Klassenfahrten : Eine Schulfahrt, die wär lustig

Ohne Klassenreisen gäbe es keinen Spiderman, keinen Farin Urlaub, keine Anekdoten aus dem Stockbett. Die Touren sind prägend, doch auch im nächsten Schuljahr wird Corona wieder viele Pläne zunichte machen. Eine wehmütige Liebeserklärung an die Schulfahrt.

Dieser Artikel erschien am 11.09.2021 in der Süddeutschen Zeitung
Martin Zips
Schüler:innen steigen in den Bus (schwarz-weiß-Bild)
Ob es auch Ende der 1950er-Jahre schon so war, dass die Coolen immer in der letzten Reihe saßen? Und was haben die Kids damals im Bus gegrölt, als das Lied "Eisgekühlter Bommerlunder" noch nicht geschrieben war?
©Getty Images

Nach Rom hätte es zuletzt auf Klassenfahrt gehen sollen, in den Bayerischen Wald, nach China oder Portugal. Doch daraus wurde natürlich nichts. Corona hat’s gekillt. Also auch keine Völkerverständigung in der Bretagne, keine Liebschaft in den Masuren, kein Ausflug ans Nordkap, keine Gastfamilie in Athen.

„Klassen-, Stufen- und Kursfahrten gehören zu den wichtigsten Ereignissen jeder Schullaufbahn“, so heißt es in einem aktuellen Nachschlagwerk zum Thema. Stichwort „Sozialkompetenz“. Auch in Kinder- und Jugendbüchern werden sie meist hymnisch beschrieben, die diversen Schulausflüge: Von Conny bis Ella, vom kleinen Nick bis zu den Wilden Hühnern, vom kleinen Vampir bis zu Hanni und Nanni – alle waren natürlich schon fröhlich auf Klassenfahrt.

Doch zuletzt fanden die Schulreisen oft nicht statt. Lag die Inzidenz am „Schul- oder Zielort“ über 100, so hieß es kürzlich noch beispielsweise in einem Erlass des hessischen Kultusministeriums, so müsse die Reise abgesagt werden. Auch in NRW und in Sachsen legt man den Fokus zum neuen Schuljahr vor allem auf den Präsenzunterricht und bei der Schulbehörde in Bayern wurde in Sachen „Durchführung mehrtägiger Schülerfahrten“ zuletzt verlautbart, diese könnten höchstens dann stattfinden, wenn „alle infektionsschutzrechtlichen Vorgaben“ beachtet würden, die Teilnahme „freiwillig“ sei und eine „kostenfreie Stornierung“ angeboten werde.

Mit anderen Worten: Das Risiko liegt bei Lehrern und Lehrerinnen sowie den Eltern. Und die dürften somit auch im Schuljahr 2021/22 keine große Lust haben, genau solche Fahrten zu organisieren.

Positiver Test? Bitte unverzüglich abholen!

Und allzu weit weg, das wäre ja eh riskant. Denn wird ein Kind während der Reise positiv getestet, so eine dieser Tage häufig anzutreffende Schulausflugsregel, so müssen die Eltern innerhalb von 24 Stunden die Rückfahrt ihres Kindes selbst organisieren. Eine hilfsbereite Frau aus Steinhagen in Nordrhein-Westfalen habe, so ist zu lesen, den positiv getesteten Sohn ihrer führerscheinlosen Freundin von einer Klassenfahrt aus Berlin abgeholt. Danach musste freilich auch sie in Quarantäne. „Glaubt ihr auch, dass man in dieser Welt manches nur mit Humor und Spaß übersteht?“, heißt es im Song „Klassenfahrt“ der A-cappella-Gruppe Wise Guys. Ja, das glauben wir.

Dabei kannte die Geschichte der Klassenfahrten in der Vergangenheit so viele Heldinnen und Helden! Die internationalen Jugendwerke zum Beispiel, die seit Jahren den Austausch etwa mit Frankreich organisieren. Oder diesen Westerwälder Lehrer, der schon in den 1960er Jahren damit begann, auf eigene Faust Begegnungen mit Schülern in England und Polen anzubieten. Als ehemaliger Soldat war der Pädagoge fest davon überzeugt, dass allein Völkerverständigung die Menschheit vor weiteren Kriegen und Katastrophen bewahren kann.

Oder auch dieser Französischlehrer, der in den 1980ern in Ruanda mit deutschen Schülerinnen und Schülern beim Aufbau einer Schule half. Der gemeinsame Gang mit jungen Polen im Jahr 1988 über die Rampe des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz, die Gespräche mit französischen Bauern während einer Fahrt in die Vogesen (“Diese Milchkanne kenne ich noch von deinem Vater, mein Junge. Der war Nazi, oder?“), die Unterbringung einer jugendlichen Jazz-Band aus Chicago in Gastfamilien eines rheinländischen Dorfes mit Schiffsausflug am Biggesee – all das prägt. Wenn es denn stattfindet.

„Seit März 2020 sind unsere internationalen Austauschprogramme so gut wie vollständig zum Erliegen gekommen“, sagt nun Bernd Böttcher von der Initiative „Austausch macht Schule“. Er spricht von einer „Lücke“, die „unwiederbringlich“ sei. Viele Kontakte seien bereits verloren gegangen, über Online-Initiativen wie das Schulnetzwerk „Etwinning“ der Europäischen Kommission versuche man jetzt neue Verbindungen aufzubauen.

Zur Schaumparty nach Kroatien? Das muss doch echt nicht sein

Austauschprogramme und Klassenfahrten sind wichtig. Sie formen die Persönlichkeit. Ein West-Berliner Junge namens Jan Vetter etwa kam ausgerechnet auf einem Schulausflug nach London auf die Idee, sich die Haare dort bleichen und schneiden zu lassen. Später nannte er sich: Farin Urlaub. Comic-Held Peter Parker wiederum wird – natürlich auf einem Schulausflug – von einer genmanipulierten Spinne gebissen und entwickelt so als „Spiderman“ neue Kräfte. Auch das kann man durchaus als Metapher sehen. Sicher, in der Realität geht es auf Klassenfahrten nicht um genmanipulierte Spinnen, sondern vor allem um die Frage, wer bei wem im Stockbett schlafen oder im Bus sitzen darf. Aber auch das kann ja recht spannend sein. So wie der Goldschatz, den Tom Sawyer (zusammen mit Becky) in einer Tropfsteinhöhle findet. Natürlich während eines Schulausflugs.

Es muss ja nicht – wie im zweiten Teil der deutschen Teenie-Komödie „Fack ju Göhte“ – gleich zum Saufen nach Thailand oder, das ist ja auch recht beliebt, zur Schaumparty nach Kroatien gehen. Vor der Pandemie hätten deutsche Schülerinnen und Schüler bei jeder vierten Klassenfahrt das Flugzeug benutzt, ergab Ende 2019 eine Umfrage in Hamburg. Das Flugzeug! Zum Beispiel, um in einen Hochseilgarten auf Mallorca zu fliegen. Event-Agenturen bieten sowas ja gerne an, weil Kinder und Jugendliche so ungern in Kirchen und Museen gehen. Die Armen. Und 2015 war es für einige Berliner Gymnasiastinnen und Gymnasiasten, natürlich mit staatlicher Unterstützung, sogar möglich, eine Klassenfahrt nach New York zu unternehmen. Dort soll es ja auch recht nett sein. Ein Frankfurter Gymnasium hingegen schickte, ebenfalls noch vor Corona, seine Schülerinnen und Schüler zusammen mit deutschen Rentnern auf einem Kreuzfahrtschiff nach Norwegen.

Es wäre wirklich gut, wenn dieser Unsinn nun vorbei ist. Auch im Sinne der gemeinsamen europäischen Zukunft, übrigens. Ursprünglich hießen Schulausflüge ja ohnehin: „Bildungsfahrten“. Und so betrachtet sind sie auch gar keine üble Idee, schon seit Anfang des 19. Jahrhunderts.

Hoffentlich gehen sie bald wieder los. Schon ganz in der Nähe, bei unseren Nachbarn, gibt es so viel zu entdecken. Manchmal sogar sich selbst.