Erinnerungskultur : Die Joseph-Gruppe kämpft gegen das Vergessen

Vor zehn Jahren recherchierten sechs Schülerinnen und Schüler die Biografie des Holocaust-Überlebenden Rolf Joseph und waren so berührt von seiner Geschichte, dass sie ein Buch darüber veröffentlichten. Heute sind sie alle längst erwachsen, aber die Joseph-Gruppe existiert weiter und hält die Erinnerungen wach. Sie vergibt seit 2014 jährlich den Rolf-Joseph-Preis an Kinder und Jugendliche, die sich mit dem jüdischen Leben in Deutschland auseinandersetzen.

Regina Köhler / 23. April 2018
Das ist die Joseph-Gruppe heute: (von links nach rechts) Simon Strauß, Pia Sösemann, Fabian Herbst, Dorothea Ludwig, Simon Warnach, Albrecht Hoppe
Das ist die Joseph-Gruppe heute: (von links nach rechts) Simon Strauß, Pia Sösemann, Fabian Herbst, Dorothea Ludwig, Simon Warnach, Albrecht Hoppe
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Eine Begegnung, die ihr Leben geprägt hat

Es war eine Begegnung, die sie ihr Leben lang nicht vergessen werden. Im Rahmen des Religionsunterrichts trafen Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse des Berliner Evangelischen Gymnasiums zum Grauen Kloster 2004 den Holocaust-Überlebenden Rolf Joseph. Der damals 84-Jährige war als Zeitzeuge zu ihnen an die Schule gekommen und berichtete davon, wie es ihm gelungen war, während des Nationalsozialismus als Jude zu überleben. Joseph hatte sich alles, was er den jungen Menschen erzählen wollte, auf einen Zettel geschrieben. Doch die wollten mehr wissen und stellten viele Fragen. Einer von ihnen war Florian Herbst. „Wir waren tief beeindruckt von Josephs Geschichte“, erinnert er sich.

In Berlin geboren, hatte Rolf Joseph die Stadt auch während des Nationalsozialismus nicht verlassen. Er war untergetaucht, fremde Leute halfen ihm, sich zu verstecken. Irgendwann flog er auf und sollte nach Auschwitz deportiert werden. Auf dem Weg dorthin gelang ihm aber die Flucht. Er kehrte nach Berlin zurück, wo ihm erneut geholfen wurde, sich bis zum Ende des Krieges zu verstecken.

Diese Geschichte hörten die Jugendlichen der neunten Klasse in einer Doppelstunde. Sechs von ihnen, darunter Florian Herbst, waren so beeindruckt, dass sie auf die Idee kamen, ein Buch über Joseph zu schreiben. Sie wollten, dass seine Geschichte nicht vergessen wird. Die sechs nannten sich von nun an „Joseph-Gruppe“ und trafen sich regelmäßig mit Rolf Joseph, um sich sein Leben erzählen zu lassen.

Der alte Mann habe sich ihnen immer mehr geöffnet, erzählt Florian Herbst. „Er hatte Vertrauen zu uns gefasst und erzählte uns viele Dinge, die nicht auf seinem Spickzettel für Schulbesuche standen.“ Mit der Zeit sei er für alle aus der Gruppe eine Großvaterfigur geworden. „Und Joseph, der selbst keine Kinder hatte, hat sich uns immer als seine Kinder vorgestellt.“

Die Joseph-Gruppe besteht bis heute und hat einen Preis ins Leben gerufen

Die Mitglieder der Joseph-Gruppe sind inzwischen längst erwachsen. Alle sechs haben promoviert oder sind noch dabei. Florian Herbst hat Jura studiert und macht gerade sein zweites Staatsexamen, so wie auch Pia Sösemann und Dorothea Ludwig. Simon Warnach ist Physiker geworden, Simon Strauß Historiker. Samira Sangkohl studierte Medizin. Obwohl sie alle beruflich sehr eingebunden sind, besteht ihre Gruppe bis heute fort.

Fünf von ihnen haben regelmäßig miteinander Kontakt, nicht zuletzt deshalb, weil sie als Gruppe 2014 – zwei Jahre nach dem Tod von Rolf Joseph – den „Rolf-Joseph-Preis“ ins Leben gerufen haben. Für diesen Preis können sich jährlich Schülerinnen und Schüler der achten bis elften Klasse bewerben, die sich mit jüdischem Leben in Deutschland heute und in der Vergangenheit beschäftigen oder Begegnungen zwischen Juden und Christen initiieren.

Die Arbeit unserer Gruppe hat wieder mehr Bedeutung – es ist so wichtig, sich zu engagieren!
Florian Herbst, Mitgründer einer ehemaligen Schülergruppe, die die Erinnerung an den Holocaust wachhält

Die Gruppe finanziert den Preis aus dem Erlös der zwei verkauften Auflagen ihres Buchs. Als Partner konnte sie das Jüdische Museum Berlin gewinnen. Dort findet auch immer die Preisverleihung statt. Unterstützung bekommen sie ferner von früheren Lehrern, die schon die Entstehung des Buchs als Korrektoren begleitet hatten, allen voran ihr ehemaliger Religionslehrer Albrecht Hoppe.

Im vergangenen Jahr waren es Schüler des Gymnasiums Zum Grauen Kloster – ihrer alten Schule –, die den Preis gewannen. Sie hatten sich für die Verlegung eines „Stolpersteins“ eingesetzt, dafür die Geschichte einer Berliner Jüdin recherchiert und deren Angehörige in Israel ausfindig gemacht. In diesem Jahr können sich Schüler mit ihrem Projekt bis zum 26. Juni für den Preis bewerben.

Im Januar erhielt die Joseph-Gruppe den German Jewish History Award

Einen Preis hat auch die Joseph-Gruppe selbst kürzlich für ihr Engagement wider das Vergessen bekommen. Im Januar wurde sie im Berliner Abgeordnetenhaus mit dem German Jewish History Award der Obermayer-Stiftung ausgezeichnet. Mit dem Preis werden Deutsche geehrt, die in ihren Heimatorten die Erinnerung an das Wirken von Juden wachhalten.

Florian Herbst und den anderen aus der Gruppe ist dieser Preis ein großer Ansporn. In der Vergangenheit habe er oft gesagt, dass sie aktiv sein müssten, weil so etwas wie der Nationalsozialismus in Deutschland nie wieder geschehen dürfe, sagt Herbst und fügt hinzu: „Diese Aussage ist mit den Jahren für mich zu einer Floskel geworden, weil ich einfach davon ausgegangen bin, dass so etwas nicht wieder passieren wird.“ Neuerdings flamme der Antisemitismus allerdings wieder auf. „Die Arbeit unserer Gruppe hat wieder mehr Bedeutung – es ist so wichtig, sich zu engagieren!“, sagt Florian Herbst. Für die Zukunft gelte es, den Zusammenhalt der Menschen über die verschiedenen Religionen hinweg zu fördern. Dieser Aufgabe habe sich auch die Joseph-Gruppe verschrieben.

Auf einen Blick

  • Mit dem Rolf-Joseph-Preis werden Schülerinnen und Schüler prämiert, die sich in besonderer Art mit dem jüdischen Leben damals und heute beschäftigen.
  • Teilnehmen können alle Schülerinnen und Schüler der achten bis elften Klassenstufen, die im Rahmen des Unterrichts oder in Einzelinitiativen Projekte zum Thema umgesetzt haben.
  • Der Hauptpreis ist mit 300 Euro dotiert, für den zweiten Platz gibt es 200 Euro und für den dritten Platz 100 Euro.
  • Die Beiträge können per Post oder per E-Mail eingereicht werden. Post-Adresse: Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Feuilleton, Simon Strauß, Hellerhofstraße 2–4, 60327 Frankfurt am Main.
    E-Mail-Adresse: info@rolfjosephpreis.de
  • Einsendeschluss ist der 26. Juni 2018.
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