Dieser Artikel erschien am 25.07.2018 in der taz
Autor: Ralf Pauli

Kommentar Gewalt gegen Schulen : Wissen unter Beschuss

In einem Drittel aller Staaten ist es gefährlich, Bildung wahrzunehmen. Die Zivil­gesellschaft solcher „failed states“ ist hilflos. Was kann man tun?

junge Kinder schauen aus einem Fenster.
Haben ihren Spaß: Kinder einer Grundschule im nigerianischen Roni.
©dpa

Im Osten Afghanistans sind seit vergangener Woche über hundert Schulen geschlossen. Nicht wegen Ferien, baulicher Mängel oder einer Natur­­katastrophe. Sondern, weil die Taliban mit einem Wort das Bildungs­­system in einer ganzen Region lahm­legen können. Eine offene Drohung gegen die Lehr­kräfte reichte aus, dass 60.000 Schüler­innen und Schüler auf unbestimmte Zeit auf ihr Menschen­recht auf Bildung verzichten müssen.

In der Statistik, die die selbst ernannte „globale Koalition zum Schutz angegriffener Bildung“ alle vier Jahre veröffentlicht, wäre die folgenreiche Taliban-Drohung ein einzelner „Angriff“. Man kann das welt­weite Ausmaß der Gewalt ­gegen Schulen erahnen, wenn man im jüngsten Bericht liest: 12.700 solcher Vorfälle haben die AutorInnen zwischen 2013 und 2017 in den 70 gewalt­vollsten Ländern registriert – deutlich mehr als zuletzt. Der Bericht ist eine bedrückende Sammlung an Augen­zeugen­berichten von Verbrechen, die vor allem eines zeigt: In einem Drittel aller Staaten ist es mitunter lebens­gefährlich, Bildung über­haupt wahr­zunehmen.

Wenn in Ländern wie Nigeria oder Afghanistan Millionen Kinder nicht zur Schule gehen, dann auch wegen der Uner­bittlich­keit, mit der Gruppierungen wie Boko Haram oder Taliban gegen die aufklärerische Macht von Bildung vorgehen. Wenn in Syrien und in Teilen der Ukraine kaum mehr Unterricht statt­findet, dann wegen der kriegerischen Auseinander­setzungen vor Ort. Und wenn wie in Uganda Studentinnen systematisch sexuell missbraucht werden, dann verwundert es kaum, dass Frauen vor einer höheren Bildung zurück­schrecken.

Von diesen Zusammenhängen ist allenfalls dann die Rede, wenn Gremien der Vereinten Nationen über globale Bildungs- und Entwicklungs­ziele sprechen. Viele PolitikerInnen in Europa tun aber so, als würde man Flucht­ursachen wirksam bekämpfen, wenn man ein paar Jobs schafft. Fakt ist: Die Zivil­gesell­schaft solcher failed states, in denen der Staat die Sicher­heit seiner Bildungs­bürgerInnen nicht garantieren kann, ist im wahrsten Sinne hilflos. Diese Ratlosig­keit drücken auch die Empfehlungen aus, die die globale Koalition gegen Gewalt an Schulen aus­spricht: etwa jene an die entsprechenden Regierungen, die „Safe Schools Declaration“ zu unter­zeichnen und um­zu­setzen. Als ob dadurch die tägliche Bedrohung durch Krieg, bewaffnete Gruppen oder männlich geprägte Macht­strukturen verschwände.

Was also kann man tun? Wahrscheinlich nicht viel mehr, als unablässig Daten zu erheben und darauf hinzu­weisen, wie zahlreich die Bildungs­feinde in unserer modernen Welt noch sind.

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