Bolivien : Eine Schule im Ausnahmezustand

Nach dem Rücktritt des Präsidenten Evo Morales hat Bolivien in den vergangenen Wochen heftige Unruhen erlebt. In der Hauptstadt La Paz liegt die Deutsche Schule „Mariscal Braun“, die in diesem Jahr den Deutschen Schulpreis gewonnen hat. Das Schulportal sprach mit Volker Stender-Mengel, der seit sechs Jahren die Schule leitet, darüber, wie die Schule die schwierigen Wochen erlebt hat, wie die Abiturprüfungen trotz Schließung stattfinden konnten und welche Erwartungen er für das neue Schuljahr hat.

Annette Kuhn / 12. Dezember 2019
Kinder vor der Schule Mariscal Braun, Berge im Hintergrund
Auf 3400 Metern Höhe liegt die Deutsche Auslandsschule Mariscal Braun im bolivianischen La Paz.
©Robert Bosch Stiftung / Traube 47

Schulportal: Wie ist die Situation im Moment in Bolivien?
Volker Stender-Mengel: Es herrscht jetzt Ruhe, so als wäre nichts gewesen. Die Versorgung funktioniert, und man kann sich draußen ganz normal bewegen. Hinter den Kulissen passiert aber viel. Einzelne Mitglieder der MAS-Partei des zurückgetretenen Präsidenten Evo Morales werden verhaftet, hochrangige weitere sind auch in Botschaften geflüchtet, um dort Asyl zu beantragen. Die Übergangsregierung räumt auf, aber davon bekommen die Menschen im Alltag kaum etwas mit.

Läuft auch der Betrieb in der Deutschen Schule wieder normal?
Wir haben seit 29. November Sommerferien. Die Schule öffnet erst wieder Ende Januar. Aber während der Unruhen haben wir die Schule tatsächlich schließen müssen.

Wurde das von der Regierung angeordnet?
Nein, wir haben als Deutsche Schule einen besonderen Status, zum Beispiel auch bei den Ferienzeiten. Es gibt ein zwischenstaatliches Abkommen, das uns relativ große Freiheiten lässt. Daher lag die Entscheidung zur Schulschließung vor allem bei uns. Die staatlichen Schulen blieben anfangs noch offen, wir hatten unsere Schule in Abstimmung mit dem Schulverein und der Deutschen Botschaft aber bereits am 25. Oktober geschlossen. Anfangs haben wir immer von einem auf den anderen Tag entschieden, ob wir am nächsten Tag die Schule wieder öffnen. Aber als die Versorgungslage immer schwieriger wurde, weil Demonstranten Treibstofflager und Straßen blockierten, haben wir uns entschieden die Schule längerfristig zu schließen. Wir konnten nicht mehr sicherstellen, dass die Eltern ihre Kinder abholen oder die Schulbusse fahren können. Insgesamt drei Wochen war die Schule zu. Allerdings haben wir die älteren Schülerinnen und Schüler weiter in digitaler Form unterrichtet, zum Beispiel über die Internetplattform „google classroom“. Die Abschlussprüfungen mussten aber selbstverständlich in der Schule stattfinden.

Wie war das möglich?
Die deutschen Abiturienten mussten noch ihre mündlichen Prüfungen ablegen, und die spanischsprachigen die schriftlichen Prüfungen für das Bachillerato, das Pendant zum Abitur. Wir haben die Prüfungen in die Abendstunden verlegt, als die Lage auf den Straßen ruhiger war. Zwischen 18 und 19 Uhr ging es los, die Prüfungen fanden dann bis etwa 22 Uhr statt. Tatsächlich sind auch immer alle Schülerinnen und Schüler gekommen. Nur einmal mussten wir die Prüfungen abbrechen. Da bekam ich eine Whatsapp-Nachricht vom EU-Botschafter, der einen Hinweis bekommen hatte, dass die Polizei in manchen Landesteilen zu den Demonstranten übergelaufen sei. Die Folgen waren unkalkulierbar.

Porträt Volker Stender-Mengel
Volker Stender-Mengel, Schulleiter der Deutschen Schule in La Paz
©privat

Hatten Sie in dieser Zeit Angst, in die Schule zu gehen?
Ich wohne nur einige Straßen weiter, war von den Unruhen persönlich nur wenig berührt. Außer vielleicht, dass wir, wie die meisten Menschen, erst einmal Lebensmittelvorräte für einige Tage eingekauft haben. Der Protest richtete sich ja nicht gegen uns als Ausländer. Dennoch hatten manche Kolleginnen und Kollegen schon große Angst, insbesondere auch die mit kleinen Kindern und die, die näher an den Unruheherden wohnten. Manche Lehrkräfte haben auch für einige Tage Unterschlupf bei Freunden gefunden, die in einer weniger betroffenen Gegend wohnen. Zum Glück ist aber niemandem etwas passiert. Wir standen auch jeden Tag in engem Kontakt mit der Deutschen Botschaft und mit der ZfA, der Zentralstelle für das Auslandsschulwesen in Deutschland. So waren wir immer gut informiert über die Gefahrenlage. Es hat mich gefreut, dass niemand aufgrund der Lage jetzt seinen Vertrag gekündigt hat.

Nach drei Wochen haben Sie die Schule wieder geöffnet. Lief der Betrieb dann wieder ganz normal?
Nein, Unterricht fand nur bis mittags statt, damit die Eltern nicht zweimal zur Schule fahren mussten, um mittags ihre jüngeren und am Nachmittag die älteren Kinder abzuholen. Das war für die meisten kaum zumutbar, und wir wussten ja nicht, ob die Treibstoffversorgung stabil bleibt. Aber es hat allen gut getan, dass nun wieder eine gewisse Normalität da war.

Haben sich die politischen Konflikte auch in der Schule gespiegelt?
Natürlich gibt es hier verschiedene politische Meinungen, wir haben ja auch eine sehr heterogene Schulgemeinschaft. Die Schule besuchen auch Kinder von Regierungsangehörigen und von Politikern, die jetzt im Asyl leben. Aber wir wollen nicht, dass sich hier Fronten bilden und die Schulgemeinschaft gespalten wird. Gleich am zweiten Tag nach der Öffnung gab es mit der ganzen Schülerschaft eine Versammlung, in der jeder zu Wort kommen konnte und in der wir klargemacht haben, dass jeder mit seiner Meinung respektiert wird. Das entspricht auch den Werten unserer Schule. Ich war beeindruckt, wie sehr sich alle für ein friedliches Miteinander stark machten. Das hatte sich auch schon bei den Abschlussprüfungen gezeigt. Die bolivianischen Schülerinnen und Schüler hatten sich fast alle in bolivianische Flaggen gehüllt ­– in die Staatsflagge, nicht in die Wiphala, die symbolisch aufgeladene Flagge der MAS-nahen Bevölkerung. Das war ein politisches Bekenntnis: Sie wollten damit ein Zeichen setzen für ein geeintes, ein friedliches Bolivien.

Meinen Sie, dass es in Bolivien jetzt friedlich bleibt?
Wenn im März/April die Wahlen stattfinden, wird es sicherlich noch einmal unruhig werden. Ich rechne auch damit, dass es anschließend zu einer Stichwahl kommt. Dann wird man sehen, ob das Ergebnis von allen akzeptiert wird. Die Wählerschaft in beiden politischen Lagern ist ja kein homogener Block.

Und was erwarten Sie für Ihre Schule?
Das Schuljahr beginnt Ende Januar. Das wird anfangs vielleicht nicht ganz leicht, weil gar nicht klar ist, ob alle Schülerinnen und Schüler zurückkommen werden. Für manche Familien ändert sich die wirtschaftliche Situation und sie können das Schulgeld vielleicht nicht mehr bezahlen. Andere Familien wohnen dann schon nicht mehr im Land. Und dann kommen ja auch neue Lehrerfamilien aus Deutschland, um die wir uns jetzt besonders kümmern müssen. Es sind fünf neue Kolleginnen und Kollegen, alle mit Kindern. Für sie ist die Situation natürlich nicht einfach. Sie mussten sich in den vergangenen Wochen in Deutschland anscheinend gegenüber Freunden und Bekannten wiederholt dafür rechtfertigen, dass sie in so ein Land gehen und dann noch mit Kindern. Natürlich ist das nicht einfach, und das Arbeiten in einem Land wie Bolivien ist nicht so routinemäßig wie in Deutschland. Aber das dürfte ja eigentlich jedem klar sein, der sich entscheidet, für einige Jahre ins Ausland zu gehen.

Auf einen Blick

  • Die Deutsche Schule „Mariscal Braun“ La Paz ist eine von sechs Preis­träger­schulen des Deutschen Schulpreises 2019.
  • Sie wurde 1923 als Realschule gegründet. Heute gehören ein Kinder­garten, eine Grund-, Sekundar- und Berufs­schule zu ihr.
  • Derzeit besuchen rund 1.100 Kinder und Jugendliche die Deutsche Schule La Paz – rund 90 Prozent der Schülerschaft sind bolivianischer Herkunft.
  • Lesen Sie hier das ausführliche Porträt der Preis­träger­schule.