Sportvideos von Vereinen : „Die Kinder kriegen zwar Hausaufgaben, aber nichts für den Sportunterricht“

Eine Auszeit vom Ausnahmezustand: Das wollen Leipzigs Handballer Kindern während der Coronakrise bieten. Für den Verein ist es eine Frage sozialer Verantwortung – und eine Chance für den Nachwuchs.

Dieser Artikel erschien am 29.03.2020 in DER SPIEGEL
Anne Armbrecht
Videoaufnahme
Leipzigs Handballer wollen Kindern während der Coronakrise eine Auszeit vom Ausnahmezustand bieten.
©DHfK

Zwanzig Minuten Auszeit von Mathe und Co., auch von der immer gleichen Umgebung. Ein bisschen Abwechslung und Auslastung für die Kinder. Das soll die kleine Sportstunde der Handballer vom SC DHfK Leipzig in die Wohnzimmer bringen. Es sind kleine Geschichten in Videoform: Ein Besuch im Zoo, in der Schule oder dem Kindergeburtstag – all das, was eigentlich nicht geht gerade, weil wegen Corona der Alltag stillsteht, und mit ihm Schule und Sportspiele.

Die Leipziger haben deshalb für Grundschulkinder mit den Videos angefangen. Montag, Mittwoch und Freitag läuft jeweils eine Folge. „Die Kinder kriegen von ihren Lehrern zwar Hausaufgaben, aber nichts für den Sportunterricht“, behauptet Lucas Krzikalla. Der Handballer ist im Video die Hauptfigur. „Jetzt in der Wohnung kommt die Bewegung ohnehin zu kurz. Wenn die Kinder schon nicht rauskönnen, versuchen wir, sie trotzdem mit den Videos ein bisschen mit rauszunehmen aus der Situation.“ Und damit auch einer sozialen Verantwortung als Verein gerecht zu werden, sagt der 26-Jährige dem SPIEGEL.

Leipzigs Handballer sind damit nicht die einzigen. Auch Basketball-Erstligist Alba Berlin hat eine regelmäßige Videosportstunde angefangen, die Baskets Bonn haben nachgezogen. Andere Vereine und Sportler stellen kleine Programme online.

#GemeinsamVorbildSein als Motto

„Für Erwachsene gibt es ja auch Work-out-Videos. Wir wollten auch Kindern ein Angebot machen. Was ihnen Spaß macht und guttut“, sagt Krzikalla. „Wir haben die Serie so angepasst, dass man das problemlos im Wohnzimmer machen kann. Wir arbeiten mit dem, was da ist. Mit Socken als Bällen und Handtüchern als Wurfkreis zum Beispiel.“ Oder eine Runde im Kreis um den Couchtisch, gemeinsam mit dem plüschigen Vereinsmaskottchen.

Dabei solle es eigentlich gar nicht so sehr um Handball gehen, sagt Geschäftsführer Karsten Günther dem SPIEGEL. „Wir Sportklubs haben in der jetzigen Situation eine große Verantwortung. Sehr viele Menschen interessieren sich für uns, und wir haben eine Vorbildfunktion.“ Das heiße auch, dass man sich jetzt an Spielregeln halte. „Also bleiben wir für die Gesundheit aller zu Hause – und finden eben hier Wege, Sport zu machen.“

Die Schulsportvideos haben die Leipziger mit dem Hashtag #GemeinsamVorbildSein gekennzeichnet. Auf der Homepage des Vereins finden sich die Schutzhinweise des Robert Koch-Instituts. Ebenso eine Hilfsbörse zum Suchen und Bieten. Zwei Nationalspieler des Vereins waren Mitte März selbst in Quarantäne gekommen. Ihr Teamkollege war positiv auf das Coronavirus getestet worden.

Erfolgreiche Nachwuchsarbeit über Jahre

Im Team ist im Moment jeder für sich. Die Spieler können nur über WhatsApp kommunizieren. Sie müssen sich selbst fit halten. Lucas Krzikalla geht vor allem laufen. Zu Hause macht er Eigengewichtsübungen und den Frühjahrsputz. Auch für ihn bedeuten die Videos für die Kinder Abwechslung. Es ist nicht das erste Mal, dass der Sportstudent mit der jungen Zielgruppe arbeitet. „Wir gehen sonst auch jede Woche in die Schulen, spielen mit den Kindern Handball und bieten auch Lehrern Weiterbildung an.“

Gut 200 Kinder zwischen sieben und elf Jahren unterrichtet er in mehreren Leipziger Grundschulen jede Woche. Es mache ihm großen Spaß, sagt er. Und es hilft auch dem Verein. Während die meisten über Nachwuchsmangel klagen, habe sich die Zahl junger Handballtalente in Vereinen seit 2016 im Raum Leipzig von 1400 auf 1800 gesteigert, heißt es beim DHfK. „Die Nachwuchszahlen sind im Handball wie in den meisten Vereinen jahrelang zurückgegangen. Wir haben es aber geschafft, den Schwung der EM 2016 zu nutzen. Seitdem steigen unsere Zahlen wieder“, sagt Krzikalla.

Mit seinem Engagement in der Krise könnte der Verein noch mehr Kinder für den Sport begeistern. Die Chance sieht auch Geschäftsführer Günther. Es wäre etwas Positives in diesen Tagen – wenn mancher die Freude an der Bewegung wiederentdeckt und ihr auch nachgeht, wenn wieder Alltag ist. Womöglich im Sportverein – Kinder und Eltern gemeinsam.

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„Die Menschen werden in diesen Tagen in der Wohnung sicher den Drang nach Bewegung stärker empfinden“, sagt er. „Ich wehre mich nicht dagegen, wenn das Projekt ein paar Kinder mehr in die Vereine bringt. Aber darum geht es erst mal nicht. Es ist vor allem Kompensation. Und für die Kinder auch ein bisschen Spaß, wenn die Tage gerade eher langweilig oder traurig sind.“ Eine Auszeit vom Ausnahmezustand also.

Die Abwechslung tue aber auch den eigenen Leuten gut, sagt Günther. Die Handball-Bundesliga ist bis Ende April ausgesetzt. Auch Training und Nachwuchsbetrieb finden nicht mehr statt. „Für uns als Verein ist das gerade eine große Herausforderung. Wir versuchen, das aktuelle Wirtschaftsjahr gut zu Ende zu bringen und uns dann neu zu sortieren“, sagt Günther. „Der gesunde Menschenverstand sagt mir, dass wir diese Saison kein Handballspiel mehr bestreiten werden. Also müssen wir kreativ sein und kämpfen, um die Zukunft unserer 62 Angestellten abzusichern.“

Vereine leisten sich Nachbarschaftshilfe

Der Verein hat die finanziellen Verluste aus Zuschauereinnahmen, TV-Geldern und Sponsoren auf bis zu eine halbe Million Euro geschätzt. Aktuell arbeite man an verschiedenen Maßnahmen, um das abzufangen. Die Profis haben bereits erklärt, auf Gehalt zu verzichten. Die Mitarbeiter sind in Kurzarbeit.

In der Not haben sich auch einige Sportvereine der Region zusammengeschlossen. Sie wollen sich in der Krise unterstützen. Neben den DHfK-Handballern sind auch die Fußballer von Erzgebirge Aue und die Volleyballerinnen des Dresdner SC miteinander und mit der Landespolitik in Kontakt.

Teil der Gespräche ist demnach auch, wie die Vereine bei all den Sorgen weiter soziale Verantwortung wahrnehmen wollen. Die Leipziger wollen ihre Sportstunde auf jeden Fall beibehalten, sagt Günther. „Für die nächsten zwei Wochen hätten wir die Folgen auf jeden Fall im Kasten.“ Und für die Zeit danach würde man sich, wenn nötig, auch noch etwas einfallen lassen.