Duales Gymnasium : Abitur plus Gesellenbrief – wie geht das?

Das Handwerk sucht dringend Nachwuchs. Aber zu wenige Jugendliche entscheiden sich für eine Ausbildung, insbesondere wenn sie von Gymnasien kommen. Die Reutlinger Unternehmensgruppe Heinrich Schmid will das ändern und hat in der Region ein ungewöhnliches Bildungsmodell entwickelt: das „Duale Gymnasium“. Schülerinnen und Schüler absolvieren ab der 9. Klasse parallel zur Schule eine Maler-und-Lackierer-Ausbildung im Unternehmen. Das Schulportal hat sich vor Ort angeschaut, wie die Zusammenarbeit zwischen Schule und Unternehmen läuft, und Jugendliche gefragt, wieso sie sich für diesen Bildungsweg entschieden haben.

Annette Kuhn 28. Juli 2022 4 Kommentare
Max streicht Hausfassade
Sommerferien auf der Baustelle: Im Modell Duales Gymnasium investiert Max einen Teil der Ferien in die Ausbildung zum Maler und Lackierer.
©Annette Kuhn

Max ist 16 und arbeitet auf einer Baustelle. Zusammen mit zwei Malergesellen streicht er die Fassade eines Einfamilienhauses. Normaler Alltag eines Auszubildenden. Und doch ist es ganz und gar nicht gewöhnlich, was Max hier macht. Er ist nämlich kein Auszubildender, sondern Schüler der 10. Klasse des Evangelischen Firstwald-Gymnasiums im baden-württembergischen Kusterdingen, nahe Reutlingen. Parallel zur Schule absolviert er eine verkürzte Ausbildung zum Maler und Lackierer.

Möglich macht dies das Bildungsmodell Duales Gymnasium, das die Unternehmensgruppe Heinrich Schmid vor sechs Jahren gestartet hat. Der Reutlinger Familienbetrieb, der sich vor allem auf das Malerhandwerk und Bauwesen fokussiert, hat mehr als 6.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und etwa 1.000 Auszubildende. Beim Dualen Gymnasium kooperiert das Unternehmen mittlerweile mit acht Schulen. Die erste Kooperation gab es 2016 mit den zwei Schulen des Evangelischen Firstwald-Gymnasiums, das 2010 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde.

77 Jugendliche im Modell Duales Gymnasium

Im ersten Jahrgang haben 13 Schülerinnen und Schüler mitgemacht. Insgesamt haben bis jetzt 77 Schülerinnen und Schüler das Programm Duales Gymnasium absolviert – etwa gleich viele Mädchen und Jungen. Im neuen Ausbildungsjahr starten 23 Jugendliche. „Wir haben erstmals mehr Bewerbungen als Plätze“, sagt Pascal Roth, der beim Unternehmen für die Koordinierung des Projekts verantwortlich ist.

In der achten Klasse stellt das Unternehmen in den Schulen das Modell Duales Gymnasium vor. Die interessierten Schülerinnen und Schüler können dann eine Woche Praktikum im Betrieb machen und verschiedene Gewerke kennenlernen. Anschließend beginnt der Bewerbungsprozess. Die Ausbildung beginnt in der 9. Klasse. Der Unterricht in der Schule bleibt davon unberührt, die Ausbildungszeit muss nach den Vorgaben des Kultusministeriums außerhalb der Unterrichtszeit stattfinden.

Die Jugendlichen lernen entweder auf einer Baustelle, oder sie haben Unterricht in der unternehmenseigenen Berufsschule. Da sie  Schulen an unterschiedlichen Standorten in der Region und ab dem neuen Ausbildungsjahr auch in Chemnitz besuchen, läuft der Berufsschulunterricht überwiegend online. „So sind alle in einem Jahrgang immer auf dem gleichen Stand“, erklärt Roth.

Ich finde es super, dass ich gleich nach dem Abitur auch eine Ausbildung in der Tasche habe.
Max, Schüler im Evangelischen Firstwald-Gymnasium in Kusterdingen
Max beim Streichen
Max ist seit zwei Jahren im Modell Duales Gymnasium.
©Annette Kuhn

Der Unterrichtsanteil an der Berufsschule ist kleiner als sonst in der dualen Ausbildung, da etwa 50 Prozent der Inhalte über den regulären Unterricht an den Gymnasien abgedeckt sind.

Ein halbes Jahr vor dem Abitur ruht die Ausbildung, parallel zum Abitur finden auch die Zwischenprüfungen vor den Handwerkskammern statt. Die Jugendliche sind danach zunächst Bauten- und Objektbeschichter:innen. Wenn sie die Zwischenprüfung mit 2,3 oder besser abgeschlossen haben, machen sie ein halbes Jahr nach dem Abitur die Gesellenprüfung. Sie haben dann zusätzlich zum Abitur auch ihren Gesellenbrief in der Tasche.

Ist die Note der Zwischenprüfung 2,4 oder schlechter, absolvieren die Abiturientinnen und Abiturienten noch ein Jahr im Unternehmen bis zur Gesellenprüfung.

Jugendliche in der 9. Klasse verdienen 125 Euro im Monat

Für den 16-jährigen Max ist jetzt Halbzeit. Er hat gerade die 10. Klasse abgeschlossen und noch zwei Jahre vor sich. Während seine Schulfreunde nun sechs Wochen Sommerferien vor sich haben, muss Max zunächst weiter morgens früh aufstehen. „Die Ferien sind schon ein Dorn im Auge“, sagt er beim Besuch des Schulportals auf der Baustelle. Trotzdem hat er sich vor zwei Jahren für das Duale Gymnasium entschieden. „Ich finde es super, dass ich gleich nach dem Abitur auch eine Ausbildung in der Tasche habe.“ Ihm gefällt auch die Abwechslung, nicht nur in der Schule zu lernen, sondern dazu etwas Praktisches zu machen.

Und auch das Geld sei ein wichtiger Punkt. In der 9. Klasse bekommen die Schülerinnen und Schüler im Dualen Gymnasium monatlich 125 Euro vom Unternehmen und mit jedem Jahr 25 Euro mehr. Damit hat Max mehr Geld zur Verfügung, als die meisten seiner Freunde an Taschengeld bekommen. „Vor allem ist es selbst verdientes Geld – das fühlt sich besser an“, sagt der 16-Jährige.

Wer schon mit 14 oder 15 Jahren an handwerkliche Tätigkeiten herangeführt wird, ist aufnahmefähiger und bleibt in beide Richtungen offen.
Carl-Heiner Schmid, Senior in der Unternehmensgruppe Heinrich Schmid, und Initiator des Modells Duales Gymnasium
Carl-Heiner Schmid vom Unternehmen Heinrich Schmid
Carl-Heiner Schmid
©Heinrich Schmid

Carl-Heiner Schmid würde wohl zustimmen, wenn er Max hören würde. Er ist der Senior des Familienunternehmens und hat das Modell Duales Gymnasium ins Leben gerufen. Schmid sieht es als einen Weg, mehr Jugendliche für das Handwerk zu gewinnen. Und er sagt: „Hand und Kopf – wir müssen beides ansprechen. Wer schon mit 14 oder 15 Jahren an handwerkliche Tätigkeiten herangeführt wird, ist aufnahmefähiger und bleibt in beide Richtungen offen. Ihm steht ein akademischer Werdegang offen, genau wie eine handwerkliche Ausbildung.“

Wer aber erst mal das Abitur abgelegt habe, finde meist nicht mehr den Weg ins Handwerk. Carl-Heiner Schmid und seine drei Söhne, die mittlerweile das Unternehmen führen, haben selbst eine handwerkliche Ausbildung und ein Studium absolviert.

Nicht in der Werkstatt, sondern auf einer echten Baustelle

Neu sei die Idee des dualen Abiturs allerdings nicht, betont Carl-Heiner Schmid. Einige Schulen kombinieren schon lange Abitur und Ausbildung in der Regelschulzeit. Dort findet die Ausbildung aber meist in Werkstätten der Schule statt und nicht, wie bei Heinrich Schmid, in einem Betrieb. Für den Senior macht das aber einen großen Unterschied: „Die Jugendlichen lernen bei uns nicht im Labor, sondern auf der richtigen Baustelle.“ Kundenkontakt, die Zusammenarbeit mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, das Anpassen an immer wieder neue Gegebenheiten seien wichtig für den Reifeprozess der Jugendlichen.

Schulleitung des Firstwald-Gymnasiums in Kusterdingen
Schulleiterin Birgit Wahr, ihr Stellvertreter Michael Faiß (l.) und David Krause koordinieren das Modell Duales Gymnasium an der Schule.
©Annette Kuhn
Gerade Jugendliche, die bei den schulischen Leistungen vielleicht weniger erfolgreich sind, können hier Erfolgserlebnisse haben und sich ganz anders erleben.
Birgit Wahr, Schulleiterin des Evangelischen Firstwald-Gymnasiums in Kusterdingen

Das sieht auch die Schulleitung des Evangelischen Firstwald-Gymnasium in Kusterdingen so. „Die Jugendlichen gehen anders ins Leben – sie sind zielstrebiger, zeigen oft auch im Lernverhalten mehr Motivation“, sagt der stellvertretende Schulleiter Michael Faiß. Und Schulleiterin Birgit Wahr betont die Selbstwirksamkeit: „Gerade Jugendliche, die bei den schulischen Leistungen vielleicht weniger erfolgreich sind, können hier Erfolgserlebnisse haben und sich ganz anders erleben.“

An der Schule koordiniert David Krause das Duale Gymnasium. Auch wenn die Ausbildung fast nur in der Ferienzeit stattfindet, organisiert er Termine an der Schule möglichst so, dass die Schülerinnen und Schüler nicht gleich im Anschluss an die Ausbildungswochen eine Klassenarbeit schreiben müssen, oder sie bekommen die Möglichkeit, eine Arbeit auch mal vor- oder nachzuschreiben. Natürlich sei es auch wichtig zu schauen, dass die Doppelbelastung nicht zu groß wird. „Es geht um Abitur und Gesellenbrief – nicht um Abitur oder Gesellenbrief.“

Von der Ausbildung in der Schule profitieren

Für die Schülerinnen und Schüler im Projekt Duales Gymnasium sieht er aber, abgesehen von der zusätzlichen Arbeitsbelastung, viele Vorteile. So könnten sie zu den Inhalten der Ausbildung auch eine Präsentation erstellen, die als GFS – als „gleichwertige Feststellung von Schülerleistungen“ – statt einer Klassenarbeit oder Klausur gewertet werden kann. So hätten Schülerinnen und Schüler zum Beispiel schon Arbeiten zur Farbpsychologie oder eine betriebswirtschaftliche Berechnung von Kosten und Nutzen einer Dämmbox erstellt.

Das Firstwald-Gymnasium ist von Anfang an beim Projekt Duales Gymnasium dabei. Obwohl Schule und Unternehmen damit Neuland betreten haben, fanden sich schon beim ersten Info-Abend gleich die ersten interessierten Schülerinnen und Schüler.

Yara Hirsch beim Streichen im Modell Duales Gymnasium
Yara Hirsch gehörte 2016 zum ersten Jahrgang im Modell Duales Gymnasium.
©Heinrich Schmid

Eine davon war die damals 13-jährige Yara Hirsch. „Ich fand das gleich cool“, erzählt sie sechs Jahre später. Sie hat schon immer gern ihrem Vater im Haus geholfen, wenn es etwas Handwerkliches zu tun gab. Als stressig habe sie das Duale Gymnasium selten erlebt, und auch dass sie weniger Ferien hatte, störte sie kaum: „Ich hätte ja sonst auch sicher einen Ferienjob gemacht.“

In der Schule wird einem viel hinterhergetragen, und man wird immer wieder an Dinge erinnert – auf der Baustelle geht das nicht.
Yara Hirsch, Malerin im Unternehmen Heinrich Schmid
Yara Hirsch, sie gehörte zum ersten Jahrgang im Modell Duales Gymnasium
Yara Hirsch ist nach dem Abitur im Unternehmen Heinrich Schmid geblieben und macht jetzt ihren Meister.
©Annette Kuhn

Vor allem habe sie vieles erfahren, was sie in der Schule nicht gelernt habe: „In der Schule wird einem viel hinterhergetragen, und man wird immer wieder an Dinge erinnert – auf der Baustelle geht das nicht.“ Sie sagt aber auch: „Das ist nicht für jeden das Richtige. Man muss schon seinen Mund aufmachen können, sonst kommt man nicht zurecht.“

Spätestens als sie nach dem Abitur und nach der Gesellenprüfung Work &Travel am Heinrich-Schmid-Standort auf Mallorca gemacht hat, wurde ihr das klar. Sie war 18 Jahre alt und hatte zum ersten Mal allein Verantwortung für eine Baustelle und für die spanischen Mitarbeiter. Nun ist sie zurück in Reutlingen und macht gerade ihren Meister. Die Meisterprüfung macht sie im kommenden Jahr – da ist sie dann 20 Jahre alt.

Erst Duales Gymnasium, dann Duales Studium

Und was dann? „Ich will auf jeden Fall noch studieren“, sagt sie, vielleicht Architektur oder Wirtschaftsingenieurwesen. Genau weiß sie das noch nicht. Klar ist für sie aber, dass es ein duales Studium wird. Handwerk und Studium, Lernen und gleichzeitig Berufserfahrung sammeln – mit diesem Modell ist sie seit sechs Jahren gut gefahren.

Duales Gymnasium - auf einen Blick

  • In der 8. Klasse wird das Modell Duales Gymnasium in den Schulen vorgestellt. Interessierte absolvieren vor dem Bewerbungsprozess ein Vorpraktikum auf der Baustelle.
  • Ab der 9. Klasse startet das vierjährige Programm. Dann sind die Schülerinnen und Schüler etwa acht bis neun Wochen im Jahr im Betrieb – in den Werkstätten oder auf der Baustelle.
  • Die Ausbildung ruht ein halbes Jahr vor dem Abitur, damit sich die Jugendlichen vorbereiten können.
  • Parallel zum Abitur finden die Zwischenprüfungen statt. Damit sind die Schülerinnen und Schüler Bauten- und Objektbeschichter:innen.
  • Nach dem Abitur sind die Jugendlichen noch ein halbes Jahr im Unternehmen und legen dann erst die theoretische, dann die praktische Gesellenprüfung zum Maler oder Lackierer bzw. zur Malerin und Lackiererin ab.
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