Holocaust-Gedenktag : Geschichte mit den eigenen Händen erleben

Heute gibt es nur noch wenige Zeitzeugen, die den Holocaust überlebt haben und darüber erzählen können. Schulen suchen daher neue Wege, wie sie Kinder und Jugendliche an die Thematik heranführen und eine wirksame Auseinandersetzung anregen können. Das Schulportal stellt anlässlich des Internationalen Tages des Gedenkens an die Opfer des Holocaust das ungewöhnliche Kooperationsprojekt einer Bremer und einer Brandenburger Berufsschule vor.

Annette Kuhn / 23. Januar 2020
Jugendliche gehen durch das Tor der Gedenkstätte Sachsenhausen
Die Jugendlichen der beiden Berufsschulen kommen in der Gedenkstätte Sachsenhausen an.
©Katrin Graf
Maler streichen Fensterrahmen einer Halle
Auszubildende im Malerhandwerk setzen die Fenster im Industriehof instand.
©Katrin Graf
Mann auf Leiter montiert ein Tor
Angehende Zimmerleute vom Bremer Schulzentrum montieren ein von ihnen originalgetreu nachgebautes Tor.
©Katrin Graf
Zwei Zimmerer schweißen Bechläge
Zimmerer bei der Restauration alter Torbeschläge.
©Katrin Graf
Zwei Menschen reinigen Fenster einer Baracke
Auszubildende bei der Reinigung von Fenstern einer ehemaligen Krankenbaracke in der Gedenkstätte Sachsenhausen.
©Katrin Graf
Zwei Frauen ein Mann legen Hand über die Schultern
Katrin Graf, Projektleiterin aus Bremen, Jo Gries, Gründer des Projekts, und Henriette Fritzke, Projektleiterin aus Brandenburg (v.l.).
©privat
Gruppe im Hof der Gedenkstätte Sachsenhausen
39 Auszubildende aus Bremen und Brandenburg haben sich im September 2019 an dem Gemeinschaftsprojekt „Lernen und Arbeiten im ehemaligen KZ Sachsenhausen" beteiligt.
©Katrin Graf

Wann genau dieser Moment war, als es in ihrem Kopf „Klick“ gemacht hat, weiß Jeanine nicht mehr. Vielleicht war es, als die 29-jährige Auszubildende im Metallbau Bleche an die angerosteten Lautsprechermasten schweißte und sich plötzlich vorstellte, welche Befehle vor 80 Jahren über diese Lautsprecher ausgerufen wurden. Vielleicht war es aber auch der Moment, als sie Leon Schwarzbaum gegenübersaß. Der 98-jährige Zeitzeuge sprach darüber, wie er das Konzentrationslager Auschwitz überlebt hatte.

Ganz sicher aber weiß Jeanine: „Am Ende dieser Projektwoche in Sachsenhausen hatte ich einen anderen Blick auf das Leben. Auf einmal waren meine Probleme für mich gar keine Probleme mehr.“ Gerade an diesem 27. Januar, dem Internationalen Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust – dem Tag, an dem vor genau 75 Jahren die Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz befreit wurden –, ist ihr diese Erinnerung wieder sehr präsent.

Kooperation zwischen einer Bremer und einer Brandenburger Berufsschule

Jeanine ist eine von 39 Berufsschülerinnen und -schülern, die Ende September vergangenen Jahres bei dem Projekt „Lernen und Arbeiten im ehemaligen KZ Sachsenhausen“ dabei war. Das Projekt gibt es bereits seit 25 Jahren. Es läuft in Kooperation zwischen dem Schulzentrum an der Alwin-Lonke-Straße in Bremen und dem Eduard-Mauer-Oberstufenzentrum im brandenburgischen Hennigsdorf.

Etwa 40 Auszubildende verschiedener Handwerksberufe, die an beiden Berufsschulen lernen, fahren jedes Jahr im September für eine Woche in das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen und führen dort notwendige Restaurierungsarbeiten durch, um den Erhalt der Gedenkstätte zu sichern. Im vergangenen Herbst zum Beispiel haben Fliesenleger eine Besuchertoilette in der ehemaligen Wäscherei gefliest, Zimmerer ein neues Tor mit Beschlägen versehen und die Lagermauer ausgebessert, Metallbauerinnen und Metallbauer die Fundamente der Lautsprechermasten instandgesetzt.

Natürlich unterhalten sich die Jugendlichen nicht die ganze Zeit über den Holocaust

Neben der praktischen Arbeit erkunden die jungen Menschen das Gelände, nehmen an Führungen und Gesprächsrunden teil und treffen den Zeitzeugen Leon Schwarzbaum. Denn es geht bei dem Projekt vor allem darum, Berufsschülerinnen und -schüler für die Themen Nationalsozialismus und Holocaust zu sensibilisieren. „Auch wenn das schon in der Mittelstufe auf dem Lehrplan stand, haben doch erst wenige der Bremer Jugendlichen vorher ein Konzentrationslager besucht“, weiß Katrin Graf, Berufsschullehrerin und Projektleiterin am Bremer Schulzentrum: „Das überrollt viele Jugendliche dann regelrecht.“

Natürlich unterhalten sich die Auszubildenden während der Restaurierungsarbeiten nicht die ganze Zeit über die Gräuel, die an diesem Ort viele Jahre lang stattfanden, „das blendet man erst mal aus – erst nach zwei, drei Tagen haben wir darüber gesprochen“, sagt Florian, der gerade in Hennigsdorf eine Ausbildung zum Fliesenleger absolviert. Und er ist überzeugt: „So eine Erfahrung schweißt auch die Gruppe zusammen.“

Die Woche macht etwas mit ihnen – irgendwann kommt die Auseinandersetzung, irgendwann stellen die jungen Menschen Fragen.
Katrin Graf, Projektleiterin am Schulzentrum Alwin-Lonke-Straße, Bremen

Die Idee zum Projekt hatte Anfang der 90er-Jahre Jo Gries, der damalige Schulleiter des Bremer Schulzentrums an der Alwin-Lonke-Straße. Die rechtsradikalen Ausschreitungen – in Hoyerswerda 1991, in Rostock-Lichtenhagen und Mölln 1992 sowie in Solingen 1993, der Brandanschlag auf die jüdischen Baracken in der Gedenkstätte Sachsenhausen 1992 – waren für ihn der Impuls, der rechten Gewalt etwas entgegenzusetzen. Dazu kamen Nachrichten über den ohnehin schlechten Zustand der Gedenkstätte Sachsenhausen. Gries nahm Kontakt mit der Gedenkstättenleitung auf und fuhr 1996 zum ersten Mal mit Bremer Auszubildenden nach Sachsenhausen.

Bald entstand daraus dann ein deutsch-deutsches-Projekt. Gries suchte eine Berufsschule in Brandenburg als Kooperationspartner und fand sie im Eduard-Maurer-Oberstufenzentrum in Hennigsdorf. Seit 1998 kommen aus beiden Schulen Auszubildende für eine Woche in der Gedenkstätte zusammen.

 Praktische Arbeit bietet niedrigschwelligen Einstieg in das Thema Holocaust

„Das Interesse ist bei den Berufsschülerinnen und Berufsschülern groß“, versichert Henriette Fritzke, Projektleiterin des Brandenburger Oberstufenzentrums, „manche machen sogar mehrmals mit.“ Ein Teilnehmer sei sogar noch nach Abschluss der Ausbildung als Geselle dabei gewesen und habe sich extra Urlaub für diese Woche genommen. Gerade weil der Einstieg über die praktische Arbeit so niedrigschwellig sei, würden viele Jugendliche leicht einen Zugang zu den Themen Nationalsozialismus und Holocaust finden.

„Natürlich gibt es auch Jugendliche, die erst mal nur mitmachen wollen, weil sie lieber praktisch arbeiten, als eine Woche lang Unterricht in der Berufsschule zu haben“, sagt sie. „Aber die Woche macht etwas mit ihnen – irgendwann kommt die Auseinandersetzung, irgendwann stellen die jungen Menschen Fragen und sprechen miteinander darüber“, ergänzt Katrin Graf, die selbst schon als Berufsschülerin in den 90er-Jahren dabei war, bevor sie studierte und dann als Lehrerin für Farb- und Holztechnik am Bremer Schulzentrum die Projektleitung von dem inzwischen pensionierten Jo Gries übernommen hat.

Die Jugendlichen zahlen 120 Euro aus eigener Tasche

Sorgen macht den beiden Projektleiterinnen nicht der Nachwuchs, sondern eher die Finanzierung. Sie sind ständig auf der Suche nach Spenden- und Fördergeldern. Da die meisten Fördermöglichkeiten nur einmal genutzt werden können, stehen sie jedes Jahr wieder vor neuen Herausforderungen, um die Fahrt von Bremen nach Sachsenhausen, die Unterkunft für eine Woche und den Transport der vielen Handwerksgeräte zu organisieren. Die Schülerinnen und Schüler selbst beteiligen sich mit jeweils 120 Euro – viel Geld für Auszubildende. Nur manchmal haben sie Glück, dass die Eltern oder die Ausbildungsbetriebe die Kosten übernehmen.

Aber der Einsatz lohne sich, betonen die beiden Lehrerinnen. Vor allem weil das Projekt eine nachhaltige Wirkung habe. Henriette Fritzke ist nicht nur Berufsschullehrerin in Hennigsdorf, sondern seit 2004 auch Gedenkstättenlehrerin in Sachsenhausen und hat viel Erfahrung damit, Schülerinnen und Schüler so in die Thematik einzuführen, dass etwas hängenbleibt. Die Informationen müssten altersgerecht vermittelt werden, „und es kommt auf eine gute Vor- und Nachbereitung an“, sagt sie. Sinnvoller, als alle Stationen abzugehen, sei es zum Beispiel, wenn sich die Schülerinnen und Schüler auf einen Bereich fokussieren und dazu auch schon zuvor im Unterricht Informationen bekommen.

Ein Gedenkstättenbesuch lässt sich nicht zwischen Mathearbeit und Sportfest einzwängen.
Henriette Fritzke, Projektleiterin am Eduard-Maurer-Oberstufenzentrum in Hennigsdorf

Doch obwohl die Anfragen nach Gedenkstättenbesuchen immer weiter zunehmen, hätten viele Schulen leider zu wenig Zeit oder würden sie sich nicht nehmen: „Ein Gedenkstättenbesuch lässt sich nicht zwischen Mathearbeit und Sportfest einzwängen.“ Wenn Kinder mit Aufgabenzetteln wie bei einer Schnitzeljagd drei Stunden übers Gelände hetzen, bringe das nur wenig, ergänzt Katrin Graf.

Auch Berufsschülerin Jeanine war schon während ihrer Schulzeit ein paar Mal in Sachsenhausen, und sie sagt: „Ich wusste dann zwar, dass es hier früher schrecklich war, aber als ich draußen war, war das Thema schon fast wieder vergessen. Jetzt habe ich mich zum ersten Mal tiefer damit beschäftigt. Und es hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, zu sehen, wo wir heute stehen und was wir verteidigen müssen, damit so etwas nicht wieder passiert.“

Mehr zum Thema

  • Der 27. Januar wurde 2005 von den Vereinten Nationen als Internationaler Tag des Gedenkens an die Opfer des Holocaust, kurz: Holocaust-Gedenktag, eingeführt. Bereits seit 1996 ist der 27. Januar in Deutschland der Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus.
  • Am 27. Januar 1945 hat die Rote Armee das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau, das größte deutsche Vernichtungslager während der Zeit des Nationalsozialismus, befreit.
  • Mehr Informationen zum Projekt der beiden Berufsschulen gibt es auf Facebook. Weitere Projekte zum Thema Holocaust sind hier
  • Die Kultusministerkonferenz gibt Empfehlungen für die Auseinandersetzung mit dem Holocaust im Unterricht und hat eine Übersicht erstellt, wie die Thematik in den einzelnen Bundesländern verankert ist.