Franz-Leuninger-Schule : Diese Schule kennt jedes Kind von Geburt an

„Um ein Kind zu erziehen, braucht es ein ganzes Dorf.“ Dieses afrikanische Sprichwort hat sich die Franz-Leuninger-Grundschule im hessischen Mengerskirchen zum Prinzip gemacht. Die Schule besucht die Eltern bereits nach der Geburt ihres Kindes. Später arbeitet sie eng mit der Kita zusammen.

Regina Köhler / 20. August 2019
Kinder der Grundschule in Mengerskirchen sitzen zusammen in einem Stuhlkreis.
Jedes Schulkind der Franz-Leuninger-Schule (Träger des Deutschen Schulpreises 2018) übernimmt eine Patenschaft für eines der Kita-Kinder.
©Traube 47

An der Franz-Leuninger-Schule in Mengerskirchen gibt es zum Schuljahresbeginn nicht nur den Stundenplan für alle Schülerinnen und Schüler, sondern auch einen ganz besonderen Kalender für jene Kinder, die im nächsten Jahr zur Schule kommen. Den haben Schulleiterin Nicole Schäfer und ihre Kolleginnen und Kollegen noch vor den Sommerferien fertiggestellt. Er enthält alle Termine, die für die künftigen Erstklässler wichtig sind. Nicole Schäfer legt großen Wert auf diesen Vorlauf. „Alle Beteiligten – Eltern, Kita-Erzieherinnen und -Erzieher wie auch Lehrerinnen und Lehrer, aber ebenfalls die betreffenden Kinder – sollen ganz genau wissen, was auf sie zukommt“, sagt sie.

Schulreife-Tests finden in der Kita statt

Kern dieses Konzepts, das die Gemeinde in Mengerskirchen vor rund zehn Jahren eingeführt hat, ist die enge Zusammenarbeit von Kita-Erzieherinnen und Erziehern und dem pädagogischen Personal der Schule. „Die Kita-Erzieherinnen kennen die Kinder seit drei Jahren. Diese Erfahrung nehmen wir sehr ernst“, sagt Schäfer. In Mengerskirchen werden die künftigen Erstklässler deshalb auch nicht einfach in die Schule bestellt und dort getestet.

„Wir gehen lieber in die Kita und beobachten die Kinder vor Ort beim Erzählen, Malen oder beim Sport. Wir sehen dann, wie sie sich verhalten, was sie schon alles können und wo es Probleme geben könnte“, sagt Schäfer. Lehrkräfte und Kita-Erzieherinnen und Erzieher führen diese Beobachtungen gemeinsam durch und tauschen sich anschließend aus. Da in Mengerskirchen alle Kinder die Kita besuchen – sie ist für Kinder ab drei Jahre kostenfrei –, kann so der Entwicklungsstand eines jeden Kindes gut eingeschätzt werden.

Wir gehen lieber in die Kita und beobachten die Kinder vor Ort beim Erzählen, Malen oder beim Sport.
Nicole Schäfer, Leiterin der Franz-Leuninger-Schule, Mengerskirchen

Kita-Kinder nehmen am Unterricht teil

Im Kalender der Erstklässler von 2020 stehen auch regelmäßige Schulbesuche. „Die Kinder können sich bei uns umsehen und schon mal ein bisschen an die Atmosphäre gewöhnen“, sagt Schäfer. Auch am Schulmittagessen dürfen sie teilnehmen. Im zweiten Halbjahr läuft es umgekehrt. „Im April besuchen unsere Drittklässler die Kita und erzählen den künftigen Erstklässlern, wie es in der Schule zugeht. Jedes Schulkind übernimmt zudem die Patenschaft für eins der Kita-Kinder.“
Ein ganz besonderer Tag für die künftigen Schulkinder ist der Kennenlerntag im Mai. „Die künftigen Erstklässler der drei Kitas im Ort kommen an diesem Tag zu uns in die Schule“, sagt Schäfer. Die Kita-Kinder dürfen am Unterricht teilnehmen. Sie machen beim Sport mit, schauen im Deutsch- und Matheunterricht zu. Dabei werden sie von ihren Paten begleitet.

Der erste Elternabend findet ein Jahr vor der Einschulung statt

Wichtig für einen guten Übergang von der Kita an die Schule ist laut Schäfer auch die enge Zusammenarbeit mit den Eltern. Die werden bereits ein Jahr vor Schulbeginn zu einem ersten Elternabend eingeladen. Der findet meist im August statt und ist der Auftakt für ein enges Miteinander. „Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, die Eltern durch dieses letzte Jahr vor der Einschulung zu begleiten“, sagt die Schulleiterin. „Wir informieren sie darüber, welche Anschaffungen nötig sind. Noch wichtiger aber ist, dass wir ihnen Raum geben, von ihren eigenen Schulerfahrungen zu erzählen. Gemeinsam sprechen wir darüber, wie sie ihre Einschulung erlebt haben und welche Erinnerungen sie an ihre Schulzeit haben.“

Im September jedes Jahres führen die zuständigen Erzieherinnen und Erzieher und die Lehrkräfte ein längeres Gespräch mit den Eltern, deren Kind im kommenden Jahr zur Schule kommt. Dabei wird besprochen, wie jedes Kind maximal gefördert werden kann, ob therapeutische Hilfe nötig ist, welche Anträge gegebenenfalls gestellt werden müssen. „Manchmal entscheiden wir dann auch, dass es besser ist, das betreffende Kind noch ein Jahr zurückzustellen“, sagt Schäfer. Das komme aber nur sehr selten vor.

Nicole Schäfer ist froh über die enge Zusammenarbeit mit den Eltern. „Wir kennen die Kinder doch gar nicht so gut, um entscheiden zu können, ob sie schulreif sind oder nicht“, sagt sie. Die Eltern seien diesbezüglich die Experten. „Wir holen sie deshalb von Anfang an mit ins Boot.“ Das würde bereits mit der Geburt jedes Kindes beginnen. „Wir besuchen die Familien und schauen, ob sie Hilfe brauchen“, sagt Schäfer. Sehr früh entstehe so ein gutes Vertrauensverhältnis. „Das zahlt sich aus.“

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Was die Franz-Leuninger-Schule auf dem Dorf praktiziert, funktioniert auch in der Stadt. So kooperiert die Grundschule Kleine Kielstraße in Dortmund eng mit anderen sozialen Akteuren im Stadtteil – und das auch schon vor der Einschulung. Hier geht es zum Konzept.