Individuelle Lernzeiten : Diese Schulen haben Hausaufgaben abgeschafft

Kinder und Eltern sind in der Regel viele Stunden pro Woche mit Hausaufgaben beschäftigt. Das Deutsche Schulbarometer hat gezeigt, dass 34 Prozent der Eltern, die ihren Kindern regelmäßig bei den Hausaufgaben helfen, dafür sogar bis zu sechs Stunden oder mehr pro Woche aufbringen. Es geht aber auch anders: Viele Schulen verzichten inzwischen ganz auf Hausaufgaben und integrieren stattdessen individuelle Lernzeiten zum Üben in den Schulalltag. Das Schulportal stellt drei Beispiele vor.

Florentine Anders / 06. September 2019
Hausaufgaben auf einem Tisch ausgebreitet
Hausaufgaben können in den Familien zum Stressfaktor werden. Einige Schulen setzen lieber auf individuelle Lernzeiten im Stundenplan.
©Patricia Haas

Ganztagsschule „Johannes Gutenberg“ Gemeinschaftsschule Wolmirstedt, Sachsen-Anhalt: Wer sich an der gebundenen Ganztagsschule in Wolmirstedt bewirbt, hat sich bewusst für das besondere Konzept der Schule entschieden. „Hausaufgaben sind hier verboten“, sagt Lehrerin Ellen Rudolf, die das Konzept mitentwickelt hat. Stattdessen gibt es an der „Johannes Gutenberg“ Gemeinschaftsschule Wolmirstedt, die 2011 mit dem Deutschen Schulpreis ausgezeichnet wurde, das „Selbstorganisierte Praxisorientierte Lernen“ – kurz SPL.

Die Entscheidung  fiel mit der Umstellung auf den Ganztagsbetrieb. Vorher waren die Hausaufgaben vor allem bei den älteren Schülerinnen und Schülern ein leidiges Thema, berichtet die Lehrerin. Entweder wurden die Aufgaben gar nicht gemacht, schnell irgendwo abgeschrieben oder mit viel Engagement der Eltern erledigt. „Davon wollten wir weg“, sagt Rudolf. Jetzt haben alle Schülerinnen und Schüler der Sekundarstufe eine verbindliche Lernzeit. An vier Tagen pro Woche stehen ihnen jeweils 60 Minuten zur Verfügung, um allein oder in kleinen Gruppen Unterrichtsinhalte zu üben oder zu vertiefen.

„Die Schülerinnen und Schüler lernen dadurch, sich zu organisieren und selbstständig zu arbeiten“, sagt Rudolf. Dabei gibt es Pflichtaufgaben und Wahlpflichtaufgaben, je nach Neigung. Und wer die Aufgaben nicht schafft, kann sie in der sogenannten Nacharbeitszeit nachholen. Im Zuge der Digitalisierung will die Schule nun noch einen Schritt weiter gehen: Künftig sollen alle Aufgaben über die Plattform Moodle erteilt werden. Auch Eltern können sich dort einloggen und jederzeit sehen, wo ihre Kinder in der Schule stehen und was gerade gelernt wird.

Wichtig ist eine Atmosphäre ohne Druck

Grundschule Comeniusstraße, Braunschweig, Niedersachsen: Hausaufgaben in ihrer traditionellen Form gibt es an der Grundschule Comeniusstraße  nicht mehr. „Wir haben schon Mitte der 90er-Jahre begonnen, über das Thema Hausaufgaben nachzudenken“, sagt Schulleiterin Brigitte Rössing. Sie hatte in ihrer Familie selbst erlebt, wie viel Stress Hausaufgaben in den Familienalltag bringen können. Als das Kollegium den Nutzen von Hausaufgaben mit Unterstützung der Universität Braunschweig genauer unter die Lupe nahm, wurde vor allem eines deutlich: Leistungsstarke Schülerinnen und Schüler würden versuchen, die lästigen Hausaufgaben möglichst schnell und ohne viel Aufwand abzuhaken. Leistungsschwächere Kinder dagegen müssten viel Zeit zu Hause aufbringen, ohne dabei tatsächlich weiterzukommen. „In beiden Fällen hatten Hausaufgaben also kaum einen Nutzen. Und oft waren sie sogar eher schädlich“, sagt Brigitte Rössing.

Klar wurde dadurch, dass Hausaufgaben stark individualisiert werden müssten. Mit der Umsetzung des Ganztagskonzepts vor zwölf Jahren entschied die Schule dann, auf Hausaufgaben ganz zu verzichten. 2013 gehörte die Grundschule Comeniusstraße zu den Preisträgern des Deutschen Schulpreises. Inzwischen hat sich das Konzept verändert: Vor allem gymnasialaffine Eltern befürchteten, dass die Kinder beim Wechsel auf ein Gymnasium Schwierigkeiten bekommen könnten, wenn sie nicht an Hausaufgaben herangeführt worden sind. Auch aus diesem Grund hat die Schule das Hausaufgaben-Konzept weiterentwickelt. Es sieht nun vor, dass bei Bedarf – beispielsweise wenn ein Expertenthema vorbereitet wird oder nachbereitend Aufgaben beendet werden – nach Absprache mit den Eltern häusliche Aufgaben oder Übungen möglich sind. „Wichtig ist jedoch, dass zu Hause eine Atmosphäre ohne Druck hergestellt wird“, sagt die Schulleiterin. Wenn die Eltern es wünschen, können die Kinder die Aufgaben aber auch während der nachmittäglichen Übungszeiten in der Schule anfertigen.

Ein hohes Maß an Eigenverantwortung

Eldenburg-Gymnasium Lübz, Mecklenburg-Vorpommern: Die meisten Kinder des Lübzer  Eldenburg-Gymnasiums sind sogenannte Buskinder. Sie kommen aus den Dörfern der Umgebung und haben oft einen langen Fahrtweg zur Schule. „Nach ihrem Schultag sollten die Schülerinnen und Schüler ohne schriftliche Hausaufgaben nach Hause kommen. Kinder brauchen auch Zeit für ihren Sportverein, für Freizeitaktivitäten oder einfach nur zur Erholung“, betont Schulleiter Torsten Schwarz.

Um den Schülerinnen und Schülern das Anfertigen schriftlicher Aufgaben zu Hause zu ersparen, hat die Schule, die 2018 zu den Nominierten für den Deutschen Schulpreises gehörte, den Schultag komplett neu rhythmisiert. Statt der üblichen 90 Minuten hat ein Unterrichtsblock nun 80 Minuten. Die dadurch ersparte Zeit fließt in die sogenannte Studienorientierte Lernzeit (SOL). Insgesamt können auf diese Weise pro Woche etwa 100 Minuten für das Selbststudium zusammenkommen.

Dabei liegen die SOL-Zeiten nicht am Ende des Schultags, sondern sind in den Stundenplan integriert. Die Jugendlichen können dafür Extra-Räume aufsuchen, in denen auch Fachlehrerinnen und Fachlehrer bereitstehen, um Fragen zu beantworten. Die Schülerinnen und Schüler lassen sich die Lernzeiten dann von den Lehrkräften quittieren und rechnen sie ab. Wenn die Jugendlichen das selbstständige Lernen gewöhnt sind, können sie in der Oberstufe selbst entscheiden, ob sie die Aufgaben zu Hause oder in der Schule erledigen. Unterschriften für geleistete SOL-Stunden fallen dann weg.

„Unsere Schülerinnen und Schüler entwickeln auf diese Weise ein hohes Maß an Selbstständigkeit und Eigenverantwortung für ihr Lernen“, konstatiert der Schulleiter. Und sollte eine Schülerin oder ein Schüler dennoch mal Schwierigkeiten haben, sich zu strukturieren, erhalte sie oder er selbstverständlich Unterstützung. „Wenn unsere Kinder zu viel schriftlich zu Hause arbeiten, werden wir hellhörig“, sagt Schwarz.

Mehr zum Thema

  • Das Deutsche Schulbarometer – eine repräsentative Befragung von Eltern im Auftrag der Robert Bosch Stiftung in Kooperation mit der ZEIT Verlagsgruppe – hatte ergeben, dass Eltern viel Zeit investieren, um zu Hause mit ihren Kindern Hausaufgaben zu machen oder für die Schule zu üben. Ausgewählte Daten gibt es in der großen Infografik auf dem Schulportal. Alle Ergebnisse der Studie können Sie hier downloaden.
  • Der Schweizer Erziehungsexperte Remo Largo spricht im Interview mit dem Schulportal über den Sinn von Hausaufgaben und wie sie die Beziehungen in der Familie belasten können.
  • Das Schulportal hat sich den Alltag einer Familie mit zwei Schulkindern genauer angesehen und berichtet in einer Reportage darüber.