GRIPS-Theater : „Theater gehört zur Schule wie Mathe und Deutsch“

Theater, Museen und Konzertsäle sind zu. Auch für Schulen sind die Möglichkeiten kultureller Bildung dadurch stark eingeschränkt. Dabei haben Kinder laut Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention ein Recht auf Teilhabe am kulturellen und künstlerischen Leben. Wie lässt sich das jetzt aufrechterhalten? Das Schulportal hat anlässlich des internationalen Tags der Kinderrechte beim Berliner Kinder- und Jugendtheater GRIPS nachgefragt.

Annette Kuhn / 20. November 2020
GRIPS Theater
Das GRIPS-Theater in Berlin arbeitet bei der Entwicklung von Stücken intensiv mit Schulen zusammen.
©Jan Schenck

Ruhig ist es vor dem GRIPS-Theater in Berlin. Wenn nicht gerade Corona wäre, würden sich am Vormittag Schulklassen vor dem Eingang des Kinder- und Jugendtheaters sammeln. Voller Vorfreude auf Stücke wie „Das Nacktschnecken-Game“, „Das Leben ist ein Wunschkonzert“ oder „Bella, Boss und Bulli“ – Stücke, die zuletzt Premiere hatten. Aber wegen des Coronavirus mussten alle Theater wieder schließen. Also auch das „GRIPS“, wie es oft genannt wird.

Das heißt aber nicht, dass im Theater nichts passiert. Die Theaterarbeit geht weiter. Nicht auf der Bühne, aber vor allem über digitale Kanäle. „Wenn ihr nicht zu uns ins Theater kommen könnt, dann kommen wir eben zu euch“, so das Credo von Anna-Sophia Fritsche, Theaterpädagogin am GRIPS-Theater.

„Im März, als alles geschlossen wurde, war es uns wichtig, Kontakt zu unseren Besuchern, vor allem zu Kindern und Schulen, zu halten“ sagt sie. Es gab einen GRIPS-Blog, der jeden Tag befüllt wurde: mit Infos zu Stücken, Spielanregungen, kurzen Clips über das Theater und zu seinen geheimen Orten, Texten und Liedern – sogar über das Händewaschen. Auch Beiträge von Kindern und Jugendlichen erschienen auf dem Blog. Eine Gruppe Jugendlicher hat zum Beispiel das GRIPS -Theater im Computerspiel „Minecraft“ nachgebaut.

Die Kinder sind vom ersten Moment an bei der Entwicklung der Stücke dabei.
Anna-Sophia-Fritsche, Theaterpädagogin am GRIPS-Theater

Der Jugendclub des GRIPS, der seit Oktober 2019 an seiner neuen Inszenierung arbeitete und im März kurz vor der Premiere stand, verlegte sich ins Digitale. Statt eines Bühnenstücks entstand schließlich ein Film. Und natürlich bot das Theater aktuelle und vergangene Stücke als Stream an. „Ein Ersatz für unsere eigentliche Theaterarbeit konnte das aber alles nicht sein“, räumt Anna-Sophia Fritsche ein. Vor allem die Resonanz und das Miteinander hätten gefehlt.

Die Resonanz, der Austausch mit Kindern und Jugendlichen, ist aber die Basis für die Theaterarbeit am GRIPS. „Die Kinder sind vom ersten Moment an bei der Entwicklung der Stücke dabei“, erklärt die Theaterpädagogin. Regisseurinnen und Regisseure sowie Schauspielerinnen und Schauspieler gehen normalerweise in Schulen und lesen Klassen erste Szenen vor, Kinder besuchen Proben und diskutieren hinterher mit den Darstellerinnen und Darstellern über das Stück. Die Kinder können sich einbringen, werden so selbst Teil des Theaters. „Und wir sehen gleich, was wie ankommt, wo es vielleicht Langeweile oder Unruhe gibt“, führt Anna-Sophia Fritsche weiter aus.

Das GRIPS-Theater wollte von Anfang an kein Märchentheater sein

Aber das GRIPS ist kein Theater, das sich von der Krise unterkriegen lassen will – auch wenn es, wie alle anderen Theater auch, nun nach zweimonatiger Spielphase den Betrieb wieder einstellen musste. In seiner mehr als 50-jährigen Geschichte wurde es schon so manches Mal herausgefordert. Nicht allen gefiel es, dass das GRIPS von Beginn an kein Märchentheater sein wollte, sondern ein Kindertheater mit gesellschaftskritischem Impuls. Letztlich haben aber gerade dieser Anspruch und die daraus entstandenen Stücke das GRIPS-Theater weit über Berlin hinaus bekannt gemacht.

Nun also steht mit der Corona-Krise wieder eine Herausforderung an. Anna-Sophia Fritsche hätte sich gewünscht, dass das GRIPS-Theater als Bildungseinrichtung betrachtet worden und offen geblieben wäre. Auch Philipp Harpain, der Künstlerische Leiter des GRIPS, sieht das so und fordert in einer Stellungnahme zum Teil-Lockdown „die Angleichung der Verordnungen für Kinder- und Jugendtheater mit denen der Schulen und für die Angebote der Jugendarbeit, der Jugendverbandsarbeit und der Jugendsozialarbeit“.

Über die Theaterarbeit lässt sich das Gefüge in einer Klasse neu gestalten

Auch unabhängig von der Corona-Krise findet Anna-Sophia Fritsche: „Theater gehört zur Schule wie Mathe und Deutsch.“ Gerne als eigenes Unterrichtsfach, zumindest jedoch als Ausdrucksform und Möglichkeit, sich neu zu entdecken. Diese Erfahrung spiele für die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen eine wichtige Rolle und könne in allen Fächern und allen schulischen Situationen stattfinden.

Außerdem biete das Theaterspiel eine Möglichkeit, das Gefüge innerhalb einer Klasse immer wieder neu zu gestalten und feste Strukturen aufzubrechen. „Das Theater verändert den Blick auf die Dinge, die Welt, die Menschen“, sagt Anna-Sophia Fritsche, „es gibt nicht nur Richtig und Falsch – sondern es gibt tausend Interpretationen, tausend Möglichkeiten, auf die Welt zu schauen.“

Damit Schulen auf das Theater aber nicht ganz verzichten müssen, hat das GRIPS jetzt ein „Theater-Power-Paket: #GRIPS ist da“ gepackt, dessen Inhalt zum internationalen Tag der Kinderrechte, präsentiert wurde. Dem Schulportal hat Anna-Sophia Fritsche schon vorab verraten, was es enthält: „In der 40-seitigen Broschüre werden in mehreren Kapiteln Themen aufbereitet, die in der Corona-Zeit für uns alle wichtig sind. Es geht um Begriffe wie Freundschaft, Gefühle und Träume, Zusammenhalt.“ Figuren aus aktuellen GRIPS-Stücken führen durch die Kapitel, und anhand dieser Charaktere können Schulklassen eine 90-minütige Theatersession erleben.

Dazu gibt es eine CD mit GRIPS-Liedern, die zu den jeweiligen Kapiteln passen, und Audio-Beiträgen, in denen sich die Figuren aus den GRIPS-Stücken vorstellen.

GRIPS Theater Drei Frauen im Zuschauerraum
Die drei Theaterpädagoginnen Wiebke Hagemeier, Oana Cirpanu und Anna-Sophia Fritsche (v.l.) präsentieren das „GRIPS Theater-Power-Paket“.
©GRIPS Theater

Mit dem „Theater-Power-Paket“ „können Kinder ihre Empathiefähigkeit und ihre Vorstellungsbildung sowie das Kerngeschäft von Schule – die Ausbildung der Fähigkeit zur Urteilsbildung – zunehmend weiterentwickeln“, erklärt Petra Anders, Erziehungswissenschaftlerin an der Humboldt Universität zu Berlin, die das GRIPS-Theater bei der Entwicklung des Pakets beraten hat.

Die erste Ausgabe von „#GRIPS ist da” richtet sich an Grundschulen und bietet für die Klassenstufen 1/2, 3/4 und 5/6 jeweils differenzierte Spielanregungen und theaterpraktische Übungen. Ab Dezember sollen jeweils zehn Exemplare der kostenlosen 40-seitigen Broschüre an alle Berliner Grundschulen verteilt werden. Für Schulen auch außerhalb Berlins gibt es eine digitale Ausgabe.

 

Theater ist eine wichtige Erfahrung, um aus sich herauszukommen, in andere Rollen zu schlüpfen und die Erfahrung zu machen, Teil von etwas zu sein.
Diana Banmann, Grundschullehrerin in Berlin

Diana Banmann ist schon gespannt auf das GRIPS-Paket. Die Lehrerin, die Deutsch, Englisch und Sachkunde an einer Berliner Grundschule unterrichtet, versucht immer wieder, theatralische Elemente in ihren Unterricht zu integrieren. Selbst in Corona-Zeiten, in denen kooperative Lernformen schwieriger umzusetzen sind, hält sie daran fest. „Theater ist eine wichtige Erfahrung, um aus sich herauszukommen, in andere Rollen zu schlüpfen und die Erfahrung zu machen, Teil von etwas zu sein“, sagt Diana Banmann. „Ein Kind aus meiner Klasse, das sich zum Beispiel fast nie meldet und immer nur leise vor der Klasse spricht, hat auf der Bühne einen Löwen gespielt und so gebrüllt, wie ich es mir vorher nicht hätte vorstellen können“, erzählt sie weiter.

In der UN-Kinderrechtskonvention ist Recht auf kulturelle Bildung festgeschrieben

Dass der Blick in der Corona-Zeit vor allem auf die Hauptfächer gerichtet ist, stört sie. Kinder hätten schließlich ein Recht auf kulturelle Bildung und Teilhabe. So steht es in Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonvention, und so hat es auch die Kultusministerkonferenz (KMK) in entsprechenden Empfehlungen festgehalten. Viele Kinder haben außerhalb der Schule überhaupt keine Berührung mit Theater, Musik oder Kunst. Explizit wird in den KMK-Empfehlungen daher auch hervorgehoben, wie wichtig das Zusammenwirken von Schulen, Kultureinrichtungen und außerschulischer Kinder- und Jugendbildung ist.

Dieses Recht auf kulturelle Bildung könne man den Kindern gerade jetzt in der Krise nicht verwehren, sagt Grundschullehrerin Diana Banmann. Und sie wünscht sich – genau wie die Theaterpädagogin des GRIPS – gerade jetzt mehr Möglichkeiten, die Theaterarbeit in den Schulen aufrechtzuerhalten und Kindern dadurch vielfältigere Zugänge zum Lernen zu geben.

Theater-Power-Paket „#GRIPS ist da"

  • Das GRIPS Theater-Power-Paket steht hier als PDF zum Download bereit:

Mehr zum GRIPS-Theater

  • Als Geburtsstunde des GRIPS-Theaters gilt das Jahr 1969. Den Namen „GRIPS“ gab sich das Theater aber erst drei Jahre später.
  • Der Name war und ist Programm. Der Gründer und langjährige Leiter des Kinder- und Jugendtheaters, Volker Ludwig, wollte sich absetzen vom damals üblichen Märchentheater. Stattdessen brachte er Stücke auf die Bühne, die einen Bezug zur aktuellen Lebenswelt der Kinder haben und sie zum Nachdenken anregen. Da es solche Stücke vor 50 Jahren kaum gab, schrieb Ludwig viele Stücke selbst.
  • „Stokkerlok und Millipilli“ hieß das erste Stück von ihm – eine Geschichte über Freundschaft und Mut, gegen Angst und Machtmissbrauch – und wurde als erstes Stück im GRIPS 1969 uraufgeführt.
  • Das neue Konzept gefiel nicht allen. Viel war von „Respektlosigkeit gegenüber Erwachsenen“ die Rede, zu der das GRIPS-Theater Kinder anstifte. 1975, nach der Uraufführung des ersten Stücks für Jugendliche, „Das hältste ja im Kopf nicht aus“, nannte die Berliner CDU das Theater „kommunistische Kinderverderber“. Das Stück thematisierte die berufliche Aussichtslosigkeit von Jugendlichen mit Hauptschulabschluss.
GRIPS-Theater
Inszenierungsfoto aus „Linie1" - dem bis heute erfolgreichsten Stück des GRIPS-Theaters.
©David Baltzer/bildbuehne.de
  • Solche Anfeindungen haben dem GRIPS-Theater aber nicht geschadet. Im Gegenteil: Es wurde bundesweit und darüber hinaus bekannt. Den größten Erfolg erlebte das GRIPS mit dem Musical „Linie 1“ – einem sozialkritischen Porträt über Berlin zu Mauerzeiten. 1986 uraufgeführt, wurde es mittlerweile fast 2.000 Mal gezeigt und gehört zu den meistgespielten deutschen Theaterstücken überhaupt.