Claus-Christian Carbon : „Die Kinder sind teils sogar stolz auf ihre Masken“

Wie schwer fällt Kindern das Maskentragen? Der Psychologieprofessor Claus-Christian Carbon hat das in Schulen untersucht – und war über die Ergebnisse überrascht.

Dieser Artikel erschien am 03.11.2021 auf ZEIT Online
Interview: Caroline Rosales
Schüler:innen mit Maske
©iStock

Claus-Christian Carbon, Professor für Psychologie an der Universität Bamberg, hat jüngst mehrere Studien zur Mimikforschung in Zeiten des Maskentragens veröffentlicht. Untersucht wurde dabei unter anderem, ob der Mund-Nasen-Schutz Schülerinnen und Schülern das Erkennen von Emotionen erschwert.

ZEITmagazin ONLINE: Millionen von Schülerinnen und Schülern haben seit Beginn der Pandemie mit Unterbrechungen Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. Wie blicken Sie aus Sicht eines Psychologen wissenschaftlich auf das Maskentragen?
Claus-Christian Carbon: Wir beschäftigten uns an der Universität Bamberg seit über einem Jahr zum Beispiel gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut in mehr als zehn verschiedenen, zum Teil internationalen Studien mit dem Thema. Eine davon fand zum Beispiel mit Schulkindern in Florida statt. Wir haben also Daten aus verschiedenen Altersgruppen genommen, um qualifizierte Rückschlüsse ziehen zu können. Generell konnten wir folgern: Die Mund-und-Nasenbedeckungen nehmen bis zu 70 Prozent des Gesichtsfelds weg, die für unser Erkennen von Emotionen indikativ sind. Dennoch waren die Testpersonen zweier Gruppen in der Lage, ​​sechs basale Emotionen auf einem dennoch hohen Niveau richtig zu erkennen. Besonders erstaunlich: Heranwachsende aus der ersten Gruppe im Alter von neun bis elf Jahren kamen damit sogar noch besser zurecht als Erwachsene in der zweiten Gruppe von 18 bis 87 Jahre. Wir kommen so zu dem Schluss, dass Kinder und Jugendliche durch das Maskentragen beim Lernen zwar etwas eingeschränkt sind, aber längst nicht so stark wie erwartet.

ZEITmagazin ONLINE: Dabei haben doch Kinder im Gegensatz zu Erwachsenen wesentlich weniger Erfahrung im Erkennen von Emotionen und Sprache.
Carbon: Als die Maskenpflicht an Schulen eingeführt wurde, hatten viele Eltern, Lehrerinnen, Erzieher und auch Wissenschaftler die schlimmsten Befürchtungen, was das für Auswirkungen auf die Psychologie und das Lernen gerade von Grundschulkindern haben könnte, ob es etwa Autismus und Gefühlsblindheit fördert oder Beziehungen zu Lehrenden schwächt. Allerdings hat sich nichts davon bestätigt. Im Gegenteil, die Daten haben uns tatsächlich überrascht. In der Wissenschaft gehen wir eigentlich davon aus, dass die Identifikation von Personen bei Menschen erst ab dem 13. oder 14. Lebensjahr sehr gut funktioniert. Vorher lassen sich Kinder bei der Erkennung einer Person gerne mal foppen, durch eine veränderte Haartracht zum Beispiel. Warum wir also in den Studien feststellen konnten, dass Heranwachsende so gut zu Schulzeiten in der Pandemie zurechtkamen, ist eigentlich nicht logisch, aber sie tun es.

ZEITmagazin ONLINE: Warum ist das Ihrer Meinung nach so?
Carbon: Erstens, weil Kinder sehr adaptionsfähig sind und wie viele Menschen, wenn das Gesichtsfeld ihres Gegenübers eingeschränkt ist, stärker auf die Augen fokussieren, und auch weil beide Seiten lernen, stärker über die Hände und deren Gestik zu kommunizieren. Und zweitens, weil auch noch so viel Zeit im Privaten bleibt, mit Eltern, Geschwistern und Freunden. Zeit, in der ohne Maske kommuniziert werden kann.

Maskenpflicht an Schulen

Wie schon in den Bundesländern Berlin und dem Saarland ist in Nordrhein-Westfalen nun bis auf Weiteres die Maskenpflicht an Schulen in den Unterrichtsräumen gefallen. Gleichzeitig steigen derzeit laut Weltgesundheitsorganisation die Inzidenzen und Fallzahlen, gerade bei Kindern und Jugendlichen. Die WHO warnt in diesem Zuge vor neuen Schulschließungen. Der Lehrerverband fordert bereits eine Rückkehr oder Beibehaltung der Maskenpflicht in allen Bundesländern.

ZEITmagazin ONLINE: In welchem Alter lernen Kinder denn besonders viel über Mimik und Gestik im Gesicht ihrer Lehrerinnen und Lehrer? Eine häufige Sorge von Eltern und Lehrkräften ist ja, dass gerade Grundschülerinnen und -schüler Lesen und Schreiben nur über die Mundbewegungen richtig erlernen.
Carbon: Wir gehen als Psychologen davon aus, dass das Lernen von Emotionen anhand von Gesichtsausdrücken mit etwa zehn Jahren, also mit Ende des Grundschulalters, abgeschlossen ist. Und bei der phonemischen Erziehung, der sogenannten Lautbildung von Silben und einzelnen Buchstaben, wie auch bei der Logopädie ist es absolut notwendig, den Mund der Lehrperson zu sehen. Zum Beispiel gilt das bei den Buchstaben “k” oder “g”. Oder auch bei dem Paar “d” und “t”. Das feine Prononcieren ist da mit Maske gar nicht vermittelbar. Die Sprachwahrnehmung war folglich gestört und im Zweifel haben Kinder phonetisch schlechter gelernt.

ZEITmagazin ONLINE: Was schlagen Sie vor?
Carbon: Dass in diesem Unterrichtskontext zur Wahrung aller Pandemieauflagen an Schulen technisch und räumlich aufgerüstet wird. Das kann bedeuten, dass alle Sprach- und Schreiblernübungen durchgeführt werden, indem die Lehrer hinter einer Scheibe stehen und die Schüler mit Abstand zu ihnen sitzen. Wenn Kinder lernen sollen, Laute zu differenzieren, müssen sie die Lippen des Gegenübers sehen. Das ist aber auch eine Chance, die einer solchen Krise innewohnt. Eine intelligente Gesellschaft passt sich an und findet Lösungen. Momentan herrscht, was Digitalisierung und Veränderungen an den Schulen angeht, eine große Passivität. Das sollten die Schulen aber positiv mit den Kindern angehen und sagen: Wie verhalten wir uns am klügsten, damit wir möglichst schnell aus dem Mist herauskommen? Das sollte die Motivation sein.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn das Tragen von Masken über ein Jahr im Unterricht in fast allen Bundesländern nun glücklicherweise keine schwerwiegenden Folgen hat, dann hat das Bedecken von Mund und Nase aber wenigstens eine Konsequenz oder einen Gewöhnungseffekt. Bei vielen Schulkindern ist ja auffällig, dass sie die Masken über Monate auch auf dem Weg nach Hause noch nicht abnehmen oder sie schon auf dem Hinweg an der frischen Luft aufsetzen, weil diese schon so normal für sie geworden sind.
Carbon: Das ist ja auch spannend. Ich beobachte auch bei meinen eigenen drei Kindern, dass sie die Masken eben nicht sofort runterreißen, sobald sie das Klassenzimmer verlassen haben, und morgens auch schon mit Maske losgehen. Das liegt bestimmt auch daran, dass Kinder und Jugendliche teils sogar stolz auf ihre Masken sind, weil das gute und in ihren Augen coole Masken mit besonderen Motiven oder Designs sind. Mittlerweile gibt es ja medizinische Masken mit bunten Aufdrucken in fast jeder Apotheke zu kaufen. Über eine Studie mit Kinderärzten haben wir darüber hinaus herausgefunden, dass es vor allem auch auf das Framing der Eltern ankommt. Wenn Sie als Mutter oder Vater jeden Tag vor Ihren Kindern über die Masken schimpfen, dann ist es klar, dass Kinder individuell darunter leiden. Wenn die Eltern das Maskentragen zur Sicherheit aller und für das gemeinsame Lernen im Klassenraum aber positiv rüberbringen, dann konnten wir feststellen, dass Kinder kaum Probleme damit haben.

ZEITmagazin ONLINE: Das heißt in der Konsequenz: Viele Schülerinnen und Schüler haben sich bereits so sehr an die Masken gewöhnt, dass sie kaum einen Unterschied mehr zu vorher merken?
Carbon: Ja, genau. Kinder haben zudem von Natur aus einen hohen Gerechtigkeitssinn und wollen Regeln respektieren. Sie fragen dann, warum der Herr in der Bahn keinen Mund-Nasen-Schutz aufhat, und empfinden das dann als unfair gegenüber ihnen. Auch darf man nicht vergessen oder kann man Kindern vermitteln, dass Masken in Europa eine lange Geschichte haben. Es gab immer wieder Epochen und Dekaden wie etwa zu Pestzeiten oder in Epidemiezeiten wie Anfang des 20. Jahrhunderts, in denen es in Europa völlig normal war, Gesichtsbedeckungen zu tragen. Die Freizügigkeit in den Goldenen Zwanzigern der Weimarer Republik wurde daraufhin als gesellschaftliche Befreiung nach der schweren Zeit interpretiert.

ZEITmagazin ONLINE: Was erwartet Heranwachsende und ihre Eltern denn in Zukunft?
Carbon: Das ist ein laufender Prozess. Das ganze Bewusstsein der Menschen hat sich an Schulen und in der Arbeitswelt massiv verändert. Früher schleppten sich die meisten auch noch mit einer schweren Erkältung ins Büro, heute würde das als verantwortungslos gegenüber den Kolleginnen und Kollegen gelten. Auch werden beispielsweise Menschen aus asiatischen Ländern in unseren Städten nicht mehr belächelt, weil sie völlig selbstverständlich immer eine Maske tragen. Wir sehen sie nun als besonnene Mitmenschen, die in ihrem Land eine höhere Bevölkerungsdichte haben und eigenverantwortlich und solidarisch darauf reagieren.

ZEITmagazin ONLINE: Was heißt dieses neue Bewusstsein für die Entwicklung der jüngeren Generationen?
Carbon: Dass es eine starke Adaption auf den Zeitgeist gibt. Jugendliche hatten in der Pandemie viel Zeit, wie auch Erwachsene, über ihre sozialen Kontakte und Kommunikationsmöglichkeiten nachzudenken und diese zu optimieren. Plötzlich war die Zeit dafür da. Das hat viele Forschungen und auch Diskussionen rasant beschleunigt. Krisen beschleunigen die Kreativität und auch die Innovationskraft steigt extrem in solchen Phasen. Wir bekommen ganz neue Kinder. Dazu gehört wie gesagt die Visualisierung und Digitalisierung. Kinder haben darunter gelitten, ihre Freunde nicht zu sehen, aber sie haben es hingekriegt und sich an die Alternativen wie Videokonferenzen und Chats gewöhnt. Das kann auch für das Halten von Kontakten sehr große Vorteile haben.