Schulbildung im Ruhrgebiet : Im toten Winkel

Das Ruhrgebiet ist der größte pädagogische Brennpunkt der Republik. Es gibt zu viele Schüler, die kaum Deutsch sprechen – und zu wenige Lehrer. Eine Grundschule in Dortmund kämpft um jedes Kind.

Dieser Artikel erschien am 19.10.2022 in DIE ZEIT
Anant Agarwala und Martin Spiewak
Die Schulleiterin der Dortmunder Nordmarkt-Schule, Alma Tamborini, hält Lamentieren für Zeitverschwendung. Eine Treppe zur A40, die Autobahn wird auch Sozialäquator genannt. Sie teilt das Ruhrgebiet in Arm und Reich.
Die Schulleiterin der Dortmunder Nordmarkt-Schule, Alma Tamborini, hält Lamentieren für Zeitverschwendung. Eine Treppe zur A40, die Autobahn wird auch Sozialäquator genannt. Sie teilt das Ruhrgebiet in Arm und Reich.
©Daniel Chatard für DIE ZEIT; Daniel Chatard

Ein Dienstagvormittag auf dem Dortmunder Nordmarkt. Hristina Dimitrov und Ninja Schroda fädeln sich durch das Gedränge, vorbei an Wassermelonen, Grillzangen und Schlüpfern für einen Euro. Die beiden sind Sozialarbeiterinnen an der Grundschule vor Ort, der Marktbesuch gehört zu ihrem Job. Es ist nämlich so: Immer dienstags, wenn Wochenmarkt ist, fehlen an der Nordmarkt-Schule besonders viele Kinder im Unterricht. Sie helfen bei den Einkäufen, hängen herum. Dimitrov und Schroda sprechen Mütter und Väter an, erinnern an die Schulpflicht und sammeln im besten Fall ein paar Kinder ein.

Neben einem Kaffeestand halten die beiden eine Mutter auf, sie hat zwei Söhne im Schlepptau.

Warum sind die Jungs nicht in der Schule?

Sie wurden beschnitten, es blutet noch etwas.

Ein paar Minuten später treffen sie auf die Eltern eines Mädchens, das seit dem Ende der Sommerferien vor drei Wochen noch gar nicht da war. „Melissa in Rumänien”, sagt der Vater und erklärt, dass die Familie aus ihrer Wohnung geflogen sei.

Die Nordmarkt-Grundschule liegt an einem von Platanen umsäumten Platz, auf dem schon morgens ein paar Verlorene ihr Pils trinken. Sie hat einen gewissen Ruf. Unter Lehrkräften, die sich lieber nicht bewerben. Unter deutschen Familien, die sie meiden. 94 Prozent der Nordmarkt-Eltern bekommen Geld vom Amt oder haben es beantragt. Von den 420 Schülern haben 416 eine Migrationsgeschichte. Im Schnitt sprechen nur ein bis zwei Kinder pro Klasse gut Deutsch. Manche stapfen morgens hungrig durch das Tor und erzählen, dass ihre letzte Mahlzeit das Mensaessen am Tag davor war. Viele tragen zu kleine Schuhe.

Nichts prägt eine Schule so sehr wie ihr soziales Umfeld, nichts beeinflusst den Lernerfolg von Schülern stärker als deren familiäre Herkunft. Das kann man in der Dortmunder Nordstadt besonders drastisch beobachten. Aber auch in Duisburg oder Oberhausen, Bochum, Herne kämpfen Lehrerinnen und Sozialarbeiter jeden Tag gegen Sprach- und Bildungsarmut, gegen Perspektivlosigkeit.

Seit rund 20 Jahren prüft die Wissenschaft, wie gut Kinder hierzulande lesen, schreiben und rechnen können. Den aktuellen Leistungsstand in den Bundesländern haben die Forscher und Forscherinnen vom Institut zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen am Montag vorgelegt. Der Befund war erschreckend: Nie zuvor war das Kompetenzniveau der Grundschüler so niedrig wie heute. In Berlin und Bremen kann jeder dritte Zehnjährige nicht richtig lesen und rechnen. Diese beiden Stadtstaaten bilden die Schlusslichter. Nordrhein-Westfalen, das vor 20 Jahren in den Ländervergleichen noch auf Platz sechs stand, ist mittlerweile fast zu ihnen abgerutscht.

Das liegt nicht am Münster- oder Sauerland, nicht an der Region Bonn-Rhein-Sieg oder Ostwestfalen-Lippe. Es liegt am Revier. Hier grassiert die Bildungsarmut ebenso lange wie in Berlin, betrifft rund zehnmal mehr Schülerinnen und Schüler als in Bremen – und hat stellenweise kaum vorstellbare Ausmaße angenommen. Anders gesagt: Der größte Ballungsraum der Republik ist ihre größte pädagogische Krisenregion.

Etwa zwei von drei Kindern im Ruhrgebiet wachsen in benachteiligten Stadtvierteln auf, heißt es im Bildungsbericht Ruhr 2020. In Dortmund leben rund 30 Prozent in Hartz-IV-Haushalten, in Gelsenkirchen über 40 Prozent – bundesweiter Rekord. „Von sozialen Brennpunkten zu sprechen ist eine Verharmlosung der realen Situation”, sagt der Soziologe Volker Kersting von der Ruhr-Universität Bochum. „Es handelt sich nicht um punktuelle, sondern um flächendeckende, massive Armut.”

In der Öffentlichkeit interessiert das so gut wie niemanden. Kein Bildungspolitiker schlägt Alarm, in nationalen Bildungsvergleichen kommt das Ruhrgebiet nicht vor: Es ist ja kein Bundesland, nicht einmal eine Verwaltungseinheit. Mit kaum einer Region identifizieren sich ihre Bewohner so wie mit dem Pott – und kaum eine liegt so im toten Winkel.

Würden sie nach dem offiziellen Lehrplan unterrichten, sagt Alma Tamborini, „wäre es ein tägliches Scheitern”. Ein bisschen Lesen, ein bisschen Rechnen, ein sozialer Umgang miteinander – wenn die Schüler das am Ende der vierten Klasse könnten, sei ihre Arbeit erfolgreich gewesen. Tamborini, 41, leitet die Dortmunder Nordmarkt-Grundschule seit 2015. Erst seien die Syrer gekommen, dann wieder gegangen. Zu viele Ausländer hier, habe ein Vater zu ihr gesagt.

Die soziale Segregation ist kaum ein Thema

Tamborini beschönigt nichts, Lamentieren aber hält sie für Zeitverschwendung. Die Schulleiterin und ihr Kollegium treibt eine Frage um: „Wie müssen wir uns verändern, damit wir zu unseren Kindern passen?” Da immer weniger Eltern Stundenpläne lesen können, stehen morgens eben Frau Schroda und Frau Dimitrov am Schultor, Ordner in der Hand, darin die Abholzeiten für jedes Kind. Badeanzüge für den Schwimmunterricht? Gibt es in den meisten Familien nicht. Also muss der Förderverein ran. In dem sind nur Lehrkräfte, keine Eltern.

Tamborini sieht durchaus Erfolge, mögen sie auch bescheiden sein: die erste Romamutter im Deutschkurs für Eltern. Oder dass zum Schulstart deutlich weniger Kinder gefehlt haben als im letzten Jahr; damals tauchten nach den Corona-Monaten rund 80 Kinder wochenlang nicht auf, weil in Rumänien noch Ferien waren. Aus ihrem hellen Büro im Erdgeschoss kann Tamborini tagsüber Männer beim Dealen beobachten. Aber darum kann sie sich nicht auch noch kümmern.

Lange Zeit sorgte in der Nordstadt die Stahlfirma Hoesch für Jobs, Wohnungen und die Hoffnung, dass es die nächste Generation besser hat. Doch bereits in den 1970er-Jahren zeichnete sich der wirtschaftliche Niedergang ab. Der Kohlebergbau rentierte sich nur noch dank hoher Subventionen, auch Stahl war anderswo billiger. Das letzte Werk in Dortmund schloss 2015, die Anlage wurde nach China verschifft. Wer es schafft, zieht weg. In den leeren Wohnungen kommen Armutsflüchtlinge unter.

So ist es in der Dortmunder Nordstadt oder in Duisburg-Marxloh, in Gelsenkirchen-Schalke oder in Oberhausen-Mitte. Die Folgen für Schulleiterinnen wie Tamborini: Mit jedem Jahrgang beginnt die Integration von Neuem. 28 Prozent der Grundschüler im Revier sprechen laut Bildungsbericht Ruhr zu Hause kein Deutsch. Bei den Vorschultests scheitert rund ein Viertel der Kinder daran, einen Kreis oder ein Viereck zu zeichnen. An der Grundschule am Dortmunder Nordmarkt hatten beim letzten Sprachstandtest 93 Prozent der Kinder keinen altersgemäßen Wortschatz.

Die Dortmunder Nordstadt sei immer „das Migrantenviertel” gewesen, dort lasse sich die gesamte westdeutsche Einwanderungsgeschichte ablesen, sagt der Bildungsforscher Aladin El-Mafaalani. Er lebt selbst in Dortmund, war im Familienministerium des Landes für Integration zuständig. Er kennt die Spielregeln der Politik.

Die wichtigste lautet: Wer regieren will, braucht Wählerstimmen. Im Ruhrgebiet sind sie weniger zu holen. Hier liegen zehn der zwölf Wahlkreise mit der bundesweit geringsten Wahlbeteiligung. Im Duisburger Norden wählten bei der Landtagswahl im Mai nur 38 Prozent. Geht es nach Wählerstimmen, so sind die Regierungsfraktionen von CDU und Grünen vor allem den Menschen jenseits des Ruhrgebietes verpflichtet, denn dort holten sie fast alle ihre Direktmandate.

In Dortmund-Nord wiederum können viele gar nicht zur Wahl gehen, weil sie keine Deutschen sind. Es dürfte wenige andere Orte in Deutschland geben, wo so viele Menschen ohne Wahlberechtigung so konzentriert leben, sagt El-Mafaalani. „Vielleicht wird es hier deshalb zugelassen, dass zwischen Kita und Grundschule Dealer ihre Drogen verkaufen.”

Eigentlich müsste die Bildungsarmut die Politik aufrütteln, die Parteien müssten sich im Wahlkampf mit Konzepten und milliardenschweren Versprechen überbieten. Aber die soziale Segregation, wie an der Nordmarkt-Schule und anderswo im Revier, ist kaum ein Thema. In der Landeshauptstadt Düsseldorf verwaltet man die Not bestenfalls oder ignoriert sie. Der Streit, ob die Schüler acht oder neun Jahre bis zum Abitur lernen, wurde dagegen zum Riesenaufreger. Politikern bereitet es auch mehr Ärger, wenn Eltern in Köln oder Düsseldorf nicht die Wunschkita für ihr Kind bekommen, als wenn in Dortmund-Nord Hunderte Familien auf einen Schulplatz warten.

Am Nordmarkt, unweit vom Tor, an dem Frau Schroda und Frau Dimitrov stehen, sieht man morgens Kinder in Schulbusse steigen. Sie fahren in Viertel, die sie nicht kennen, oft etliche Kilometer entfernt. Denn die Nordstadt ist voll. Auch die Schule von Alma Tamborini ist am Anschlag.

Auf dem Hof stehen zweistöckige Container, in denen einige Klassen untergebracht sind, auch die von Miriam de Castro. Die 38-Jährige hält Bildtafeln hoch, jeden Tag macht sie eine Viertelstunde Vokabelübungen, nur ein Kind kennt das Wort Dusche. Die Schüler in ihrer Klasse sind sieben oder acht Jahre alt, eine kleine Gemeinschaft, die mit Begeisterung ihrer Lehrerin folgt. Hier gebe es keine Grüppchenbildung, sagt de Castro. Aber die Kinder sprechen eben in Drei-Wort-Sätzen, wenn überhaupt. Als sie vor zwölf Jahren hier angefangen habe, sagt de Castro, seien am Nordmarkt vor allem Kinder der zweiten oder dritten Generation aus türkischen und portugiesischen Familien gewesen. „Viele waren im Kindergarten und sprachen Deutsch.” Jetzt sei es eben anders.

Im Ruhrgebiet macht man wenig Wind. Wer mit Schulleitungen oder Lehrkräften spricht, hört Sätze wie: Wird immer schwieriger, aber was soll man machen? Oder: Dafür ist halt kein Geld da, leider. „Die Lehrkräfte im Ruhrgebiet sind frustrationstolerant”, sagt Aladin El-Mafaalani. „Die klagen nicht, die machen einfach.” Füße stillhalten, zum eigenen Nachteil.

Bildungsbenachteiligungen werden durch die Behörden begünstigt

Es gibt auch ein anderes Ruhrgebiet. Oft liegt es in derselben Stadt. Um von einer Welt in die andere zu wechseln, muss man nur in den Bus oder die Straßenbahn steigen und die A 40 überqueren. Man nennt sie auch Sozialäquator, er trennt den armen Norden vom reichen Süden des Reviers. In Dortmund, Duisburg oder Essen geht er mitten durch die Stadt.

Im Norden stammt die Mehrheit der eingeschulten Kinder aus armen Einwandererfamilien, die oft nicht gelernt haben, bis hundert zu zählen und einen Stift richtig zu halten. Nach vier Jahren wechseln die meisten von ihnen auf die Haupt- oder Gesamtschule. Südlich der A 40 gibt es fast keine Hauptschulen. Denn die meisten Schüler hier gehen sowieso aufs Gymnasium.

In wenigen Regionen Deutschlands dürfte sich die Biografie eines Kindes so genau anhand des Viertels voraussagen lassen: Gesundheitszustand, kognitive Fähigkeiten bei Schulbeginn, Schulabschluss. In der vergangenen Dekade ist der soziale Graben tiefer geworden. Laut „Bildungsbericht Ruhr” hat sich die Armut in den vom Bergbau geprägten Vierteln verschärft, gerade in Dortmund, Duisburg, Essen, Bochum und Gelsenkirchen. Für den Bildungsbereich stellt der Bericht eine „zunehmende Spreizung” fest. So schaffen im Ruhrgebiet zwar stets mehr Schüler das (Fach-)Abitur, aber auch die Quote der Hauptschulabschlüsse und der Anteil der Schüler ohne Abschluss steigen.

Schulpolitik allein kann in Quartieren, wo sich Migration, Armut und fehlender Aufstiegswillen so massiv ballen wie in Teilen des Ruhrgebiets, keine Bildungswunder bewirken. Selbst die besten Schulen sind keine Schicksalskorrekturanstalten. Doch der Staat kann Ungleichheiten durch sein Bildungssystem entschärfen. Im Ruhrgebiet müssten dafür etwa Schüler im Dortmunder Norden mehr Hausaufgabenbetreuung und Lernangebote erhalten als im Dortmunder Süden, in Duisburg-Marxloh müssten sich die Schulen mit den kleinsten Lerngruppen finden und in Gelsenkirchen-Nord die Lehrerinnen mit den höchsten Gehältern.

Die Realität ist oft umgekehrt. Konkret hat das der Bochumer Soziologe Jörg-Peter Schräpler mit seinem Kollegen Horst Weishaupt belegt. Danach kommen Grundschüler in Städten außerhalb des Ruhrgebiets im Schnitt auf mehr Unterrichtsstunden als Schüler im Ruhrgebiet. Ihr Fazit: Bildungsbenachteiligungen würden durch die Behörden noch begünstigt.

Ein weiterer Grund für die ungerechte Mittelverteilung ist die ungleiche Finanzstärke der Kommunen. Zwar stellt das Land die Lehrkräfte. Für das nicht pädagogische Personal und die Gebäude aber zahlen die Kommunen. Das führt dazu, dass in Münsteraner Schulen eher Smartboards stehen als in Oberhausen und dass Düsseldorf eher renovierte Klassenräume hat als Herten.

Ebendort, in Herten, beginnt es an einem Dienstagmorgen Mitte September zu schütten. Dorothee Feller besucht die Rosa-Parks-Gesamtschule, untergebracht in einem Betonbau aus den 1970ern, an dem sich jeder Milliliter Niederschlag als schwarzer Fleck auf der Fassade verewigt. Der Wolkenbruch kommt wie bestellt: In den Saal, wo die neue nordrhein-westfälische Bildungsministerin mit der Schulleitung und einigen Pädagoginnen über deren Alltag sprechen will, regnet es rein.

Schulbesuche nach den Sommerferien gehören zur Ministerinnenroutine, zumal im ersten Amtsjahr. Hände schütteln, Wertschätzung zeigen. Die CDU-Politikerin spricht von „großen Herausforderungen”, es seien „keine einfachen Zeiten”. Dem Kollegium dankt sie für „absolutes Herzblut”. Was eine Bildungsministerin so sagt, wenn sie nett sein will, aber auch nicht weiterweiß.

Sechs Lehrerstellen sind am Tag des Feller-Besuchs an der Rosa-Parks-Schule unbesetzt, deshalb müssen sie Unterricht kürzen, in Biologie, in Kunst und in Sport. Und bei der Sprachförderung von Kindern, deren Deutsch nicht gut ist. Auf die letzte Ausschreibung, eine sonderpädagogische Stelle, bekam die Schulleitung nicht eine einzige Bewerbung. Dabei ist die Rosa-Parks-Schule kein Problemfall, sondern nur die einzige Gesamtschule in Herten, ein typischer Fall: gut 1000 Schülerinnen und Schüler, 75 Prozent Migrantenkinder, ein bisschen Inklusion, motiviertes Kollegium.

Vier Jahrzehnte war das Schulministerium in Nordrhein-Westfalen in sozialdemokratischer Hand, seit 2005 wechselte es alle paar Jahre seine politische Farbe: schwarz, grün, gelb, mit Dorothee Feller nun wieder schwarz. Beides hat den Schulen nicht gutgetan: die Dauerherrschaft der SPD sowie die vielen Intermezzi danach. Stets versprachen die Regierungen Großes: “Beste Bildung”, “Kein Kind zurücklassen”, „Chancenland NRW”. Ein Konzept gegen Bildungsarmut stand nicht dahinter.

Eine der Bedingungen der Grünen zur jetzigen Koalition mit der CDU soll geheißen haben: Wir machen alles außer Bildung. Schule gilt in NRW als Hochrisikoressort. Motto: Verantwortung heute – Wahlklatsche morgen. So erging es Sylvia Löhrmann, als die Grünen mit ihr als Spitzenkandidatin 2017 ihre Stimmen halbierten; und im Mai auch der FDP, nach fünf Jahren mit Bildungsministerin Yvonne Gebauer. „Weltbeste Bildung” hatte Spitzenkandidat Christian Lindner zuvor versprochen und bot nach dem Wahlsieg eine weitgehend ahnungslose Frau aus der zweiten Reihe auf.

Zusätzliche Pädagogen existieren nur auf dem Papier

Bildungspolitisch steht NRW im Vergleich mit anderen Bundesländern nicht nur bei den Leistungen der Schülerinnen und Schüler schlecht da. Nirgends in Deutschland sind die Grundschulklassen voller als hier (23,4 versus 20,9 Kinder im Bundesschnitt), nirgends liegen die Ausgaben pro Grundschüler niedriger (6100 Euro versus 7100 Euro im Bundesschnitt). Ein besonders eklatantes Ergebnis politischer Ratlosigkeit sind die sechs weiterführenden Schulformen: Eltern können für ihr Kind nach Klasse vier zwischen Real-, Haupt-, Sekundar-, Gesamt- und Primusschulen und Gymnasium wählen. Weltweit dürfte das einmalig sein.

Dorothee Feller ist erst ein paar Monate im Amt. Falls sie neue Ideen hat, gerade fürs Ruhrgebiet, sind diese noch nicht aus dem Ministerium gedrungen. Auch im kurzen Gespräch mit der ZEIT bleibt sie vage. Entlastung der Lehrkräfte von Verwaltungsaufgaben und mehr Studienplätze fürs Lehramt, Fortbildungen für besseren digitalen Unterricht.

Das klarste Versprechen im Koalitionsvertrag: 10.000 zusätzliche Lehrkräfte. Diese sollen nicht per Gießkanne, sondern mithilfe eines Sozialindex auf die Schulen verteilt werden. Der existiert in Nordrhein-Westfalen seit wenigen Jahren. Die Idee: Schulen in armen Stadtvierteln mit hohem Migrantenanteil bekommen einen Personalbonus. Bislang fällt der Index aber kaum ins Gewicht – zu wenig Geld. An der Nordmarkt-Schule etwa sorgte er laut Alma Tamborini bislang für eine halbe zusätzliche Stelle.

In Hamburg, dem Vorbildland für die sozial gesteuerte Mittelvergabe, unterstützte der Senat die Brennpunktschulen, indem er das Budget des Bildungsressorts erhöhte. Im ärmeren Nordrhein-Westfalen ist das kaum möglich. Hier müsste man Schulen in guten Lagen etwas wegnehmen, um es weniger privilegierten zu geben. Undenkbar.

Zudem existieren zusätzliche Pädagogen nur auf dem Papier. In NRW herrscht wie in allen Bundesländern Lehrermangel. Lehrkräfte können sich weitgehend aussuchen, wo sie anfangen, Brennpunkt-Schulen gehören eher nicht dazu. Selbst wer diesbezüglich Orientierungsprobleme hat, dem reicht ein Blick ins Internet. Hier teilt der Sozialindex die Schulen nach sozialer Belastung in Standorttypen ein. Es beginnt bei Typ 1 (Pädagogenparadies) und endet bei Typ 9 (Bildungsnotstand).

An der Dortmunder Grundschule am Nordmarkt, Typ 9, dröhnt Despacito aus einer koffergroßen Boombox auf dem Schulhof. Discopause nennen sie das, Jungs und Mädchen wackeln mit den Hüften, zwei Lehrerinnen tanzen mit. Seit sie die Musik spielen, gibt es weniger Konflikte in den Pausen. Es ist eine von vielen kleinen und größeren Innovationen an der Schule von Alma Tamborini.

In den Klassen stehen Zahnputzbecher, seit die Zahnärztin in über 400 der 420 Münder Karies oder andere Krankheiten entdeckte. Manche Kinder seien irre stolz gewesen, zum ersten Mal eine eigene Zahnbürste zu besitzen, erzählt eine Lehrerin. In den Regalen und auf den iPads befindet sich Schulmaterial, das die Pädagogen selbst geschrieben und illustriert haben. Die auf dem Markt verfügbaren Bücher überfordern die Kinder – und die darin abgebildeten Familien mit blonden Haaren, Hund und Garten haben mit der Realität am Nordmarkt wenig zu tun. Seit ein paar Jahren fährt außerdem jeweils die Hälfte einer Klasse an zwei Wochentagen auf den Bauernhof oder in den Wald, während die andere Hälfte mit der Klassenlehrerin arbeitet. Die Kinder sollen mal etwas anderes sehen als die Nordstadt.

An Ideen und Projekten mangelt es dem Ruhrgebiet nicht. Sie heißen „Jedem Kind ein Instrument” oder „Ruhrtalente” oder „Familiengrundschulzentren”. Die Dichte der Hilfsangebote ist so groß, dass man in jeder Ruhrstadt denselben Witz hört: „Du kannst dein Kind aus dem Fenster werfen – es gibt immer einen Streetworker, der es auffängt.” Nur sei aus den vielen Initiativen nie eine abgestimmte Strategie geworden, sagt der Bildungsforscher El-Mafaalani.

Dortmund geht es dabei noch vergleichsweise gut. Zwar ist die Stadt hoch verschuldet, aber nicht im Zwangshaushalt. Es gibt solvente Stiftungen und Unternehmen, regelmäßige Bildungsberichte und einen Schulentwicklungsfonds. Die Zuständigen für Kitas, Schulen und Jugendhilfe arbeiten eng zusammen. In Duisburg findet man davon vieles nicht – deshalb steht die Stadt noch deutlich schlechter da. Es ist ein Teufelskreis: Ausgerechnet jene Kommunen, die am dringendsten Geld für Bildung brauchen, haben am wenigsten und verarmen so noch weiter.

Natürlich gibt es auch im Ruhrgebiet gute Schulen. Der erste Hauptpreisträger des Deutschen Schulpreises der Robert Bosch Stiftung, die Grundschule Kleine Kielstraße, liegt ebenfalls in der Dortmunder Nordstadt. Bevor sie Rektorin am Nordmarkt wurde, hat Alma Tamborini an der Schule gearbeitet und von dort, so sagt sie, den Spirit mitgebracht: totale Offenheit für neue Ideen, totaler Fokus auf die Bedürfnisse der Kinder.

Auf dem Pausenhof, im Unterricht, auch auf dem Wochenmarkt kann man sehen: Das Kollegium der Nordmarkt-Schule wirkt nicht genervt oder mitleidig. Aber Tamborini sieht auch den Verschleiß. „Im letzten Jahr hatten wir keinen einzigen Tag, an dem niemand krank war”, sagt sie. Es ist ein Abnutzungskampf.

Für eine neue Idee hat Tamborini die NRW-Schulgesetze prüfen lassen. Einen Paragrafen, der ihnen den Schritt verbietet, haben sie nicht gefunden. Also machen sie es jetzt: fünf Jahre Grundschule statt vier. Ein Jahr mehr für Zähneputzen, Leseübungen und Fahrten auf den Bauernhof. Ein Jahr mehr im Kampf gegen die Bildungsarmut.

Hinter der Geschichte

Unter der Überschrift „Gefangen im Ghetto” berichtete ZEIT-Redakteur Martin Spiewak schon einmal über die Situation der Schulen in Dortmund-Nord. Er schrieb: „Viel zu spät erkennen Schulbehörden und Bildungspolitiker, dass sich die Integrationsprobleme nicht mit ein paar Projekten lösen lassen.” Der Artikel erschien im April 2000.