Schulbau : „Das große Problem beim Brandschutz ist die Angst“

„Das geht nicht, wegen des Brandschutzes“ heißt es oft, wenn Schulen in Gebäuden neue pädagogische Raumkonzepte umsetzen wollen. Was ist dran? Wo sind die größten Schwachstellen im Schulgebäude? Und wie passen Brandschutz und Denkmalschutz zusammen? Das Schulportal hat den Brandschutzexperten Dirk Lorenz befragt, der zu dem Thema an der Technischen Universität Kaiserslautern geforscht hat.

Annette Kuhn 21. März 2022 Aktualisiert am 28. März 2022
Schild Fluchtweg Brandschutz
Für den Notfall müssen alle wissen, wie sie sicher aus dem Schulgebäude kommen.
©Surachetsh/iStock

Deutsches Schulportal: Brandschutz gilt oft als größter Verhinderer, wenn es in Schulen um Umgestaltung geht. Wie schätzen Sie das ein?
Jedes Bundesland hat eine eigene Landesbauordnung. Und die meisten Länder haben für besondere Gebäude noch mal besondere Vorschriften. Beim Schulbau ist das die Schulbaurichtlinie. Diese Schulbaurichtlinie hat die Vorstellung von einer Schule mit einem Flur in der Mitte, mit Klassenräumen links und rechts. Das ist ein Relikt aus der Kaiserzeit, als die klassische Flurschule entwickelt wurde.

Innerhalb dieser starren Struktur lassen sich in der Tat kaum innovative Raumkonzepte umsetzen. Der Flur kann zum Beispiel nicht zur Differenzierung genutzt werden, weil er im Sinne der Schulbaurichtlinie ein Rettungsweg ist.

Aber es geht auch anders, wie wir in unserem Forschungsprojekt „Brandschutz im Schulbau“ gezeigt haben. Ziel muss sein, Menschen in Gebäuden vor Gefahren zu schützen und gleichzeitig die pädagogischen Forderungen nach flexiblen Raumkonzepten zu unterstützen.

Die Studie ist jetzt in Nordrhein-Westfalen Basis für die Entwicklung einer neuen Schulbaurichtlinie, die für alle 16 Bundesländer eine Mustervorschrift werden soll. Sie soll mehr Flexibilität und Vereinfachungen im Schulbau ermöglichen.

Der Brandschutz muss dem Gebäude dienen und die Nutzerinnen und Nutzer schützen, aber er darf sie nicht behindern in der Umsetzung ihres pädagogischen Konzepts.

Wann soll die neue Richtlinie greifen?
Das ist ein langwieriger Prozess, weil alle Länder mitreden. Wenn die sich einig geworden sind, geht der Entwurf nach Brüssel und muss dort notifiziert werden. Erst dann dürfen die Länder die neue Richtlinie anwenden. Ich gehe davon aus, dass es in zwei Jahren so weit ist und wir dann danach arbeiten können.

Betrifft die neue Schulbaurichtlinie nur Neubauten?
Nein, das gilt auch für den Bestandsbau. Aber man muss mit dem Bestandsbau prinzipiell so umgehen, als sei er ein Neubau.

Neue Schulbaurichtlinie orientiert sich nicht mehr an der Flurschule

Was soll sich durch die neue Richtlinie mit Blick auf den Brandschutz konkret ändern?
Jedes Gebäude ist ein Maßanzug – daher gibt es auch keine Lösungen, die sich für alle Gebäude gleichermaßen eignen. Und mit der neuen Schulbaurichtlinie wird es auch keine Einheitlichkeit in allen Bundesländern geben. Aber die Schulbaurichtlinie wird sich auf jeden Fall nicht mehr nur an der Flurschule orientieren, sondern Schulgebäude flexibler denken. Der Brandschutz muss dem Gebäude dienen und die Nutzerinnen und Nutzer schützen, aber er darf sie nicht behindern in der Umsetzung ihres pädagogischen Konzepts.

Ich habe den Eindruck, dass es in meiner Profession viele Leute gibt, die den Brandschutz aber nur um des Brandschutzes willen machen. Das ist genau der falsche Ansatz.

Wie kann eine Umgestaltung von Schulbauten funktionieren, ohne dass dabei der Brandschutz gefährdet ist?
Wenn eine Schule zum Beispiel die Flure als Lernräume nutzen will, muss die Architektin oder der Architekt einen neuen Bauantrag stellen, in dem die neue Art der Nutzung dargestellt und argumentiert ist, wieso der Flur nicht ausschließlich Rettungsweg ist, sondern zum Beispiel auch Differenzierungsbereich. Die Brandschutzplanerin oder der Brandschutzplaner muss das mit Argumenten belegen. Wenn das genehmigt ist, darf die Schule die Flure auch so nutzen.

Um Brandschutz sicherzustellen, gibt es oft mehrere Lösungen

Unter welchen Voraussetzungen wird so ein Vorhaben genehmigt?
Das hängt auch von der Breite des Flurs ab. Wir brauchen eine Mindestbreite für die geregelte Evakuierung. Wenn der Flur schmal ist, kann man überlegen, Möbel fest einzubauen, damit sie nicht kreuz und quer geschoben werden und den Laufweg blockieren können. Dafür lassen sich Lösungen finden. In meiner Gedankenwelt gibt es da keine Restriktionen. Es lässt sich in jedem Gebäude für mehr Flexibilität sorgen, wenn man es schafft, die Genehmigungsbehörde vom Konzept zu überzeugen. Das aber ist die größte Hürde, denn die Angst ist hier groß.

Angst?
Das größte Problem beim Brandschutz ist die Angst. Bei den Genehmigungsbehörden gibt es viel Angst, etwas übersehen zu haben, das ein besonderes Risiko birgt. Ziel der Brandschutzplanung muss es sein, den Behörden diese Angst zu nehmen und zu vermitteln, dass man im Planungsprozess für mögliche Risiken Lösungen findet.

Naturwissenschaftliche Räume, Aula und Mensa besonders risikobehaftet

Wer ist für die Umsetzung und die Einhaltung des Brandschutzes zuständig?
Für den Planungsprozess sind Architektinnen oder Architekten zuständig, aber wenn sie clever sind, nehmen sie sich von Anfang jemanden von der Brandschutzplanung dazu. So lässt sich mehr Flexibilität realisieren, als wenn hinterher Pläne geändert werden müssen, weil der Brandschutz nicht berücksichtigt wurde. Wenn das Gebäude nach Fertigstellung an den Schulträger übergeben wird, ist er für die Einhaltung des Brandschutzes im Betrieb verantwortlich. Der Schulträger überträgt diese Verantwortung dann meist der Schulleitung.

Welche Räume sind in der Schule brandschutztechnisch besonders kritisch?
Die Nutzung prägt das Risiko. Naturwissenschaftliche Räume, der Werkraum, die Schulküche sind besonders risikobehaftete Räume. Und natürlich sind es auch die Aula oder Mensa, weil sich dort viele Menschen versammeln.

Aber meist lässt sich das Risiko mit einfachen Maßnahmen verringern. Eine zusätzliche Tür an der richtigen Stelle hilft viel. Und natürlich müssen die Lehrkräfte und die Schülerinnen und Schüler auch wissen, dass es diese Tür gibt und dass sie von jeder Stelle des Raums aus mindestens zwei Möglichkeiten haben, aus einem möglichen Gefahrenbereich rauszukommen.

Regeln für Brandschutz sind von Kommune zu Kommune unterschiedlich

Mal abgesehen vom Bau: Welche Schwachstellen gibt es in Schulen, was den Brandschutz anbelangt? Garderobe, Plakate im Flur?
Ich sehe in der Garderobe im Flur und im Plakat an der Wand keine besonderen Risiken. Es besteht allerdings ein formales Risiko, weil Garderobe und Plakat in der baurechtlichen Vorgabe nicht vorgesehen sind und daher meistens bemängelt werden.

Welche mit dem Brandschutz vereinbarten Alternativen gibt es zum Beispiel für klassische Schwachstellen wie Garderoben im Flur?
Das lässt sich nicht pauschal sagen, weil die Anforderungen in den Kommunen ganz unterschiedlich sind. In der einen Kommune dürfen die Schulen zum Beispiel auch im Flur Spinde aus Blech aufstellen. In der nächsten Kommune geht das aber nicht. Dort sind Spinde als Alternative zu Garderoben nicht gestattet. Genauso ist es mit Plakaten an den Wänden. In einer Kommune ist das erlaubt, in der anderen dürfen überhaupt keine Bilder an den Wänden hängen, und in einer weiteren Kommune sind Bilder nur in einer Vitrine erlaubt.

Brandschutz baulich zu gestalten, ist nachhaltiger und meist günstiger

Wenn sich der Brandschutz baulich nicht komplett gewährleisten lässt: Gibt es Kompensationsmöglichkeiten, zum Beispiel durch mehr Rauchmelder?
Nachhaltiger ist es, wenn der Brandschutz baulich gestaltet wird. Lässt sich das nicht realisieren, gibt es Kompensationsmaßnahmen, zum Beispiel Rauchmelder oder Brandmeldeanlagen, die automatisch den Brand erkennen und der Feuerwehr melden. Auch Löschanlagen sind denkbar, die automatisch anspringen, wenn eine gewisse Raumtemperatur erreicht ist. Aber diese Maßnahmen sollten nur dann zum Einsatz kommen, wenn sonst nichts anderes geht. Zum einen sind solche Anlagen eine große Investition, zum anderen sind sie auch im Betrieb teuer, weil sie regelmäßig von Sachverständigen geprüft werden müssen. Hinzu kommt in der Schule das Vandalismuspotenzial.

Es muss mehr Vorbeugung an den Schulen geben. Auch das gehört zum Brandschutz.

Gibt es Unterschiede in den Brandschutzregeln zwischen verschiedenen Schularten?
Derzeit nicht. Und es ist nicht absehbar, dass es hier eine Differenzierung geben wird.

Worauf sollten Schulen im Alltag achten, um Risiken zu vermeiden?
Ordnung und Sauberkeit sind wichtig, damit im Gefahrenfall die Rettungswege nicht blockiert sind. Im Gefahrenfall kann es immer sein, dass ich nichts sehe, weil es verraucht ist. Und ich kann mich vielleicht nicht mehr orientieren, weil ich aufgeregt bin.

Sauberkeit führt auch dazu, dass das Risiko für die Entstehung eines Brands reduziert wird, weil es weniger Möglichkeiten gibt, dass sich etwas entzündet. Und wichtig sind außerdem Schulungen.

Es muss mehr Vorbeugung an den Schulen geben. Auch das gehört zum Brandschutz. Jede Schülerin, jeder Schüler sollte sich zum Beispiel im Rahmen einer Projektwoche mal drei Tage intensiv mit dem Thema beschäftigen: Warum brennt überhaupt etwas? Wie verhindere ich, dass es brennt? Wie verhalte ich mich, wenn es brennt? Das müssen Schülerinnen und Schüler fürs Leben lernen. Die Schule sollte hier die Basis legen.

Brandschutz und Denkmalschutz – wie passt das zusammen?
Denkmalschützerinnen und Denkmalschützer haben Angst vor Veränderungen – was ich nicht nachvollziehen kann. Viele Denkmäler, die wir haben, würden nicht so aussehen, wenn die Altvorderen sie nicht im Laufe der Zeit ergänzt und verändert hätten. Aber der Denkmalschutz führt häufig dazu, dass für den Brandschutz aufwendige Maßnahmen ergriffen werden müssen, die Unzulänglichkeiten des alten Gebäudes ausgleichen müssen.

Zur Person

Dirk Lorenz Experte für Brandschutz
  • Dirk Lorenz ist Geschäftsführender Gesellschafter der IBC Ingenieurbau-Consult in Mainz und Prüfsachverständiger für Brandschutz.
  • Davor hat er als Professor für Bauingenieurwesen an der Technischen Universität Kaiserslautern gelehrt und war dort von 2013 bis 2018 Leiter des Fachgebiets Baulicher Brandschutz.
  • An der TU Kaiserslautern hat Lorenz auch das Forschungsprojekt „Brandschutz im Schulbau“ durchgeführt. Daraus ist die Broschüre „Brandschutz im Schulbau – Neue Konzepte und Empfehlungen“ hervorgegangen. Sie steht hier kostenlos zum Download bereit.

Am 7. April 2022, 13 bis 14 Uhr, gibt Dirk Lorenz in der Reihe „Schulbau Open Source im Gespräch“ der Montag Stiftung auch einen Impuls zum Thema Brandschutzplanung an Schulen. Mehr zur Veranstaltung. gibt es hier.