Zoe Wees : „Ich bin ready!“

Was ist möglich, wenn Schulen junge Talente erkennen und fördern? Alles! Eine Begegnung mit Zoe Wees, neulich noch Schülerin auf dem Dulsberg und heute ein internationaler Popstar

Dieser Artikel erschien am 01.04.2022 in DIE ZEIT
Oskar Piegsa
Zoe Wees
Der Begriff „Star“ ist im Zusammenhang mit Zoe Wees keine Übertreibung. Ihre erste Single „Control“ ist gerade mal zwei Jahre alt und wurde allein auf YouTube mehr als 60 Millionen Mal abgespielt.
©dpa

Die Mädchen aus der 10 c sind unruhig. Sie stehen auf dem Schulhof und warten, so wie alle heute an der Grund- und Stadtteilschule Alter Teichweg (ATW): die 1656 Kinder und Jugendlichen, dazu das Lehrerkollegium, zwei oder drei Kamerateams und wer weiß wie viele Schaulustige aus der Nachbarschaft. „Oh mein Gott, da ist ein Star in unserer Klasse!“, ruft eines der Mädchen, und alle lachen. Aber falscher Alarm. Also, es stimmt schon, da drinnen im Schulgebäude, hinter der Bühne und der roten Backsteinfassade, die mit mehr als einem Dutzend selbst gemalter Banner geschmückt ist, auf denen „Friede“ steht, „Aşîtî“ und „Salam“ – da drinnen ist ein Star. Aber dass er sich jetzt ausgerechnet im Klassenzimmer der 10 c aufhält, ist wohl eher unwahrscheinlich.

„Eine Stunde für den Frieden“ heißt die Veranstaltung am 25. März. Es handelt sich um eines der größeren Open-Air-Konzerte, die in Hamburg seit dem Beginn der Corona-Pandemie stattfinden, und zugleich um den Abschluss der Projekttage am ATW. Gestern haben die Schülerinnen und Schüler über den Krieg diskutiert, haben die Banner gemalt, Reden geschrieben und Lieder einstudiert. Heute präsentieren sie ihre Ergebnisse: eine Stunde lang rührende Gesangsbeiträge, flammende Appelle und eine Schweigeminute, bei der es tatsächlich ganz ruhig wird auf dem Schulhof.

Dann kommt der Star.

Als Zoe Wees, 19 Jahre alt, die Bühne betritt und nach dem Mikro greift, brandet Jubel auf. Überall werden Handykameras in die Luft gereckt. Zoe Wees ist klein, aber nicht zu übersehen. Ihre dicke, orangefarbene Daunenjacke wirkt wie ein Panzer, und ihr Markenzeichen, die langen Zöpfe aus Kunsthaar, leuchten neonrot – sie waren auch schon pink, goldblond und giftgrün – und reichen bis zu den Knien. Der Pianist spielt die ersten Akkorde, dann beginnt Zoe Wees zu singen, Girls Like Us, einen ihrer Hits: „It’s hard for girls like us / we don’t know who we trust“. Viele auf dem Schulhof singen mit. Als einen „sad banger“ bezeichnete ein Autor der New York Times neulich diesen Song, zugleich todtraurig und tanzbar, Ausdruck des emotionalen Chaos unserer Zeit. Und dann erst diese Stimme! Oh. Mein. Gott.

Nur damit keine Missverständnisse aufkommen: Der Begriff „Star“ ist im Zusammenhang mit Zoe Wees keine Übertreibung. Ihre erste Single Control ist gerade mal zwei Jahre alt und wurde allein auf YouTube mehr als 60 Millionen Mal abgespielt. In Deutschland, den USA und einem halben Dutzend anderer Länder erlangte der Song Goldstatus. Mit Girls Like Us trat Zoe Wees kurz danach in einer der beliebtesten amerikanischen Late-Night-Shows auf und als erste deutsche Künstlerin bei den American Music Awards. Rund 7,2 Millionen Menschen hören ihre Musik mindestens einmal im Monat auf Spotify, damit bewegt Zoe Wees sich auf dem Streamingdienst weit vor Nena oder Helene Fischer, in der Größenordnung der wenigen deutschen Weltstars wie Rammstein und der Scorpions.

Und jetzt ist sie wieder hier. An dem Ort, an dem alles anfing. Ein Ort, der für sie Ohnmacht, Ängste und Demütigungen bedeutete. Der aber zugleich ihre Rettung war. Im ATW, ihrer alten Schule auf dem Dulsberg.

Als Schülerin war sie ein unscheinbares Mädchen. Bis sie zu singen begann

Man sagt nicht „in Dulsberg“, wenn man über dieses Viertel im Hamburger Osten redet, sondern „auf dem Dulsberg“, dabei ist von Bergen hier nichts zu sehen. Stattdessen gibt es nur Straßen voller schlichter Nachkriegsbauten mit beige-grau verputzten Fassaden. Das mittlere Jahreseinkommen betrug bei der letzten Erhebung knapp über 21.000 Euro, das entspricht etwa der Hälfte des Hamburger Durchschnitts und einem Bruchteil dessen, was in den sogenannten besseren Lagen verdient wird, in Blankenese oder in Harvestehude. Vor einigen Jahren schrieb die Band Schrottgrenze eine Hymne auf das Viertel. „Das ist nicht der Himmel, sondern Dulsberg“, heißt es darin: „Lass uns so tun, als ob es cool wär.“

Zoe Wees wuchs hier als Tochter einer alleinerziehenden Mutter auf. Das ist nicht ungewöhnlich, in fast jeder zweiten Familie auf dem Dulsberg gibt es nur einen Elternteil. „Meine Mama war so krass offen“, sagt Zoe Wees. „Sie hat mir sehr viel Platz gelassen, das zu machen, was ich liebe.“ Die Schulzeit am ATW hingegen, einer der größten Schulen Hamburgs, war nicht nur schön. Der Song Control erzählt davon. „I don’t wanna lose control“, singt Zoe Wees und meint damit die epileptischen Anfälle, unter denen sie im Alter zwischen 9 und 15 Jahren litt. Immer wieder, so erzählt sie, begann sie zu zucken und zu sabbern. In der Schule sei sie eine Außenseiterin gewesen, andere Kinder hätten Angst vor ihr gehabt und wenig Respekt. Doch es gab eine Lehrerin, die sie schützte und ihr beistand: „I wouldn’t have made it if I didn’t have you holding my hand.“

Wie Zoe Wees damals gewirkt hat, kann man erahnen, wenn man die fünfte Staffel der Castingshow The Voice Kids schaut, in der singende Kinder und Jugendliche gegeneinander antreten. Es war das Jahr 2017, und Zoe Wees, damals 14, trat in zerrissenen Jeans, Schlabbershirt und Kapuzenjacke vor die Jury und die Kameras. Ein unscheinbares Mädchen. Bis sie zu singen begann. Sie sei eine „Hammersängerin“, sagte die Jurorin Nena. Auch Ed Sheeran lobte sie. Ins Finale schaffte es Zoe Wees trotzdem nicht. Dafür aber, vier Jahre später, einer ihrer Songs. In der neunten Staffel der Sendung sang ein zehnjähriges Mädchen namens Rahel erst in der Bewerbungsrunde Control, dann im Finale Girls Like Us. Zoe Wees, sagte Rahel, sei ihr großes Vorbild.

Nach dem Ausscheiden aus der Castingshow sang Wees erst mal nicht mehr im Fernsehen, sondern auf dem Dulsberg. Und wieder gab es einen Lehrer, der ihr beistand. Er heißt Nils Bodenstedt, 33, ein Mann mit Lockenkopf und Dreitagebart. „Seit ich 15 bin, habe ich in Bands gespielt“, erzählt er. „Deutschpunk, Jazzpiano, ich hab alles gemacht.“

Bodenstedt ist in Aurich aufgewachsen, einer Stadt in Ostfriesland, und 2009 zum Studium nach Hamburg gekommen. In den Semesterferien war er oft auf Tour mit der „ostfriesischen Musikerbubble“ rund um den etwa gleichaltrigen Enno Bunger. Bodenstedt sagt: „Musik und Lehramt, das war ein Yin-und-Yang-Ding. Ich hab immer gedacht: ‘Ich mache jetzt mein Studium fertig und werde Lehrer – oder nee, ich werd Rockstar!’“

Beim ersten Termin im Studio wollte sie nicht singen

Er wurde dann doch Lehrer, am ATW. Und eines Tages lud ihn sein Schulleiter zu einem Konzert ein. „Er sagte: ‘Nils, du machst doch Musik, hör dir mal dieses Mädchen an.’“ Bodenstedt willigte ein, eher aus Pflichtgefühl denn aus Überzeugung, erzählt er. „Und dann saß ich beim Schulkonzert in der ersten Reihe, hörte Zoes Auftritt und dachte: ‘Hammer. Das ist ein anderes Level!’“

Bodenstedt sprach die Schülerin an und fragte, ob sie nicht zusammen Musik machen könnten.

Zoe Wees erinnert sich so: „Es war weird. Ich bin am Anfang gar nicht darauf eingegangen.“

Bodenstedt: „Zoe dachte wahrscheinlich: ‘Der Typ will mich allein im Musikraum treffen?’“

Wees: „Ich war so: ‘Ganz sicher nicht. Ich mache ganz sicher nicht mit ’nem Lehrer Musik!’“

Bodenstedt: „Als Lehrer ist man für 14-Jährige ja hart uncool, selbst wenn man erst Ende 20 ist.“

Wees: „Aber irgendwann dachte ich: ‘Warum eigentlich nicht? Let’s see what it’s gonna be!’“

Es trafen sich im Musikraum: die Zoe und der Herr Bodenstedt. „Ein Jahr lang hat sie mich radikal gesiezt“, sagt er. Bodenstedt brachte Noten mit, Songs von Adele und Rihanna, „zum Ausprobieren, was ist ihre range? Was funktioniert?“ Er saß am Klavier, begleitete die Schülerin und habe sich manchmal verspielt, erzählt er, weil er sich so in ihrer Stimme verlor.

Beim ersten Termin im Studio gab es ein Problem: Zoe Wees wollte nicht singen

Das ATW besuchen auch junge Spitzensportler, die nebenan am Olympia-Stützpunkt trainieren. Deshalb ist die Bereitschaft, Talente zu fördern, hier vielleicht ausgeprägter als an anderen Schulen. Jedenfalls entschied der Schulleiter Björn Lengwenus: Wenn Zoe Wees im Musikraum singen wollte, durfte sie auch mal eine Deutsch- oder Mathestunde verpassen. „Ich krieg ’ne Gänsehaut, wenn ich darüber spreche“, sagt Zoe Wees. „Ich wurde crazy gefördert in dieser Schule.“ Aber irgendwann musste sie weiter. Raus aus dem Musikraum. Rein ins Tonstudio.

„Ich habe meinen besten Kumpel Patrick angerufen“, erzählt Nils Bodenstedt und meint Patrick Salmy, der als Musikproduzent für Helene Fischer und Udo Lindenberg arbeitet: „So: ‘Ey, ich hab eine neue Sängerin, die ist mega! Zoe heißt die, ist 14 und kommt vom Dulsberg.’ Und Patrick sagte: ‘Du, es passt grad nicht so, ich bin im Studio mit Udo.’“

Nils Bodenstedt ließ sich nicht abwimmeln, schickte eine Demoaufnahme – und hatte bald eine Einladung ins Boogie Park Studio in Ottensen. „Zoe kam im Tigerpelzmantel und mit Sonnenbrille, sie sah aus wie ein Rockstar“, sagt Bodenstedt. Es gab nur ein Problem: Zoe Wees wollte nicht singen. Sie wollte rappen. „Singen? Ich war voll against it“, sagt Wees. „Ich habe immer gerappt. Nicki Minaj, that was my thing.“

Es war kein einfacher Moment für ihren Mentor Bodenstedt. Aber auch der Musikproduzent sah das Talent. Ein Jahr lang probierten sie verschiedene Stile, Rap, elektronische Musik, dann entstand in einer Session zusammen mit einer Songtexterin die Ballade Control. Nils Bodenstedt sagt, er habe ja gewusst, dass die Epilepsie ein wichtiges Thema für Zoe Wees sei. Aber richtig verstanden habe er es erst, als er sie im Studio darüber singen hörte: „Das war ein magischer Moment. Wir haben alle geheult.“

Veröffentlicht wurde Control am 13. März 2020. „I don’t wanna lose control“: Das hörten die Menschen Zoe Wees just in jenen Tagen singen, als die WHO die Pandemie ausgerufen hatte, der Senat den ersten Lockdown verkündete und die halbe Welt einen Kontrollverlust erlebte. Durch eine Laune des Schicksals wurde der eigentlich sehr persönliche Song eines Mädchens vom Dulsberg der Ausdruck einer Erfahrung von Hunderttausenden. Noch im selben Jahr folgten die ersten Einladungen in die USA.

Jetzt, zwei Jahre später, steht der nächste Schritt an: Zoe Wees ist kein One-Hit-Wonder geblieben, doch nun muss sie beweisen, dass sie mehr ist als eine Corona-Künstlerin. In ihrer Karriere, die zeitgleich mit der Pandemie begann, ist sie im Fernsehen aufgetreten, in der Elbphilharmonie und vor Zehntausenden Menschen auf einer Fridays-for-Future-Demo. Aber so wie heute auf dem Schulhof spielte sie dabei immer nur ein, zwei Songs. Nie hat sie einen ganzen Abend auf der Bühne verbracht, nie Instrumente durch stickige Kellerclubs geschleppt und sich als Livemusikerin bewiesen. „Zoe hat zwei Jahre lang Musik gemacht, ohne das zu erleben, was viele antreibt: das direkte Feedback“, sagt Nils Bodenstedt. „Sie kennt das noch gar nicht, dass beim Konzert Leute in der ersten Reihe stehen und heulen.“

Wenige Tage nach dem Auftritt auf dem Dulsberg beginnt ihre erste Clubtournee, im Sommer folgt eine zweite durch die USA, dort wird sie auch auf Festivals spielen. Nils Bodenstedt bleibt dabei an ihrer Seite. Er hat sich vom Lehramt beurlauben lassen und ist jetzt erst mal ihr Manager. Sie freue sich auf ihre Tournee, sagt Zoe Wees: „Ich bin aufgeregt, aber ich bin ready!“ Die meisten Konzerte sind längst ausverkauft.