Fridays for Future : Wie Eltern zum Schulstreik fürs Klima stehen

Der Schulstreik „Fridays for Future“ spaltet die Elternschaft. Das zeigt die nachträgliche Auswertung des Deutschen Schulbarometers, einer repräsentativen Elternbefragung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT Verlagsgruppe. Demnach findet es die Hälfte der Eltern in Ordnung, wenn Kinder auch mal dem Unterricht fernbleiben, weil sie sich für Klima- und Umweltschutz engagieren. Aktualisiert am 20. September mit Stimmen von der Demonstration in Berlin.

Florentine Anders / 18. September 2019
Infografik
©Henriette Anders

In mehr als 2.000 Städten will die „Fridays for Future“-Bewegung am 20. September für mehr Klimaschutz demonstrieren. Die Schülerinnen und Schüler, die dem Streikaufruf folgen, verpassen in dieser Zeit den Unterricht. In den Schulen wird der Verstoß gegen die Schulpflicht unterschiedlich gehandhabt – doch wie stehen die Eltern dazu? Jede zweite Mutter oder jeder zweite Vater ist einverstanden, wenn Schülerinnen und Schüler auch mal dem Unterricht fernbleiben, weil sie sich für Klima und Umwelt engagieren. Doch für 31 Prozent der Eltern geht die Schule vor, und 18 Prozent der Eltern lehnen zumindest teilweise das Fernbleiben vom Unterricht ab.

An Grundschulen ist die Zustimmung zum Schulstreik mit 46 Prozent etwas geringer als an den weiterführenden Schulen (52 Prozent). Betrachtet man die verschiedenen Schularten unter den weiterführenden Schulen, zeigt sich an Gymnasien das größte Einverständnis der Elternschaft. Dort unterstützen 56 Prozent, dass ihre Kinder dem Unterricht fernbleiben, um sich für Klimaschutzmaßnahmen zu engagieren. An den Haupt,- Real- oder Mittelschulen lehnt die Mehrheit der Eltern die Verletzung der Schulpflicht für den Umweltschutz ab. Hier finden es nur 43 Prozent der Mütter und Väter in Ordnung, wenn ihre Kinder auch mal in der Schule fehlen, weil sie sich für Klimaschutz engagieren.

Große Unterstützung in der Gesellschaft für globalen Streiktag von „Fridays for Future“

Deutschlandweit erhält die Bewegung „Fridays for Future“ für ihren globalen Streikaufruf derzeit eine breite Unterstützung in der Gesellschaft. Mit dabei sind Umwelt- und Entwicklungsorganisationen wie Greenpeace und „Brot für die Welt“, aber auch die Evangelische Kirche, die Gewerkschaft Verdi und der Deutsche Kulturrat. Sie riefen alle Bürgerinnen und Bürger auf, an den bislang mehr als 400 bundesweit geplanten Demonstrationen teilzunehmen. Auch gut 200 Mitgliedsfirmen des ökologisch orientierten Verbands „UnternehmensGrün“ beteiligen sich aktiv an den Protesten. Sie wollen ihre Geschäfte schließen und rufen ihre Mitarbeiter auf, für mehr Klimaschutz auf die Straße zu gehen.

Die Gewerkschaft Verband Bildung und Erziehung (VBE) fühlt sich unterdessen im Umgang mit Fehlstunden der streikenden Schüler alleingelassen und warf Politikerinnen und Politikern in einem Schreiben „Doppelzüngigkeit“ vor. Es dürfe nicht sein, dass das Engagement der Schülerinnen und Schüler auf der einen Seite unterstützt werde, „aber auf der anderen Seite den Schulen die Verantwortung aufzubürden, zu entscheiden, wie und ob sie Verletzungen der klar gesetzlich geregelten Schulpflicht ahnden“, erklärte der VBE-Vorsitzende Udo Beckmann. „Damit macht die Politik Schulen zum Sündenbock.“

Der Hauptvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) begrüßt die Demonstrationen von „Fridays for Future“ und fordert die Verbände vor Ort zur Unterstützung auf. In Niedersachsen schlug die GEW den Schulen vor, dienstkonforme Möglichkeiten zur Teilnahme am Streik zu prüfen. „Dies kann zum Beispiel ein Projekttag oder eine Klassen-Exkursion sein“, sagte die Landesvorsitzende Laura Pooth.

Und wie finden es die Leserinnen und Leser des Schulportals, wenn sich Lehrerinnen und Lehrer an dem Schulstreik beteiligen und den Unterricht ausfallen lassen? An der Online-Umfrage des Schulportals haben sich bisher 152 Nutzerinnen und Nutzer beteiligt: 78 Prozent würden es befürworten, wenn auch Lehrkräfte für das Klima streiken würden. Auf dem Schulportal und in den sozialen Netzwerken gab es zahlreiche Kommentare zu der Fragestellung, wie sich Lehrkräfte verhalten sollten. „Lehrerinnen und Lehrer gehören zu ihren Schülerinnen und Schülern. Das ist doch klar, oder? Erst wenn der Beamtenstatus aufgehoben ist, wird sich zeigen, wer tatsächlich solidarisch mit den Schülerinnen und Schülern ist“, schrieb beispielsweise ein Leser. In einem anderen Kommentar hieß es: „Ich fände es wichtiger, wenn die Lehrer Klima-/Umweltschutz im Unterricht aufgreifen würden. Mit den Kids den Alltag beleuchten, was besser geht, und vor allem: mit gutem Beispiel vorangehen“.

Wenn auch Sie abstimmen und mitdiskutieren wollen, können Sie das hier tun.

mit dpa

Stimmen

Hunderttausende Kinder, Jugendliche und Erwachsene demonstrierten am 20. September für einen besseren Klimaschutz. Das Schulportal war in Berlin vor Ort und hat sich unter den Teilnehmerinnen und Teilnehmern umgehört:

  • Nora, 9 Jahre aus Kreuzberg: „Wir sind zusammen mit unseren Eltern hier. Eigentlich wollte unsere Lehrerin auch mitkommen, aber das ging nicht, weil sie unterrichten musste. Insgesamt sind neun Kinder aus der Klasse mitgekommen, wir mussten einen Zettel von den Eltern in der Schule abgeben. In den ersten beiden Unterrichtsstunden haben wir alle zusammen Plakate gebastelt.”
  • Mathilda, 9 Jahre aus Mitte: „Aus unserer Klasse sind alle Kinder mit dabei. Wir haben uns in der Schule getroffen und sind dann zusammen mit Eltern losgegangen. Die Klasse wurde in mehrere kleine Gruppen aufgeteilt.”
  • Ariane Konetzka, Lehrerin einer Grundschule in Mitte: „In meiner Klasse hat der Klassenrat abgestimmt. Da die Klasse geschlossen zur Demo gehen wollte und ich heute dadurch keinen Unterricht gehabt hätte, konnte ich selbst auch mitgehen. Die Aufsicht liegt aber klar bei den Eltern. Darüber hatte die Schulleitung die Eltern vorher in einem Brief informiert.”
  • Merlin, 10 Jahre, Neukölln: „Ich gehe in die sechste Klasse und bin hier, weil ich möchte, dass die Regierung merkt, dass sie etwas ändern muss, um die Umwelt besser zu schützen. Ich habe heute morgen meinem Lehrer einen Brief von meinen Eltern abgegeben. Mein Lehrer war einverstanden, dass ich im Unterricht fehle. Er unterstützt die Demo und wäre selbst gern dabei gewesen.”

Auf einen Blick

  • Das Deutsche Schulbarometer ist eine repräsentative Befragung im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT Verlagsgruppe.
  • Das infas Institut für angewandte Sozialwissenschaft hat dazu im Juni und Juli dieses Jahres 1.011 Eltern von Kindern an Grundschulen und weiterführenden Schulen aus ganz Deutschland befragt.
  • Die vollständigen Ergebnisse, Berichte und Interviews sowie alle weiteren Themen des Deutschen Schulbarometers finden Sie hier.