehrt Sach- und Informationstexte im Unterricht eingesetzt. An ihnen kann man recht einfach zum Beispiel mit Fragen zum Text überprüfen, ob die Schüler:innen den Text richtig verstanden haben. Für die Verbesserung der Lesefähigkeit ist das sicher sinnvoll.

Die großen Schulleistungsstudien der vergangenen Jahre zeigen aber auch, dass die Schere der Leseleistungen weiter auseinandergeht. Entscheidend scheint auch der Faktor der Motivation zu sein, um zum Lesen zu kommen und die Lesefähigkeit zu verbessern. Sachtexte können durchaus Neugier wecken, aber eine Vielfalt des Angebots ist wichtig, um alle Schüler:innen zu erreichen. Hier kommen die literarischen Texte ins Spiel.

Welche Fragen sollten sich Lehrerinnen und Lehrer bei der Auswahl von Schullektüre stellen?
Es sollte ein Buch sein, dass das Potenzial hat, möglichst viele Schüler:innen der Klasse anzusprechen. Es muss also eine gute Geschichte sein, die sich durch Spannung, Humor und Komik auszeichnet. Die Geschichte sollte nicht zu komplex, aber auch nicht zu simpel sein. Sie muss Anlass zum Nachdenken und Miteinandersprechen eröffnen. Die Figuren sollten attraktiv sein und Identifikationsmöglichkeiten bieten. Die Schullektüre muss zudem, von den Lesefähigkeiten her, von den Schüler:innen bewältigt werden können.

Hang zu Klassikern hat mit Lesesozialisation von Lehrkräften zu tun

Hilfreich können Illustrationen sein und auch ein gutes Layout, das den Leseprozess erleichtert. Auch der Umfang des Buchs spielt dabei eine Rolle. Dicke Bücher sind vermutlich für eine gemeinsame Klassenlektüre wenig geeignet, weil sie nicht von allen bewältigt werden können.

Wichtig ist aber auch, dass Kindern und Jugendlichen in der Schule nicht nur Klassenlektüre angeboten wird. Gut ausgestattete Leseecken in den Klassenräumen oder Schulbibliotheken eröffnen Zugang zur freien Lektürewahl. So können die Heranwachsenden ihre Lesevorlieben entwickeln und ihnen nachgehen. Die Schule sollte für freie Lesezeiten Raum und Zeit bieten.

Häufig greifen Lehrerinnen und Lehrer bei der Schullektüre zu Klassikern. Ist das gut so, oder wünschen Sie sich etwas mehr Mut, auch mal neue Bücher zu wählen?
Für die Klassiker könnte sprechen, dass sie überzeitliche Themen verhandeln. Aber meist sind die Texte so umfangreich und sprachlich von heutigen Heranwachsenden weit entfernt, sodass sie als Klassenlektüre weniger geeignet sind. Der Hang zu den Klassikern hat mitunter mit der eigenen Lesesozialisation der Lehrer:innen zu tun. Sie möchten die eigenen Leseerfahrungen der nachkommenden Generation weitergeben.

Mit aktuellen Büchern können die Schüler:innen jedoch ihre eigenen Lese- und Literaturerfahrungen machen. Sie stehen auch heute vor anderen Herausforderungen und sind mit anderen Themen konfrontiert als zur Zeit von Kästners „Emil und die Detektive“.

Die Bandbreite aktueller Bücher sowohl mit realistischen als auch mit fantastischen Erzählungen ist ein großer Schatz, der von der Schule wahrgenommen werden sollte. Lehrer:innen sollten sich deshalb, ihren Fächern entsprechend, über Neuerscheinungen informieren. Es gibt gute Listen und Plattformen mit Leseempfehlungen, und man kann sich auch an den verschiedenen Buchpreisen orientieren.

Ich glaube, dass wir mehr Unterhaltung bei der Schullektüre brauchen.

Viele aktuelle Bücher holen die Kinder und Jugendlichen auch in ihren Lesegewohnheiten ab, die sich durch die Mediennutzung verändert hat. In vielen Neuerscheinungen wird mit Typografie und Layout gespielt. Bei den Klassikern finden sich eher Bleiwüsten.

Werden die Lesebedürfnisse von Kindern und Jugendlichen in der Schule genug berücksichtigt?
Die Schule tendiert dahin, problemorientierte Bücher zum Gegenstand des Unterrichts zu wählen. Die Schüler:innen sollen aus den Büchern lernen. Unterhaltungsaspekte sind eher untergeordnet. Ich glaube, dass wir mehr Unterhaltung bei der Schullektüre brauchen. Privat lesen, hören, sehen wir Geschichten in den verschiedenen Medien, weil wir unterhalten werden wollen. Das ist ein anthropologisches Grundbedürfnis.

Wenn Schule die Bücher zu stark nach der pädagogischen Vermittlungsidee auswählt, dann kann das auf Kosten der Lesefreude und Lesemotivation gehen. Gute Bücher unterhalten, sprechen uns ästhetisch mit ihrer Sprache und Bildern an und lassen teilhaben an Erfahrungen. Damit ist doch für den Bildungsanspruch genug gewonnen.

Kritikerjury und Jugendjury haben beim Jugendliteraturpreis oft dieselben Favoriten

Neben der Kritikerjury des Deutschen Jugendliteraturpreises gibt es auch eine Jugendjury. Worin unterscheiden sich die jeweiligen Blickwinkel?
Die Kritikerjury orientiert sich an Kriterien, die sowohl die ästhetische Qualität als auch das Wirkungspotenzial auf die Leser:innen berücksichtigen. Es geht uns – der Präambel des Deutschen Jugendliteraturpreises entsprechend – darum, mit den ausgezeichneten Büchern zur Entwicklung der Kinder- und Jugendliteratur beizutragen und Kinder und Jugendliche zur Begegnung und Auseinandersetzung mit Literatur anzuregen.

Die Jugendjury ist ebenfalls dieser Präambel verpflichtet. In den Anfängen des Deutschen Jugendliteraturpreises gab es eine gemeinsame Jury, aber die Jugendlichen konnten sich den Fachleuten gegenüber kaum durchsetzen. Deshalb haben sie mit der Jugendjury ein eigenes Forum.

So unterschiedlich sind die Ergebnisse aber letztlich nicht, denn in den vergangenen Jahren hat es oftmals doppelte Nominierungen und Auszeichnungen gegeben. Es ist doch überraschend, dass sich dieselben Bücher durchsetzen.

Zur Person

  • Karin Vach ist seit 2018 in der Kritikerjury für den Deutschen Jugendliteraturpreis, zunächst als Spartenjurorin für das Jugendbuch. Seit 2021 hat sie den Vorsitz der Jury inne.
  • Sie ist Professorin für Literarisches Lernen am Institut für deutsche Sprache und Literatur an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und leitet dort das Zentrum für Kinder- und Jugendliteratur.
  • Zuvor war Vach viele Jahre als Grundschullehrerin tätig und weiß aus der Praxis, wie wichtig anregende Literatur für Kinder ist.
  • Vachs Arbeits- und Forschungsschwerpunkte sind Literarisches Lernen, Leseförderung und Kinder- und Jugendliteratur. Sie ist Mitherausgeberin der Schriftenreihe „Kinder- und Jugendliteratur aktuell“ sowie der Zeitschriften „Grundschule Deutsch“ und „Leseräume“.

Empfehlungen für Kinder- und Jugendbücher

  • Orientierung bei der Wahl von Kinder- und Jugendbüchern können die Preisträger und Nominierten des Deutschen Jugendliteraturpreises Zu allen Büchern gibt es Kurzbeschreibungen, und die Bücher lassen sich in der Suchmaske nach Alter filtern.
  • Auch die Stiftung Lesen gibt viele Leseempfehlungen. Neben dem Alter lässt sich hier nach Thema oder Lesetyp (z. B. Wenigleser oder Kinder und Jugendliche mit geringen Deutschkenntnissen) suchen.