Filmemacherin Hille Norden : „Ich bin meiner Schule dankbar, dass sie so flexibel war“

Hille Norden ist Filmemacherin. Mit 23 Jahren kann sie von ihrem Beruf bereits leben. Ihr jüngster Dokumentarfilm „Heimat sucht Seele“ hat beim Dokumentarfilmfest im Frühjahr 2021 in München viel Aufmerksamkeit erregt. Ihre Leidenschaft für den Film entdeckte sie an ihrer Schule in Kiel. Und die Schule hat sie darin auch gefördert und ihr viele Freiheiten gegeben, damit Hille ihren beruflichen Weg finden und trotzdem ihr Abitur machen kann. Wie lief das?

Annette Kuhn 13. Dezember 2021
Hille Norden
Die Filmemacherin Hille Norden wohnt mal in Berlin...
©Annette Kuhn
Hille Norden in Stohl bei Kiel
... und mal in ihrer Heimatstadt Kiel. Hier ist sie an der Steilküste in Stohl in der Nähe von Kiel.
©Paul Hartmann

Über Hille Norden lassen sich einige Geschichten erzählen, mindestens aber zwei. Die Geschichte, wie sie mit 16 Jahren Filmemacherin wurde und schon mit 18 einen viel beachteten Film über syrische Flüchtlinge drehte. Und die Geschichte über eine Schule, die einer Jugendlichen so viel Freiraum gegeben hat, dass diese sich als Filmemacherin verwirklichen und parallel ihr Abitur machen konnte. Beide Geschichten gehören letztlich zusammen.

Sie beginnen 2014. Die damals 16-jährige Hille ist gerade von einem Auslandsschuljahr in der Türkei nach Kiel zurückgekehrt. Türkei? Wer nach der Mittelstufe ins Ausland geht, den zieht es in die USA, nach Kanada, Großbritannien, vielleicht noch nach Irland, Neuseeland oder Costa Rica – in die Türkei geht kaum jemand. Hille schon. Sie meidet ausgetretene Pfade, sucht sich lieber neue Wege, erschließt sich gern fremde Kulturen. In der türkischen Schule verbringt sie viel Zeit im Kunstraum. Und ist sich sicher: Irgendetwas mit Kunst möchte sie mal machen. Malen, Poetry-Slam, Schauspiel, da liegen ihre Interessen. Das Filmemachen ist noch weit weg.

Hille Norden macht ihr Abitur am Berufsbildungszentrum in Kiel

Nach dem Auslandsjahr geht Hille nicht mehr zurück an das humanistische Gymnasium in Kiel, das sie vorher besucht hat. Sie entscheidet sich für das Regionale Berufsbildungszentrum (RBZ) Wirtschaft, das berufliches Gymnasium, Berufsschule, Fachschule und Abendgymnasium unter einem Dach vereint. Sie findet es gut, dass sie an der Schule auch etwas über Wirtschaft lernt, denn sie sagt: „Kunst ohne Geld ist frustrierend. Wenn Kunst, dann will ich davon auch leben können, und dann muss ich etwas von Zahlen verstehen.“

Ahnung von Geld, von Förderung, von Steuererklärung, das brauchte sie tatsächlich schon bald. Wie zum Beweis steht heute in ihrem WG-Zimmer in Berlin ein Ordner mit der Aufschrift: „Steuer 2015“. Da ist Hille gerade 17.

Meine Schule hat mir nicht vorgeworfen, dass ich eine Leidenschaft außerhalb der Schule habe.
Hille Norden, Filmemacherin

Vor allem aber gefällt ihr die Heterogenität an ihrer neuen Schule. Als Hille aufs RBZ kommt, ist sie dort eine der Jüngsten. Das Altersspektrum reicht von 16 bis 42 Jahren, viele Mitschülerinnen und Mitschüler haben einen Migrationshintergrund, viele haben in ihrer Biografie schon Schleifen gedreht. „Mir hat gefallen, dass die Schule den Anspruch verfolgt, allen ihren eigenen Weg zum Schulabschluss zu ermöglichen.“

Ein Projekt an der Schule bringt Hille Norden zum Filmen

Als es bei Hille mit dem Filmen beginnt, bekommt sie viele Freiheiten, wird oft vom Unterricht freigestellt. Und doch habe die Schule immer ein Auge auf sie gehabt. Nie hat sie das Gefühl, dass es der Schule egal ist, was sie macht. „Ich bin meiner Schule dankbar, dass sie so flexibel war, dass sie mich hat machen lassen. Sie hat mir nicht vorgeworfen, dass ich eine Leidenschaft außerhalb der Schule habe“, sagt Hille heute.

Die Leidenschaft, das Filmen, entdeckt sie schließlich auch in der Schule. In ihrem ersten Schuljahr auf dem RBZ kommt der Dokumentarfilmer Fredo Wulf in die Schule und will mit Schülerinnen und Schülern einen Dokumentarfilm über jüdisches Leben in Kiel drehen. Hille ist sofort dabei. Sie setzt sich ohnehin viel mit der Vergangenheitsbewältigung auseinander. Es gibt dann noch ein zweites Projekt über Islam in Kiel. Wieder ist Hille dabei und macht die Interviews zum Film. Und dann kommen die Sommerferien.

In den Sommerferien dreht sie in zwei Wochen einen Langfilm

Aber da kann sie schon nicht mehr aufhören. „Jola“ heißt ihr erstes Filmprojekt. Ein Spielfilm, zunächst als Kurzfilm gedacht, der dann doch ein Langfilm wird. Gedreht in zwei Wochen. Es geht um eine junge Frau, um Drogen, um Rausch. Hille recherchiert, schreibt das Drehbuch, spielt die Hauptrolle. Die Filmwerkstatt Kiel fördert den Film, Hille ist die jüngste Filmemacherin, die hier eine Förderung erhält.

Sie hat viele Ideen, kann gar nicht alle umsetzen. Der Krieg in Syrien beschäftigt sie sehr – es ist die Zeit, als Millionen Menschen nach Deutschland flüchten. Auch ihre Mutter nimmt zeitweilig Flüchtlinge in ihrem Haus auf. Für Hille werden die Flüchtlinge und ihre Schicksale ein Stück ihres eigenen Lebens.

Schule setzt sich für Integration von Flüchtlingen ein

Auch das RBZ pflegt eine offene Willkommenskultur. Die Schule entwickelt Konzepte, um junge Geflüchtete zu integrieren, ihnen die deutsche Sprache zu vermitteln, ohne die oft traumatisierten jungen Menschen zu überfordern. „Ich habe das eigentlich gar nicht als etwas Besonderes erlebt“, sagt Hille heute. Die Schule habe das mit so einer großen Selbstverständlichkeit gemacht. Es fühlte sich für sie normal an.

Hille Norden, Zakwan Khello
Hille Norden und Kameramann Tim Butenschön bei Filmarbeiten mit Zakwan Khello für den Film „Khello Brüder".
©Tarek Khello

Hille dreht einen Dokumentarfilm über zwei Brüder aus Aleppo, die Syrien aus ganz unterschiedlichen Gründen verlassen und sich drei Jahre später in Deutschland wiedersehen: „Khello Brüder“. Diesmal unterstützt sie die Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein. Das Projekt beschäftigt die Schülerin fast zwei Jahre – es wird fertig, als sie gerade in ihren Abiturprüfungen steckt. Im Sommer 2018 hat sie ein Abiturzeugnis mit der Note 1,7 und einen Film, der in die Kinos kommt.

In „Khello Brüder“ geht es ums Ankommen, um einen Neuanfang, um Heimat. Das ist auch das Thema ihres nächsten Dokumentarfilms „Heimat sucht Seele“, den sie ein Jahr später beginnt. Er wurde im Frühjahr 2021 beim Dokumentarfilmfest in München gezeigt – das DOK.fest München gehört zu den größten Dokumentarfilmfestivals in Europa.

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Auch in ihrem zweiten Dokumentarfilm geht es um Flüchtlinge

„Heimat sucht Seele“ erzählt die Geschichte von Saher und seiner Familie. Ein Jahr lang begleitet Hille die Familie in Kiel. Der Rechtsanwalt Saher flüchtet 2015 in einer Nacht-und-Nebel-Aktion aus Syrien. Seine Frau und seine beiden Söhne, damals sechs und neun Jahre, muss er zurücklassen. Saher bekommt in Kiel erst Kirchenasyl, dann lebt er vier Monate bei Hilles Mutter, in Hilles früherem Kinderzimmer, wird ein Freund der Familie. Nach drei Jahren bekommt Saher Asyl, arbeitet als Rechtshelfer, hat eine eigene Wohnung. Seine Familie kann er aber noch immer nicht nach Deutschland holen. Ein Jahr später geht es plötzlich doch.

Und Hille ist dabei. „Das war eigentlich ein Zufall“, sagt sie. Nach ihrem Abitur nimmt sie sich ein Jahr Auszeit, reist durch die Welt, sammelt Eindrücke und filmt natürlich auch. Die Dokumentation über frühere Kindersoldaten in Kambodscha ist allerdings bis heute nicht fertig. Nun ist sie zurück, ist auf der Suche, was als Nächstes kommen soll. Studium? Und wenn ja, welches? Ein neuer Film? Und wenn ja, was für ein Film? Gerade hat sie über eine Förderung ihre erste eigene Kamera bekommen, benutzt hat sie sie noch nicht. „Ich wusste nicht einmal, wie man die anstellt.“

Wie wächst eine Familie nach vier Jahren Trennung zusammen?

Mitten rein in dieses persönliche Vakuum platzt also Saher mit der Nachricht, seine Familie werde nun doch nach Deutschland kommen. Plötzlich ist für Hille klar, was sie mit der neuen Kamera machen will. Sie will dokumentieren, wie es ist, wenn die Familie nach vier Jahren Trennung wieder zusammenkommt. Saher und seine Familie sind mit dem Projekt einverstanden.

Saher am Schreibtisch vor der Kamera
Saher am ersten Drehtag von „Heimat sucht Seele".
©Hille Norden
Hille Norden und Saher im Auto
Hille Norden begleitet Saher auf dem Weg zum Flughafen in Hamburg und ist dabei, wenn die Familie nach vier Jahren wieder zusammenkommt.
©Hille Norden
Hille Norden und Cutter
Hille Norden und ihr Cutter Mohamad Almousilly am letzten Schnitttag von „Heimat sucht Seele".
©Batoul Alshtiwi

„Egal, was passiert – es wird interessant“, sagt sich Hille. Es ist erstaunlich, dass sie mit 21 Jahren in dem Moment weiß, dass die Familie vor ihrer vielleicht größten Herausforderung steht. Vier Jahre haben Lubna und die Söhne jeden Tag den Krieg in Syrien erlebt. Saher hat in dieser Zeit versucht, ein neues Leben in Deutschland aufzubauen, er hat die fremde Sprache gelernt, er hat einen neuen Beruf und Freunde gefunden. Unterschiedlicher können Erfahrungswelten kaum sein.

Mit der Kamera nah dran, aber nie voyeuristisch

Und es ist erstaunlich, mit welch großer Sensibilität die Filmemacherin die Familie begleitet. Sie ist sehr nah dran, aber nie voyeuristisch. Das Wiedersehen am Flughafen ist zutiefst anrührend, sie hält mit ihrer Kamera die Nähe und zugleich die Entfremdung zwischen dem Paar fest. Es gibt viele verstörende Momente, wenn die Söhne vom Krieg erzählen, wenn Lubna ihre Heimatlosigkeit beschriebt, wenn klar wird, wie wenig der Vater weiß, was Frau und Kinder tatsächlich in den vergangenen Jahren erlebt haben.

Manche Situationen bringen selbst Hille an ihre Grenzen. Wie hält sie das aus? Sie sagt: „Die Kamera hilft, hinter ihr habe ich das Gefühl, nicht allein zu sein.“ Aber ja, sie sei bei diesem Filmen oft über ihre Belastungsgrenze gegangen – psychisch wie physisch.

Hille Norden bei Dreharbeiten
Ein Setfoto zu ihrem neuen Film „Feuerspiel", den sie gerade abschließt.
©Lena Steffanie Meyer

Der nächste Film ist abgedreht

Leichte Themen sind nicht Hilles Welt. Heute liegt auf ihrem Schreibtisch ein Buch: „Wenn missbrauchte Frauen Mutter werden.“ Mit Missbrauch beschäftigt sie sich für ein neues Drehbuch. Und sie hat gerade einen Spielfilm gedreht, es geht um Pädophilie. „Ich komme wahrscheinlich ganz schön trübe rüber?“, fragt sie. Trübe?, nein. Aber ernst, auch wenn sie lacht.

Hille wirkt stark, und das spiegelt sich auch in ihren Filmen. „Es interessiert mich eben, wie sich Menschen in Ausnahmesituationen, nach Katastrophen verhalten“, sagt sie. Saher weiß am Schluss von „Heimat sucht Seele“ nicht, wohin die Reise mit seiner Familie gehen wird, aber er sagt: „Ich werde die Hoffnung nicht verlieren.“

Vielleicht zieht die junge Filmemacherin die Kraft aber auch daraus, dass sie selbst angekommen zu sein scheint. Beim Film. Bei ihrem Beruf, von dem sie längst leben kann.

Zum Ordner „Steuer 2015“ haben sich mittlerweile einige andere Steuerordner gesellt. Es ist der lästige Part ihres Berufs, aber zum Glück hat sie in ihrer Schule etwas darüber gelernt.

Willkommenskultur am RBZ Kiel

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Mit neuen Formen der Unterrichts­organisation heißt das Regionale Berufsbildungszentrum in Kiel junge Geflüchtete willkommen. Die Schüler­innen und Schüler erlernen Deutsch als Zweit­sprache mit Hilfe von persönlichen Arbeits­plänen und kreativen Angeboten. Eine ausführliche Beschreibung des Konzepts gibt es hier.