Dieser Artikel erschien am 05.02.2019 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Matthias Kohlmaier

Schule : „Hauptgrund für Mobbing ist Langeweile in der Schule”

Expertin Manuela Richter-Werling erklärt, wie Eltern und Lehrkräfte betroffene Kinder unter­stützen können – und was keines­falls hilft.

WhatsApp-Chatverlauf
Viele Schüler in Deutschland müssen leider Erfahrung mit Mobbing machen.
©dpa

In der aktuellen Pisa-Studie gab fast jeder sechste der befragten Schüler an, regel­mäßig Opfer von Aus­grenzungen und Beleidigungen zu werden. Nun hat sich ein elf­jähriges Mädchen in Berlin das Leben genommen, eine mögliche Ursache soll Mobbing in der Schule sein.

Manuela Richter-Werling ist Mit­gründerin von Irrsinnig Menschlich e. V. Der Verein hat sich als Ziel gesetzt, über seelische Gesund­heit, Krisen und Erkrankungen aufzuklären und Vor­urteile gegen­über Menschen mit seelischen Erkrankungen zu verringern. Richter-Werling organisiert unter anderem Aktions­tage und leistet Auf­klärungs­arbeit an Schulen und für Lehr­kräfte.

SZ: Frau Richter-Werling, wie sollten Eltern reagieren, wenn sie den Eindruck haben, ihr Kind ist in der Schule unglücklich und hat Schwierig­keiten mit Mitschülern?
Manuela Richter-Werling: Ich würde damit anfangen, was sie keines­falls tun sollten: dem Kind zu sagen, das werde schon wieder, es solle sich nicht so haben und sich mal zusammen­reißen. Damit ist einem aus­gegrenzten und womöglich von Mobbing betroffenen Kind über­haupt nicht geholfen.

Keine Durchhalte­parolen.
Genau. Stattdessen sollten Eltern zugewandt sein und interessiert Fragen stellen: „Ich habe das Gefühl, dass du in letzter Zeit nicht gerne zur Schule gehst. Woran könnte das liegen?” Für viele Kinder ist das eine große Entlastung und sie erzählen dann auch, was sie bedrückt. Manche ziehen sich natürlich zurück. Auch dann sollten Eltern dran­bleiben und jederzeit signalisieren: Wir sind da und unter­stützen dich! Denn ein von Mobbing betroffenes Kind wird sein Problem nicht alleine lösen können.

Können Klassen­kameraden helfen?
Mobbing ist immer ein Gruppen­geschehen, es kann jeden Menschen zu jeder Zeit treffen. Die Täter brauchen ein Publikum, auch deshalb kommen solche Fälle an Schulen oft lange nicht zur Sprache: Weil viele Kinder froh sind, dass es nicht sie, sondern jemand anderen getroffen hat. Für vom Mobbing Betroffene sind Schul­kameraden daher oft keine große Hilfe. Das macht es für die Lehr­kräfte oft schwer, einen Mobbing­fall zu erkennen.

Auf welche Signale sollten Lehrende achten?
Wenn ein Kind immer in der Nähe der Lehr­kräfte bleibt und zum Beispiel nicht auf den Pausen­hof möchte, sondern die Pause vor dem Lehrer­zimmer verbringt. Auch wenn ein Kind häufig zu spät kommt, kann das ein Signal sein, dass etwas nicht stimmt: Vielleicht wird es bereits auf dem Schul­weg bedroht. Aus Sicht des Kindes wäre das Zuspät­kommen dann eine sehr kluge Maß­nahme, um sich zu schützen.

Was empfehlen Sie Lehr­kräften, wenn sie Probleme in ihrer Klasse vermuten?
Wie Eltern auch müssen sie eines unbedingt wissen: Nur Erwachsene können Mobbing­prozesse zwischen Kindern unter­brechen. Wer Tätern sagt, sie sollen sich mal zurück­halten, und Opfern, sie sollten sich zusammen­reißen, wird überhaupt nichts erreichen. Mobbing ist eben ein Gruppen­geschehen, dabei über­nimmt jedes Kind in einer Klasse eine Rolle: Täter, Stell­vertreter, Mitl­äufer, Zuschauer, Betroffene. Für Lehr­kräfte kommt es darauf an, Zeit in ein Klassen­klima zu investieren, in dem sich jeder wohl­fühlt und gut lernen kann. Das ist die beste Mobbing­prävention.

„Bei Mobbing­prozessen geht es um Macht”

Und wenn es doch zu Mobbing­fällen kommt?
Dann sollten Lehrkräfte auf das betroffene Kind zugehen und auch vor der Klasse klar­machen: „Hier wird niemand aus­gegrenzt!” Mobbing ist kein Konflikt auf Augenhöhe wie eine Prügelei auf dem Schul­hof, wo sich A und B einigermaßen gleich­rangig begegnen und danach ist wieder Ruhe. Bei Mobbing­prozessen geht es um Macht, und davon hat der Täter sehr viel und der Betroffene sehr wenig. Umso wichtiger ist es, dass sich ein Lehrer­kollegium dem gemeinsam entgegen­stellt, jede Lehr­kraft in ihren Stunden Signale genau beobachtet und sich mit Kollegen aus­tauscht. Der nächste Schritt ist eine enge Abstimmung mit den Eltern.

Wie kann die aussehen?
Ich finde es wichtig, dass nicht nur die Eltern betroffener Kinder einbezogen werden, sondern dass das Thema auch auf Eltern­abenden angesprochen wird. Dort sollten Schulen zeigen, was sie unter­nehmen, um Aus­grenzung zu verhindern, und den Eltern auch erklären, wie sie dabei unter­stützen können. Ich erwarte von den Schulen beim Thema Mobbing aber noch etwas anderes.

Was denn?
Selbstkritik. Der Hauptgrund für Mobbing ist Langeweile in der Schule. Wenn nichts los ist, sorgen Kinder und Jugendliche dafür, dass sich das ändert. Heißt: Ein guter, abwechslungs­reicher und auch fordernder Unterricht, gepaart mit einem angenehmen Schul­klima, verhindert Mobbing. Schule ist für Wissens­vermittlung zuständig, hat aber auch einen Erziehungs­auf­trag. Und den kann sie nur wahr­nehmen, wenn Lehr­kräfte sich Zeit für Beziehungs­arbeit mit ihren Schülern nehmen. Davon haben sie leider oft zu wenig – das muss sich dringend ändern.

Trifft Schulen und Lehr­kräfte eine Mitschuld, wenn es in Klassen zu Mobbing kommt?
So würde ich das nicht formulieren. Ich würde sagen, die Schule ist neben dem Eltern­haus der wichtigste Schutz­raum im Leben eines Kindes. Und des­halb muss dort ständig hinter­fragt werden, welche emotionalen Kompetenzen die Lehr­kräfte von heute brauchen. Die müssen ihnen in Fortbildungen regel­mäßig vermittelt werden. Es wird immer Kinder geben, denen es aus verschiedenen Gründen nicht gut geht. Sie zu beschützen und zugleich zu einem Abschluss zu führen, ist die wichtigste Aufgabe der Schulen.

Sie haben JavaScript deaktiviert oder verwenden einen veralteten Browser. Aktuelle Browser finden Sie hier. x