Infektionsschutz : Wie ist die Corona-Impfung für Kinder ab 12 geregelt?

Seit 7. Juni 2021 sind auch Corona-Impfungen bei Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren möglich. Den Eltern wird niemand die Entscheidung abnehmen – auch indirekter Zwang soll aber vermieden werden. Bund und Länder hatten sich dazu auf einem Impfgipfel verständigt. Am 28. Mai hatte dann die Europäische Arzneimittelbehörde Ema grünes Licht für die Zulassung des Impfstoffs von Biontech/Pfizer auch für jüngere Menschen ab zwölf Jahren gegeben, am 31. Mai stimmte auch die EU-Kommission der Empfehlung zu. Am 10. Juni veröffentlichte die Ständige Impfkommission (Stiko) dazu ihre Stellungnahme. Demnach wird die Corona-Impfung bei Kindern zwischen 12 und 17 Jahren bei Vorerkrankungen empfohlen, nicht aber generell. (mit dpa)

 

Florentine Anders / 10. Juni 2021 / 1 Kommentar
Eine Spritze
Sollten Kinder und Jugendliche möglichst rasch ein Impfangebot bekommen, um den Präsenzunterricht nach den Sommerferien zu sichern?
©Christoph Soeder/dpa

Kinder ab 12 Jahren können sich in Deutschland seit dem  7. Juni generell gegen Corona impfen lassen. Das beschlossen Bund und Länder auf einem Impfgipfel am 27. Mai in Berlin.  Am 28. Mai hatte die EU-Arzneimittelbehörde Ema den Impfstoff Biontech/Pfizer für diese Altersgruppe zugelassen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bekräftigte das Ziel, dass bis zum Ende des Sommers jeder Bürgerin und jedem Bürger ein Impfangebot gemacht wird. Das solle auch die 12- bis 16-Jährigen einschließen. Die Ständige Impfkommission empfiehlt die Impfung für Kinder ab 12 bei Vorerkrankungen, eine generelle Empfehlung gibt es derzeit nicht. In ihrem Beschluss legen Bund und Länder fest, dass sichKinderund Jugendliche ab 12 nach einer Zulassung ab dem Ende der Priorisierung, also in der Regel ab dem 7.6.2021, in vergleichbarer Weise wie bei anderen Impfwilligen, die keiner Priorisierung unterliegen, um einen Impftermin insbesondere bei den niedergelassenen Ärzten bemühen können. Merkel sagte zu, Kinder mit Vorerkrankungen würden vorrangig geimpft werden – wenn die Ständige Impfkommission (Stiko) dies in ihrer erwarteten Empfehlung rät. Das gelte dann ähnlich wie für Erwachsene.

 Was sagt die Ständige Impfkommission (Stiko)?

Die Ständige Impfkommission  hat ihre Stellungnahme am 10. Juni veröffentlicht. Demnach wird die Corona-Impfung nur Kindern und Jugendlichen zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen, die unter bestimmten Vorerkrankungen leiden. Grund ist das erhöhte Risikos für einen schweren Verlauf der COVID-19-Erkrankung.

Zusätzlich wird die Impfung Kindern und Jugendlichen ab 12 Jahren empfohlen, in deren Umfeld sich Angehörige oder andere Kontaktpersonen mit hoher Gefährdung für einen schweren COVID-19- Verlauf befinden, die selbst nicht geimpft werden können oder bei denen der begründete Verdacht auf einen nicht ausreichenden Schutz nach Impfung besteht (z. B. Menschen unter relevanter immun- suppressiver Therapie).

Bei Kindern und Jugendlichen ohne Vorerkrankungen in dieser Altersgruppe wird die Corona-Impfung derzeit nicht allgemein empfohlen, ist aber nach ärztlicher Aufklärung und bei individuellem Wunsch und Risikoakzeptanz möglich.

Bei folgenden Vorerkrankungen empfiehlt die Stiko die Impfung ab 12:

  • Adipositas (> 97. Perzentile des Body Mass Index (BMI))
  • angeborene oder erworbene Immundefizienz oder relevante Immunsuppression
  • angeborene zyanotische Herzfehler (O2-Ruhesättigung < 80 %)
  • schwere Herzinsuffizienz
  • schwere pulmonale Hypertonie
  • chronische Lungenerkrankungen mit einer anhaltenden Einschränkung der Lungenfunktion
  • chronische Niereninsuffizienz
  • chronische neurologische oder neuromusku-läre Erkrankungen
  • maligne Tumorerkrankungen
  • Trisomie 21
  • syndromale Erkrankungen mit schwerer Beeinträchtigung
  • Diabetes mellitus (Ein erhöhtes Risiko besteht bei einem nicht gut eingestellten Diabetes mellitus mit HbA1c-Werten > 9,0 %.)

 

Der Vorsitzende der Ständigen Impfkommission (Stiko), Thomas Mertens, hatte schon im Vorfeld angedeutet, dass es keine generelle Empfehlung der Corona-Impfung für Kinder geben wird. „Es ist keine generelle Empfehlung der Stiko für alle gesunden Kinder zu erwarten”, sagte Mertens am  4. Juni im Morgenmagazin von ARD und ZDF. Einer generellen Empfehlung für eine Impfung steht ein Mangel an Daten über mögliche Risiken von Infektionen undImpfungenentgegen. „Die wissenschaftlichen Erkenntnisse seien mit sehr großem Aufwand und sehr umfassend” aufgearbeitet worden. Es seien alle Ergebnisse so, dass man daraus keine Argumentation für eine generelle Impfung aller gesunden Kinder ableiten könne, sagte Mertens.

Wird es genügend Impfstoff geben?

Zusätzlichen Impfstoff für Kinder ab 12 Jahren wird es nicht geben. Bundeskanzlerin Merkel sagte, auch nach dem 7. Juni werde nicht allen ein Angebot gemacht werden können. „Wir haben dafür keine zusätzlichen Impfstoffe”, sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD), der der Ministerpräsidentenkonferenz vorsitzt. Es werde daher nach der bundesweiten Aufhebung der Impf-Priorisierung am 7. Juni keine eigene Impfkampagne für Kinder und Jugendliche ab zwölf geben.

Für dieKinderab 12 können laut dem Bund-Länder-Beschluss in den Ländern auch Angebote in Impfzentren gemacht oder spezifische Programme aufgelegt werden. Es steht also den Ländern offen, spezielle Impfangebote für Schulen aufzulegen. Die Gesundheitsministerien der Länder hatten bereits beschlossen, dass bis Ende August allen Kindern ab zwölf Jahren ein Impfangebot gemacht werden soll.

In einem Bericht an die Länder hatte das Bundesgesundheitsministerium die Rechnung aufgemacht, dass es angesichts von 5,3 Millionen Menschen zwischen 12 und 18 Jahren und einer angenommenen Impfbereitschaft von 60 Prozent einen Bedarf von jeweils 3,18 Millionen Dosen für die Erst- und die Zweitimpfung gebe.

Bundesfamilienministerin Christine Lambrecht warnte vor einem Generationenkonflikt bei der Impfstoff-Verteilung. „Es ist mir ganz wichtig, dass in der Frage der Impfungen die Generationen nicht gegeneinander ausgespielt werden”, sagte die SPD-Politikerin den Zeitungen der Funke-Mediengruppe. Für gesunde Kinder und Jugendliche bestehe nur ein geringes Risiko, schwer an Corona zu erkranken. „Anders ist es bei Älteren, die bei weitem noch nicht alle geimpft werden konnten.” Auch dies müsse bei der Frage der Impfstoffverteilung berücksichtigt werden.

Wie verbindlich soll die Impfung für Schulkinder sein?

Bundeskanzlerin Merkel betonte: „Ein sicherer Schulbetrieb wird auch in Zukunft völlig unabhängig von der Frage sein, ob ein Kind geimpft ist oder ob ein Kind nicht geimpft ist.” Für Kita- und Grundschulkinder gelte dies mangels zugelassenen Impfstoffs ohnehin. „Es soll auch kein indirekter Zwang entstehen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) sagte: „Keiner muss geimpft werden. (…) Wir wollen Impfangebote machen, aber es gibt keine Impfpflicht.”

Sollen Schulkinder vorrangig geimpft werden?

Intensivmediziner verlangten, den immer noch knappen Impfstoff vor allem bei Erwachsenen einzusetzen, weil die ein höheres Risiko für schwere Krankheitsverläufe hätten. „Kinder erkranken häufig asymptomatisch oder im Verlauf harmlos und haben deshalb derzeit bei knappen Impfstoffkapazitäten keine dringliche Indikation für eine Impfung”, sagte der Generalsekretär der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi), Florian Hoffmann, den Funke-Zeitungen. Auch die Ständige Impfkommsion sagt: In der aktuellen Lage müssten die weiterhin limitierten Impfstoffressourcen nutzbringend eingesetzt werden. Dies bedeute, dass noch nicht geimpften gefährdeten Personen vorrangig ein Impfangebot gemacht werden sollte. Großeltern, Eltern, Betreuungspersonen von Kindern und Jugendlichen, Lehrkräfte sowie Erzieherinnen und Erzieher sollten das Impfangebot wahrnehmen, so die Empfehlung der Stiko.

So planen die Länder

Impfkampagnen für Kinder oder auch Pläne, mobile Impf-Teams an Schulen zu schicken wurden zunächst zurückgestellt. Begründet wird dies mit der noch fehlenden Empfehlung der Stiko und dem nagelnden Impfstoff. In der Regel impfen die Kinderärzte auf Wunsch der Eltern. In vielen Bundesländern wird in den Impfzentren auch nach dem 7. Juni die Priorisierung beibehalten, so lange bis genügend Impfstoff vorhanden sind. Das heißt ältere und torerkrankte Menschen sowie bestimmte Berufsgruppen haben Vorrang.

In Nordrhein-Westfalen beispielsweise rechneten die Kassenärzte bei der Corona-Schutzimpfung auch für Kinder ab 12 Jahren zunächst nicht mit einem gewaltigen Ansturm. Man gehe in dieser Gruppe von einer nicht allzu hohen Impfbeteiligung aus, hieß es bei der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein (KVNO) am  2. Juni. Wenn sich – schon recht hoch geschätzt – rund 50 Prozent der 12- bis 15-Jährigen im Bereich Nordrhein immunisieren lassen wollten, könnten diese etwa bis zum Ende der Sommerferien Mitte August geimpft sein. Allerdings nur unter der Voraussetzung, dass sich 80 Prozent der Kinderarztpraxen beteiligten, im Schnitt wöchentlich 45 Impfungen durchführten – und genug Impfstoff komme. KVNO-Vorstandschef Klaus Bergmann sagte, gefährdete Heranwachsende – etwa mit schweren Allergien, Lungenproblemen oder anderen Erkrankungen – sollten zuerst geimpft werden. Das geschehe in vielen Kinderarztpraxen schon seit Wochen und könne nun ausgeweitet werden.

Das nordrhein-westfälische Gesundheitsministerium wies am 2. Juni darauf hin, dass in den Impfzentren bis mindestens Mitte Juni 2021 keine Termine für Erstimpfungen zur Verfügung stehen.

Auch  Hamburg zeigt sich zurückhaltend. Sozialsenatorin Melanie Leonhard (SPD) erklärte: Auch wenn die Priorisierung aufgehoben werde, seien ältere oder vorerkrankte Menschen dringender auf den Impfschutz angewiesen als jüngere, gesunde Menschen. Auch in Bremen ist eine Einladung von gesunden Kindern in die Impfzentren ist momentan noch nicht absehbar. Im Impfzentrum werden Kinder ab zwölf Jahren erst ein Impfangebot erhalten, wenn eine Empfehlung der Ständigen Impfkommission vorliegt, heißt es dazu aus dem Gesundheitsressort. Die Impfung von Kindern sei im Augenblick eine ärztliche Entscheidung.

Niedersachsen hatte nach eigenen Angaben als erstes Bundesland dem Bundesgesundheitsministerium ein Konzept zum flächendeckenden Impfen aller Schülerinnen und Schülern ab zwölf Jahren gegen das Coronavirus vorgelegt und dafür von der Bundesregierung zusätzliche Impfdosen gefordert. Da es die zusätzlichen Impfdosen voraussichtlich nun nicht gibt und auch die Empfehlung der Stiko noch nicht vorliegt,  steht die Impfkampagne jedoch in Frage.

Die Landesregierung in Thüringen hält auch nach der Stiko-Empfehlung daran fest, allen Kindern und Jugendlichen im Sommer ein Impfangebot zu machen. Dafür werde es Ende Juni in den Impfstellen ein Familienimpfwochenende speziell für impfwillige Kinder, Jugendliche und ihre Eltern reserviert.

Bildungsminister Helmut Holter (Linke) erklärte, die Stiko-Empfehlung sollte nicht so interpretiert werden, dass alle Kinder ohne Vorerkrankungen keine Impfung erhalten sollten.

Baden-Württembergs Kultusministerin Theresa Schopper trägt den Bedenken der Experten bei Corona-Impfungen für Kinder und Jugendliche Rechnung hat die angedachte Impfkampagne an Schulen zunächst abgesagt. „Es ist in der Verantwortung der Eltern, mit den Jugendlichen zu überlegen, ob diese zum Impfen gehen sollen”, sagte die Grünen-Politikerin der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart.

Die Grünen-Politikerin geht davon aus, dass viele Eltern registriert haben, dass die Ständige Impfkommission den ab 12 Jahren zugelassenen Biontech-Impfstoff für Kinder und Jugendliche bisher nicht empfehle. „Ich glaube, dass die Eltern vorsichtig sein werden”, sagte sie. Allerdings hält es Schopper für möglich, dass sich bis zu den Sommerferien Ende Juli noch etwas tut. „Ich glaube aber, dass es da noch eine Entwicklung geben wird, wenn mehr Impfstoff da ist und der Sommerurlaub ansteht”, sagte die Kultusministerin. Zudem gebe es dann womöglich noch mehr Daten für das Impfen bei Kindern.

An den Impfzentren in Baden-Württemberg sollen bis zur Empfehlung der Stiko zunächst vorerkrankte Kinder und Jugendliche priorisiert werden. Termine für besonders gefährdete Kinder und Jugendliche in einem Impfzentrum können zunächst nur über die Hotline 116 117 gebucht werden. Über das bundesweite Online-Portal impfterminservice.de seien Buchungen für Kinder erst ab der Freigabe durch die Stiko reservierbar, so ein Sprecher gegenüber dem SWR. Ansonsten gebe es noch die Möglichkeit der Impfung durch eine Arztpraxis.

Eltern haben in Böblingen eine Corona-Impfaktion für Schüler organisiert. Rund 200 Schülerinnen und Schüler über zwölf Jahre des Albert-Einstein-Gymnasiums sollen im Juni in einer Arztpraxis eine Corona-Impfung erhalten, wie der Vorsitzende des Elternbeirats, Oliver Guhl, am 9. Juni sagte. Der Elternbeirat habe Anfang Juni die Idee zu dieser Impfaktion gehabt und dann mit dem Schulträger abgeklärt. Über die Elternschaft sind demnach rund 200 Impfdosen angeboten worden, diese seien bis zum 7. Juni  bereits alle vergeben worden, sagte Guhl. Ein Arzt aus der Elternschaft werde die Schüler nun impfen. Dazu müsse jeder privat in die Praxis kommen, sagte der Elternvertreter. (mit dpa)

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