Jürgen Böhm über Fachkräftemangel : „Die Schule ist nicht Reparatur­werkstatt einer kaputten Gesellschaft“

An Gymnasien werde das Potenzial künftiger Fachkräfte verschwendet, sagt der Vorsitzende des Verbands Deutscher Realschullehrer: „Das fällt uns jetzt auf die Füße.“

Dieser Artikel erschien am 01.08.2022 auf ZEIT Online
Hannah Bethke
Sollte im Schulunterricht das Handwerk eine größere Rolle spielen? Auch die Bildungspolitik ist gefordert, Wege aus dem Fachkräftemangel zu suchen.
Sollte im Schulunterricht das Handwerk eine größere Rolle spielen? Auch die Bildungspolitik ist gefordert, Wege aus dem Fachkräftemangel zu suchen.
©dpa

Die Mittlere Reife sei nicht weniger wert als das Abitur, findet Jürgen Böhm, Vorsitzender des Verbands Deutscher Realschullehrer. Im Interview mit ZEIT ONLINE erklärt er, wie die Stärkung der Realschulen dazu beitragen könne, den Fachkräftemangel zu beheben und das Handwerk zu stärken. Er hält es für einen Fehler, wenn die Politik ausschließlich auf die Erhöhung der Abiturientenquote setzt.

ZEIT ONLINE: Herr Böhm, in Deutschland fehlt es fast überall an Fachkräften. Immer weniger Jugendliche entscheiden sich für eine Ausbildung. Was läuft in den Schulen eigentlich falsch?
Jürgen Böhm: Die Schulpolitik hat sich in den letzten Jahren immer nur darauf konzentriert, die Abiturquote zu erhöhen. Das halte ich für grundsätzlich falsch. Wir haben vergessen, die Bildungswege über den Hauptschulabschluss und den Realschulabschluss hin zur beruflichen Bildung besser zu bewerben. Das ist für mich der Grundfehler. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder hat kürzlich einen Tag des Handwerks für alle weiterführenden Schulen gefordert. Ich kann dazu nur sagen: An den Realschulen findet jeden Tag ein Tag des Handwerks statt.

ZEIT ONLINE: Derzeit machen in Deutschland nur etwa 19 Prozent der Jugendlichen eine Lehre, die Gesamtzahl der Auszubildenden ist rückläufig. Die Anzahl der Abiturienten liegt im bundesweiten Durchschnitt dagegen bei über 50 Prozent; und die Mehrheit von ihnen studiert. Warum sehen Sie diese Entwicklung kritisch?
Böhm: Eine hervorragend ausgebildete Fachkraft oder ein Handwerker ist ökonomisch sehr viel besser ausgestattet als manche akademischen Berufe, die völlig unterbezahlt werden. Ich bin nach wie vor davon überzeugt, dass wir natürlich eine gewisse Quote an Abiturienten brauchen, die dann auch, wenn sie die Fähigkeiten mitbringen, studieren und in die Wirtschaft gehen. Aber wir verlieren zu viele junge Menschen auf dem Weg zur Hochschule; einige von ihnen brechen das Studium ab, weil sie an ihre Grenzen kommen. Und die Studienabbrecher, die mit Mitte zwanzig eine duale Ausbildung machen wollen, sind zu spät dran. Dann sind zehn Jahre verloren, Potenzial ist verschwendet und auch die Arbeitshaltung lässt dann oft zu wünschen übrig. Man hat über Jahre hinweg formale Abschlüsse mit Qualität verwechselt. Wir haben immer bessere Abiturschnitte und das bedeutet vor allem: Das Niveau ist gesunken.

ZEIT ONLINE: Auch Abiturienten könnten eine Ausbildung machen. Was spricht dagegen?
Böhm: Ich sehe das einfach als verlorene Zeit. Warum sollen sich einige Schüler noch zwei oder drei Jahre bis zum Abitur quälen, um dann in eine duale Berufsausbildung zu gehen? Das können sie auch mit dem Realschulabschluss machen und wären dann vielleicht besser vorbereitet auf den Beruf. Dieser Drang, alle zum Abitur zu bringen, ist ein Fehlanreiz der OECD.

ZEIT ONLINE: Wer kein Abitur hat, gilt im deutschen Arbeitsmarkt oft als chancenlos. Sind Realschulabschlüsse also nichts mehr wert?
Böhm: Im Gegenteil. Ich kenne keinen Realschulabsolventen in Bayern, der keine Lehrstelle bekommt.

ZEIT ONLINE: Und außerhalb von Bayern?
Böhm: In Baden-Württemberg ist es ähnlich gut. Auch in Nordrhein-Westfalen gibt es nach wie vor an die vierhundert Realschulen. Die Realschule gilt immer noch als essenziell für eine Ausbildung. Wo die Realschule mit anderen Schulformen zusammengelegt oder ganz abgeschafft wurde, merken die Menschen mittlerweile, dass man genau das Gegenteil erreicht: Immer weniger junge Menschen wollen eine Lehre machen, während der Bedarf an Fachkräften wächst.

ZEIT ONLINE: Wie konnte es dazu kommen, dass Bildungsabschlüsse unterhalb des Abiturs mittlerweile einen so schlechten Ruf genießen? Haben die Real- und Hauptschulen schlechte Arbeit geleistet?
Böhm: Es wird teilweise so dargestellt, als hätten die Real- und Hauptschulen einen schlechten Ruf. Aber so ist es nicht. Ich kenne sehr viele erfolgreiche Realschulabsolventen, die über den Ausbildungsweg Karriere gemacht haben. Wir müssen auch den Lehrkräften in den Grundschulen vermitteln, dass eine Empfehlung, die sie für die Schüler am Ende der Grundschulzeit aussprechen, keine Wertigkeit ausdrückt. Ob die Kinder aufs Gymnasium, die Real- oder Hauptschule gehen, ist gleich viel wert. Es ist kein Makel, wenn man nicht auf ein Gymnasium oder eine Gesamtschule geht. Den Eltern wird stattdessen suggeriert, der höchste Abschluss sei auch der beste Abschluss für ihr Kind.

ZEIT ONLINE: Sie sind nicht nur Bundesvorsitzender des Deutschen Realschulverbands, sondern auch dessen Landesvorsitzender in Bayern. Dort hält man am dreigliedrigen Schulsystem fest. Trotzdem ist auch in Bayern die Anzahl der Auszubildenden rückläufig. Ist die Realschule also kein Garant mehr dafür, die Schüler auf Ausbildungsberufe vorzubereiten?
Böhm: In Bayern ist es immer noch besser als im Rest des Landes. Wenn man den Realschulabschluss als Qualitätssiegel betrachtet, ist das die Basiskompetenz für die weitere Entwicklung im Bereich der Fachkräfte. Davon bin ich überzeugt. Wir haben ungefähr 250.000 Realschüler in Bayern. Industrie und Handwerk sind extrem auf uns angewiesen.

„Ich glaube nicht, dass es sich um soziale Ungleichheit handelt“

ZEIT ONLINE: Offenbar reicht das aber nicht, um die Zahl der Auszubildenden zu erhöhen. Was unternehmen die Realschulen in Bayern dagegen?
Böhm: Unsere Realschulen bieten eine klare Berufsorientierung spätestens ab der siebten Jahrgangsstufe, sie trumpfen mit Kooperationen und besten Beziehungen zur regionalen Wirtschaft. Auch die ökonomische Bildung ist fest in der Realschule verankert, ebenso die gezielte Förderung des Unternehmertums. Die Realschule hat hier ein ganz klares Profil mit geregelten Fächern. Azubis mit Realschulabschluss sind heiß begehrt.

ZEIT ONLINE: Allein in den naturwissenschaftlich-technischen Berufen fehlt es derzeit an über 300.000 Fachkräften. Wie kann es sein, dass in diesem Land so viel über eine bessere Schulausbildung gesprochen wird und trotzdem ein akuter Mangel an Fachkräften besteht?
Böhm: Man hätte in den Schularten, die zu einem Mittleren Bildungsabschluss führen, die Profilbildung noch stärker vorantreiben sollen – also etwa die Fächer für technische Berufe. Aus Betrieben, großen Ausbildungsfirmen und dem Mittelstand in Bayern höre ich, sie könnten ohne qualifizierte Realschulabsolventen den Laden dichtmachen. Ich sehe die Lösung in der Stärkung der Schulformen, die zu einem Mittleren Bildungsabschluss führen und dort schon das Interesse für Technik, Ökonomie und Soziales wecken. Da sehe ich die Gesamtschulen und die Gymnasien inhaltlich nicht richtig aufgestellt.

ZEIT ONLINE: Halten Sie es denn für realistisch, dass die Realschulen tatsächlich gestärkt werden, wo der Trend doch in eine ganz andere Richtung geht – nämlich auf Gesamtschulen und eine steigende Abiturientenquote zu setzen?
Böhm: Das ist für mich eine ideologische Fehlsteuerung, nur auf Gesamtschulen zu setzen. Man hat im Prinzip vermittelt: Wir bilden eine Schule, wo die Schüler jeden Abschluss erreichen können. Die Frage ist, welche Qualität das Abitur auf einer Gesamtschule noch hat. Dass die Stärkung der Mittleren Bildungsabschlüsse ausgeblieben ist, fällt uns jetzt auf die Füße.

ZEIT ONLINE: Aber wie kann man es konkret erreichen, die Realschulen zu stärken?
Böhm: Man muss sehr zeitig beginnen, am besten schon in der Grundschule, die Neigungen der Kinder festzuhalten, also etwa zu schauen, ob die Interessen eher im naturwissenschaftlich-technischen Bereich liegen. Oftmals sind Rollenbilder noch immer prägend. Wir haben nach wie vor Probleme, Mädchen für Technik und Naturwissenschaften zu begeistern. Wir müssen attraktive Profile schaffen, Informationstechnologie und Informatik stärken. Wir brauchen frühzeitig eine ganz klare berufliche Orientierung, die Verbindungen zur Wirtschaft aufzeigt. Viele junge Menschen wissen überhaupt nicht, welche Vielfalt an Berufen es gibt. Das sollten wir schon für Schüler ab zehn, zwölf Jahren vermitteln. Wir müssen die Schulen öffnen, die Firmen reinbringen, den Schülern ermöglichen, Unternehmen kennenzulernen.

ZEIT ONLINE: Das drei- oder mehrgliedrige Schulsystem, für das Sie sich starkmachen, gilt vielen als Ursache für soziale Ungleichheit. Können Sie das nachvollziehen?
Böhm: Ich glaube nicht, dass es sich tatsächlich um soziale Ungleichheit handelt. Es gibt Gewerkschaften, die den Bildungsweg etwa über einen qualifizierten Hauptschulabschluss jahrelang kaputtgejammert und sie dann selbst als „Restschulen“ bezeichnet haben. Mir geht es um individuelle Förderung. Dafür muss man aber auch die Arbeitsbedingungen der Lehrkräfte verbessern und das soziale Umfeld in den Blick nehmen. Wenn das Gymnasium in den Ansprüchen immer weiter zurückgeht, erreicht man genau den gegenläufigen Effekt. Man lässt Leistungskriterien weg und wenn man dann keine individuellen Bildungskriterien mehr hat, entwickelt sich das Gymnasium zu einer Haupt- oder Gesamtschule, die gerade nicht mehr Wege öffnet. Die sozialen Disparitäten sind nicht in der Schule angelegt, sondern in der Gesellschaft.

ZEIT ONLINE: Ist es aber nicht auch Aufgabe der Schule, soziale Disparitäten zu beheben?
Böhm: Die Schule ist nicht die Reparaturwerkstatt einer kaputten Gesellschaft. Sehr viel Potenzial der Lehrkräfte geht in soziale Gespräche, die eigentlich in den Familien stattfinden müssten. Es kann nicht sein, dass die Kinder sich selbst überlassen werden. Wir fördern Sozialarbeiter, wir haben Schulpsychologen, unwahrscheinlich viele Ressourcen stecken wir mittlerweile in therapeutische Instrumente an Schulen. Das ist wichtig und gut, aber es bringt uns, was die Inhalte und den Unterricht betrifft, kein bisschen vorwärts.

ZEIT ONLINE: Bundesarbeitsminister Hubertus Heil fordert, die Berufsorientierung müsse bereits in den Schulen beginnen, zum Beispiel mit einem Schulfach ab der siebten Klasse, das stärker auf handwerkliche Berufe ausgerichtet ist. Gibt es so etwas in Bayern auch?
Böhm: Ja. Die berufliche Orientierung ist eine Querschnittsaufgabe an Realschulen. Bei der Kreation von Schulfächern bin ich allerdings sehr vorsichtig. Ich glaube, wir haben fächerübergreifend die Möglichkeit, berufliche Orientierung zu betreiben. Wo ich Heil recht gebe: Man muss Potenzialanalysen machen, man muss den Kindern zeigen, wo ihre Fähigkeiten liegen. Talente gibt es in jeder Schulform. Jedes Kind hat Talent. Ich bin auch ein klarer Verfechter von ökonomischer Bildung. Die Angst vor der Wirtschaft muss endlich aufhören.

ZEIT ONLINE: Müssten die Schulen nicht erst einmal bei den elementaren Kenntnissen ansetzen, etwa in der Rechtschreibung und beim Rechnen? Da gibt es unter deutschen Schülern ja erschreckende Defizite, übrigens auch unter Abiturienten.
Böhm: Ja, da stimme ich Ihnen zu. Wir müssen wieder mehr einfordern, gerade in diesen Kernbereichen von Deutsch und Mathematik. Wir haben über Jahre hinweg Rechtschreibleistungen vernachlässigt, es durften keine Diktate mehr geschrieben werden, es gab fragwürdige pädagogische Konzepte wie phonetisches Schreiben, also Schreiben nach Gehör. Das sind für mich Fehlentwicklungen. Natürlich haben unsere Kinder auch deshalb Probleme mit dem Schreiben, weil viel zu wenig geschrieben und die Leistung auch nicht eingefordert wird. Das richtige Schreiben muss man auch mit einem Computer beherrschen. Abgesehen davon bin ich aber überzeugt, dass auch die Handschrift wichtig ist, motorisch und für den Kopf.

ZEIT ONLINE: Was ist für Sie der Sinn der Bildung?
Böhm: Der Sinn der Bildung besteht darin, den Kindern das Rüstzeug zu vermitteln, um in der Zukunft bestehen zu können. In der Zukunft bestehen heißt, ich muss mit meinem Leben zurechtkommen, ich muss mich frei entwickeln können, ich muss Chancen erkennen und diese nutzen können. Da ist es egal, ob man einen Hauptschulabschluss, die Mittlere Reife oder ein Abitur hat. Wir haben drei Grundabschlüsse und die müssen die Basis bilden, um weiterzugehen. Wir verrennen uns mit Etiketten, die den Schülern je nach Schulabschluss aufgeklebt werden. Die Zukunft selbst in die Hand nehmen zu können, das ist für mich Bildung.