Als Lehrer ins Ausland : „Die Arbeit an der Auslands­schule ist für uns wie sechs Richtige im Lotto“

Vor vier Jahren ist Markus Meyer von Köln nach Singapur gezogen. Der Lehrer koordiniert an der German European School Singapore das Fach Deutsch für alle Zweige der Schule. Die Arbeit an einer Deutschen Auslandsschule und das Leben in einem anderen Land betrachtet er als große Bereicherung. Aber natürlich musste er auch einige Hürden überwinden. Ein Porträt.

Annette Kuhn 15. Juni 2022 Aktualisiert am 17. Juni 2022
Markus Meyer von der Auslandsschule GESS
Seit vier Jahren arbeitet Markus Meyer an der German European School Singapore.
©privat

Sein Leben ausschließlich in Deutschland zu verbringen – das kann sich Markus Meyer nicht vorstellen. Vielleicht geht er mal nach Kanada, nach Brasilien oder noch mal nach Asien? Aber das ist Zukunftsmusik. Jetzt ist er erst mal in Singapur. Seit vier Jahren arbeitet der Lehrer für Deutsch und Philosophie an der GESS, der German European School Singapore, und vier weitere Jahre will er dort noch bleiben.

Acht Jahre sind die längste Zeit, die Auslandsdienstlehrkräfte an einer Auslandsschule sein können, sonst würden sie ihren Beamtenstatus verlieren. „Nach acht Jahren muss man zunächst wieder nach Deutschland zurück, bevor man sich erneut für den Auslandsschuldienst bewerben kann“, erklärt Markus Meyer. Diese Möglichkeit möchte er zusammen mit seiner Familie gern nutzen.

Was ihm so gut an der Arbeit an der Auslandsschule in Singapur gefällt, ist die Vielfalt – der 48-Jährige betreut an der GESS den Bereich Deutsch für alle Schulzweige und alle Klassenstufen des europäischen und des deutschen Zweigs. „Das ist superspannend, weil ich in fünf Departments Deutsch als Erstsprache, Deutsch als Zweitsprache und Deutsch als Fremdsprache koordiniere“, erklärt er.

Einige Projekte lassen sich an einer Auslandsschule leichter umsetzen

Und auch der Innovationsgeist an der Schule begeistert ihn. „Wenn ich eine Idee habe und damit überzeuge, bekomme ich auch die Unterstützung, sie umzusetzen“, sagt Markus Meyer und führt auch gleich ein Beispiel an: Mit seiner Kollegin, die in Vorschule und Kindergarten für den Bereich Deutsch zuständig ist, leitet er eine Arbeitsgruppe Mehrsprachigkeit.

Wer an eine Auslandsschule geht, entscheidet sich bewusst dafür, will neue Erfahrungen machen und Gewohntes verlassen.

Zusammen haben sie überlegt, eine „Language Week“ zu organisieren. „Unser Schulleiter war gleich dabei – wir haben überlegt, wen wir für welche Aufgabe brauchen, und schon haben wir mitten in der Pandemie eine ,Sprachen-Woche‘ auf die Beine gestellt.“

Dass so etwas so einfach und schnell gehe, liege natürlich daran, dass die Schule eine Privatschule sei, selbstbestimmter arbeiten könne und mehr Mittel zur Verfügung habe als die meisten Schulen in Deutschland. Aber es liege auch an einem sehr motivierten Kollegium. „Wer an eine Auslandsschule geht, entscheidet sich bewusst dafür, will neue Erfahrungen machen und Gewohntes verlassen“, erzählt Markus Meyer. Für ihn ist der Auslandsschuldienst eine „tolle Karrieremöglichkeit“, die vielen Lehrerinnen und Lehrer so aber nicht bewusst sei.

Da kam die Frage: „Wollt ihr nicht an unsere Schule kommen?“

Er und seine Frau, die ebenfalls Lehrerin ist, hatten schon lange vor, ins Ausland zu gehen. „Wir reisen gern und wollen dabei ein Land wirklich kennenlernen – nicht nur so mit Reiseführer in der Hand nach den ,Musts‘ Ausschau halten.“

Beide haben zuvor an Schulen in Nordrhein-Westfalen gearbeitet. Markus Meyer war Lehrer für Deutsch und Philosophie an einer Gesamtschule in Troisdorf bei Bonn, seine Frau hat zuletzt an einem Gymnasium in Köln gearbeitet. Er hat auch einige Jahre im Projekt „Vielfalt fördern NRW“ des Schulministeriums mitgewirkt, und gemeinsam hat das Paar ein Unterrichtsmodell entwickelt, bei dem Schülerinnen und Schülern lernen, selbstständig in Teams zu arbeiten. Zu dem Modell haben sie viele Fortbildungen an Schulen gegeben. Und irgendwann hat dann eine befreundete Lehrerin gefragt: „Wie wär’s, wollt ihr nicht mal eine Fortbildung bei uns machen?“

„Bei uns“, damit meinte sie Singapur, denn die Freundin arbeitete inzwischen an der GESS. Für einen Pädagogischen Tag mal eben nach Singapur? Das klang verlockend, zumal die Schule die Flugkosten übernahm. „An einem Freitag sind wir also hingeflogen und am Montag nach dem Pädagogischen Tag wieder zurück.“ Das war 2015. Und von dem Kurztrip nahmen sie nicht nur viele neue Eindrücke mit, sondern auch die Frage aus der Schulleitung: „Wollt ihr nicht an unsere Schule kommen?“

Unterschiedlichste Reaktionen aus dem Kollegium

Wieso eigentlich nicht?, haben sich die Meyers da gedacht. Bis dahin hatten sie noch an Brasilien gedacht. Aber inzwischen war seine Frau schwanger, und damit war auch ihr Sicherheitsbedürfnis gewachsen. Tatsächlich hat es aber noch drei Jahre gedauert. Das habe vor allem an dem spezifischen Bewerbungsverfahren gelegen, das der Auslandsschuldienst mit sich bringt – mindestens ein Jahr, eher länger dauere es, bis alles so weit ist, erklärt Markus Meyer.

Markus Meyer wurde als Auslandsdienstlehrkraft von Deutschland entsandt, seine Frau hatte einen Vertrag von der Schule als Ortslehrkraft und arbeitete von Beginn an als Studien- und Berufsberaterin. „Für uns ist das wie sechs Richtige im Lotto, auch weil es toll für uns beide ist, gemeinsam an der Schule zu arbeiten“, sagt er.

In seinem Kollegium in Troisdorf sahen es viele als einen sehr großen Schritt. Er hat jedenfalls die unterschiedlichsten Reaktionen auf sein Vorhaben erlebt: von „Singapur, wo liegt das denn genau?“ über „Mensch, seid ihr mutig, das würde ich mich ja nicht trauen“ bis „Ach, das würde ich auch so gern machen, hätte ich nicht mein Haus und hier so viele Verpflichtungen“.

Drei Monate vor Beginn gab es eine Orientierungswoche an der Auslandsschule in Singapur

Im August 2018 landeten die Meyers dann also in Singapur – inzwischen mit zwei Kindern im Alter von ein und drei Jahren. Ihre Wohnung hatten sie da schon, ein Bankkonto auch, denn die Auslandsschule in Singapur organisiert für die neuen Kolleginnen und Kollegen, die im Sommer kommen, bereits im Mai eine Orientierungswoche vor Ort, bei der alles vorbereitet wird und alle Fragen geklärt werden.

Und mit den Meyers kam auch ein riesiger Container in Singapur an. „Wir hatten kein Eigentum in Deutschland, daher haben wir unsere Wohnung aufgelöst und alles mitgenommen“, erzählt der Lehrer und muss lachen, wenn er sich daran erinnert, wie alle die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen haben, als er erzählte, dass er alle seine Bücher mitnimmt. „Bücher bei tropischen 30 Grad – das würde ich dir nicht empfehlen“, hatte selbst der Buchhändler zu ihm gesagt. Tatsächlich seien aber alle Bücher noch immer da, „und zwar in einwandfreiem Zustand“, versichert er.

Die Arbeit an einer Auslandsschule ist nicht für jeden etwas.

Aber am Anfang war die Schwüle für ihn schon ein Hindernis. „Wie kann ich hier bloß Sport machen?“, hatte er sich zuerst gefragt, aber sich dann schnell daran gewöhnt. Heute macht es ihm nichts mehr aus, am Nachmittag zu joggen oder Rad zu fahren.

„Aber das erste Jahr hatte ich eigentlich sowieso keine Zeit“, erzählt Markus Meyer auch. Die Schule erwarte einen besonderen Einsatz, „hier muss ich 120 Prozent geben“, und nach dem, was er weiß, ist das bei allen Auslandsschulen so. „Es wird erwartet, dass ich mich über die unterrichtlichen Verpflichtungen hinaus für die Schule engagiere – Projekte anbiete,  neue Ideen entwickle, bei Schulveranstaltungen mitwirke.“ Ihm sei es anfangs nicht leichtgefallen abzuschalten.

Familie und Freunde kann man lange nicht sehen

Markus Meyer hat das als herausfordernd, zugleich aber als enorme Bereicherung erlebt. Er warnt allerdings auch: „Die Arbeit an einer Auslandsschule ist nicht für jeden etwas.“ Er rät, sich noch ein paar andere Dinge bewusst zu machen, bevor man sich als Lehrkraft entschließt, ins Ausland zu gehen: Die Fluktuation an einer Auslandsschule habe zwei Seiten: Einerseits würden zwar immer wieder neue Ideen hineinkommen, andererseits könnten Projekte nicht immer kontinuierlich fortgeführt werden.

Auch der Verdienst ist an den Auslandsstandorten und je nach Art der Stelle unterschiedlich, auch wenn er natürlich immer in Relation zu den jeweiligen Lebensunterhaltungskosten gesehen werden muss. Außerdem müsse man sich bewusst machen, dass man je nach Entfernung der Auslandsstandorte seine Freunde und auch seine Familie weniger häufig sehen könnte. Bei Familie Meyer war es wegen Corona sogar sehr lang: In den Sommerferien 2019 war sie zuletzt in Deutschland. Nach drei Jahren geht es in diesem Sommer erstmals wieder in die Heimat.

Und noch etwas fällt Markus Meyer ein, wenn es um die Besonderheiten des Lebens an einem Auslandsstandort geht: „Für viele sind die Kolleginnen und Kollegen erster Bezugspunkt.“ Er sieht es aber als große Chance, im Ausland im Sinne kultureller Begegnungen offen den Kontakt zu suchen. Er hat sich daher von Anfang an bemüht, auch viele lokale Freundschaften zu knüpfen, um sich ganz auf das Leben in Singapur einzulassen.

Vielleicht, sagt er, sei das auch die entscheidende Frage, die man sich stellen sollte, wenn man überlegt, als Lehrerin oder Lehrer an einer Auslandsschule zu arbeiten: „Wie viel Veränderung bin ich bereit, selbst zu gestalten, und wie viel Veränderung bin ich bereit, in meinem Leben zuzulassen?“

Mehr zum Thema

  • Die Zentralstelle für das Auslandsschulwesen (ZfA) betreut knapp 2.000 deutsche Lehrkräfte, die an Deutschen Auslandsschulen arbeiten.
  • Weltweit gibt es in 70 Ländern etwa 140 Auslandsschulen.
  • Die Mehrheit der Lehrerinnen und Lehrer geht zunächst für drei Jahre ins Ausland, sie können ihren Aufenthalt auf insgesamt längstens acht Jahre verlängern.
  • Wer noch ein zweites Mal als Lehrerin oder Lehrer ins Ausland gehen will, muss zunächst mindestens drei Schuljahre, zum Zeitpunkt der Bewerbung mindestens zwei Schuljahre wieder an einer Schule in Deutschland gearbeitet haben.
  • Näheres zur Bewerbung bei der ZfA gibt es hier.
  • Weitere Informationen zur Arbeit an Deutschen Auslandsschulen und Stellenangebote für Ortslehrkräfte gibt es beim Weltverband Deutscher Auslandsschulen.