Dieser Artikel erschien am 24.10.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Matthias Kohlmaier

Schule : Immer mehr Schüler leiden unter psychischen Erkrankungen

Das belegt eine Studie. Psychologin Franziska Klemm erklärt, woran es liegt und wie Eltern und Lehrkräfte helfen können.

Viele Schüler in Deutschland leiden unter Stress.
Viele Schüler in Deutschland leiden unter Stress.
©dpa

Stress, Prüfungsängste, Depressionen – viele Kinder fühlen sich überfordert, auch in der Schule. Die Kauf­männische Kranken­kasse (KKH) hat unter ihren Versicherten eine Befragung zum Thema durchgeführt. Titel der Studie: „Endstation Depression: Wenn Schülern alles zu viel wird.“ Demnach gab es unter Jugendlichen speziell bei der Diagnose Depression einen deutlichen Anstieg in den vergangenen Jahren.

Franziska Klemm ist Psychologin und betreut unter anderem die Stress-Präventions­programme der KKH für Kinder und Jugendliche.

SZ: Frau Klemm, was verursacht Kindern und Jugendlichen am meisten Stress?
Franziska Klemm: Besonders der Konkurrenz- und Leistungs­druck in der Schule macht ihnen Sorgen. Dazu kommt Ärger mit Freunden, auch in den sozialen Medien. Ursprünglich hatten wir auch angenommen, dass die Kinder und Jugendlichen Probleme dabei haben, Schule und Freizeit­aktivitäten unter einen Hut zu bringen. Das Thema Frei­zeit­stress ist ja später bei Berufs­tätigen hoch­relevant. Unsere Eltern­befragung hat aber ergeben, dass es die Kinder sehr gut schaffen, die Balance zwischen Schule und Freizeit halten.

Was macht den Kindern in der Schule die größten Probleme?
Aus unseren Präventionsprojekten wissen wir, dass die Erwartungshaltung zentral sein dürfte. Kinder bekommen offenbar häufig das Gefühl vermittelt – aus ihrer direkten Umgebung und manchmal auch von den Eltern –, dass es nicht genügt, nur zur Schule zu gehen und etwas zu lernen. Dass es nicht ausreicht, durch­schnittliche Leistungen zu bringen. So entsteht Druck, der zu dauer­haftem Stress führen kann.

In der Studie heißt es: „Der Stress nimmt mit den Schul­jahren und den Anforderungen zu.“ Überrascht Sie dieses Ergebnis?
Nein. Je älter die Schüler werden, desto mehr Aufgaben haben sie in ihrer Freizeit zu bewältigen und desto komplexer wird auch der Unter­richts­stoff. Ich finde es logisch, dass diese Phase des Sich-in-die-Gesellschaft-Einfindens parallel zu den Heraus­forderungen in der Schule zu mehr Stress führen kann.

Was können Eltern tun, um ihre Kinder in so einer Phase zu unter­stützen?
Mit zunehmendem Alter nimmt das zwar etwas ab, dennoch sind die Eltern die zentralen Bezugs­personen für ihr Kind und können es auch am besten einschätzen. Der wichtige erste Schritt ist daher immer die Wahr­nehmung, ob das Kind mit neuen Anforderungen in der Schule gut zurecht­kommt oder womöglich Hilfe braucht. Hier ist es wichtig, nicht nur den Dialog mit Lehr­kräften zu suchen, sondern auch einen Weg zu finden, Stress­aus­löser möglichst gemeinsam mit dem Kind zu eliminieren. Eltern sollten sich aber nicht allein um alles kümmern, sondern dem Kind zeigen, wie es selbst mit stressigen Situationen – zum Beispiel vor wichtigen Prüfungen in der Schule – fertig werden kann. So lernt das Kind im Idealfall: Eine heraus­fordernde Situation schmeißt mich nicht gleich um!

„Lehrkräfte sollten auch den einzelnen Schüler im Blick haben“

Sie sprechen die Kommunikation zwischen Eltern und Lehr­kräften an. Wie sollten sie im Interesse des Kindes zusammen­arbeiten?
Ganz wichtig ist für Eltern wie auch Lehrkräfte, ein Verständnis dafür zu entwickeln, wie man erkennt, dass es dem Kind nicht gut geht. Lehr­kräfte sollten nicht nur die Klasse im Blick haben, sondern auch den einzelnen Schüler. Ideal wäre es dann, wenn sich Eltern und Lehr­kräfte im Rahmen einer Erziehungs­partner­schaft regel­mäßig über das Kind aus­tauschen würden. So ließen sich aufkommende Probleme früh­zeitig erkennen und gegen­steuern.

Die Elternbefragung hat einen deutlichen Anstieg von Depressionen bei den Kindern gezeigt. Warum?
Das stimmt, gerade bei den 13- bis 18-Jährigen ist der Anstieg immens. Das liegt gewiss auch daran, dass die Sensibilität für psychische Erkrankungen zugenommen hat und diese daher einfach häufiger diagnostiziert werden. Man muss aber auch sagen: Eine Depression ist das Ende in einer Spirale von Über­forderung und Stress. Dass die Diagnosen hier um teils mehr als 100 Prozent angestiegen sind, sollten Eltern und Lehr­kräfte durchaus als Warn­signal auffassen.

Klagen Mädchen oder Jungen häufiger über stress­bedingte Probleme?
In der Altersgruppe der Sechs- bis Zehnjährigen ist das Verhältnis ausgeglichen. Bei den Jugendlichen ab 13 Jahren zeigt die Auswertung, dass deutlich mehr junge Frauen von psychischen Erkrankungen betroffen sind.

Welche Schlüsse sollten die Schulen daraus ziehen?
Es sollte jedenfalls niemand denken, dass Jungen resistenter gegen psychische Erkrankungen sind. Sie gehen wohl eher anders damit um, was von Eltern und Lehr­kräften einen differenzierteren Blick erfordert. Stört dieser Junge den Unter­richt, weil er in der Pubertät ist? Oder steckt da vielleicht etwas anderes dahinter? Solche Fragen sollten Lehr­kräfte im Eltern­gespräch zwingend besprechen.