Bildung : Jetzt sind die Jüngsten dran

Kinder und Jugendliche wurden in der Pandemie herumgeschubst wie kaum eine andere Bevölkerungs­gruppe. Jetzt müssen sie endlich ihre Rechte zurückerhalten – denn ihr Schul­unterricht und ihr soziales Leben sind wichtiger als die Vergnügungen der Erwachsenen.

Dieser Artikel erschien am 18.05.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Christina Berndt
Zwei Schülerinnen mit Maske und Sicherheitsabstand auf einer Wiese
Viele Kinder lernen gerade: Erwachsene denken zuerst an sich selbst.
©Getty Images

„Mallorca!“, rufen die Erwachsenen. „Cappuccino!“ Und vor allem: Ich zuerst! Gerade kämpfen Bürger verbissen um mehr Freiheiten. Wer jetzt was darf. Und wie man möglichst schnell an den Status des vollgeimpften Besser­gestellten kommt, für den das Leben so viel angenehmer und lust­voller geworden ist. Dabei geht es um Themen, die wichtig sein mögen und die vielen Menschen offensichtlich eine Herzensangelegenheit sind: Reisen. Essen. Shoppen.

Es gibt aber, das mag man angesichts dieser Diskussionen kaum glauben, Themen, die noch wichtiger sind: Bildung, Entwicklung und psychisches Wohlergehen. Themen, die für die verletzlichste Gruppe dieser Gesellschaft, die Kinder und Jugendlichen, untrennbar mit Schule verbunden sind, und zwar mit offener Schule. Und doch sehen Kinder, während die Hotels ihre Tore jetzt weit öffnen, immer noch zu selten eine Schule von innen. Während sich die Erwachsenen um Privilegien streiten, denken sie erst an letzter Stelle, wie schon so oft in dieser Pandemie, an die Kinder, an ihre Freiheiten und Rechte, an ihr körperliches und seelisches Wohlergehen. Man kann den Kinder- und Jugendärzten deshalb nur dankbar sein, dass sie erneut auf die Entwicklungs­probleme und das Leid junger Menschen verweisen, denen Struktur und soziale Begegnungen fehlen.

Baldige und möglichst umfassende Schul­öffnungen sind zwingend

Baldige und möglichst umfassende Schulöffnungen sind eine zwingende Konsequenz daraus. Natürlich sind diese mit Risiken verbunden. Aber das gilt für die Öffnung von Hotels, Schwimmbädern, Restaurants und Geschäften ebenso. Alles ist in dieser Pandemie mit Risiken verbunden. Überall, wo sich Menschen treffen, können Infektionen weiter­verbreitet werden.

Und dennoch ist es Zeit, den Kindern jetzt dort, wo die Infektionszahlen ein stabiles Maß unter 100 und die Erst­impf­quoten ein erfreuliches Maß von mehr als 30 Prozent erreicht haben, ein normales Leben und Entwicklungs­chancen zu ermöglichen. Die Schulen sind zuletzt viel sicherer geworden: Kinder werden so intensiv getestet wie keine andere Bevölkerungs­gruppe, Masken tragen sie sowieso. Viele Lehrer, wenn auch leider noch nicht alle, die das möchten, sind mittlerweile geimpft. Und schließlich: Der Winter ist vorbei, Unterricht bei geöffneten Fenstern ist keine Zumutung mehr.

Trotz allem sind Schulen gewiss kein coronafreier Raum. Schon beim Test können sich Kinder anstecken, weil sie mit ihren dabei masken­losen und wegen der Wattestäbchen oft niesenden Klassen­kameraden in einem Raum sitzen. Schnell­tests produzieren falsch­negative Ergebnisse in mitunter unerfreulicher Zahl. PCR-Tests hingegen brauchen Zeit, bis das Ergebnis vorliegt. Zu viele Lehrer haben immer noch keinen Impfschutz, die aller­meisten impfbaren Schüler ab 16 auch nicht. Und, ja: Wenn Kinder in die Schule gehen, gehen noch mehr Eltern wieder in die Arbeit, statt im Home-Office auf die Viren­bremse zu treten.

Aber es ist wichtiger, das Risiko zu tragen, das von Schulöffnungen ausgeht, als das Risiko, das von Hotel­öffnungen ausgeht. Kinder wurden in dieser Pandemie herum­geschubst wie kaum eine andere Bevölkerungs­gruppe. Die Maßnahmen, die sie trafen, galten größten­teils dem Schutz der anderen – auch wenn Kinder gewiss ein genuines Interesse daran haben, dass ihre Eltern und Großeltern nicht schwer erkranken. Jetzt müssen endlich die Kinder ihre Rechte zurückbekommen.