Soziales : In den Familien brechen Konflikte auf

In der Hochphase der Pandemie hatten die Berater der Arbeiter­wohl­fahrt in Unterschleißheim eher weniger zu tun. Jetzt sind sie über­lastet, weil sich vieles aufgestaut hat

Dieser Artikel erschien am 12.10.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Bernhard Lohr
Mutter und Tochter sitzen zerstritten auf Couch
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Sie sind nur schwer vom Smartphone wegzubekommen. Und sobald sich die Gelegenheit bietet, sitzen sie zu Hause vor dem Bildschirm und zocken Fortnite: Bei vielen Teenagern hat in der Corona-Pandemie der Medien­konsum zugenommen. Die Beratungs­stelle für Eltern, Kinder und Jugendliche der Arbeiter­wohl­fahrt (Awo) in Unterschleißheim bekommt das zu spüren. Die Termin­anfragen von Hilfe­suchenden haben deutlich zugenommen. Das wichtigste sei bei Konflikten in der Familie, mit den jungen Leuten im Gespräch zu bleiben, sagt Familien­therapeutin Jutta Joseph-Wallasch, und sich Rat von außen zu holen.

Als die Pandemie vergangenes Jahr ihren Höhepunkt erreichte und sich bei vielen zu Hause die mittler­weile gut dokumentierten Dramen im Homeschooling abspielten, erlebten viele Beratungs­stellen eine merkwürdige Zeit der Ruhe. Mittler­weile steigen die Zahlen deutlich.

Die Ruhe war trügerisch und hatte viel damit zu tun, dass vergangenes Jahr Betreuungs­einrichtungen und Schulen lange verwaist waren. Die Erzieherinnen und Erzieher sowie die Lehrkräfte bekamen wenig mit, wie es den Kindern zu Hause ging. Und sie konnten auch keine Auffälligkeiten fest­stellen. Es fehlte das Gespräch mit den Eltern und der Appell, sich an eine Beratungs­stelle zu wenden. Im Jahres­bericht der Beratungs­stelle in Unterschleißheim schlägt sich das nieder. Viele Eltern saßen verzweifelt zu Hause, doch die Zahl der Fälle insgesamt sank mit 315 auf einen Tiefst­stand seit 2016. Von den 1286 Beratungs­kontakten waren 487 am Telefon.

Die Therapeutin Jutta Joseph-Wallasch sagt, manche Erziehungs­berechtigte, die sicher Hilfe gebraucht hätten, hätten sicher auch gedacht, die Beratungs­stelle sei nicht erreichbar oder könne ihre Dienste in der Corona-Pandemie nicht mehr erbringen. Dabei sei man tatsächlich „immer zur Verfügung gestanden“. Viele Beratungen hätten online statt­finden müssen, oder eben am Telefon. Auch zu sogenannten Beratungs­spazier­gängen habe man sich getroffen, um Hilfe­suchenden unter Einhaltung der Corona-Beschränkungen beistehen zu können. Eine Telefon­sprech­stunde habe man eingeführt, aber die sei leider wenig genutzt worden.

Besonders hat die Pandemie aus Sicht der Therapeutin Joseph-Wallasch die Schüler getroffen. Der aus Gründen des Gesund­heits­schutzes geforderte Digitalsierungs­schub hat nach ihrer Beobachtung nicht nur dazu geführt, dass Schüler den Umgang mit dem Schul­laptop gelernt haben. Übers Netz liefen auch viele Sozial­kontakte. Das Streamen von Filmen und Computer-Spiele wurden zur Freizeit­beschäftigung, weil vieles anderes weggebrochen war. Kein Sportverein, keine Treffen bei Freunden: Sie könne keine Diagnose stellen, sagt Joseph-Wallasch. Aber viele Kinder und Jugendliche täten sich nach wie vor schwer, in den alten Rhythmus zu finden. Viele hätten sich zurückgezogen.

Auch Familien insgesamt standen unter Druck. Trennung ist ein großes Thema in der Beratungs­stelle in Unterschleißheim, die Paaren manchmal schon früh hilft, eine Trennungs­situation für alle gut über die Bühne zu bringen. Aber man arbeitet auch mit dem Familien­gericht zusammen. Der Rückblick auf das vergangene Jahr zeigt, dass Konflikte in der Partnerschaft und Trennungen mit 35 Prozent die häufigsten Probleme sind, mit denen die Awo-Mitarbeiter zu tun bekommen haben. Gefolgt von: Auffälligkeiten im Sozial­verhalten mit 21 Prozent, Entwicklungs­rück­ständen mit 18 Prozent, Erziehungs­verhalten und emotionalen Auffälligkeiten (jeweils 17 Prozent). Bei 15 Prozent der Fälle ging es um Angst­bewältigung. Die „emotionalen und finanziellen Belastungen vieler Familien durch die Folgen der Pandemie“ seien deutlich geworden, blickt die Leiterin der Beratungs­stelle, Gaby Kittel, zurück.

Die Awo arbeitet eng mit anderen Hilfsstellen zusammen, wobei Termine bei Psycho­therapeuten wegen der verstärkten Anfragen nur schwer zu bekommen seien. 68 Prozent der Beratungsfälle kommen aus Unter-, 17 Prozent aus Oberschleißheim; die übrigen aus umliegenden Kommunen. Die Beratung ist laut Awo freiwillig und kostenlos. Die Beratungs­stelle hat vergangenes Jahr im ersten Stock eines Bürogebäudes in der Carl-von-Linde-Straße 40 größere Räume bezogen. Zu klein seien sie weiterhin, sagt Joseph-Wallasch; obwohl die Online-Beratung auch etabliert ist.