Rekordangebot deutscher Hochschulen : Im Land der 21.000 Studienmöglichkeiten

Noch nie gab es in Deutschland so viele Studiengänge, zeigt eine neue Erhebung. Wildwuchs? Experten sprechen lieber von „notwendiger Weiterentwicklung“. Im Trend: Psychologie, Nachhaltigkeit, Pflege.

Dieser Artikel erschien am 16.11.2021 in DER SPIEGEL
Miriam Olbrisch
Studenten und Studentinnen im Hörsaal
Studenten und Studentinnen im Hörsaal
©Stratenschulte/dpa

Wer in Deutschland ein Studium beginnen will, dem ist die Entscheidung für ein Studienfach wahrscheinlich noch nie schwerer gefallen. Wie wäre es mit International Management? Oder Marketing? Sustainability Management? Oder einfach „Betriebswirtschaftslehre“?

Die Anzahl der Studienmöglichkeiten an deutschen Hochschulen hat ein neues Rekordhoch erreicht: Anfang 2021 verzeichnete der Hochschulkompass der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) erstmals mehr als 21.000 Angebote für Studierende, rund die Hälfte davon sind Bachelor-Studiengänge. Fünf Jahre zuvor waren es noch rund 18.500.

Besonders die privaten Fachhochschulen haben ihr Angebot deutlich ausgeweitet. Kirchliche und private Universitäten hingegen boten 2021 sogar weniger Studiengänge an als 2016. Das geht aus einer neuen Auswertung des Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hervor, die dem SPIEGEL exklusiv vorliegt.

Den oft kritisierten „Wildwuchs“ mag CHE-Geschäftsführer Frank Ziegele darin aber nicht erkennen: „Die Entwicklung des Studienangebots deutet weder auf Inflation noch Willkür hin“, bilanziert Ziegele. Vielmehr handele es sich um „eine notwendige Weiterentwicklung, von der wir gesamtgesellschaftlich profitieren“. Dies gelte besonders mit Blick auf die Medizin- und Gesundheitswissenschaften – in diesem Segment gab es die meisten neuen Studienangebote, ein Zuwachs um 26 Prozent zwischen 2016 und 2021.

Gesundheitsberufe werden akademisiert

Ein Grund für das Wachstum: Krankenpflegerinnen und -pfleger lernen ihren Beruf normalerweise in einer dualen Ausbildung. Seit einiger Zeit bieten aber mehr und mehr Hochschulen Studiengänge wie „Pflegewissenschaften“ oder „Nursing“ an. Auch das Berufsfeld Geburtshilfe wird zunehmend akademisiert. „Hebammenkunde/-wissenschaft“ findet sich gleich 24-mal unter den neuen Studienangeboten.

Auffällig ist: Nur ein knappes Fünftel der neuen Studiengänge tragen klassisch den Namen einer Disziplin wie „Chemie“ oder „Germanistik“. Ein weitaus größerer Teil verbindet mehrere Fächer miteinander („Medizin-Informatik“) oder bildet eine Spezialisierung klassischer Studienfächer ab („Marketing“ statt „Betriebswirtschaftslehre“). Mehr als 30 Prozent der neuen Studienangebote haben einen englischsprachigen Namen. In jedem fünften Studiengang findet sich die Bezeichnung „Management“.

„Bemerkenswert ist auch der Anstieg neuer Studienangebote aller Fachrichtungen mit dem Schlagwort Psychologie im Fächernamen“, sagt Cort-Denis Hachmeister, Autor der Erhebung. „Die Hochschulen reagieren hiermit offenbar auf die hohe Nachfrage nach Studiengängen der Psychologie oder mit psychologischen Anteilen.“ Seit vielen Jahren müssen Bewerberinnen und Bewerber hier eine weit überdurchschnittliche Abiturnote mitbringen, um Chancen auf einen Studienplatz zu haben.

„Ein aktueller Modebegriff“

Und noch einen Trend hat Studienautor Hachmeister beobachtet: Die Zahl der Studiengänge, die Bezeichnungen wie „Nachhaltigkeit“ oder die englische Übersetzung „Sustainability“ beinhalten, nehmen weiter zu: „Ein aktueller Modebegriff“. Es gibt etwa „Nachhaltige Ingenieurwissenschaft“ (Universität Hannover), „Nachhaltiges Design“ (HS Fresenius), „Nachhaltiges Management“ (CBS Köln) oder „Sustainable Chemistry“ (Universität Lüneburg), „Sustainable Fashion“ (BSB Berlin) oder „Sustainable Urban Development“ (TU Darmstadt).

Dennoch, bei aller notwendigen Vielfalt: Transparenz und Orientierung seien bei der Studienwahl entscheidend, mahnt CHE-Chef Ziegele. Denn je größer die Auswahl und je feiner die Ausdifferenzierung, umso schwerer lassen sich Unterschiede zwischen einzelnen Angeboten erkennen. Hochschulen sollten deshalb bei neuen Studiengängen besonders sorgfältig darauf achten, gut zu kommunizieren, welche Themen im Mittelpunkt stehen, und sie in beschreibenden Texten zu erklären.