Dieser Artikel erschien am 25.09.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autor: Gerhard Matzig

Eltern-Lehrer-Verhältnis : Die Hölle, das ist der Elternabend

Beim Elternabend sagen die immer gleichen Leute die immer gleichen Sätze. Man kann auf die Phrasen warten und sie durch­streichen, wie beim Bingo-Spiel. Leidens­bericht aus einem Klassen­zimmer mit viel zu kleinen Stühlen.

Elternabend-Bingo
©Süddeutsche Zeitung

„Hier musst du allen Zweifelmut ertöten“, heißt es bei Dante über die Hölle, „hier ziemt sich keine Zag­heit fürderhin“ …, denn nun werde man das „Volk des Elends sehn“. Für Homer dagegen war die Schatten­welt der Unort, an dem man Sisyphos und Tantalos beim ewigen Unglücklich­sein zusehen konnte.

Die Kulturgeschichte steckt voller wilder Spekulationen darüber, wo und was die Hölle sein könnte. Zumeist gerät das völlig welt­fremd. Um nämlich wirklich zu begreifen, womit das Volk des Elends beschäftigt ist, muss man sich über Jahr­zehnte eine Expertise ganz anderer Art angeeignet haben – zur großen Freude der örtlichen Ortho­päden auf zu kleinen Stühlchen sitzend, wobei sich die Beine unter zu niedrige Tischchen falten. Spätestens wenn dann das Champions-League-Spiel angepfiffen wird, das man so gerne schauen würde, während im Plenum die Frage nach der Legalität von Tinten­killern aufgrund der diffizilen Interessen­lage und spontan geäußerter rechts- sowie erziehungs­wissen­schaftlicher Debatten­beiträge noch nicht abschließend bewertet werden kann, weiß man es endlich: Die Hölle, das ist der Elternabend.

Und Sisyphos soll mal wieder Elternsprecher werden. Mit Tantalos als Vize, der den Schul­ausflug ins Deutsche Museum organisieren wird. Selbst­verständlich an einem sonnigen Tag. Würde die Klasse am sogenannten Wander­tag tatsächlich wandern gehen, so würde es regnen. Die Frage, was mit dem Wandertag passiert, wenn es regnet, gehört daher auch zur Verdammnis. Auf dem Eltern­abend liegt nun mal ein Fluch satanischer Bosheit.

Dazu gehört, dass die immer gleichen Fragen von den immer gleichen Menschen in der immer gleichen Sehn­sucht nach schulischer Selbst­optimierung zu stellen sind. Warum ist der Schul­ranzen so schwer? Oder: Ist das schon für das Abitur relevant? Letzteres ist eine Frage vom Eltern­abend der 2b. Ach, und die Gestaltung des Pausen­hofs ist auch so ein Thema. Warum gibt es so wenige Sitz­gelegen­heiten? Könnte man nicht ein Kletter­gerüst anschaffen? Und was ist, wenn ein Kind die 15-Minuten-Pause vor lauter Lange­weile kaum durch­steht? Darf man ihm zum Spielen Pferde­zügel mit­geben? (Hier das Elternabend-Bingo mit 25 Fragen als PDF zum Ausdrucken und Mitnehmen.)

Wäre man ein Titan wie Prometheus, so würde man sich jetzt mit Wonne in der Einöde des Kaukasus anschmieden und sich von einem riesigen Adler die Eingeweide heraus­reißen lassen. Das sollte für eine Schul­krank­meldung reichen, über deren Phänomenologie man so ausgiebig diskutieren kann, als gelte es, den Nahost-Konflikt zu lösen. Doch man ist kein Titan. Es gibt kein Entrinnen.

Überdies meint die Ehefrau, 1.) dass der Eltern­abend eine prima Sache sei, weil sich da die Schul­familie konstituiere, Informationen aus­getauscht, Partizipation und soziales Mit­einander institutionell gelebt und das Eltern-Lehrer-Verhältnis vertieft würden. Außerdem, 2.), sei man einfach „dran“.

Auf diese Weise wird man typologisch den Eltern­abend als „Störer“ bereichern. Dazu gehören Leute, die von ihren Frauen oder Männern hergeschickt wurden und die nicht genau wissen, ob der Sohn in die 2b oder doch in die 3e geht. Manchmal gucken sich Störer heimlich während des Elternabends Sky Go unter der Bank an. Einmal wird einer erwischt und vor die Tür geschickt.

Der Darwinist überprüft die Sitz­position seines Kindes im Klassen­zimmer

Die „Informierte“ nimmt das mit Befriedigung zur Kenntnis. Sie schreibt alles auf, markiert manches davon farbig, stellt so manche Frage – und schlägt dann vor, sich gegen­seitig fürderhin tagesaktuell per Whatsapp-Eltern­chat zu informieren. Das ist, wie man sich vorstellen kann, der einzige Satz, den die „Lustige“ nicht mit einem wirklich humorvollen Zwischen­ruf kommentiert. Statt­dessen krümmt sie sich in ihrer Reihe, als läge sie im Sterben. Was einem, also das Sterben, für einen kurzen Augen­blick und angesichts einer Vorahnung über den Verlauf des Eltern­chats, der sehr oft mit „nur mal so in die Runde gefragt“ ein­geleitet wird, als diskutable Alternative zu einem Leben voller Eltern­abende und Eltern­chats erscheint.

Die Lustige wird dann aber zuverlässig und komplett humorfrei vom „Darwinisten“ am Lustig­sein gehindert. Der Darwinist überprüft die Sitz­position seines Kindes im Klassenzimmer, beurteilt diese aus akustischen, raum­psychologischen und sicht­achsen­spezifischen Gründen als Karriere­hindernis und löst damit im Laufe einer immer bizarrer werdenden Diskussion zum Sitz­plan tumultartige Szenen aus.

Um aber die Hölle jetzt mal zu verlassen: Es soll Lehrer geben, die groß­artig sind. Außer­dem großartige Schüler. Was wäre, wollte man der Schule, das ist der Ort, an dem sich Lehrer und Schüler im Ideal­fall ohne Aufsicht frei begegnen, einfach mal vertrauen? Ganz so, als wäre das Schulsystem ein Schulsystem – und keine tickende Zeit­bombe, um die wir Heli-Eltern uns ja auch noch kümmern müssen. Was wäre also, würden Eltern nur dann zur Schule kommen, wenn es echte Probleme gibt? Nur mal so in die Runde gefragt.

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