Bildung : Es geht um die Kinder

Niemand weiß, wie lange die geflüchteten Familien aus der Ukraine in Deutschland bleiben werden – die Schulen müssen sich darauf einstellen.

Dieser Artikel erschien am 25.03.2022 in der Süddeutschen Zeitung
Katharina Riehl
Grundschüler:innen im Unterricht
©dpa

Es sind Geschichten, wie das Netz sie liebt, und man findet dort viele davon. Geschichten von aus der Ukraine geflüchteten Kindern, die in ihren deutschen Unterkünften am Laptop sitzen und von Berlin, München oder Erfurt aus online beschult werden, über ihre ukrainische Lernplattform. Die Botschaft dieser Geschichten versteht jeder auf Anhieb: Der Ukraine gelingt mitten in einem schrecklichen Krieg genau das, was in Deutschland in zwei Jahren Pandemie und auch in Welle fünf noch nicht so wirklich klappen wollte: funktionierender digitaler Unterricht. Corona und Flüchtlinge aus der Ukraine – die beiden riesigen Herausforderungen des deutschen Schulsystems im März 2022 in einem einzigen Tweet.

Die Corona-Pandemie ist auch an den Schulen noch längst nicht vorbei, überall sind die Infektionszahlen hoch und viele Schüler und Lehrkräfte krank. Es ist ein ganzes System am Rande seiner Kräfte, auf das jetzt eine weitere große Aufgabe zukommt: 240 000 Menschen auf der Flucht sind nach jetzigem Stand in Deutschland angekommen, viele weitere werden folgen, und ein großer Teil von ihnen sind Kinder. Neben ihrer medizinischen Versorgung und Unterbringung wird die Frage nach Betreuung und Bildung in den kommenden Monaten die entscheidende sein.

Die Kulturministerkonferenz (KMK) und Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger haben ihre Pläne schon genannt: Man will auf sogenannte Willkommensklassen setzen, ein organisatorischer Kraftakt, um den ukrainischen Kindern ein Ankommen im deutschen Schulsystem zu ermöglichen; eine Task-Force der KMK will nun die Details erarbeiten, während allerdings die ukrainische Generalkonsulin von Hamburg den versammelten Kultusministern und -ministerinnen vor einigen Tagen erklärte, dass die Ukraine auf eine Integration der geflüchteten Kinder ins deutsche Schulsystem gar keinen Wert lege. Vielmehr sollen die Schülerinnen und Schüler weiter digital aus ihrer Heimat unterrichtet werden, weil die Ukrainer auch nicht vorhätten, lange in Deutschland zu bleiben. Außerdem sei der deutsche Lehrplan zu russlandfreundlich. Die Debatten um Integrationswillen, Schulpflicht und Lehrermangel sind spätestens seitdem in vollem Gange.

Die Wahrheit ist natürlich, dass leider niemand weiß, wie lange die Menschen aus der Ukraine in Deutschland bleiben werden, weil niemand weiß, wie lange dieser Krieg dauern wird. Weil vollkommen unklar ist, wie viel von der Heimat der Geflohenen noch übrig sein wird, wenn es denn dann einmal vorbei ist. In Mariupol zeigt Wladimir Putin ja gerade sehr anschaulich, wie weit sein Zerstörungswille geht. Man wird sich zumindest auf die Möglichkeit vorbereiten müssen, dass viele ukrainische Kinder auch langfristig in Deutschland zur Schule gehen werden.

Schule ist nicht nur Bildungsstätte, sondern auch ein Ort des Miteinanders. Das sollte jetzt auch für die geflüchteten Kinder aus der Ukraine gelten

Der deutschen Bildungspolitik muss es gelingen, hier nun endlich einen Pragmatismus walten zu lassen, der ihr in der Corona-Zeit so oft gefehlt hat. Die Länder und der Bund werden sich die Mühe machen müssen, für unterschiedliche Kinder auch unterschiedliche Lösungen zu finden. Weder wird man zum Beispiel einem Jugendlichen kurz vor dem Abschluss verweigern können, in digitalem Unterricht seine schulische Ausbildung in der Ukraine zu beenden. Aber Tausende, auch jüngere ukrainische Kinder vor digitalen Endgeräten zu parken und ganz auf das Weiterfunktionieren des dortigen Bildungssystems zu setzen, das wäre ein Davonstehlen aus der Verantwortung. Wenn Deutschland in den vergangenen zwei Jahren etwas gelernt hat, dann ja wohl das: Schule ist mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Schule ist ein Ort des Miteinanders – und für viele Kinder ist es auch ein Schutzraum. Schule bietet Struktur und Alltag, den die Kinder und auch ihre meist allein geflüchteten Mütter dringend brauchen.

Wenn an finanzieller Ausstattung nicht gespart wird und der Wille da ist, dieses Geld dann auch wirklich in die Schulen zu investieren, wenn es Deutschland gelingt, die Bedürfnisse von den Kindern her zu denken, dann wäre das nun endlich die Gelegenheit, Schule noch mal ganz anders zu verstehen: als Raum, der Kinder auffängt. Doch dafür braucht es Mittel, Lehrer und Lehrerinnen müssen ausgebildet und eingestellt werden, ebenso wie Sozialarbeiter und Traumatherapeuten. Es ist dringend notwendig (und übrigens auch politisch vernünftig), jetzt in die Zukunft dieser Kinder zu investieren, egal ob sie als Erwachsene in Deutschland leben werden oder in einer hoffentlich wieder aufgebauten, demokratischen Ukraine.

In Erich Kästners wunderbar pathetischem Antikriegsbuch „Die Konferenz der Tiere“ von 1948 lassen die drei Veranstalter, der Löwe Alois, die Giraffe Leopold und der Elefant Oskar, eine Gruppe von Spinnen und Webervögeln das Motto ihrer Friedenskonferenz auf ein Transparent weben. „Es geht um die Kinder!“ steht da. Kitschig? Klar, aber eben auch 2022 noch wahr. Und würde jederzeit in einen Tweet passen.