Dieser Artikel erschien am 15.03.2019 auf ZEIT Online
Autor: KIlian Trotier

Fridays for Future : „Die Lehrer wollen mitmachen!“

Weltweit streiken an diesem Freitag die Schüler. Und die Lehrer? Zumindest die deutschen dürfen nicht. Doch einige von ihnen haben sich jetzt organisiert.

Lehrer auf einer "Fridays for Future"-Demo in Frankreich
In Frankreich streiken Lehrer für die Zukunft ihrer Schüler. Bei dieser Demonstration aus dem Jahr 2016 allerdings handelt es sich konkret um die Bildung.
©dpa

Am Freitag gehen Tausende Schülerinnen und Schüler welt­weit auf die Straße, um gegen die Klima­krise zu demonstrieren. Es gibt Eltern, die sie dabei unter­stützen und sich Parents for Future nennen – aber bislang noch keine Lehrer. Das könnte sich ändern, denn einige von ihnen haben sich gerade erstmals organisiert. Sie nennen sich Teachers for Future. Ulf Ralfs war bei der Gründung dabei, als einziger Nicht-Lehrer. Er spricht für die Gruppe, die aus Angst vor der Reaktion ihrer Arbeit­geber erst einmal anonym bleiben will. Ralfs lebt in Langwedel, Schleswig-Holstein. Er hatte Jahr­zehnte­lang ein Rad­sport­geschäft in Kiel und ist seit Anfang der Achtzigern Mitglied der Grünen.

ZEIT ONLINE: Herr Ralfs, wer sind die Lehrer, mit denen Sie geredet haben?
Ulf Ralfs: Sie kommen aus ganz Deutschland, aus Potsdam, Freiburg, Düsseldorf, Langwedel. Zum ersten Mal haben sie sich Anfang März zu einer Telefon­konferenz verabredet. Ich hatte davon im Netz gelesen und gedacht: Das ist spannend. Die Lehrer wollen nicht einfach weiter unterrichten und schweigen, während die Jugendlichen auf die Straße gehen.

ZEIT ONLINE: Was fordern sie?
Ralfs: Sie wollen Klima als ein Schulfach einführen, weil über die Konsequenzen der Erd­erwärmung in der Schule kaum geredet wird. Aufklärung in dem Bereich ist so verdammt wichtig.

ZEIT ONLINE: Warum sprechen wir mit Ihnen und mit keinem von den Lehrern?
Ralfs: Ich bin Rentner, mir kann nichts passieren. Das ist bei den Lehrern anders. Bevor sie sich outen, müssen sie juristisch abklopfen, was ihnen drohen könnte. Beamte dürfen nicht streiken, das hat das Bundes­verfassungs­gericht erst letztes Jahr wieder bestätigt. Lehrer könnten von staatlicher Seite aus also am verbindlichsten und direktesten reglementiert werden. Wenn man hört, wie die Stimmen, die gegen die Proteste sind, auch in der deutschen Politik laut werden, müssen die Lehrenden höllisch aufpassen.

ZEIT ONLINE: Wie erleben Sie die Lehrer?
Ralfs: Sie sind total kämpferisch, aber die Situation ist kompliziert. Sie sehen die Harmonie und die Solidarität in ihren Schulen bedroht. Im Grunde möchten die Lehrer den Schülern beiseite­stehen, sie müssen aber gesetzliche Restriktionen fürchten. Man muss sich das mal vorstellen: Sie stehen jeden Tag vor ihren Schülern, die gehen demonstrieren, die Lehrer wollen eigentlich mit, dürfen das aber nicht laut sagen, sonst kann es Probleme geben. Diejenigen, die sich nun zusammen­getan haben, sagen: Wir gehören dazu. Die Lehrer wollen mitmachen!

ZEIT ONLINE: Wie viele Lehrer waren bei den ersten Gesprächen dabei?
Ralfs: Sechs. Bei der nächsten Telefon­konferenz am Samstag werden es 15 sein. In Nordrhein-Westfalen haben schon über 600 Leute eine Petition von Lehrern unter­schrieben. Die Lehrer haben spät angefangen, sich zu engagieren, aber jetzt geht es richtig los. Sie scharren mit den Füßen, endlich selbst etwas zu tun.

ZEIT ONLINE: Gibt es schon Reaktionen von Schülern?
Ralfs: Ich kenne die Initiatoren der Klima­proteste in Kiel. Mit denen habe ich drüber gesprochen, ob man nicht eine Verbindung aufbauen sollte. Aber einige der Schüler wollen die Lehrer gar nicht so sehr an sich heran­lassen.

ZEIT ONLINE: Was halten die Lehrer von dem Argument: Freitags in der Schul­zeit zu demonstrieren, ist verkehrt, in der Freizeit ist die Glaub­würdig­keit viel größer?
Ralfs: Die sind alle für den Freitag­morgen. Es geht doch auch darum, zu provozieren! Die Zukunft des Planeten ist wichtiger als vier Stunden Unterricht.

ZEIT ONLINE: Was werden die nächsten Schritte sein?
Ralfs: Die müssen jetzt folgen. Mit diesem Interview erfährt die Öffentlichkeit zum ersten Mal in Deutschland von den Teachers for Future. Es sollen noch viel mehr von ihnen zusammen­kommen und sich organisieren. Bislang fehlt es noch an den einfachsten Dingen: eine Homepage, E-Mail-Adresse, möglicher­weise ein Bankkonto.

ZEIT ONLINE: Was wünschen sich die Lehrer für die Zukunft?
Ralfs: Sie wollen sich frei und sicher bewegen können, wenn sie mit­demonstrieren. Eine Einheit zwischen Lehrern und Schülern, die für die gleiche Sache kämpfen – das ist das Ziel.