Flutkatastrophe im Ahrtal : „Von Normalität sind die Schulen noch weit entfernt“

Die Flutkatastrophe im Ahrtal liegt fast fünf Monate zurück. Doch die Nacht, als das Wasser kam, ist für die Betroffenen noch sehr nah. 133 Menschen haben im Ahrtal ihr Leben verloren, Häuser wurden weggeschwemmt, das Leben dort ist bis heute ein täglich neues Provisorium. Auch die Schulen stehen vor großen Herausforderungen. 17 Schulen wurden durch die Katastrophe massiv beschädigt, in einigen kann bis heute kein Unterricht stattfinden. 8.000 Schülerinnen und Schüler sind unmittelbar davon betroffen. Wie können Schulen in dieser Ausnahmesituation zur Normalität zurückfinden? Das Schulportal hat nachgefragt – bei Schulpsychologin Julia Katerkamp, die seit Sommer die Schulen vor Ort begleitet, und bei Oliver Klauk, der im Pädagogischen Landesinstitut in Rheinland-Pfalz als leitender Schulpsychologe für das Krisenmanagement zuständig ist und die schulpsychologische Unterstützung der Schulen im Ahrtal koordiniert.

Annette Kuhn 29. November 2021 Aktualisiert am 02. März 2022
Ahrtal kaputte Brücke
Auch Monate nach der Flutkatastrophe kehrt das Alltagsleben in die zerstörten Orte im Ahrtal nur sehr zögerlich zurück. Viele Straßen und Brücken sind noch nicht wieder instand gesetzt. Auch einige Schulgebäude können bislang nicht genutzt werden.
©Boris Roessler/dpa

Deutsches Schulportal: Wie ist aktuell die Situation an den Schulen im Ahrtal?
Oliver Klauk: Wenn man sich vor Augen hält, was die Menschen in der Region erlebt haben, ist klar, dass die Schulen von Normalität noch weit entfernt sind. Dennoch gibt es eine große Sehnsucht danach – und es ist ein Ideal, den Beteiligten ein Stück Normalität zu geben. Insofern war es auch aus schulpsychologischer Sicht von Anfang an unser Ziel, an den Schulen relativ schnell wieder in geordnete Bahnen zu kommen und sie als sichere Orte den Beteiligten wieder zur Verfügung zu stellen.

Können Schulen das leisten, wenn nicht mal mehr das Schulgebäude steht?
Julia Katerkamp: Tatsächlich ist das eine große Herausforderung, wenn Menschen jeden Schutzraum verloren haben: sowohl die private Heimat als auch die Schule. Viele Schulen sind bis heute zu Gast in anderen Schulen.
Klauk: Eine Berufsschule musste sogar auf fünf Standorte verteilt werden. Aber Schule hat an sich hervorragende Grundvoraussetzungen für einen sicheren Rahmen: Sie bietet Struktur und Rituale, und es gibt eine Schulgemeinschaft, die Verbundenheit erzeugen kann. Das alles sind wesentliche Schutzfaktoren in so einer Situation.

Es kommt aber darauf an, die Balance zu halten: einerseits Struktur zu bieten, andererseits flexibel zu bleiben, um Raum für Gespräche zu geben und auf die aktuellen Bedürfnisse der Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler einzugehen. Viele Emotionen und Erinnerungen kommen auch erst jetzt hoch.

Ahrtal Schulpsychologin Julia Katerkamp
Schulpsychologin Julia Katerkamp betreut vor Ort Schulen, die von der Flutkatastrophe im Ahrtal betroffen sind.
©privat

Das Erlebte der Nacht kommt auf einmal wieder hoch und überwältigt die Kinder und Jugendlichen. Es reicht manchmal ein Geruch oder wenn jemand schreit, um eine Panikattacke auslösen zu können.

Woran liegt das?
Katerkamp: Die Menschen mussten am Anfang schlicht funktionieren. Dann haben sich alle gefreut, nach den Sommerferien wieder in die Schulgemeinschaft zu kommen, auch wenn dieses Zusammenkommen in Provisorien und unter unklaren Umständen stattfand. Jetzt ist ein wenig Ruhe eingekehrt, und da merken wir vermehrt, dass einzelne Schülerinnen und Schüler mehr Aufmerksamkeit brauchen. Es kommt immer wieder zu Flashbacks. Das Erlebte der Nacht kommt auf einmal wieder hoch und überwältigt die Kinder und Jugendlichen. Es reicht manchmal ein Geruch oder wenn jemand schreit, um eine Panikattacke auslösen zu können. Wir müssen auch schauen, ob eine posttraumatische Belastung vorliegt und ein Kind eine psychotherapeutische Begleitung braucht. Hier ist viel Sensibilität gefragt.
Klauk: Eine Rolle spielt jetzt auch die Weihnachtszeit. Die zwei großen Motive von Weihnachten sind Familie und Nach-Hause-Kommen. Viele Menschen haben auf beiden Ebenen Verluste erlebt, und das wird vor Weihnachten noch mal besonders präsent.

Schulpsychologie im Ahrtal wurde von Nachbarbundesländern verstärkt

Wie sah die Zusammenarbeit mit den Schulen gleich nach der Katastrophe aus?
Klauk: Am Anfang war es schon eine Herausforderung, überhaupt an Informationen zu kommen, weil die ganze Infrastruktur zusammengebrochen war. Wir haben aber versucht, mit den Schulleitungen selbst in Kontakt zu kommen.
Katerkamp: Bei den Telefonaten standen die Schulleiterinnen und Schulleiter oft in Gummistiefeln inmitten der zerstörten Schule, und im Hintergrund liefen die Räumarbeiten. Je näher es dann auf den Schulbeginn zuging, waren wir auch bei Dienstbesprechungen dabei und haben die Lehrkräfte auf die Situation nach den Ferien vorbereitet.

Schulen im Ahrtal
Vielen Schulen im Ahrtal waren beim Schulbeginn im August noch eine Großbaustelle.
©Thomas Frey/dpa

Es gab an den Schulen im Ahrtal sicherlich großen Bedarf an schulpsychologischer Unterstützung. Wie konnten Sie das stemmen?
Klauk: Der zeitliche Druck war von Anfang an enorm groß, obwohl die Schulferien nach der Flutkatastrophe gerade erst anfingen. Das schulpsychologische Beratungszentrum in Mayen hat die Koordination übernommen und wurde sofort durch zwei zusätzliche Kolleginnen und Kollegen verstärkt.

Wir haben aber schnell festgestellt, dass auch der Bedarf an den Schulen enorm groß ist. Am Anfang sind wir von 25 besonders betroffenen Schulen ausgegangen, im Laufe des Prozesses sind noch mal etwa 30 Schulen dazugekommen, die zumindest eine Begleitung brauchen.

 

 

Die Logistik war extrem schwierig. Ich konnte den Kolleginnen und Kollegen oft nicht sagen, wie sie zu den Schulen kommen, weil viele Straßen nicht da waren, wo sie hingehören.

Oliver Klauk Ahrtal
Oliver Klauk, Leiter der der Schulpsychologischen Koordinierungsstelle für die Flutkatastrophe beim Pädagogischen Landesinstitut Rheinland-Pfalz.
©privat

Um alle zu erreichen, haben wir ein Netzwerk mit Kooperationspartnern gebildet. Dazu haben wir eng mit der Schulseelsorge gearbeitet, und es kam Verstärkung aus den Nachbarländern, sodass wir nach den Sommerferien mit 30 Kolleginnen und Kollegen aus Rheinland-Pfalz direkt vor Ort waren und in den ersten Wochen zusätzlich von 30 Kolleginnen und Kollegen aus Baden-Württemberg und Hessen unterstützt wurden.

Allerdings war die Logistik extrem schwierig. Ich konnte den Kolleginnen und Kollegen oft nicht sagen, wie sie zu den Schulen kommen, weil viele Straßen nicht da waren, wo sie hingehören.

Die einen waren in den Sommerferien im Urlaub, die anderen haben ihr Haus vom Schutt befreit

Wie sah die Situation im Ahrtal am ersten Schultag nach den Sommerferien aus?
Katerkamp: Der erste Tag war ganz aufs Ankommen konzentriert. Ich war in einer Schule, in der Teile des Gebäudes noch nutzbar waren, teilweise gab es Container-Lösungen. Alle mussten sich erst mal zurechtfinden: Wo ist die Toilette? Gibt es einen Kopierer? Ganz banale Dinge mussten neu geklärt werden.

Und dann war es natürlich für alle sehr aufregend, wieder aufeinanderzutreffen. Die Schülerinnen und Schüler, aber auch die Lehrkräfte haben die Sommerferien ganz unterschiedlich erlebt: Die einen haben das Haus vom Schlamm befreit, die anderen die Ferien irgendwie in der Sonne verbracht. Es war für beide Seiten nicht einfach, damit umzugehen und Verständnis füreinander zu haben. Da mussten wir viel Übersetzungsarbeit leisten.

Und wichtig war auch, Strategien zu vermitteln, um mit dem Erlebten zurechtzukommen. Das kam oft unvermittelt hoch. Die Menschen haben in so einer Situation auch verschiedene Bedürfnisse: Manche haben viel Gesprächsbedarf, andere möchten erst einmal nicht sprechen. Und oft müssen sie erst mal selbst herausfinden, was ihnen guttut.
Klauk: Heterogenität ist typisch für eine solche Bedürfnislage. Selbst Menschen, die Ähnliches erlebt haben, reagieren sehr unterschiedlich. Da ist es wichtig, viele verschiedene Angebote zu machen und zu schauen, wann ein Gespräch in der Klasse und wann ein Einzelgespräch sinnvoll ist.

Schule Ahrtal
Beim Schulstart im August lagen im Katastrophengebiet im Ahrtal auf vielen Schulhöfen Berge mit Schutt und zerstörter Aussstattung.
©Thomas Frey/dpa

Was ist dabei zu beachten?
Klauk: Man muss schauen, dass keine „soziale Infektion“ entsteht. Wenn ein Kind vor der Klasse erzählt, in welch lebensbedrohlicher Situation es war oder dass jemand in der Familie ums Leben gekommen ist, kann das zu einer „Ansteckung“ und zu einer Panik in der Klasse führen.

Da wären wir genau beim Gegenteil dessen, was wir erreichen wollen: nämlich Sicherheit zu geben. Hier ist ein Einzelgespräch sinnvoller und hilfreicher. Außerdem muss man Kinder auch schützen. Manche bereuen es hinterher, sich vor der Gruppe so geöffnet und ihre Emotionen vielleicht nicht mehr unter Kontrolle gehabt zu haben.

Sinnvoll ist aber, in der Klasse gemeinsam auf das Erlebte zu schauen und zu überlegen, wo sich die Schülerinnen und Schüler gegenseitig unterstützen können, wie sie einem Kind, das besonders betroffen ist, vielleicht helfen können, damit es ihm besser geht. Bei aller Notwendigkeit, über das Erlebte zu sprechen, ist es wichtig, die Klassengemeinschaft zu stärken und in die Zukunft zu schauen.

Lehrkräfte im Ahrtal brauchen Unterstützung, um mit der enormen Belastung zurechtzukommen

Wie können Lehrkräfte diesen Prozess unterstützen?
Klauk: Es sind oft kleine Dinge, die guttun, zum Beispiel die Gestaltung des neuen Klassenraums. Eine Schule hat auch ein Fotoprojekt begonnen und hält alle Etappen fest, vom Umzug in ein Provisorium bis zum Wiedereinzug in die Schule. Solche Aktionen schaffen Verbundenheit.
Katerkamp: Für die Schülerinnen und Schüler ist es gut, wenn sie selbst aktiv werden können. Als zum Beispiel Material bei den Schulen angeliefert wurde, haben sie oft selbst mit angepackt. Sie haben dann nicht das Gefühl, dass sie dem Chaos ausgesetzt sind, sondern finden selbst einen Weg hinaus. Das fördert die Selbstwirksamkeit, und das hat etwas mit Ankommen zu tun.

Auch für Lehrkräfte ist die Situation eine große Belastung, zumal auch sie selbst oft viel verloren haben.
Klauk: Um das Bild von Corona zu benutzen: „Es ist kein Sprint, sondern ein Marathon.“ Wir unterstützen natürlich auch die Lehrkräfte darin, einen Weg zu finden, um mit dieser enormen Belastung über einen langen Zeitraum zurechtzukommen. Und das alles noch zu Zeiten von Corona.
Katerkamp: Es ist sehr wichtig, die Balance zu halten und Ressourcen sinnvoll einzusetzen. Sonst lässt sich diese anspruchsvolle Zeit nicht durchhalten. Man kann eben nicht alles auf einmal lösen – und muss es auch nicht. Wichtig ist, auch mal Abstand zu nehmen und zur Ruhe zu kommen. Denn es wird noch viel Zeit vergehen, bis wir wirklich wieder eine Normalität erreichen.

Was hat Sie in den vergangenen Monaten besonders erschüttert und bewegt?
Katenkamp: Erschüttert haben mich vor allem die Erzählungen von den Betroffenen. Es ist unfassbar, was Menschen – auch Kinder – erleben mussten. Und es macht mich sehr betroffen, mit welch großen Ängsten und Sorgen sie jetzt leben.
Klauk: Manche Kinder hatten wirklich Todesangst: Ein Junge hat erzählt, dass er in seinem Haus immer eine Etage höher geklettert ist und das Wasser hinterherkam. Es ist gut ausgegangen, aber in der Situation wusste er das nicht. Vielen stand das Wasser wörtlich „bis zum Hals“.

Was mich aber auch bewegt hat, war die große Solidarität. Wie Schulleiterinnen und Schulleiter, obwohl sie ohnehin schon so viel organisieren mussten, in den Sommerferien in Gummistiefeln im Schlamm standen und den Schutt aus der Schule geräumt haben. Wie ein Kollege einem anderen, der sein Haus in den Fluten verloren hat, sein eigenes Haus angeboten hat und ihm gesagt hat: „Zieh du hier erst mal ein, du hast mehr Kinder – ich suche mir ein Ferienhaus.“

Beiträge von Jugendlichen gesucht

Zusammen mit dem Landtag Rheinland-Pfalz ruft die Landeszentrale für politische Bildung junge Menschen von 13 bis 20 Jahren dazu auf, sich in kreativen Beiträgen mit der Flutkatastrophe im Ahrtal zu beschäftigen. Die Flut wird Narben hinterlassen ist eines von drei Themen des Schüler- und Jugendwettbewerbs. Einsendeschluss ist der 8. April. In vielfältigen Ausdrucksformen – ob Textarbeiten, bildnerisch oder auch digital umgesetzte Arbeiten – liefern die jungen Menschen oft unerwartete Wege, Themen zu betrachten, die uns unsere eigene Herangehensweise überdenken lassen, sagte der Direktor der Landeszentrale, Bernhard Kukatzki

Das Thema der Flutkatastrophe ist zur geplanten Preisverleihung am 5. Juli besonders aktuell – rund eine Woche vor dem ersten Jahrestag. Zu den Preisen gehören eine Studienfahrt nach Berlin, die Teilnahme an einem Landtagsseminar, Tagesfahrten oder Anschaffungen für Schulklassen sowie Bücher, Spiele und Videos. Mehr Informationen gibt es auf der Seite der Landeszentrale.