Dieser Artikel erschien am 18.06.2019 in der taz
Autorin: Belinda Grasnick

Klimaprotest von Schüler*innen : Die Noten sind egal

Greta Thunberg bekommt ihr Zeugnis – und alle freuen sich, dass sie gute Noten hat. Nehmt doch statt­dessen lieber ihre Forderungen ernst!

Klimaaktivistin Greta Thunberg
Greta Thunbergs Zeugnis geht nur sie etwas an – vielleicht noch ihre Familie
©dpa

Mit der schwedischen Aktivistin Greta Thunberg hat die weltweite Klima­bewegung im vergangenen Jahr ein junges Gesicht bekommen. Seit September geht die 16-Jährige jeden Freitag auf die Straße – inzwischen begleitet von Hundert­tausenden Schüler*innen und Student*innen welt­weit. Viele Ökosünder*innen, die sich mit der Realität des Klima­wandels nicht auseinander­setzen und ihre klima­schädlichen Gewohnheiten nicht verändern wollen, regen sich seitdem darüber auf, dass die jungen Leute freitags die Schule schwänzen.

Jetzt können alle Unterstützer*innen der Fridays for Future aufatmen: Greta Thunberg hat trotzdem sehr gute Noten auf ihrem Zeugnis. Das Schul­schwänz-Argument ist also entkräftet.

Aber jetzt mal im Ernst: Wen interessiert das? Das Zeugnis einer Neunt­klässlerin betrifft sie selbst und vielleicht auch ihre Familie. Einer medialen Diskussion darüber bedarf es absolut nicht. Viel wichtiger als die schulischen Leistungen ist doch ihr politisches Engagement. Nun rückt der Fokus wieder von ihren Forderungen nach klaren weltweiten Zugeständnissen für den Klima­schutz ab und alle schauen auf ihre Leistungen.

Statt ihren Aktivismus anzuerkennen, wird sie auf einen Promi­status gehoben und von ihr Zu- und Abgeneigten bewertet. Schon die Meldung, dass sie sich nach diesem Schul­jahr vor ihrem Abitur ein Jahr Aus­zeit nehmen möchte, um noch stärker für den Klima­schutz eintreten zu können, schlug hohe Wellen. Dabei hat sie ihre in Schweden übliche neun­jährige Schul­pflicht nun abgeschlossen und es steht ihr völlig frei, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es für richtig hält.

In Berlin hieß es derweil, einige junge Aktivist*innen seien versetzungs­gefährdet, weil sie mit den Freitags­demonstrationen zu viele Abwesenheits­tage gesammelt haben. Die Berliner Bildungs­verwaltung hat diese Behauptung allerdings bereits zurück­gewiesen.

Liebe Ältere, hier ein Appell der Zwischen­generation: Statt über Präsenz­zeiten und Schul­leistungen zu diskutieren und zu staunen, könntet ihr die Sorgen und Forderungen der Streikenden auch einfach ernst nehmen. Sie selbst tun das nämlich – und verzichten freiwillig auf Fleisch­konsum und Flug­reisen. Vor allem Politiker*innen sollten sie nicht klein­reden, sondern den Dialog suchen. Denn die Jüngeren wissen, welche Welt sie erben wollen.