Erinnerungskultur : Jugendliche zu „Zweitzeugen“ machen

Am 8. Mai jährt sich zum 75. Mal das Ende des Zweiten Weltkrieges. Das Schulportal nimmt diesen Jahrestag zum Anlass, um mit Sylvia Löhrmann, der früheren Schulministerin von Nordrhein-Westfalen, über die Auseinandersetzung Jugendlicher mit Nationalsozialismus und Holocaust zu sprechen. Im Interview erklärt sie, wieso Erinnerungskultur eine Daueraufgabe für Schulen ist, wie Jugendliche einen Zugang zum Thema bekommen können, obwohl Zeitzeugengespräche kaum noch möglich sind, und wieso sie gegen einen Pflichtbesuch von Gedenkstätten ist.

Annette Kuhn / 07. Mai 2020
Sylvia Löhrmann und Jugendliche stehen an der Todesmauer im Konzentrationslager Auschwitz
Sylvia Löhrmann (3. v.l.) hat als Schulministerin in Nordrhein-Westfalen häufig Gedenkorte mit Jugendlichen besucht. Hier steht sie mit einer Schulklasse im Januar 2013 vor der Todeswand im Konzentrationslager Auschwitz.
©Sepp Spiegel

Das Deutsche Schulportal: Eine Umfrage für die ZEIT hat ergeben, dass 53 Prozent der Deutschen einen Schlussstrich unter die NS-Vergangenheit ziehen möchten. Wie ist Ihre Haltung dazu?
Sylvia Löhrmann: Ich gehöre auf jeden Fall zu den 47 Prozent, die das anders sehen. Gerade heute, in Zeiten von wachsendem Antisemitismus und rassistischen Übergriffen, können wir erst recht keinen Schlussstrich ziehen. Wir brauchen die dauerhafte Auseinandersetzung mit den Gräueln der Nazizeit. „Es gibt keine deutsche Identität ohne Auschwitz“, hat Alt-Bundespräsident Joachim Gauck einmal gesagt. Das teile ich ausdrücklich.

Sie haben sich schon während Ihrer Amtszeit als Präsidentin der Kultusministerkonferenz 2014 für eine Erinnerungskultur in den Schulen starkgemacht. Es war ein Jahr der Gedenktage: 100 Jahre zuvor begann der Erste, 75 Jahre zuvor der Zweite Weltkrieg. Wieso ist Erinnerungskultur in Schulen ein wichtiges Thema?
Die Erinnerungskultur gehört zur historisch-politischen Bildung und ist auch ein wichtiger Teil der Demokratieerziehung. Sie befördert Gestaltungskompetenz und Verantwortungsbewusstsein. Für mich lautet das Motto: „Erinnern für die Zukunft“. Es ist der Titel eines Buches der FDP-Politikerin Hildegard Hamm-Brücher, mit der ich mich oft zu diesem Thema ausgetauscht habe und die mir dieses Motiv geschenkt hat. Wir erinnern uns nicht um des Erinnerns willen, sondern um anschaulich Wissen zu vermitteln und Haltungen zu prägen, die junge Menschen in ihre Zukunft mitnehmen und auf deren Grundlage sie Gegenwart und Zukunft mitgestalten. Unter dem Titel „Erinnern für die Zukunft“ hat die Kultusministerkonferenz auch 2014 die Empfehlungen zur Erinnerungskultur für die Schule formuliert.

Entscheidend ist aus meiner Sicht das empathische Erinnern ohne erhobenen Zeigefinger.

Was macht eine gute Erinnerungskultur aus?
Entscheidend ist aus meiner Sicht das empathische Erinnern ohne erhobenen Zeigefinger. Dazu zählt, dass wir den jungen Menschen emotionale Zugänge zu den Geschehnissen der Vergangenheit eröffnen. Dafür gibt es viele Wege. Das kann der jüdische Friedhof sein, der im Rahmen einer AG von einer Schule gepflegt wird, wie das an der Schule, an der ich als Lehrerin gearbeitet habe, der Fall war. Das kann das Forschen über Opfer des Holocaust im eigenen Ort sein. Das kann natürlich der Besuch einer Gedenkstätte sein. Das können Filme oder künstlerische Produktionen sein. Das kann die Auseinandersetzung mit Zeitzeugnissen sein. Und auch die Digitalisierung öffnet in diesem Zusammenhang viele Möglichkeiten, Jugendliche zu „Zweitzeugen“ zu machen.

Und dann gehört zu einer guten Erinnerungskultur natürlich auch die historische und politische Einordnung: die Suche nach den Ursachen, nach den damaligen gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Umständen.

Fast immer habe ich bei meinen Begegnungen mit Jugendlichen erlebt, dass sie, wenn sie sich mit dem Holocaust auseinandergesetzt haben, sagen: Wir sind nicht schuld – aber wir sind als Demokratinnen und Demokraten verantwortlich dafür, dass so etwas nicht wieder passiert.

Natürlich haben Gespräche mit Zeitzeuginnen und -zeugen eine enorme emotionale Wirkung. Aber zu sagen, weil die jetzt kaum noch möglich sind, gibt es keine emotionalen Zugänge mehr, fände ich falsch.

Jahrzehntelang haben vor allem Zeitzeugen jungen Menschen die Schrecken des Nationalsozialismus vor Augen geführt. Zeitzeugen gibt es heute kaum noch. Wie kann die Erinnerung dennoch lebendig gehalten werden?
Natürlich haben Gespräche mit Zeitzeuginnen und -zeugen eine enorme emotionale Wirkung. Aber zu sagen, weil die jetzt kaum noch möglich sind, gibt es keine emotionalen Zugänge mehr, fände ich falsch.  Denken Sie nur an das Beispiel Anne Frank. Sie lebt nicht mehr, aber es gibt ihr Zeitzeugnis, ihr Tagebuch, das junge Menschen heute immer noch sehr bewegt und in dem sie viel von sich wiederfinden können.

Das gilt übrigens auch für den Ersten Weltkrieg. Schon lange gibt es keine Zeitzeugen mehr, die über diesen grausamen Krieg berichten können. Aber es gibt viele Dokumente, Briefe und Fotos, hinter denen Schicksale stehen. Wie sehr diese Schicksale junge Menschen berühren können, habe ich bei meinen vielen Besuchen mit Jugendlichen im In Flanders Fields Museum im belgischen Ypern erlebt. Dort werden zum Beispiel Feldpostbriefe junger Soldaten von 1917 akustisch eindrucksvoll präsentiert. Diese Zeitzeugnisse aus den Schützengräben junger Soldaten, die so alt waren wie die Jugendlichen, die heute am Ende ihrer Schulzeit stehen und ihr Leben vor sich haben, sind berührend und bieten viele Identifikationspunkte, an die Jugendliche anknüpfen können.

Ist es genug, was an Schulen zur Erinnerungskultur gemacht wird?
Der Grundstein ist gelegt durch die Beschlüsse, die alle Kultusministerinnen und -minister mit großer Überzeugung 2014 getroffen haben. Der Auftrag zur Erziehung zur Menschlichkeit ist in allen Schulgesetzen vom Grundsatz her als Bildungsziel verankert. Aber natürlich gibt es unterschiedliche Wege, wie die Empfehlungen umgesetzt werden. In Nordrhein-Westfalen haben wir ergänzend zum klassischen Unterricht den Weg der Bildungspartnerschaft vor Ort eröffnet. Das heißt, die Schulen schauen, was sie konkret in ihrem Umfeld machen können. Die „Stolpersteine“ sind dafür ein sehr schönes Beispiel: Hier können Schülerinnen und Schüler in ihrer unmittelbaren Umgebung und ganz niedrigschwellig Verantwortung übernehmen. Sie können sich auf die Spuren dieser verfolgten Menschen begeben und diese „Stolpersteine“ zum Beispiel pflegen.

Da sind wir dann wieder bei der Gestaltungskompetenz. Es macht einen Unterschied, ob ich nur etwas über einen anderen Menschen lese oder ob ich einen Beitrag gegen das Vergessen leiste. Am besten ist es natürlich, wenn eine Schule dieses Engagement zur Erinnerungskultur aktiv in ihr Schulprogramm einwebt. Und das tun ja auch sehr viele. Die Zahl der Schulen ohne Rassismus – Schulen mit Courage wächst stetig.

Ein verpflichtender Besuch eines Konzentrationslagers birgt auch die Gefahr, dass man nach dem Besuch einfach einen Haken dahinter setzt und hofft, das Wissen und die Haltung würden sich automatisch einstellen.

Halten Sie den verpflichtenden Besuch eines Konzentrationslagers für jede Schülerin und jeden Schüler für sinnvoll?
Aus meiner Sicht ist es wichtig, so nah wie möglich an die Thematik heranzugehen. Darum halte ich den Besuch einer Gedenkstätte grundsätzlich für sinnvoll. Aber ich werbe dafür, nicht eine Möglichkeit absolut zu setzen und dafür die vielen anderen, die vielleicht viel näher liegen und leichter in den Unterricht einzuweben sind als der Besuch eines Konzentrationslagers, zu vernachlässigen. Die Qualität ist das Entscheidende, nicht das Instrument.

Ein verpflichtender Besuch eines Konzentrationslagers birgt auch die Gefahr, dass man nach dem Besuch einfach einen Haken dahinter setzt und hofft, das Wissen und die Haltung würden sich automatisch einstellen. Aber so ein Besuch darf keine Eintagsfliege sein. Entscheidend ist immer, dass die Jugendlichen gut vorbereitet sind und sich wirklich mit der Thematik auseinandersetzen. Und danach sollte man nicht einfach zum Alltag zurückkehren, sondern zum Beispiel eine Ausstellung, eine Aufführung oder ein anderes Projekt daraus entwickeln, das die Jugendlichen als Botschafter des Erlebten der ganzen Schulgemeinschaft vorstellen. So ist auch die pädagogische Wirksamkeit wesentlich größer.

Das Interesse an Besuchen von Gedenkorten, insbesondere des Holocaust, ist in vielen Schulen sehr groß. Auch schon in Grundschulen. Sollten so junge Kinder schon an den Holocaust herangeführt werden?
Ich habe den Eindruck, dass Schulen mit dieser Frage sehr verantwortungsvoll und sensibel umgehen. Die Jugendlichen, mit denen ich Auschwitz und Ypern besucht habe, waren in der zehnten Klasse und darüber. Es ist ja auch wirklich schwer auszuhalten, was man dort erlebt. Darum halte ich einen Besuch in einem Konzentrationslager erst ab Ende der Sekundarstufe I für sinnvoll. Das heißt aber nicht, dass das Thema nicht schon in der Grundschule behandelt werden kann. Fragen zu Grundrechten und Ausgrenzung, zum Miteinander in der Gesellschaft kann und sollte man schon mit jüngeren Kindern behandeln, ohne dass es dabei direkt um den Holocaust gehen muss.

Erinnerungskultur sollte altersgemäß die ganze Schullaufbahn hindurch eine Rolle spielen. Sie bleibt eine Daueraufgabe von Schule und ist nötiger denn je.

Sylvia Löhrmann
Sylvia Löhrmann
  • Sylvia Löhrmann ist Lehrerin für die Sekundarstufen I und II. Neben ihrer Arbeit als Lehrerin an der ersten Gesamtschule in Solingen wirkte sie an der Entwicklung und Gestaltung schulübergreifender Themen in der Infrastruktur auf kommunaler und Landesebene mit, etwa im Bereich der Integrationspolitik.
  • Von 2010 bis 2017 war die Politikerin (Bündnis 90/Die Grünen) Ministerin für Schule und Weiterbildung sowie stellvertretende Ministerpräsidentin des Landes Nordrhein-Westfalen. Sie engagierte sich hier unter anderem für inklusives Lernen und den Ausbau der Gemeinschaftsschule mit dem Ziel, ein längeres gemeinsames Lernen zu ermöglichen.
  • Im Jahr 2014 war Sylvia Löhrmann Präsidentin der Kultusministerkonferenz und machte sich während ihrer Amtszeit für die Förderung der Erinnerungskultur an Schulen stark.
  • Ehrenamtlich engagiert sie sich auch heute im Bereich der Erinnerungskultur und ist Generalsekretärin für das Festjahr 2021 „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“.
  • Seit 1. Mai 2020 ist Sylvia Löhrmann Mitglied im Programmteam der Deutschen Schulakademie und verantwortet dort das Thema „Ganztag“.