Dieser Artikel erschien am 27.01.2020 auf ZEIT Online
Autorin: Parvin Sadigh

Holocaust : „Erst erschüttert, dann wissbegierig”

Wer erklärt der Jugend den Holocaust? Weil Zeitzeugen weniger werden, wird die Vermittlung schwieriger. Zwei Lehrer erzählen, warum der emotionale Zugang wichtig bleibt.

Der Schriftzug "Arbeit mach frei" ist am Eingang der Gedenkstätte Sachsenhausen zu sehen.
Holocaust Gedenktag: Zwei Lehrer erzählen, warum der emotionale Zugang wichtig bleibt.
©dpa

Vor 75 Jahren, am 27. Januar 1945 befreiten sowjetische Soldaten rund 7.500 überlebende Häftlinge im Vernichtungslager Auschwitz. Mehr als eine Million Menschen, vor allem Juden, wurden hier von den Nazis grausam ermordet. Wie steht es um die Erinnerungskultur heute, wo es immer weniger Zeitzeugen gibt? Was lernen heutige Schülerinnen und Schüler über den Holocaust? Sind sie desinteressierter, unwissender oder gar respektloser als die vorherigen Generationen? Zwei Lehrer erzählen aus ihrer Praxis.

„Die Betroffenheit erkennt man am Schweigen”

Bernhard Fox (Jahrgang 1953) ist seit August 2019 im Ruhestand, bis dahin war er Lehrer an einer Berufsschule in Saarbrücken. Er unterrichtete 16- bis 22-Jährige, die zum Beispiel Restaurantfachleute, Landwirte oder Bäcker werden. Zu seinem Fach – Sozialkunde – gehört auch eine Unterrichtseinheit zum Thema Faschismus.

Die vergangenen zwanzig Jahre habe ich regelmäßig mit Schulklassen das Konzentrationslager Natzweiler-Struthof im Elsass besucht. Auch heute nach der Pensionierung mache ich das noch. Natzweiler-Struthof war ein Arbeitslager, in dem außerdem an den Häftlingen medizinische Experimente durchgeführt wurden. Die Rundfahrten habe ich von Zeitzeugen der ersten Generation übernommen, die immer wieder ihre Erlebnisse neu durchleben mussten im Kontakt mit den Jugendlichen. Für sie war es auch ein Akt der Bewältigung und ein verzweifeltes Bitten: Es darf sich nie wiederholen. Wir Nachgeborenen können nur auf die Kraft der Fakten und der Quellen setzen.

Ich kann nicht einstimmen in die Klagen, dass Schülerinnen und Schüler sich nicht für den Holocaust interessieren. Es sind immer die Jugendlichen, die diese Exkursionen einfordern. Ich habe auch nie erlebt, dass sie vor Ort respektlose Witze gerissen hätten. Den Schlussstrich wollen andere Generationen ziehen. Natürlich gibt es Einzelne, die mal maulen. Wir fahren immerhin zwei Stunden hin und zwei wieder zurück. Aber wenn sie einmal da sind, sind die meisten erst erschüttert, dann wissbegierig. Am besten kann man das Interesse daran ablesen, dass wir fast nie die Zeit einhalten. Sie haben so viele Fragen, dass die Rundgänge oft zwei Stunden länger dauern als geplant.

Die stärksten Emotionen ruft meist das Krematorium hervor, viele Schüler sagen, es rieche dort noch immer verbrannt. Dabei ist das nur ihre Fantasie. Oder der Behandlungsraum der Ärzte. Anders als in den meisten Konzentrationslagern in Deutschland ist in Struthof vieles noch so erhalten, wie es damals war. Etwa der Behandlungstisch mit einer Blutrinne, auf dem die Ärzte ihre Experimente an den Menschen, vor allem an Frauen, durchführten. Oder die doppelten elektrischen Zäune. Die Jugendlichen entscheiden in der Regel selbst, wann die Grenze dessen erreicht ist, was sie ertragen können. Manchen reicht es schon, die Hand an eine Baracke zu legen, auch so haben sie den direkten Kontakt mit der Geschichte.

Es wird dann ganz still

Die Betroffenheit der Schüler erkennt man zunächst am Schweigen. Es wird dann auf einmal ganz still. Bei den Jungen hält das Schweigen meist lange an, die Mädchen zeigen ihre Emotionen schneller. Immer wieder höre ich Sätze wie: “Wie können Menschen anderen Menschen so etwas antun?” Früher haben wir anschließend im Ort oft noch einen Imbiss genommen und geredet. Das dürfen wir heute nicht mehr, die Auszubildenden aus dem Restaurantgewerbe müssen abends oft wieder an ihren Arbeitsplatz. Deshalb fangen auf der Rückfahrt im Bus dann oft die Diskussionen an. Die Schüler haben so viele Fragen: “Was geschah mit den Leichen?” “Warum sind sie nicht geflohen?” “Was ist mit den Ärzten nach 1945 passiert?” Es ist ihnen kaum noch zu vermitteln, dass zwei dieser Ärzte bis in die Siebzigerjahre noch als Leiter einer deutschen Klinik gearbeitet haben.

Ich selbst kann mich gut erinnern, wie anders es zu meinen Schulzeiten war. Mein Geschichtsunterricht endete bei Bismarck. Der Nationalsozialismus wurde nicht thematisiert. Ich habe offiziell erst im Geschichtsstudium gelernt, was genau passiert ist. Und noch im Referendariat Ende der Siebzigerjahre haben uns die alten Herren – unsere Ausbilder – klargemacht, dass Besuche im Konzentrationslager mit Schülern nicht erwünscht sind.

Glücklicherweise hatte ich später immer sehr viele engagierte junge Kollegen, denn nur so gelingt der Geschichtsunterricht. Die Schüler spüren sofort, ob die Lehrer das Thema ernst nehmen – oder eben nicht. Aber natürlich kann auch ein Besuch eines Konzentrationslagers nur dann zu nachhaltiger Erkenntnis führen, wenn er eingebettet wird in eine theoretische Vor- und Nachbereitung. Ich kann ja während der Führung nicht mit den Schülern erarbeiten, wie Faschismus definiert wird.

Im Arbeitslager geht manchen doch ein Licht auf

Was mir allerdings immer wieder auffällt: Das Vorwissen der Jugendlichen ist extrem unterschiedlich. Ich treffe auf Gemeinschaftsschulklassen, die völlig ahnungslos sind. Der Besuch des Konzentrationslagers ist für sie dann der Einstieg in das Thema. Ich treffe aber auch auf Gymnasiasten, die schon so viel gelesen haben, dass selbst ich noch etwas von ihnen lernen kann. Was ich allerdings auch sagen muss: Manche Berufsschüler sind anfällig für rechtes Gedankengut. Einmal erklärte mir zum Beispiel ein angehender Landwirt, in der Nazi-Zeit sei doch vieles gut gewesen für die Bauern. Ich habe oft erlebt, dass man mit Argumenten und Fakten nur schwer gegen diese Mythen ankommt. Aber wenn sie in einem Arbeitslager stehen und spüren, was die Nazis an Verbrechen begangen haben, dann geht manchen doch ein Licht auf. Ich versuche die Schüler immer dort abzuholen, wo sie sind. Die Emotionalen genauso wie die Verkopften. Das macht die Arbeit so interessant. Morgens weiß ich meist nicht, was auf mich zukommt.

Ich bin jedenfalls unbedingt dafür, dass ein Besuch einer Holocaustgedenkstätte im Lehrplan steht und für alle Schülerinnen und Schüler verpflichtend ist. Der Faschismus ist eine dauernde Gefahr, die nicht aus den Augen verloren werden darf. Wir sensibilisieren für gesellschaftliche Strukturen, die dem Faschismus Wege ebnen können. Ich bin fest überzeugt: Die Teilnehmerinnen vergessen diese Reise nie.

Derzeit werden die Besuche aber manchmal eher torpediert als gefördert. In den neuen Berufsschul-Lehrplänen wurden die Stunden für Sozialkunde etwa extrem gekürzt. Das führt dazu, dass manch ein Lehrer die Schüler lieber gezielt auf die Prüfungen vorbereitet, als sie einen Tag auf einen Ausflug zu schicken. Wir sollten also kein schlechtes Gewissen erzeugen.

„Wir sollten kein schlechtes Gewissen erzeugen”

Stefan Behlau (Jahrgang 1974) ist seit 20 Jahren Geschichtslehrer in Haupt- oder Realschulen im Rhein-Sieg-Kreis in Nordrhein-Westfalen. Er ist Landesvorsitzender des Lehrerverbands VBE (Verband Bildung und Erziehung).

Als ich jung war, konnte ich mich noch mit meinen Großeltern über die Lebensumstände während der Zeit des Nationalsozialismus unterhalten. So wurde für mich auch viele Jahrzehnte später die Reichspogromnacht greifbar. Ich berichtete davon in der Schule, und auch die Erzählungen, die meine Mitschüler zu Hause hörten, waren immer mal wieder Thema im Unterricht. Für uns war es gar keine Frage, dass die deutsche Geschichte etwas mit uns selbst beziehungsweise mit unseren Familien zu tun hatte. Uns alle verband wohl auch ein gemeinsames, latentes Schuldgefühl.

Nach allem, was ich mitbekomme, ist das bei den meisten Schülerinnen und Schüler heute anders. Sie haben keine Großeltern, die noch von ihren Kriegserfahrungen berichten können. Nicht einmal die Mauer und das geteilte Deutschland haben sie noch erlebt. Das heißt aber nicht, dass sie insgesamt desinteressierter oder gar respektloser wären. Jugendliche reagieren meiner Erfahrung nach seit jeher extrem unterschiedlich auf das Thema. Ich erlebe Schülerinnen und Schüler, die sagen, sie wollen vom Holocaust nichts mehr hören – aber eben auch andere, die viel mehr wissen wollen, als ihnen die Schule bietet.

Der Eindruck der Respektlosigkeit entsteht manchmal, wenn Jugendliche an den scheinbar falschen Stellen lachen, etwa bei dem Besuch einer Gedenkstätte oder wenn im Unterricht über den Massenmord an den Juden gesprochen wird. Aber eine vorschnelle Verurteilung hilft da nicht weiter. Ich denke, wir müssen immer den Einzelfall anschauen. Tabubrüche können manchmal auch eine Anregung für ein gutes Gespräch sein. Als Lehrer muss ich herausfinden: Ist das Lachen vielleicht ein Zeichen für eine starke Betroffenheit, die die Kinder gerade überfordert? Oder steckt tatsächlich eine abwertende oder gar menschenfeindliche Haltung dahinter? Es ist nicht leicht damit umzugehen. Wir tun aber gut daran, genau hinzuschauen – und klarzumachen: Eine menschenfeindliche Haltung ist inakzeptabel.

Natürlich müssen wir als Lehrer eingreifen, wenn ein Schüler “Du Jude” als Schimpfwort verwendet. Dann müssen wir fragen: “Weißt du eigentlich, was du da sagst?” Klar ist: Wir konnten früher noch mit dem Wort “Scheiße” provozieren, die heutigen Jugendlichen wählen härtere Eskalationsstufen. Unsere Pflicht ist es, keinen Zweifel daran zu lassen, dass mit so einem Schimpfwort, selbst wenn es als Witz gemeint ist, die Linie des Erträglichen deutlich überschritten ist. Noch mehr Aufmerksamkeit braucht es, wenn man das Gefühl bekommt, dass antisemitische Überzeugungen dahinterstecken könnten. Dass sich Jugendliche womöglich aus der rechtsextremen Szene beeinflussen lassen. Dann braucht man vor allem: Zeit. Zeit für Gespräche, Zeit zum Argumentieren. Und Zeit ist ein Faktor, der in der Schule leider so manches Mal zu kurz kommt.

Sinnvoll ist es immer, einen emotionalen Zugang zum Thema Holocaust zu schaffen – damit die Jugendlichen spüren können, wie einschneidend dieser Teil unserer Geschichte war. Wir Lehrer haben deshalb immer gerne Zeitzeugen in den Unterricht geholt. Aber die werden immer weniger, irgendwann sind sie nicht mehr da. Wir versuchen das also zu kompensieren, etwa indem wir gemeinsam Filme schauen wie Schindlers Liste oder Roberto Benignis Das Leben ist schön. Manchmal erzählt auch ein Schüler mit Fluchterfahrung den anderen, was es bedeutet, im Krieg oder ohne Meinungsfreiheit aufzuwachsen.

Ein Spaziergang durch das eigene Viertel

Besonders wichtig finde ich es, an die Orte gehen, an denen die Verbrechen geschehen sind. Das kann ein gut vorbereiteter Ausflug in ein Konzentrationslager sein. Ich plädiere allerdings mindestens genauso für die kleinen Orte direkt in der Nähe. Ein Spaziergang durch das eigene Stadtviertel zum Beispiel, bei dem sich die Jugendlichen anhand der Stolpersteine bewusst machen, wie viele Menschen verfolgt, deportiert oder ermordet wurden. Dann wird ihnen klar: Das ist nicht nur in Auschwitz passiert, sondern direkt hier bei uns. So holt man die Geschichte in die Lebenswelt der Kinder hinein.

Allerdings halte ich es für sehr wichtig, dass wir das Emotionale immer auch mit dem Rationalen begleiten. Der Appell des “Nie-Wieder” allein reicht nicht aus. Er kann auf manche Jugendliche sogar abschreckend wirken, weil sie die Schuld ihrer Urgroßväter nicht mehr als die ihre ansehen. Mal ganz abgesehen von den Kindern der Einwanderer, die vielleicht sagen: Das ist doch gar nicht meine Geschichte. Wir sollten also kein schlechtes Gewissen erzeugen, sondern lieber trainieren, dass so etwas nie wieder passiert. Und klar machen, dass der Holocaust alle angeht.

Deshalb analysieren wir im Unterricht immer wieder, wie es passieren konnte, dass Vorurteile und Ausgrenzungen in derart unvergleichliche Verbrechen münden konnten. Wir fragen: Was haben wir selbst schon an Ausgrenzungen erlebt, und wie unterscheidet sich das von der Verfolgung der Juden? Welche demokratischen Strukturen haben wir zur Verfügung, die eine Wiederholung der Geschichte verhindern? Wie kann ich selbst Diskriminierung entgegenwirken? Wenn wir uns mit diesen Fragen beschäftigen, haben wir schon viel gewonnen.