Berufsorientierung : Handwerk in der Schule

In Baden-Württemberg geht das Handwerk neue Wege, um Schülerinnen und Schüler für eine Ausbildung zu gewinnen: Die Begeisterung für das Bauen wird über Architektur im Unterricht geweckt.

Regina Köhler / 24. April 2018
In der „Lernwerkstatt Bau-Hand-Werk“ arbeiten die Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Baumaterialien.
In der „Lernwerkstatt Bau-Hand-Werk“ arbeiten die Schülerinnen und Schüler mit unterschiedlichen Baumaterialien.
©Luise Lübke

Wenn Jugendliche gleichzeitig Bauherren, Architekten und Handwerker sind

Das Bauhandwerk sucht verzweifelt Nachwuchs, doch auf der Wunschliste der Jugendlichen stehen immer seltener Berufe wie Maurer oder Zimmermann. Die Handwerkskammer Heilbronn-Franken geht jetzt ganz neue Wege, um Schülerinnen und Schüler für das Bauen zu begeistern: Achtklässlerinnen und Achtklässler können selbst Möbel, Gärten oder Räume für die Schule entwerfen. Das Modell, das sich in dem schulinternen „Architekturwettbewerb“ durchsetzt, wird dann von den Jugendlichen selbst gebaut. Unterstützung erhalten sie dabei von lokalen Handwerksbetrieben.

Entwickelt hat das Konzept Luise Lübke, Gründerin und Leiterin der „BAUKASTEN Architektur- und Bauschule“ im Auftrag der Handwerkskammer Heilbronn-Franken. Die Gemeinschaftsschule Wertheim im Main-Tauber-Kreis hat es im vergangenen Schuljahr erstmals getestet. Insgesamt drei Schülerinnen-und-Schüler-Gruppen haben sich ein ganzes Schuljahr mit dem Thema „Baukultur und Bautechnik“ beschäftigt. In der eigens dafür eingerichteten „Lernwerkstatt Bau-Hand-Werk“ haben sie Bauweisen und Materialien kennengelernt, Baupläne gezeichnet und über Nutzen und Wirkung von Architektur diskutiert. Sie haben regionale Handwerksunternehmen besucht, sich ein Bild von der Arbeit dort gemacht und auch selbst Hand angelegt.

Für die Schüler ist es viel spannender, bei der Beschäftigung mit Handwerksberufen von einem fertigen Bauwerk auszugehen, als nur einzelne Tätigkeiten wie Mauern, Hämmern oder Bohren kennenzulernen.
Luise Lübke, Gründerin und Leiterin der „BAUKASTEN Architektur- und Bauschule“

„Für die Schülerinnen und Schüler ist es viel spannender, bei der Beschäftigung mit Handwerksberufen von einem fertigen Bauwerk auszugehen, als nur einzelne Tätigkeiten wie Mauern, Hämmern oder Bohren kennenzulernen“, sagt Luise Lübke.

In der Lernwerkstatt nähern sich die Jugendlichen der Architektur zunächst theoretisch. Dabei entdecken sie, wie sehr die Zivilisation und das Bauhandwerk zusammenhängen. Dann folgt die Praxis. Die Schülerinnen und Schüler probieren typische Bauweisen selbst aus, mauern in der nahe gelegenen Berufsschule Wände hoch und dürfen in regionalen Betrieben Kräne oder Bagger führen.

Die Jugendlichen entdecken neue Fähigkeiten

Ziel ist es nicht nur, den Jugendlichen das Bauhandwerk als spannendes Berufsfeld näherzubringen, sondern auch, ihnen Grundwissen zu vermitteln und so ihre Chancen auf einen Ausbildungsplatz zu erhöhen. Die Teilnahme an der Lernwerkstatt soll demnächst sogar als Vorpraktikum anerkannt werden.

„Die praktische Beschäftigung mit der Architektur und verschiedenen Handwerksberufen führt schließlich auch dazu, dass die Schüler sich ihrer Fähigkeiten und Potenziale bewusst werden“, sagt Luise Lübke. Eine Schülerin habe zum Beispiel gemerkt, wie gern sie zeichnet, und sich an einer Kunstschule angemeldet.

An der Gemeinschaftsschule Wertheim wird das Architekturprojekt auch in diesem Schuljahr fortgeführt. Darüber hinaus gibt es seit diesem Schuljahr an zwei weiteren Schulen im Landkreis eine solche Lernwerkstatt – am Schulzentrum am Wört in Tauberbischofsheim sowie an der Kopernikus-Realschule in Bad Mergentheim. In den kommenden Schuljahren sollen weitere Schulen in Baden-Württemberg hinzukommen.

Auch ein Berufsschullehrer ist in der Lernwerkstatt dabei

Luise Lübke ist bei der Einrichtung jeder Lernwerkstatt mehrere Wochen vor Ort. Später übernimmt die Berufsschullehrkraft für Bautechnik an der regionalen Berufsschule und ein Lehrer oder eine Lehrerin der jeweiligen Schule die Leitung der Werkstatt. Die Jugendlichen kommen auf diese Weise auch in Kontakt mit der Berufsschule und können sich besser vorstellen, was sie dort erwartet.

Baden-Württemberg ist eine Region, in der das Bauhandwerk traditionell stark vertreten ist, deshalb ist der Mangel an Fachkräften im Handwerk hier besonders stark zu spüren. Es herrsche geradezu ein Notstand, sagt Luise Lübke. Berufsschulen seien bereits von der Schließung oder einer Zusammenlegung bedroht, weil sich immer weniger Jugendliche für das Handwerk interessierten.

Die Schüler und Schülerinnen schlagen vor, was sie für die Schulgemeinschaft bauen wollen

Doch Lübke ist optimistisch, dass diese Entwicklung gestoppt werden kann. Ihr Pilotprojekt an der Gemeinschaftsschule Wertheim habe gezeigt, wie es funktionieren kann, Achtklässlerinnen und Achtklässlern Zugang zu Berufen des Bauhandwerks zu ermöglichen. „Sie erleben, wie schön es ist, mit den eigenen Händen etwas zu bauen“, sagt sie. Die gängigen Vorurteile, dass Berufe im Bauhandwerk vor allem „schwer, dreckig und schlecht bezahlt“ seien, würden von den Schülerinnen und Schülern nicht mehr einfach so übernommen.

Für die achten Klassen der Projektschulen in Baden-Württemberg endet jede „Lernwerkstatt Bau-Hand-Werk“ mit einer Praxiswoche. Die Schule schreibt einen Wettbewerb für die Achtklässlerinnen und Achtklässler aus, und die Jugendlichen machen Vorschläge, was sie für die Schulgemeinschaft bauen könnten.

An der Gemeinschaftsschule Wertheim sind auf diese Weise bereits verschiedene Sitzgelegenheiten für den Schulhof entstanden. Die Schülerinnen und Schüler haben sie entworfen und anschließend selbst gebaut. „Die Jugendlichen finden es cool, selbst etwas herzustellen, was alle dann nutzen können“, sagt Lübke. Und noch etwas haben sie und die Lehrkräfte nach Abschluss des Pilotprojekts festgestellt: „Anfangs hatten die meisten keine Vorstellung davon, was Handwerk ist, und kaum einen Bezug zu handwerklichen Berufen. Als das Projekt dann zu Ende war, konnten einige Schüler sich sogar vorstellen, einen Beruf im Bauhandwerk zu ergreifen.“

Auf einen Blick

  • Das Konzept der „Lernwerkstatt Bau-Hand-Werk“ für Schulen in Baden-Württemberg wurde von der „BAUKASTEN Architektur- und Bauschule“ in Bremen entwickelt.
  • Die „BAUKASTEN Architektur- und Bauschule“ wurde 2012 von der Kultur-, Kunstwissenschaftlerin und Soziologin Luise Lübke gegründet und bietet nachmittags Kurse für Kinder und Jugendliche an, in denen sie planen, Entwürfe machen und Modelle bauen.
  • Für Grundschulen und für die Sekundarstufe I bietet die „BAUKASTEN Architektur- und Bauschule“ Konzepte zur Einrichtung einer Lernwerkstatt Architektur. Dafür gibt es eigens entwickeltes Unterrichtsmaterial zum Thema Architektur, ein Handbuch für Lehrerinnen und Lehrer und Bausätze für den Modellbau.
  • Mehr Informationen zu den Lernwerkstätten und Kursen der Architekturschule gibt es unter www.baukasten-architekturschule.de
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