Dieser Artikel erschien am 23.10.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Bernd Kramer

Junge Obdachlose : „Ich konnte nach Unterrichts­schluss ja nirgend­wo hin“

Tausende Jugendliche sind obdachlos und verlieren mit ihrem Zuhause oft auch den Anschluss zur Schule. So wie Patricia. Jetzt hat sie ihren Abschluss nach­geholt - ohne Gong und ohne Klassen.

Lehramtsstudierende helfen, wenn es Probleme gibt.
Lehramtsstudierende helfen Projektteilnehmern, wenn es Probleme gibt.
©Mario Hausmann / prejob

Sie sind unsichtbar, wie Gespenster: Die Vodafone-Stiftung schätzte vor vier Jahren, dass man in Deutschland mit etwa 21.000 sogenannten entkoppelten Jugendlichen rechnen muss, 8500 davon gelten als wohnungs­los. Kein Zuhause, kein Bett, kein Schreib­tisch. Und keine Schule: Wer draußen lebt, verliert den Anschluss. Das Projekt Prejob in Dortmund will junge Obdach­lose zum Abschluss führen – Menschen wie Patricia.

Patricia: „Meine letzte reguläre Klasse war die achte. Immer von Neuem, vier oder fünf Mal, nie bis zum Ende des Schul­jahres. Meine Zwillings­schwester und ich kamen als Klein­kinder ins Heim und dann in Pflege­familien, bis die uns wieder abgegeben haben. Wir wurden herum­gereicht.

Manche Familien stellen sich das Leben mit einem Pflege­kind etwas zu leicht vor. Aber Pflege­kinder haben in der Regel schon ein Päckchen zu tragen. Wenn dann Pubertät dazukommt, wird es vielleicht etwas anstrengender als bei anderen Jugendlichen. Das einfachste ist es dann, sie wieder abzuschieben. Sieben Jahre waren meine Schwester und ich in unserer letzten Familie. Danach waren wir auf der Straße.“

Prejob Leiter Timm Riesel: Mit den Jugendlichen besprechen die Mitarbeiter des Projekts jeden Montag einen Wochenplan.
©Oliver Schaber / Prejob

Timm Riesel, Sozial­pädagoge und Leiter des Projekts Prejob: „Ich habe nie jemanden erlebt, dem die Schule scheiß­egal war. Fast alle Jugendliche wollten zum Unterricht gehen, als sie auf der Straße gelandet sind. Aber wenn die Unsicherheit wächst, wenn man nicht mehr weiß, ob man die nächste Nacht noch einmal irgend­wo ein Bett findet, dann wird es mit der Schule schwierig. In so einer existenziellen Situation gerät die Zukunft schlicht aus dem Blick.“

„Ab einer gewissen Uhr­zeit macht man sich Gedanken, ob man einen Schlaf­platz bekommt“

Patricia: „Unsere Pflege­familie war ziemlich streng. Mal kam man zu spät nach Hause, mal hatte man keine Lust, Vokabeln zulernen – und sofort gab es drastische Strafen. Treffen mit Freunden wurden verboten, Ausflüge abgesagt, Geburts­tags­geschenke gestrichen. Mit solchen Erziehungs­methoden stößt man bei einer 13-Jährigen natürlich auf Granit. Schließlich wollte uns das Jugend­amt eine Auslands­maß­nahme auf­schwatzen. Ich habe gesagt, dass ich nicht will. Und sie meinten: Tja, dann musst du auf die Straße.

Meine Schwester und ich haben in einer Not­schlaf­stelle über­nachtet. Da bekam man warmes Essen und einen Spind für die Sachen, konnte duschen, sich die Zähne putzen. Aber spätestens morgens um 10 Uhr mussten wir raus und uns irgendwie den Tag vertreiben. Wir sind oft ins Kaufhaus gegangen. Da kann man länger mal sitzen, fällt nicht weiter auf und wird nicht gleich weg­gescheucht.

Ab einer gewissen Uhrzeit macht man sich so seine Gedanken, ob man einen Schlaf­platz bekommt. Die Betten in der Not­schlaf­stelle sind begrenzt. Zweimal hätten wir fast draußen über­nachten müssen. Aber es haben sich in letzter Minute Bekannte gefunden, bei denen wir schlafen konnten.

Anfangs habe ich weiter versucht, zur Schule zu gehen. Aber meine Schule war 12 Kilometer entfernt, und ich hatte kein Ticket. Ein paar Mal wurde ich beim Schwarz­fahren erwischt. Zum Leben hatte ich bloß mein Kinder­geld, da fragt man sich, wie oft man das Risiko in Kauf nehmen will.

Es ist gar nicht so einfach, einen Tages­ablauf mit regel­mäßigen Schul­besuchen aufrecht zu erhalten. Ich konnte nach Unterrichts­schluss ja nirgend­wo hin, um mich auszuruhen und musste erst mal die Stunden rum­kriegen, bis ich wieder in die Not­schlaf­stelle konnte. Wenn man den ganzen Tag unter­wegs ist, ist man froh, wenn man aus­schlafen kann, bis die Not­schlaf­stelle schließt.“

Timm Riesel: „Patricia war eine Sofa-Hopperin. Sofa-Hopper schlafen nicht unter Brücken, sie kommen mal hier, mal dort unter. Deswegen ist es für uns Street­worker schwieriger geworden, die Menschen zu erreichen. Wir haben in den vergangenen Jahren bemerkt, dass die Szene­treff­punkte längst nicht mehr so belebt sind. Wohnungs­lose Jugendliche lungern nicht in Gruppen am Haupt­bahn­hof herum, sie suchen Zuflucht im privaten Raum. Früher konnten sie die Obdachlosig­keit leicht als Rebellion gegen die Welt der Erwachsenen umdeuten, heute überwiegt Scham.“

Patricia: „Von September bis März war ich auf der Straße. Wenn man den Winter da verbringt, gibt man irgend­wann auf. Also habe ich der Auslands­maßnahme zugestimmt.

Zuerst war ich auf der Krim, dann durfte ich mit einer anderen Jugendlichen an die Küste ziehen. Eine Art Belohnung. Meine Betreuer haben mit der Zeit gemerkt, dass ich ein stink­normaler Teenager war, und mir mehr erlaubt und ermöglicht, als eigentlich vorgesehen war. Aber die Maß­nahme musste wegen des Ukraine-Konflikts abgebrochen werden.

In Deutschland habe ich bald einen neuen Freund kennen gelernt, bin mit ihm zusammen­gezogen und schnell schwanger geworden. Aber die Beziehung hielt nicht und ich brauchte eine neue Wohnung. Ich habe mich an die Beratungs­stelle der Off Road Kids gewandt, sie haben mir bei der Suche geholfen. Nach der Eltern­zeit habe ich dann angefangen, meinen Schul­abschluss nach­zu­holen – hier bei Prejob, direkt gegen­über von der Beratungs­stelle.“

Timm Riesel: „Auch Patricia wirkte nicht wie eine Obdach­lose, als ich sie kennen lernte. Sie stand nicht mit abgerissenen Klamotten hier vor der Tür, sie sah aus wie ein normaler Teenager.

Wenn die Jugendlichen zu uns kommen, machen wir als Erstes zusammen mit der Flex-Fern­schule eine sogenannte Bildungs­stand­analyse und über­prüfen, wie weit das Schul­wissen reicht. Jeden Montag bekommen unsere Teil­nehmerinnen und Teilnehmer ein Wochen­paket mit Lern­briefen und Aufgaben, das individuell auf ihren Kenntnis­stand abgestimmt ist. In der Regel besprechen wir dann einen Wochen­plan: Was glaubst du, wie viel Zeit du für die Aufgaben brauchst? Willst du vielleicht jetzt schon einen Nach­hilfe­termin vereinbaren? Was liegt sonst noch bei dir an? Gibt es Termine mit Ämtern? Arzt­besuche?

Wir haben keinen Gong. Die Jugendlichen können kommen, wie es ihnen passt. Viele sind keine feste Tages­struktur mehr gewöhnt, deshalb wollen wir ihnen den Einstieg so leicht wie möglich machen. Wer kein Früh­auf­steher ist, muss nicht um neun Uhr bei uns auf­kreuzen.

Die Aufgaben lösen die Jugendlichen eigenständig, aber wir haben Lehr­amts­studenten vor Ort, die bei Fragen sofort weiter­helfen. Oder unsere Schüler kontaktieren per Mail oder Video­chat die Lehr­kräfte in der Fern­schule. Die erklären im Not­fall vor der Kamera den Stoff auch an der Tafel.“

Schüler an Tafel
Projektteilnehmer: „Dass es hier keine regulären Unterrichtszeiten gibt, war für mich perfekt“.
©Mario Hausmann / prejob

Patricia: „Dass es hier keine regulären Unterrichts­zeiten gibt, war für mich perfekt. So konnte ich mich nach den Zeiten der Tages­mutter richten. Natürlich bin ich oft abends zu Hause mit meiner Tochter auf dem Sofa eingeschlafen.“

Timm Riesel: „Du hast Zeit gebraucht, um wieder in den Alltag zu finden. Aber ich glaube, für dich war es nicht schwer, den inneren Schweine­hund zu über­winden.“

Patricia: „Ich hatte mein Ziel sehr klar vor Augen, deswegen hat das geklappt.“

„Kürzlich ist jemand für ein halbes Jahr vom Radar verschwunden“

Timm Riesel: „Im Moment haben wir 28 Teil­nehmerinnen und Teil­nehmer. Es passiert immer wieder, dass Schüler eine Weile nicht auf­tauchen. Manchmal verschlafen sie und schämen sich so sehr, dass sie zwei Tage nicht kommen. Aber das sind die leichteren Fälle.

Kürzlich ist jemand für ein halbes Jahr vom Radar verschwunden. Wir haben angerufen und auf die Mailbox gesprochen, Whatsapp-Nachrichten geschrieben. Wir sind zu ihm gefahren und haben eine Karte eingeworfen und am nächsten Tag über­prüft, ob der Brief­kasten geleert wurde. So wussten wir immer­hin, dass wir ihn erreicht haben und nichts Schlimmeres passiert ist. Aber keine Rück­meldung zu bekommen ist schwierig. Auch die Fall­managerin von der Arbeits­agentur kam nicht an ihn heran. Wir konnten nur abwarten.

Vor ein paar Wochen stand er wieder vor der Tür. Er hatte eine depressive Phase gehabt und einfach nicht die Kraft, sich an uns zu wenden.“

Jugendliche lernen
Es gibt keinen Gong und keine Klassen. Die Jugendlichen können kommen, wann sie wollen; die Aufgaben lösen sie eigenständig.
©Mario Hausmann / prejob

Patricia: „Im vorigen Sommer habe ich meinen Haupt­schul­abschluss geschafft, in diesem Jahr meinen Real­schul­abschluss mit einem Schnitt von 1,4. Jetzt gehe ich zu einem Berufs­kolleg, um das Fach­abitur zu machen. Anschließend will ich studieren, das war schon lange der Plan.“

Timm Riesel: „Patricia war unsere erste Absolventin. Als unser Projekt 2017 startete, waren wir ziemlich optimistisch. Wir dachten, so ein super­individueller Ansatz zündet schnell, es dauert vielleicht ein Jahr oder ein­ein­halb, bis die Leute ihren Abschluss haben. Aber die Lücken in der Bildungs­biografie sind bei den meisten doch sehr viel größer. Im Schnitt liegt der letzte Schul­besuch bei unseren Jugendlichen etwa drei Jahre zurück. Aber meistens sind sie schon in den Jahren davor unregel­mäßig zum Unterricht gegangen. Die tatsächliche Lücke liegt bei vielleicht sechs, sieben Jahren. Da fehlt viel Stoff.

Patricias Abschluss haben wir natürlich gefeiert, mit einem Besuch in einem türkischen Restaurant. Sie darf zurecht stolz sein. Und ich habe gemerkt, dass ihr Beispiel den ein oder anderen hier motiviert hat. Sie haben gesehen: Ja, man kann das schaffen. In diesem Sommer hat der zweite Teilnehmer den Abschluss erreicht.“

Patricia: „Ich will Sozialpädagogin werden – weil ich finde, dass bei uns so vieles schief­gelaufen ist und man es besser machen sollte. Man muss Familien früh genug helfen, damit Pflege­kinder nicht irgend­wann aus ihnen heraus­gerissen werden. Aber ich schwanke noch, ob ich später wirklich mit Familien arbeiten will; ich könnte ich mir auch Tätigkeiten in einer Justiz­voll­zugs­anstalt vor­stellen. Was teilweise mit Kindern angestellt wird, möchte ich nicht so gern mit ansehen.“