Kinder in der Pandemie : „Eine Gewichtszunahme in dem Ausmaß haben wir zuvor noch nie gesehen“

Jedes sechste Kind in Deutschland ist in der Coronakrise dicker geworden. Eine Elternbefragung zeigt, dass sich schlechte Lebensgewohnheiten nach Ende des Lockdowns verfestigten. Mediziner fordern eine Reihe Sofortmaßnahmen.

Dieser Artikel erschien am 31.05.2022 in DER SPIEGEL
Katherine Rydlink
Kind steht vor Körperwaage
©iStock

Als während des Lockdowns die Fitnessstudios und Schwimmbäder geschlossen hatten, Sportteams sich nicht mehr treffen durften und selbst die morgendliche Fahrradtour ins Büro aufgrund der Homeoffice-Pflicht entfallen ist, dürften die meisten Menschen sich weniger bewegt haben als vor der Pandemie. Inzwischen haben viele jedoch zu ihren alten Routinen zurückgefunden, die Coronakilos sind wieder runter. Doch in einer Altersgruppe haben sich die Folgen der Lockdowns festgesetzt: bei Kindern und Jugendlichen.

Einer Umfrage der Deutschen Adipositas-Gesellschaft (DAG) und des Else Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin (EKFZ) an der TU München zufolge bewegt sich fast die Hälfte der Kinder heute weniger als vor der Pandemie. Jedes sechste Kind in Deutschland ist seit Beginn der Coronakrise dicker geworden, etwa ein Viertel isst mehr Süßigkeiten. Die Lebensumstellung hält demnach in der Gruppe der 3- bis 17-Jährigen bis heute an, obwohl die Auswirkungen der Pandemie für die meisten Menschen kaum noch zu spüren sind.

Für die Studie hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa 1004 Eltern zu den Ess- und Bewegungsgewohnheiten ihrer Kinder befragt.

Die wichtigsten Ergebnisse im Überblick:

  • 16 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind dicker geworden , bei Kindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren sind es sogar 32 Prozent.
  • Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien sind doppelt so häufig von einer ungesunden Gewichtszunahme betroffen wie Kinder und Jugendliche aus einkommensstarken Familien (23 zu 12 Prozent).
  • 44 Prozent der Kinder und Jugendlichen bewegen sich weniger als vor der Pandemie , bei Kindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren sind es sogar 57 Prozent.
  • Bei 33 Prozent der Kinder und Jugendlichen hat sich die körperlich-sportliche Fitness verschlechtert , bei Kindern im Alter von zehn bis zwölf Jahren sind es sogar 48 Prozent.
  • Bei 43 Prozent der Kinder und Jugendlichen belastet die Pandemie die seelische Stabilität „mittel“ oder „stark“.
  • 70 Prozent der Kinder und Jugendlichen haben die Mediennutzung gesteigert.
  • 27 Prozent der Kinder und Jugendlichen greifen häufiger zu Süßwaren als zuvor.
  • 34 Prozent der Familien essen häufiger gemeinsam als zuvor.

„Eine Gewichtszunahme in dem Ausmaß wie seit Beginn der Pandemie haben wir zuvor noch nie gesehen“, sagte Susann Weihrauch-Blüher, Oberärztin an der Universitätskinderklinik in Halle an der Saale einer DAG-Mitteilung zufolge. „Das ist alarmierend, denn Übergewicht kann schon bei Kindern und Jugendlichen zu Bluthochdruck, einer Fettleber oder Diabetes führen.“ Schon vor Corona seien 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen von Übergewicht betroffen gewesen, sechs Prozent sogar von starkem Übergewicht.

Nun ist das Gewicht bei vielen Kindern offenbar noch einmal gestiegen. Das EKFZ hatte im September 2020, kurz nach Beginn der Coronapandemie, bereits eine ähnliche Befragung durchgeführt. Ein Abgleich mit den aktuellen Daten zeigt, dass sich die Auswirkungen auf den Lebensstil inzwischen verfestigt haben.

„Die Krankheitslast ist ungleich verteilt, und Corona hat das erheblich verschärft“, sagt Hans Hauner, Direktor des EKFZ und DAG-Vorstandsmitglied. „Die Folgen der Pandemie müssen aufgefangen werden, sonst werden die Coronakilos zum Bumerang für die Gesundheit einer ganzen Generation.“ Die Stärkung geeigneter Therapieangebote, die alle Gruppen gleichermaßen erreicht, sei nun von enormer Bedeutung.

Als Sofortmaßnahmen forderten die Expertinnen und Experten eine Besteuerung von Zuckergetränken, Werbeschranken für ungesunde Lebensmittel und eine Stärkung der Adipositas-Therapie.

Aktuelle und bundesweit repräsentative Messungen des Körpergewichts von Kindern und Jugendlichen gibt es nicht. Die letzte Erhebung des Robert Koch-Instituts fand in den Jahren 2014 bis 2017 statt. Die aktuelle Umfrage sowie erste regionale Messungen und Befragungen legen nun nahe, dass mehr Kinder und Jugendliche von Übergewicht betroffen sind als je zuvor.

So ist einer Studie der Universität Leipzig zufolge das Körpergewicht von Kindern in der Region Mitteldeutschland in den ersten Monaten der Coronapandemie deutlich gestiegen. Im Rahmen einer Befragung des Karlsruher Instituts für Technologie berichtete ein Viertel der normalgewichtigen Kinder und Jugendlichen von einer Gewichtszunahme im zweiten Lockdown 2020. Auch Daten der DAK-Gesundheit zeigen einen deutlichen Anstieg der Krankenhausbehandlungen wegen Adipositas bei Kindern und Jugendlichen im Jahr 2020.Auch psychische Belastungen durch Pandemie bei Kindern hoch

Dass Kinder und Jugendliche teilweise stärker unter den Pandemiemaßnahmen litten als andere Bevölkerungsgruppen, wurde vielfach kritisiert. In der jüngsten Coronawelle im Frühjahr waren die Inzidenzen bei Schul- und Kitakindern am höchsten. Wenngleich Kinder nur sehr selten schwere Coronaverläufe haben, mussten sie sich immer wieder mit Quarantäne und Homeschooling herumschlagen.

Die Situation wirkte sich bei vielen nicht nur auf die Ess- und Bewegungsgewohnheiten aus, sondern auch auf die Psyche. Die groß angelegte Copsy-Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) untersuchte die psychische Gesundheit von Kindern während der Pandemie. Sie fand heraus, dass sich acht von zehn Kindern durch die Coronapandemie belastet fühlten. Psychosomatische Stresssymptome wie Gereiztheit, Einschlafprobleme und Niedergeschlagenheit traten demnach deutlich häufiger auf als vor der Krise.

Auch eine Analyse der Krankenkasse DAK hat ergeben, dass psychische Störungen bei Kindern und Jugendlichen in den Jahren der Coronapandemie stark zugenommen haben. Demnach ist die Zahl der Jugendlichen gestiegen, die wegen Depressionen und Essstörungen im Krankenhaus behandelt wurden. Der Anteil der 15- bis 17-Jährigen, die 2021 wegen einer depressiven Episode im Krankenhaus waren, stieg im Vergleich zum Vorjahr um 28 Prozent. Mit Essstörungen waren im vergangenen Jahr 17 Prozent mehr Jugendliche im Krankenhaus als noch 2020. Im Vergleich zu 2019 stiegen die Krankenhausaufenthalte wegen Essstörungen 2021 sogar um 40 Prozent.