Wie geht es den Schulen im Ahrtal ein Jahr danach?

Die Schulen im Ahrtal sind auch ein Jahr nach der Flutkatastrophe noch weit vom Normalzustand entfernt. Der Unterricht findet oft in Provisorien statt, und die Spuren der Flutnacht begleiten die Lehrerinnen und Lehrer, die Schülerinnen und Schüler jeden Tag. Bei manchen zeigen sich die Traumafolgen auch erst jetzt. Das Schulportal hat zwei Schulen in Bad Neuenahr-Ahrweiler besucht.

Annette Kuhn 07. Juli 2022
Schüler Schulleitung Ahrtal EKS
Mike, Schulleiterin Doris Stutz, Celine, Aulan und Schulsozialarbeiterin Jacqueline Ockenfeld (v.l.) auf der Baustelle, die vor der Flut der Eingangsbereich der Erich-Kästner-Realschule war.
©Annette Kuhn
EKS Realschule plus nach der Flut
Nach der Flutnacht sah es aus, als würde die Schule im Ortsteil Ahrweiler im Wasser schwimmen.
©EKS Realschule plus

In der Nacht gibt es ein kräftiges Gewitter, am Morgen regnet es. Endlich, würde man anderswo sagen. Aber hier, im Ahrtal, ruft jeder etwas stärkere Regen Erinnerungen und Ängste wach. Fast genau ein Jahr ist es her, dass sich die Ahr – ein schmaler Nebenfluss zum Rhein –, die in regenarmer Zeit nicht mal einen halben Meter tief ist, in einen reißenden Strom verwandelt hat.

Im Juli 2021 hatte es tagelang geregnet. Am 14. Juli zeigte der Pegel der Ahr in Ahrweiler um 20.45 Uhr einen Wasserstand von 5,75 Metern an – der höchste Stand, der jemals gemessen worden ist. Es war die letzte Messung an diesem Tag. Kurz danach lieferte die Messstation keine Daten mehr, der Strom fiel aus. Und bald stand auch das Messhäuschen nicht mehr, es wurde von den Fluten verschluckt.

134 verloren allein im Ahrtal durch die Flut ihr Leben

Was in der darauffolgenden Nacht passierte, ist bekannt: Allein im Ahrtal verloren 134 Menschen ihr Leben. Häuser, Brücken, Straßen, Autos wurden weggerissen. Am Morgen danach blieb ein Bild der Verwüstung.

Die erschütternden Bilder liefen auf allen Kanälen. Aber Doris Stutz sagt auch noch ein Jahr danach: „Wer nicht vor Ort war, kann sich das eigentlich gar nicht vorstellen.“ Immer wieder sagt sie diesen Satz. Man sieht ihr dabei an, wie nah, wie unfassbar die Flutnacht und ihre Folgen noch immer sind. Dabei war die Schulleiterin der Erich-Kästner-Realschule plus in Ahrweiler nicht mal direkt betroffen. Sie wohnt etwas entfernt von der Ahr.

Aber seit dem 15. Juli 2021 gibt es keinen Tag, an dem die Flut sie nicht beschäftigt. Allein schon dieser Staub, der überall liegt – auch auf der Zunge. Vor allem aber ist ihre Arbeit als Schulleiterin seitdem eine andere. Sie managt nicht mehr nur den Schulalltag, sondern sie ist auch Krisenmanagerin, Bauplanerin, Spendenkoordinatorin, manchmal auch Handwerkerin.

Schulleiterin Doris Stutz in der Turnhalle
Die Schulleiterin Doris Stutz ist jetzt auch Krisenmanagerin, Bauplanerin, Handwerkerin. Hier begutachtet sie den Stand der Sanierung in der Turnhalle.
©Annette Kuhn

Die Erich-Kästner-Realschule steht gerade mal 100 Meter von der Ahr entfernt. Sie ist eine von mehr als 30 Schulen im Ahrtal, die durch das Hochwasser betroffen waren. Heute ist die Ahr selbst von der zweiten Etage der Schule nicht zu sehen, so tief liegt das Wasser im Flussbett. Vor einem Jahr aber sah es aus, als schwimme die Schule in einem riesigen See. Die Flut hat das gesamte Erdgeschoss der Schule zerstört. Mit einer solchen Wucht kam das Wasser, dass es ganze Wände und das gesamte Mobiliar des Lehrerzimmers, der Mensa, der Schulküche mit sich riss.

Wir wollten den Kindern eine nahezu heile Welt bieten, die so viele in ihrem privaten Umfeld jetzt nicht mehr hatten.
Doris Stutz, Schulleiterin der Erich-Kästner-Realschule plus in Ahrweiler

Als Doris Stutz eine Woche nach der Flutnacht zum ersten Mal wieder die Schule betreten durfte, türmten sich in ihrem Büro Stühle, Tisch, Schlamm und Büsche bis fast unter die Decke.

Durch ein Fenster kletterte sie hinein und musste sich von der Feuerwehr den Weg zum Tresor freischneiden lassen. „Ich wollte unbedingt die Festplatte retten, um zumindest noch später die Zeugnisse ausstellen zu können.“ Nach der Katastrophe hat sich zwar erst mal keiner für Zeugnisse interessiert, „aber man funktioniert einfach in diesem Moment und arbeitet wie automatisiert“, erinnert sie sich.

Schaufeln und Schubkarren waren überall ausverkauft

Es dauerte Tage, bis sie die Gewissheit hatte, dass zumindest alle Schülerinnen und Schüler und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Schule noch am Leben waren. Das war beruhigend – aber wie sollte es mit der Schule weitergehen? Wo sollte sie nur anfangen? Wie sollten sie diese Schlammmassen wieder rausbekommen, wo sie nicht mal Schaufeln und Schubkarren hatten? Denn die waren bald bis ins Ruhrgebiet hinein in allen Baumärkten ausverkauft – und trotzdem gab es im Ahrtal nicht genug.

DIe Erich-Kästner-Realschule kurz nach der Flut

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In den Sommerferien war Doris Stutz jeden Tag in der Schule. Sie war dort nie allein. Eltern, Kolleginnen und Kollegen, ältere Schülerinnen und Schüler, alle waren sie in der Schule, wollten etwas tun, weil sich das Ganze so besser aushalten ließ. „Das hat uns bis heute sehr zusammengeschweißt“, sagt die Schulleiterin. Sie packte selbst mit an, koordinierte die vielen Spenden und die Helferinnen und Helfer, die von überallher – sogar aus Stralsund – gekommen waren.

Erstes Ziel war, das Schulgebäude nach den Sommerferien wieder öffnen zu können und nicht in ein Ausweichquartier umziehen zu müssen. „Wir wollten den Kindern eine nahezu heile Welt bieten, die so viele in ihrem privaten Umfeld nicht mehr hatten“, erklärt die Schulleiterin. Ein Wettlauf mit der Zeit, immerhin waren die Räume im gesamten Erdgeschoss und auch die Sporthalle nicht mehr nutzbar.

Die einen hatten im Ahrtal alles verloren, die anderen waren im Sommerurlaub

Aber wie kann eine Schule überhaupt wieder normal Unterricht machen nach so einem Ereignis, nachdem 60 der 320 Schülerinnen und Schüler ihr Haus, all ihre Sachen und ihre Zuversicht in der Flut verloren hatten? Und wie würde es sein, wenn diese Kinder nach den Sommerferien mit den Kindern zusammentreffen, die von der Flut verschont geblieben sind, die wie geplant ihre Sommerferien am Strand oder in den Bergen verbracht haben?

In der Fortbildung „Schulleitungshandeln in der Krise“ wird Schulleitungen geraten, nach einem traumatischen Ereignis am ersten Tag eine Ansprache für die ganze Schule zu halten. Doris Stutz schüttelt den Kopf: „Wie sollte das gehen? Wir hatten doch keinen Raum mehr für alle, und eine Sprechanlage gab es auch nicht.“ Nicht mal der Schulgong ging, um Beginn oder Ende einer Schulstunde oder Pause anzuzeigen. Für Durchsagen hatte sie sich dann ein Megafon gekauft, es steht noch immer in ihrem Büro auf der Fensterbank.

Für manche reicht das Gespräch mit mir nicht – sie brauchen mehr.
Jacqueline Ockenfeld, Schulsozialarbeiterin der Erich-Kästner-Realschule plus in Ahrweiler

Aber der Schulstart war dann einfacher als gedacht: „Die Kinder sehnten sich nach Alltag und waren froh, wieder in die Schule gehen zu können“, erzählt Doris Stutz. Sie wollten normalen Unterricht haben. Doch „normaler“ Unterricht war schwierig, weil aufgrund der fehlenden Räumlichkeiten und Möglichkeiten vieles anders laufen musste. „Wir müssen bis heute viel improvisieren“, sagt die Schulleiterin und betont, was das für hohe Anforderungen an das Kollegium stellt. Aber sie sagt auch, dass es gute Teamstrukturen an der Schule gibt, die in diesem Schuljahr intensiviert werden konnten. So haben sich die Lehrerinnen und Lehrer der Klassenstufen noch regelmäßiger als vorher getroffen, um den Unterricht zu organisieren, Differenzierung trotz weniger Räume zu ermöglichen und sich über die Verfasstheit der Kinder auszutauschen.

Schüler der EKS Schulen im Ahrtal
Celine, Mike und Aulan haben die Flut hautnah erlebt.

Die Flut war eine Zeitenwende im Leben vieler Menschen

Am Anfang des Schuljahres waren auch Schulpsychologinnen und Schulpsychologen vor Ort, um Gesprächsangebote zu machen. Aber ein Großteil der Kinder wollte gar nicht reden, vielen war nach den Sommerferien kaum etwas anzumerken, sie wirkten, als hätten sie das Erlebte einfach so abgeschüttelt. „Bei manchen kommt erst jetzt alles hoch“, beobachtet Doris Stutz.

Die Schulleiterin ist daher froh, dass sie an ihrer Schule eine Vollzeitstelle für Schulsozialarbeit hat. Jacqueline Ockenfeld kennt die Schülerinnen und Schüler, sie kann bei Bedarf schnell das Gespräch mit ihnen, den Eltern oder Lehrkräften suchen. Die Schulsozialarbeiterin weiß aber auch: „Für manche reicht das Gespräch mit mir nicht – sie brauchen mehr.“

So wie Celine. Die 16-jährige Schülerin aus Ahrweiler war in der Flutnacht gerade auf dem Weg zu ihrem Vater, als ihr auf einmal das Wasser bis zur Brust stieg. Wie lange sie da stand, weiß sie nicht mehr. Aber sie weiß, dass sie diese Nacht und die Tage danach nicht loswird. Die Angst, die Hilfeschreie um sie herum, den Gestank des modrigen und ölverseuchten Wassers. Die Flut ist eine Zeitenwende in ihrem jungen Leben. Es gibt ein Leben davor und eines danach, bei deren Bewältigung sie froh ist, mittlerweile Unterstützung durch eine Therapie zu haben. „Nach acht Wochen ging es los, ich bekam auf einmal keine Luft mehr“, erzählt sie. Sie ist dann zum Arzt gegangen und erfuhr, dass sie eine Panikattacke hatte.

Ich habe es nicht ausgehalten, konnte einfach nicht abschalten.
Celine, Schülerin der Erich-Kästner-Realschule plus

Auch der 16-jährige Aulan hat in der Flutnacht Todesangst erlebt. Das Wasser kam in seinem Elternhaus bis in den ersten Stock. Die Familie hat sich dann in die zweite Etage gerettet, „aber die Angst blieb, weil wir ja nicht wussten, wie weit es noch steigt“. Über das Garagendach kletterten sie dann in das Haus der Nachbarn, von dort konnten sie sich in Sicherheit bringen.

Und der 13-jährige Mike lebt bis heute mit der Frage: „Was wäre gewesen, wenn mich meine Eltern nicht rechtzeitig geweckt hätten und wir uns in den zweiten Stock gerettet hätten?“

Bis heute sind die meisten Schulen im Ahrtal Baustellen

Wie bei so vielen Menschen im Ahrtal ging es für die drei Jugendlichen in dieser Nacht um Leben und Tod. Das zu verarbeiten braucht viel Zeit und manchmal auch Ablenkung. In den Sommerferien 2021 haben Celine und Aulan versucht, die zu finden. Aulans Familie hat drei Wochen aufgeräumt, dann ist sie in ihre Heimat, den Kosovo, gefahren. „Aber meine Gedanken waren immer im Ahrtal“, sagt er. Celine musste ihre geplante Österreichreise nach zwei Tagen abbrechen: „Ich habe es nicht ausgehalten, konnte einfach nicht abschalten.“ Und Mike ist im Ahrtal geblieben und hat sich gefreut, als die Ferien vorbei waren: „Dann konnte ich endlich wieder meine Freunde treffen, und es war ein bisschen wie früher.“

Bis heute ist die Schule eine große Baustelle. Auf dem Schulhof stehen Toilettenwagen, weil die Toiletten im Gebäude nicht mehr begehbar sind. Essen gibt es in einem Mensa-Zelt auf dem Hof, Sportunterricht – auch den Winter über – nur draußen auf dem Schulhof oder als Theoriestunde.

Die Schulen im Ahrtal erleben viel Hilfsbereitschaft

Aber es gibt auch viel Unterstützung, die über die schwierige Zeit hinweghilft: Die Schülerinnen und Schüler der 10. Klassen, die vor Ort keine Praktika machen konnten, wurden nach Mainz und Ingelheim für Praktika eingeladen und konnten dabei in Gastfamilien wohnen. Und Spenden machten es möglich, dass alle auf Klassenfahrt gehen konnten. Einige Klassen konnten bis an die Ostsee fahren – der Kontakt war über die Helfer aus Stralsund zustande gekommen.

Doris Stutz ist froh, dass nach den Sommerferien wieder erste Räume im Erdgeschoss nutzbar sein sollen. Und sie weiß auch, dass es andere Schulen im Ahrtal noch viel stärker getroffen hat, zum Beispiel die drei Kilometer entfernte Berufsbildende Schule (BBS) Bad Neuenahr-Ahrweiler.

Gundi Kontakis, Schulleiterin der BBS Ahrweiler
Gundi Kontakis, Schulleiterin der BBS Bad Neuenahr-Ahrweiler.
©Annette Kuhn
Vielen Jugendlichen hat die Flut die Berufsplanung zerrissen.
Gundi Kontakis, Schulleiterin der Berufsbildenden Schule Bad Neuenahr-Ahrweiler

Die Schule liegt nur wenige Schritte von der Ahr entfernt. 2.500 Schülerinnen und Schüler besuchen sie normalerweise. Doch bis Anfang Juni 2022 waren die Jugendlichen auf sechs verschiedene Ausweichstandorte an Schulen im Land verteilt. Manche Schülerinnen und Schüler brauchten mehr als zwei Stunden zur Ausweichschule – für die einfache Fahrt.

Auch Pascal Meyer, der eine Ausbildung in Konstruktionstechnik macht, hatte einen langen Anfahrtsweg. Aber das war nicht das Einzige – er musste sich, wie viele andere Auszubildende auch, einen neuen Ausbildungsbetrieb suchen, weil der alte durch die Flut zerstört war. „Vielen Jugendlichen hat die Flut die Berufsplanung zerrissen“, sagt Schulleiterin Gundi Kontakis.

Drei große Zelthallen stehen heute auf dem Gelände der Berufsbildenden Schule Ahrweiler, weil das Hauptgebäude zum großen Teil noch nicht wieder nutzbar ist.
©Foto: Thomas Frey/dpa
Unterricht in einer Zelthalle
Die Technik in den provisorischen Räumen der Zelthallen ist gut, aber es ist sehr hellhörig, sagt Lehrer Daniel Schlich, der hier unterrichtet.
©Annette Kuhn
Innenansicht Schulgebäude der BBS Ahrweiler
Berufsschüler Pascal Meyer (l.) und sein Lehrer Jens Karos besuchen zusammen mit der Schulleiterin Gundi Kontakis die Baustelle.
©Annette Kuhn
Blick auf entkernten Gebäudeteil
Noch vor einem Jahr waren hier die Werkstätten der BBS Bad Neuenahr-Ahrweiler, heute ist der Trakt völlig entkernt.
©Thomas Frey/dpa

60 Unterrichtsräume an der BBS Ahrweiler in Zelthallen

Aber auch das Kollegium stand vor enormen Herausforderungen. Stundenpläne mussten neu geschrieben werden, weil auf einmal die Klassenräume nicht zehn Schritte, sondern 100 Kilometer auseinanderlagen. Der Informationsfluss fand monatelang fast nur über Telefon und Mail statt. Selbst während der Pandemie gab es mehr Möglichkeiten der Begegnung. Darum sind nun alle froh, dass sie im Juni, nach einem knappen Jahr, wieder an die BBS zurückkehren konnten. Auch wenn vieles noch provisorisch ist – zum Beispiel das Lehrerzimmer. Dort stehen Blumen auf den Tischinseln, und es gibt eine kleine Lounge-Ecke. „Es ist eng hier“, sagt Daniel Schlich, Lehrer und Personalratsvorsitzender, „aber wir versuchen, es uns schön zu machen.“

Das Schulgebäude umgeben von Wasser
Helfer der Bundeswehr konnten die BBS Bad Neuenahr-Ahrweiler anfangs nur mit dem Boot erreichen.
©BBS Ahrweiler
Ein Schulcontainer, gestoppt von einem Baum
Schulcontainer, die vor der Flut auf dem Gelände standen, wurden zum Teil meterweit verschoben.
©BBS Ahrweiler

Noch sind große Bereiche der Schule geschlossen. An vielen Stellen sieht es noch immer so aus, als sei die Flutnacht erst vor Kurzem gewesen. Und es ist auch noch nicht lange her, dass man nur mit Gummistiefeln über das Gelände gehen konnte. Heute stehen drei Zelthallen auf dem Schulhof. In jedem Zelt sind je 20 Unterrichtsräume abgeteilt. Die technische Ausstattung ist gut, aber es ist hellhörig. Man hört den Unterricht der Nachbarklasse, und man hört die Bagger und anderen Baufahrzeuge vor der Tür, die seit Monaten daran arbeiten, dass hier wieder normaler Schulbetrieb stattfinden kann.

Im Schulgebäude sah es aus wie im Dschungel.
Daniel Schlich, Lehrer an der BBS Bad Neuenahr-Ahrweiler

Die ersten Monate ging nichts an der BBS Ahrweiler. Die Schule konnten Helfer der Bundeswehr zuerst nur mit dem Boot erreichen. Was sie vorfanden, war eine unvorstellbare Verwüstung. Auf dem Schulhof waren an die 30 Autos angeschwemmt worden, Schulcontainer waren ein paar Meter verschoben. „Im Schulgebäude sah es aus wie im Dschungel“, erinnert sich Daniel Schlich.

Die ersten Besprechungen fanden in einem Café statt

Die beiden Hausmeister, die auf dem Schulgelände wohnten, konnten sich in letzter Minute in Sicherheit bringen. Eine Kollegin und ein pensionierter Kollege der Schule haben es nicht mehr rechtzeitig geschafft. Sie kamen in der Nacht ums Leben. Und auch die Schulleiterin selbst war in der Nacht von der Flut unmittelbar betroffen. Sie wurde mit einem Boot aus dem zweiten Stock ihres Hauses befreit. Seitdem lebt sie mit ihrem Mann in einer Ferienwohnung und weiß bis heute nicht, wann sie wieder in ihr Haus zurückkehren kann.

Bis November war die Schulverwaltung ausgelagert. „Wir haben uns zuerst in einem Café getroffen, um zu besprechen, wie es weitergeht. Es war ja eine Riesenlogistik, für so viele Schülerinnen und Schüler Ausweichquartiere zu finden“, erzählt Gundi Kontakis. Sie mussten sich für die Besprechungen Cafés weiter weg suchen – denn in Ahrweiler gab es kein Café mehr.

Noch heute gibt es kaum eines. An vielen Stellen sieht der einst so pittoreske Kurort aus wie eine Geisterstadt. Das Leben im Ahrtal findet, noch immer, fast überall erst ab der ersten Etage aufwärts statt.

„Unsere Stadt wird wieder bunt“ steht auf Transparenten in Ahrweiler

Das ist in der BBS Ahrweiler nicht anders. Die Schule hat noch eine lange Durststrecke und eine lange Zeit der Improvisation vor sich, bis der Normalbetrieb wieder läuft. „Und niemand weiß, wann wieder eine Flut kommt“, sagt Gundi Kontakis. Diese Sorge ist immer da, ein Blick auf die vielen zerstörten Schulen und Häuser, die Geröllfelder, das ausgefranste Flussbett lässt die Erinnerung an die Flutnacht nicht verblassen.

Aber es gibt auch viel Hoffnung. „Unsere Stadt wird #wiederbunt“ ist auf Transparenten in Bad Neuenahr-Ahrweiler zu lesen – es ist der Spruch zur Wiederaufbau-Kampagne. Und auch Doris Stutz will das Schuljahr bunt ausklingen lassen. Vor der Flut hat sich die gesamte Schulgemeinde dafür immer auf einer Wiese an der Ahr getroffen. Am 15. Juli ging das nicht, und auch in diesem Jahr muss die Schule sich einen anderen Ort suchen.

Jetzt kommen alle zur Paradieswiese, sie liegt etwas oberhalb. Und danach geht es in die Sommerferien. Auch Celine, Aulan und Mike wollen verreisen – und dabei versuchen, die Bilder der Flutkatastrophe diesmal zu Hause zu lassen.

Plakat auf einem Bauzahn in Bad Neuenahr-Ahrweiler
Bad Neuenahr-Ahrweiler hat eine große Wiederaufbau-Kampagne gestartet: „Unsere Stadt wird #wiederbunt". Dennoch sind die Zerstörungen im Ahrtal noch überall zu sehen.
©Annette Kuhn
Trümmer und Zerstörungen an der Ahr nach der Flutnacht
Meterhoch türmten sich zum Beispiel nach der Flutnacht Wohnwagen, Gastanks, Bäume und Schrott an einer Brücke in Altenahr auf.
©Boris Roessler/dpa
Ansicht von der Ahr in Altenahr heute
Der gleiche Ort nach einem Jahr zeigt, dass noch viel zu tun ist im Ahrtal.
©Boris Roessler/dpa