Musikschule : Egal, ob Fritzi flennt

Eltern sind verunsichert. Wie streng muss man sein, wenn es um Bildung und Leistung der Kinder geht? Der Konflikt an einer Musik­schule zeigt: Gehorsam fasziniert wieder.

Dieser Artikel erschien am 01.03.2020 auf ZEIT Online
Frida Thurm
Kinder spielen Klavier
Der Mythos hält sich hartnäckig: Ein Instrument zu lernen soll Kinder klüger machen, ihre Leistungen in der Schule verbessern, genauso wie ihr Sozialverhalten, kurz: sie zu besseren Menschen machen.
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Irgendwo zwischen Ja und Nein, zwischen „Mach jetzt“ und „Könntest du bitte“, also irgendwo zwischen dem, was Eltern von ihrem Kind wollen und dem, was das Kind im Moment will, ist eine große Verwirrung entstanden. Eltern sollen mit dem Nach­wuchs im Dialog sein und, ganz wichtig, Grenzen setzen. Und neben­bei dafür sorgen, dass ihre Kinder alles lernen, was später wichtig ist. Aber bitte mit Freude! Mütter und Väter, die in der modernen Erziehung Orientierung suchen, treibt es in die Verzweiflung. Was der eine viel verkaufte Erziehungs­rat­geber für richtig hält, nennt der andere falsch. Dabei gibt es eine einfache Lösung. Sylvia Smesny kennt sie.

An einem Januarabend in Dresden sitzen etwa 20 Mütter und Väter auf Hockern zwischen Trommeln und E-Pianos und hören ihr aufmerksam zu. Sie interessieren sich für den Instrumental­unterricht für Geige, Gitarre oder Klavier in Smesnys Musik­schule in einem hippen Innen­stadt­viertel. Smesny, 51, ist eine resolute stämmige Frau mit blondem Bob und kleiner Brille. Um den Hals trägt sie an diesem Abend einen Schal im Muster einer Klavier­tastatur. Smesny zitiert – nicht ohne Genuss – von einer hand­geschriebenen Liste mit „Leistungs­killern“: So nennt sie jene Sätze von Eltern, die sie oft als Entschuldigung höre, wenn das Kind nicht geübt habe oder nicht mitmachen wolle.

„Unser Kind ist überfordert.“
„Unser Kind soll Spaß haben.“
„Ich will mein Kind nicht zwingen.“

Sätze, die Smesny nicht hören will.

An ihrer Schule, das macht Smesny klar, wird von Kindern und Eltern viel gefordert, auch wenn die Kleinen das Instrument nur als Hobby spielen wollen. „Eltern stärken dem Lehrer den Rücken und üben mit ihren Kindern täglich“, steht auf einem Blatt, das die Eltern am Eingang bekommen haben. Smesny wettert gegen das „Manipulations-Erpressertum“ der Kleinen, eine Mutter in der ersten Reihe nickt energisch. Smesny zeigt den Eltern ihre Illustration einer „Anstrengungs­vermeidungs­strategie“ – ein Teufels­kreis aus Lehrern, die etwas fordern, Kindern, die sich verweigern und Eltern, die dem nachgeben, sodass Erfolg und Spaß aus­bleiben. Darüber, wie der Unterricht in den Klein­gruppen genau aussieht, hat Smesny bisher kein Wort verloren, dafür aber viele Worte über ihre Sicht auf Erziehung. In Smesnys Welt sind Erwachsene die unangefochtenen Herrscher und Kinder die Befehls­empfänger. In Smesnys Schule dürfen sich Eltern von ihren Selbst­zweifeln in Erziehungs­fragen erholen.

Darf ich mein Kind zwingen?

Viele Eltern denken: Ein Instrument zu lernen soll Kinder klüger machen, ihre Leistungen in der Schule verbessern, genauso wie ihr Sozial­verhalten, kurz: sie zu besseren Menschen machen. Es sind enorme Erwartungen und Hoffnungen, mit denen viele Schulen werben, auch Smesny. Obwohl die meisten dieser angeblichen Wirkungen inzwischen wider­legt sind, hält sich der Mythos hart­näckig: Wer seinem Kind Musik­unterricht angedeihen lässt, investiere in dessen erfolg­reiche Zukunft. Ein Fünftel aller 6- bis 13-Jährigen musiziert einmal in der Woche oder öfter. Jährlich klimpern, tröten und trommeln sich in Deutschland mehr als eine Million Kinder unter 14 Jahren durch Unterrichts­stunden an mehr als 900 öffentlichen Musik­schulen, 400 im Verband organisierten Privat­schulen und einer unbekannten Anzahl von einzelnen Privat­lehrern und Privat­schulen wie der von Sylvia Smesny.

An Musikschulen zeigt sich der pädagogische Zwiespalt besonders deutlich: Manche weisen auf ihren Internet­seiten extra darauf hin, dass der Unterricht „ganz ohne Zwang“ ablaufe. Übungs­bücher versprechen „Garantiert Gitarre lernen für Kinder“. Musik­stunden sind zwar eine Freizeit­beschäftigung, aber doch kein Hobby wie Schwimmen oder der Fußball­verein, wo der Spaß für viele Kinder unmittelbar in der Sache liegt. Bis sie auf dem Cello oder der Geige etwas zustande bringen, an dem sie selbst Freude haben, müssen sie viel Energie und Fleiß aufbringen. Auch, wenn sie sich ursprünglich selbst dazu entschieden hatten, das Instrument lernen zu wollen.

„Viele Kinder bringen die nötige Disziplin für das Üben nicht allein auf“, sagt Michael Dartsch, Musik­pädagogik­professor an der Hoch­schule für Musik Saar. Deshalb gehe es oft nicht ohne die Unter­stützung der Eltern. Dartsch war selbst lange Geigen­lehrer, Musik­erziehung für junge Kinder ist sein Fachgebiet. „Eltern sollten die Kinder zumindest daran erinnern, dass geübt wird“, sagt er. Am besten sei, sie fänden gemeinsam eine Routine für das Üben, etwa eine feste Zeit am Tag.

Was aber, wenn das nicht reicht? Gerade der Musik­unterricht stellt Familien vor eine Frage, die viele Eltern umtreibt: Darf ich mein Kind zwingen, wenn es nicht freiwillig üben will? Es ist eine wieder und wieder gestellte Frage unter Musik­schul­kinder-Eltern in Ratgeber­foren, manchmal auch vorsichtiger: „Wie motiviere ich mein Kind zum Spielen?“

„Es heißt Musik­erziehung, nicht Musik­bespaßung“

Sylvia Smesnys Antwort ist klar: „Es heißt Musik­erziehung, nicht Musik­bespaßung.“ Eltern dürften einem nörgelnden Kind nicht nachgeben, um ihre Autorität und die der Lehrer nicht zu beschädigen. Denn, auch das ist besonders an dieser Musik­schule, die Eltern sollen in jeder Stunde dabei sein, wenn ihr Kind in einer kleinen Gruppe das Instrument lernt, aber nicht in die Lehrer-Schüler-Beziehung eingreifen. Die Anweisung ist sehr konkret: Wenn ein Kind aus Protest weine, werde im Kurs „stoisch weiter­gemacht“. Denn, so sagt Smesny: „Wenn ich dann tröste, denkt das Kind, es muss nicht mitmachen.“

Ein fleißiges Kind solle gelobt werden, ein faules bestraft, etwa, indem die Eltern sich mal ein Eis gönnten und das Kind keines bekomme. Wenn Eltern davon ausgingen, dass auch die Bildung in der Freizeit erzieherische Sanktionen bräuchte, „dann ist auch der Erfolg vor­programmiert“, sagt sie.

Das klingt erstaunlich wenig nach heute, sondern eher nach der autoritären Erziehung der Nach­kriegs­zeit. Seit den Sechziger­jahren wurde die Erziehung immer liberaler. In der BRD, und später und zaghafter auch in der DDR, wurden die Kinder stärker als Individuen wahr­genommen und ihre Beziehung zu den Eltern immer wichtiger. Das zeigt eine Analyse der Erziehungs­ratgeber der Konrad-Adenauer-Stiftung. Doch mit dem Jahr­tausend­wechsel endet diese Klarheit in einem „Dickicht der Ratgeber­literatur“, aus dem unter anderem auch die erfolg­reichen Bücher des Jugend­psychiaters Michael Winterhoff hervor­gehen, auf den Smesny sich beruft. Winterhoff wendet sich gegen partnerschaftliche Erziehung und fordert mehr Gehorsam, sein Buch Warum unsere Kinder Tyrannen werden (2008) ist in 28 Auflagen mit rund 800.000 Exemplaren erschienen. Viel beachtet waren auch der Pädagoge Bernhard Bueb mit seinem Lob der Disziplin (2006) und die „Tiger Mom“ Amy Chua mit Die Mutter des Erfolgs (2011), in dem die chinesisch­stämmige Amerikanerin ihr Erziehungs­konzept erklärt, das auf Leistung und Gehorsam basiert. Hart­näckig koexistieren diese Bestseller in Buch­handlungen neben den vielen erfolg­reichen Ratgebern der anderen Lager wie Erziehen ohne Schimpfen (2019) oder Mama, nicht schreien (2019), die den aktuellen pädagogischen Diskurs prägen.

Offenbar bedienen Autoren wie Winterhoff und Lehrerinnen wie Smesny selbst in Zeiten der Liberalisierung ein großes Bedürfnis vieler Eltern. Das geht auch aus einer aktuellen Repräsentativ­umfrage des Ipsos-Instituts in Zusammen­arbeit mit dem Zukunfts­forscher Opaschowski hervor: Auch im Jahr 2018 war das am zweit­häufigsten genannte Erziehungs­ziel: Respekt.

Auch Eltern müssen gehorchen

Smesnys Methode zeigt Erfolg. Zumindest, solange alles gut geht. Anfangs war auch Magnus Hecht von ihrer Musik­schule über­zeugt. Drei Jahre besuchte seine Tochter den Klavier­unterricht dort, angemeldet hatte er sie, weil ihm gefiel, dass die Kinder spielerisch verschiedene Instrumente lernen. „Unsere Tochter wurde immer als Vor­zeige­spielerin angepriesen, sie war fleißig und wir haben extra ein sauteures Klavier gekauft“, erzählt er heute. „Ich habe gedacht, wir machen alles richtig.“ In der Klein­gruppe seien es immer die anderen Kinder gewesen, die unter der Lehrerin zu leiden hatten, nicht sein eigenes, sagt Hecht, ein kleiner, freundlicher Mann mit grauen Schläfen. „Man denkt, die anderen üben wahr­scheinlich nicht richtig, und wir üben ja sehr eisern.“

Wenn Sylvia Smesny zwischen den E-Pianos stand und eins der anderen Kinder zwischen etwa fünf und acht Jahren beschimpft habe, rutschte Hecht deshalb etwas tiefer in seinen Stuhl, und versuchte, in seinem Smartphone zu verschwinden. Kinder, die nach Ansicht von Smesny nicht genug geübt hatten oder ihre Anweisungen nicht schnell genug verstanden, habe sie vor der Gruppe gedemütigt. „Das schaffst du nie“, habe sie ihnen gesagt, erinnert sich Hecht. Und: „Hör auf mit Weinen.“ Statt zu trösten habe die Lehrerin die anderen Kinder aufgefordert, lauter zu spielen, um das Weinen zu übertönen.

Ähnliche Vorwürfe finden sich in Onlinebewertungen der Schule: Von Zwang ist da die Rede, von autoritären Methoden, von schwarzer Pädagogik. Mehrere Eltern, die ihre Kinder von der Schule genommen haben, erzählen im Gespräch Ähnliches. Einem Vater, der darauf hinwies, dass die Lehrerin sich vielleicht in der Seite im Übungsheft geirrt habe, sei Smesny mit „Du sollst keine Wider­worte geben“ über den Mund gefahren, erzählt dieser. Man fragt sich: Warum tun Eltern sich das an? Denn offenbar wird Gehorsam hier auch von den Eltern verlangt.

Ich habe gedacht, wir machen alles richtig.
Magnus Hecht, Vater

Aus ihrem strengen Konzept macht Sylvia Smesny kein Geheimnis. Dass sie Kinder im Unterricht beschimpfe oder demütige, bestreitet sie jedoch. Es komme aber vor, dass Kinder „Kritik persönlich nehmen“.

Wo sind Grenzen von Kritik, was ist schon Demütigung oder psychische Gewalt? Der Musik­pädagoge Dartsch sagt: „Wenn Kinder bloß­gestellt werden, wenn sie beschimpft werden, wenn sie lächerlich gemacht werden – alles, was Kinder demütigt, ist zu vermeiden, das ist absoluter Konsens in der Literatur.“ Warum hat also Smesnys Schule so viele Anhänger, wenn nach den Berichten der Eltern genau das dort passiert?

Seit 16 Jahren gibt es die Schule, 250 Schülerinnen und Schüler werden hier laut Smesny derzeit unterrichtet, haupt­sächlich von ihr und ihrer Co-Leiterin in Klein­gruppen. Man arbeite sehr erfolgreich ohne Förder­mittel, sagt Smesny. Überprüfen lassen sich diese Angaben nicht, doch dass es viele Eltern gibt, die ihre Kinder bewusst in dieser Musik­schule unterrichten lassen, bestätigen sogar jene Mütter und Väter, die das Weite gesucht haben. Nehmen diese Eltern die Demütigung ihrer Kinder in Kauf, weil die Strenge der Lehrerin Wirkung zeigt? Finden sie die strenge Hand gut, weil sie selbst nicht so sein wollen und diese Disziplinierung lieber auslagern? Oder wollen sie es nicht wahrhaben?

Das empörte Pamphlet einer Lehrerin

„Ja, Frau Smesny ist schon manchmal streng“, sagt Simeon Borszik, und ja, es gebe immer wieder mal so kleine Phasen, wo er denke, das hätte sie sich jetzt vielleicht sparen können, aber im Großen und Ganzen sei es ein exzellenter Unterricht. Borsziks achtjährige Tochter besucht seit ein­ein­halb Jahren Smesnys Cello- und Klavier­unterricht, sein fünf­jähriger Sohn hat nun eben­falls damit begonnen. „Die Ergebnisse, die ich an meinen Kindern, aber auch den anderen sehe, sind über­durch­schnittlich gut.“

Er und seine Frau seien sich einig: Die musikalische Ausbildung sei wie Lesen und Schreiben und Rechnen lernen. „Das ist kein Hobby, das ist eine Grund­aus­bildung.“ Wenn Mütter und Väter den Unterricht und Smesny kritisierten, liege das daran, „dass die meisten Eltern nicht in der Lage sind, diese Konflikte mit ihren Kindern aus­zu­halten.“ Simeon Borszik erzählt, er habe als Kind vier Jahre lang Klavier gespielt – bis er keine Lust mehr hatte. Seine Eltern meldeten ihn damals einfach vom Unterricht ab. „Heute kann ich halt nichts. Das ist schade.“

Spricht das also für die Methode Smesny? Müssen Eltern und Lehrer nur hart genug sein, und irgend­wann fügen sich die Kinder, ganz zu ihrem Besten?

Ganz so einfach ist es nicht, sagt der Musikpädagoge Dartsch. Studien, die Abbrecher­quoten an Musik­schulen unter­suchten, haben gezeigt: Am erfolg­reichsten sind Lehrerinnen und Lehrer, die konsequent sind und den Kindern etwas abverlangen – aber auch liebe­voll reagieren und Verständnis zeigen. Bei ihnen nahmen die Kinder in der Untersuchung am längsten Unterricht. Und von ihnen könnten Mütter und Väter wohl mehr über die Balance von Strenge und Dialog lernen als aus den meisten Ratgebern.

Früher war die Welt ganz einfach. Die Eltern standen oben, die Kinder standen unten.
Heidemarie Arnhold, Pädagogin

Bei Magnus Hecht, dem Vater der Vorzeigeschülerin, führte nach drei Jahren Unterricht eine harm­lose Nach­frage per Mail zur Eskalation, erzählt er. Die Mutter seiner Kinder hatte die Lehrerin um eine Begründung gebeten: Warum wird im Stück Für Elise derselbe Ton hinter­einander mit drei unter­schiedlichen Fingern gespielt? Die Antwort­mail gibt nicht etwa die einfache Erklärung – damit der Finger nicht ermüdet –, sondern ist ein empörtes Pamphlet einer Lehrerin, die ihre Autorität infrage gestellt sieht. Die Eltern haken nach, bitten um ein Gespräch, doch der Konflikt eskaliert. „Es wird so gemacht, weil es so gemacht wird“, schreibt Smesny in einer weiteren Mail. Hecht meldete seine Kinder schließlich ab.

Im Musikunterricht – und der Erziehung im Allgemeinen – geht es nicht nur um die Frage, welche Methode Erfolg hat, sondern auch um den Preis dafür. Generationen von Klavier­schülern lernten das Instrument von Lehrern, die ihnen mit dem Stock auf die Finger schlugen. Auch die Methode Smesny kann dazu führen, dass Kinder tatsächlich ein Instrument lernen. „Aber Befehl und Gehorsam sind nicht mehr Grund­prinzipien in dieser Gesellschaft“, sagt die Pädagogin Heidemarie Arnhold. „Das entspricht nicht mehr den Ideen und den gesellschaftlichen Anforderungen an Selbst­ständigkeit, die Kinder als Erwachsene dann haben müssen“, sagt sie. „Viele Eltern suchen deshalb nach Orientierung.“

Arnhold ist die Vorsitzende des Arbeits­kreis neue Erziehung e.V., der, gefördert vom Bundes­familien­ministerium, Familien in Berlin berät. „Früher war die Welt ganz einfach. Die Eltern standen oben, die Kinder standen unten.“ Die klare Hierarchie in der Gesellschaft habe sich inzwischen jedoch aufgelöst: Zum einen gesetzlich – Kinder haben weiter gehende Rechte – und zum anderen, was die Fähigkeiten angeht. Arnhold spricht von einer „massiven Umverteilung von Kompetenz“, weil Kinder in der digitalen Welt so viel besser zurecht­kommen als ihre Eltern. „Trotzdem sind Eltern für ihre Kinder verantwortlich“, sagt Arnhold. „Die Heraus­forderung besteht darin, eine neue Basis für diese Verantwortung zu finden.“

Viele Mütter und Väter freuten sich „über alle Experten, die das alte strenge Modell wieder aus der Mottenkiste holen“, sagt Arnhold. Wie etwa Michael Winterhoff, dessen Bücher von Experten scharf kritisiert werden, etwa als „Sarrazin der Erziehung“ oder Teil einer „neuen kalten Erziehungs­kultur“ die „in Familien die Hölle anrichten“ könnte, wie der Familien­therapeut Wolfgang Bergmann der Süddeutschen Zeitung sagte. Kinder sind, ohne es zu wollen, zum Zentrum der Klein­familie geworden und tragen plötzlich Verantwortung, sagt Bergmann: die Verantwortung, ihre Familie als gute Familie zu repräsentieren, indem sie sich benehmen. So wird der Gehorsam also – ohne dass es formuliert wird – zu einem Qualitäts­merkmal.

Sylvia Smesny beobachtet in ihrer Schule eine Rückbesinnung auf den Respekt vor dem Lehrer, sagt sie. „Weil im Grunde genommen die Eltern sehr dankbar sind, einen Partner zu haben“, sagt sie, und erzählt dann ein ein­prägsames Beispiel: „Und wenn eben Fritzi flennt, bricht nicht das Gefüge zusammen, sondern Fritzi macht einfach sein kleines Verweigerungs­ding, und damit kann Fritzi halt nicht weiterkommen. Aber Otto und Karla und der taffe Lehrer und die stoisch-neutral drein­blickenden Eltern machen es, dass Fritzi merkt: Oh, mein Verhalten, das ist jetzt nicht hundert­prozentig alters­gerecht, hier flennt doch kein anderer. Wenn Fritzi losheult, weil das sein Muster ist, dann durch­brechen wir hier unter Umständen sehr erfolg­reich mit den Eltern das Muster.“

Der Vater Magnus Hecht sagt, Smesny habe sich wohl noch radikalisiert seit ihrem Konflikt. Als er vor vier Jahren den Eltern­abend besuchte, sei dort von weinenden Kindern noch keine Rede gewesen. Heute ist das anders. Wer Smesny an diesem Eltern­abend zugehört hat, dem ist unmissverständlich klar, dass sie Gehorsam erwartet. Hecht fragt sich nun umso mehr, warum Eltern sich auf diese Art des Unterrichts einlassen: „Es ist ja nicht so, dass mein Kind nach der Musik­schule davon leben kann oder großen Ruhm hat. Die können ein bisschen vor sich hinklimpern, und wissen, wie man das Cello anfasst. Es geht ja eigentlich um nichts.“

Der Elternabend, in dem Sylvia Smesny ihre Schule und ihren pädagogischen Ansatz vorgestellt hat, dauert bis nach zehn Uhr. Zum Schluss geht eine Liste rum, in die sich die Eltern für eine Probe­stunde für ihre Kinder eintragen können. Einige suchen lange in ihren Kalendern nach freien Nachmittagen. Sie wirken, als ginge es um viel. Am Ende haben sich fast alle Mütter und Väter einen Termin ausgesucht.