Dieser Artikel erschien am 21.09.2018 auf SPIEGEL ONLINE
Autorin: Silke Fokken

Schulbusärger auf dem Land : „Fünftklässler kommen nicht mehr hinein“

Weniger Schulen, seltene Busse, lange Wege: Für Familien auf dem Land werden Schul­wege oft zur Belastung – und Eltern­taxis zur Not­lösung. Kultus­ministerien aber schieben die Verantwortung oft an die Kommunen ab.

Grundschüler warten vor einem Schulbus
Schüler stehen Schlange vor einem Bus
©dpa

Bei Familie Finke in dem Örtchen Räber in Nieder­sachsen klingelt der erste Wecker morgens um 5:30 Uhr. „Keine Minute zu früh“, sagt Vater Mike Finke. Die mittleren Töchter, elf und zwölf Jahre alt, müssen sich dann schnell fertig­machen, frühstücken und zur knapp einen Kilo­meter entfernten Bus­halte­stelle laufen, damit sie pünktlich den Bus um 6:45 Uhr erwischen.

Inklusive Umsteigen pendeln die Mädchen morgens mehr als eine Stunde zur fast 40 Kilo­meter entfernten Kooperativen Gesamt­schule und mittags wieder zurück – wenn es gut läuft. „Sie müssen nach der 6. Stunde den Bus um 13:08 Uhr bekommen, dann sind sie gegen 14:30 Uhr zu Hause“, sagt Finke. „Aber da herrscht starkes Gedrängel, weil der Bus extrem voll wird. Fünft- und Sechst­klässler kommen oft nicht mehr hinein.“

Ein zweiter Bus komme zwar etwa zehn Minuten später, sagt Finke. Aber wenn seine Töchter den nehmen, müssen sie mehr­fach umsteigen und zwischen­drin andert­halb Stunden warten. Ankunft zu Hause: gegen 16 Uhr. Haben die Kinder nach der 7. Stunde Schul­schluss, fährt gar kein Bus, der nächste kommt erst wieder nach der 8. Stunde. Bis dahin müssen sie die Zeit tot­schlagen und sind erst spät­nach­mittags wieder daheim.

„Für die Kinder ist das extrem belastend. Der lange Schul­weg schlaucht“, sagt Finke. „Meine Töchter schlafen oft früh­abends erschöpft auf dem Sofa ein.“ Für Sport und andere Hobbys bleibe viel zu wenig Zeit. Die Fahrerei schränke den Tages­ablauf der ganzen Familie extrem ein.

Auf dem Land fährt jedes dritte Kind Bus

Mit ihrem Schulbus-Ärger sind die Finkes keine Aus­nahme. Wie viele Familien betroffen sind, wird statistisch aller­dings nicht erfasst. Es gibt zwar etliche Studien dazu, wie weit und wie lange Erwachsene zum Arbeits­platz pendeln, aber keine bundes­weite Erhebung für Schüler. Daten liegen nur für einzelne Regionen oder Schüler­gruppen vor.

Der ADAC hat Ende 2017 mehr als 1.000 Mütter und Väter zu Schul­wegen von Grund­schülern befragt und deutliche Unter­schiede fest­gestellt: In ländlichen Gebieten muss demnach mehr als ein Drittel der Kinder einen mindestens zwei Kilo­meter langen Schulweg bewältigen, knapp ein Viertel eine Strecke von vier oder mehr Kilo­metern.

In Städten dagegen haben der Umfrage zufolge drei Viertel der Kinder einen Schul­weg von nur bis zu zwei Kilo­metern. Dadurch gehen in Städten auch deutlich mehr Kinder zu Fuß zur Schule als in ländlichen Regionen. Hier fährt rund ein Drittel der Grund­schüler mit dem Bus.

Zum Schulweg älterer Schüler hat das Forschungs­zentrum Demo­grafischer Wandel an der Frankfurt University Daten erhoben. Es wertete Befragungen von gut 10.000 etwa 14-jährigen Schülern aus, und dabei kam heraus: 14 Prozent der Schüler sind weniger als zehn Minuten zur Schule unter­wegs, aber 15 Prozent brauchen länger als 45 Minuten bis ins Klassen­zimmer.

Langer Schulweg, häufiger Konzentrations­probleme

Der Unterschied macht sich bemerkbar: „Jugendliche, die einen langen Schul­weg zurück­legen müssen, klagen häufiger über Konzentrations­probleme“, sagt der Frankfurter Forscher Sven Stadtmüller. Sie seien häufiger gereizt und unzufriedener mit ihrer Gesund­heit. Stadtmüller mahnt: Das Problem werde gerade auf dem Land künftig größer werden, weil immer mehr Schulen schließen und die Schul­wege weiter würden.

Seit Anfang der Neunziger­jahre ist laut Statistischem Bundes­amt allein die Zahl der allgemeinen, weiter­führenden Schulen bundes­weit deutlich zurück­gegangen: von etwa 15.500 auf knapp 12.000. Ein Grund dafür waren zwischen­zeitlich oder regional stark sinkende Schüler­zahlen und eine Bildungs­politik, die auf zentrale, größere Schul­standorte statt den Erhalt von Dorf­schulen setzte.

Beispiel Mecklenburg-Vorpommern: Hier schrumpfte die Zahl der Schulen seit 1992 auf fast ein Drittel: von 1.894 auf 709. In Hohen Wangelin im Landkreis Mecklen­burgische Seen­platte sei die Schule vor einigen Jahren abgerissen worden, sagt Torsten Zarnikow, der in dem Ort lebt und vier Kinder hat. Auf dem Sport­platz würden inzwischen Schafe grasen.

Für seinen zwölfjährigen Sohn und die sechsjährige Tochter bedeutet das: Sie müssen morgens um 6:30 Uhr an der Halte­stelle in den Bus steigen, um zur mehr als 20 Kilo­meter entfernten Schule zu fahren. Ankunft: 6:56 Uhr.

„Es fährt morgens nur dieser eine Bus“, sagt Zarnikow. „Wenn ein Kind den verpasst, muss es zu Hause bleiben.“ Bei den Entfernungen sei auch das Eltern-Taxi keine Option, schon gar nicht bei mehreren Kindern. „Es müsste mehr kleinere Schulen übers Land verteilt geben, statt wenige große Schulen“, sagt Zarnikow, der auch Mitglied im Eltern­rat von Mecklen­burg-Vorpommern ist.

Bis zu 60 Minuten für den Schul­weg zumutbar

Das Bildungsministerium hält dagegen, sehr kleine Schulen würden in Mecklen­burg-Vorpommern durchaus genehmigt und erhalten, wenn ansonsten unzumutbare Schul­wege für Kinder und Jugendliche entstünden. Aber was ist zumutbar?

Bei Grundschülern hält die Behörde bis zu 40 Minuten pro Strecke für vertret­bar, ab Klasse 5 bis zu 60 Minuten. Sie verweist zudem auf eine Befragung im Rahmen des Mikro­zensus 2016. Demnach ist die große Mehrheit der Schüler in Mecklen­burg-Vorpommern weniger als 30 Minuten unter­wegs zur Schule.

Etwa jeder Zehnte braucht aber bis zu 60 Minuten. Bei den Berufs­schülern fährt etwa ein Drittel bis zu 60 Minuten zur Schule, ein weiteres Drittel sogar länger. Dass viele Schüler zudem oft lange Warte­zeiten haben, weil der Busverkehr nicht immer auf Unter­richts­beginn und -schluss abgestimmt ist, wird in der Studie nicht berücksichtigt.

Beispiel Brandenburg: Man bemühe sich, auch kleinere Schulen zu erhalten, heißt es in der Bildungs­behörde. Aber mehrere Schulen an einem Standort, sogenannte Campus­lösungen, hätten positive Synergie­effekte. Eine Fahr­zeit von 90 Minuten pro Strecke sei für zumutbar.

„Das sehen wir Eltern natürlich anders“, sagt Jan Alexy vom Landeselternrat Brandenburg. Er sagt, dass bei der Festlegung von Schulstandorten viel mehr berücksichtigt werden müsse, welche Wege damit verbunden seien. So sieht es auch Finke aus Niedersachsen. Der lange Schulweg seiner Töchter habe zwar viel mit der Wahl der Schulform zu tun, aber das nächste Gymnasium sei ebenfalls knapp 20 Kilometer entfernt, und an der näher gelegenen Oberschule könnten die Kinder nicht das Abitur machen.

Um die weiten Anfahrten für Kinder zumindest erträglicher zu machen, fordern die Eltern, dass der Busverkehr besser auf die Bedürfnisse der Schüler abgestimmt werden müsse. „Notfalls muss die Politik mehr Geld in die Hand nehmen, um diese teilweise unhaltbaren Zustände zu beseitigen“, sagt Finke.

Die Bildungsministerien verweisen allerdings gerne auf die Kommunen, denn die seien für die Schülerbeförderung zuständig. Von zentraler Stelle wird der Schulweg-Ärger somit meist nicht angegangen.

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