Azubis in der Corona-Krise : Die große Leere nach der Abschlussprüfung

Viele Auszubildende in Restaurants und Hotels wissen nicht, wie es im Sommer für sie weitergeht. Dabei würden sie nach der Pandemie als Fachkräfte dringend gebraucht.

Dieser Artikel erschien am 07.04.2021 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Britta Beeger
Hotel-Zimmerschlüssel
©dpa

Gäste einchecken, Zimmer überprüfen, Essen servieren, Übernachtungspreise kalkulieren, Dienstpläne erstellen: All das sollen angehende Hotelfachleute in ihrer Ausbildung eigentlich lernen. In der Corona-Pandemie sah die Realität vielerorts jedoch anders aus. Viele Hotels waren über Monate geschlossen, zum Teil sind sie es immer noch, anderswo kümmerten sich Auszubildende um die wenigen Geschäftsreisenden und schmissen den Betrieb im Prinzip allein. Für das, was im Ausbildungsplan steht, blieb da oft keine Zeit.

Um die im Frühsommer anstehenden Abschlussprüfungen zu bestehen, sind das keine guten Voraussetzungen – zumal auch an den Berufsschulen jede Menge Unterricht ausfiel. In vielen Städten finden derzeit deshalb Kurse von Kammern, Innungen und anderen Anbietern statt, die Lehrlinge – nicht nur, aber auch aus Hotellerie und Gastronomie – auf die Prüfungen vorbereiten sollen. Die Bundesregierung will sich über das Programm „Ausbildungsplätze sichern“ an den Kosten beteiligen. Eine Frage ist damit allerdings noch nicht beantwortet: Was kommt danach?

Während Politik, Arbeitsagenturen, Kammern, Wirtschaftsverbände und Gewerkschaften sich mit Blick auf das neue Ausbildungsjahr im Herbst alarmiert zeigen und mit Ausbildungsprämien und mehr Berufsorientierung das Schlimmste abwenden wollen, stehen diejenigen, die nun mit ihrer Ausbildung fertig werden, weniger im Fokus. Ist Corona einmal überwunden, dürften sie dringend gebraucht werden, das ist allen Beteiligten klar. Gerade in vom Lockdown hart getroffenen Branchen sind ihre Aussichten aktuell jedoch alles andere als rosig.

Wenig Hoffnung auf Übernahme

Ein Frühlingstag im März in Frankfurt: In den Konferenzräumen „Adorno“ und „Fromm“ des IB Hotels lernen 17 angehende Hotelfachleute im dritten Lehrjahr aus Hessen gerade, wie sie eine Veranstaltung planen, eine Tagung oder ein Bankett zum Beispiel. Der Crashkurs, organisiert von den Industrie- und Handelskammern und dem Hotel- und Gaststättenverband in Hessen, dauert 15 Tage, die Kosten von rund einer Million Euro übernimmt das Land. Der Kurs kommt bei den Auszubildenden gut an: In drei Wochen hätten sie hier mehr gelernt als im ganzen vergangenen Jahr, erzählen sie. Dennoch fällt es ihnen schwer, sich fürs Lernen und die Prüfung zu motivieren. Denn große Hoffnung, von ihrem ausbildenden Hotel übernommen zu werden, hat keiner von ihnen.

Sophie zum Beispiel macht ihre Ausbildung bei einer größeren Hotelkette, seit gut einem Jahr ist ihr Haus komplett geschlossen. Trotz der aktuell schwierigen Lage würde sie gerne in der Hotellerie bleiben. Aber ihr sei klar, dass sie sich auch in anderen Branchen bewerben müsse, sagt sie. „Uns wird zum Teil versprochen, dass wir in ein paar Jahren als Fachkräfte gebraucht werden. Aber was ist bis dahin?“

Marie, die 19 Jahre alt ist und nach eigener Aussage ein halbes Jahr lang allein an der Rezeption war, sagt: „Es steht noch nichts fest, aber ich muss davon ausgehen, dass ich nicht übernommen werde.“ Ihr Plan B ist, ins Ausland zu gehen. Bei allen anderen: viele Fragezeichen. Einige wollen studieren, eine möchte auf einem Schiff anfangen, andere hoffen noch, übernommen zu werden, glauben aber nicht so richtig daran. Das Wort „Perspektivlosigkeit“ fällt. Kristin fragt: „Wofür mache ich das hier eigentlich?“

Die Kursteilnehmer sind mit ihren Sorgen nicht allein. 45.000 junge Menschen machen nach Angaben des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbands (Dehoga) aktuell in Deutschland eine Ausbildung in einem der sechs gastgewerblichen Berufe – vom Koch bis zum Hotelfachmann. 17.000 bis 18.000 dürften nach Schätzungen des Verbands in diesem Jahr ihre Abschlussprüfung absolvieren. Aber nicht nur das Hotel- und Gastgewerbe ist hart von der Pandemie getroffen. Ob Tourismus, Luftfahrt, Veranstaltungs- oder Fitnesssektor: viele Unternehmen stehen vor ungewissen Zeiten und haben große Teile der Belegschaft in Kurzarbeit geschickt.

Jüngsten verfügbaren Daten des Bundesinstituts für Berufsbildung zufolge machten 2019 einige tausend Auszubildende ihren Abschluss als Veranstaltungs-, Tourismus- oder Sport- und Fitnesskaufleute oder als Fachkraft für Veranstaltungstechnik. Viele von ihnen dürften es nun nicht nur schwer haben, nach der Prüfung bei einem anderen Betrieb in der gleichen Branche unterzukommen – auch ein Wechsel in einen anderen Wirtschaftszweig ist nicht ohne weiteres möglich. Rund 377.000 junge Menschen haben zuletzt die Prüfung erfolgreich gemeistert.

Wirtschaftliche Lage bleibt schwierig

Ob sich die Lage bis zum Sommer noch bessert, wie es um die Übernahmechancen für Azubis genau steht, lässt sich nach Einschätzung der Bundesagentur für Arbeit derzeit aufgrund der ungewissen Lage kaum vorhersagen. Die wirtschaftliche Situation sei jedoch in allen Branchen schwierig, sagt eine Sprecherin, die Nachfrage nach neuen Mitarbeitern „verhalten“.

Deutlich drastischer formuliert es Sandra Warden, Geschäftsführerin beim Dehoga-Bundesverband. Die Lage sei aktuell „dramatisch schlecht“, sagt sie. Die Betriebe kämpften mit aller Kraft, um Ausbildungsplätze aufrechtzuerhalten und ihren Azubis das nötige Wissen zu vermitteln, gerieten angesichts des monatelangen Lockdowns aber zum Teil an ihre Grenzen. Viele stünden vor existentiellen Schwierigkeiten, wüssten nicht, wie sie die März-Gehälter zahlen sollen. „Unseren Betrieben ist sehr bewusst, dass sie nach der Pandemie wieder Fachkräfte brauchen werden“, sagt Warden. Aber in solch einer Situation Neueinstellungen vorzunehmen – und nichts anderes sei eine Übernahme nach der Ausbildung – sei zum Teil „einfach nicht machbar“.

So ist es auch aus den Hotels zu hören. Michael Mauersberger ist geschäftsführender Direktor des Frankfurter IB Hotels, in dem einer der hessischen Crashkurse zur Prüfungsvorbereitung stattfindet. Vier seiner Auszubildenden werden in diesem Jahr fertig, zwei Hotelfachleute und zwei Köche – übernehmen kann er keinen von ihnen. „Wenn die Krise vorbei ist, wird uns diese Entscheidung noch weh tun, aber momentan geht es nicht anders“, sagt er. Das Hotel müsse sparen, im Dezember und Januar habe sich sogar die Frage gestellt, ob es überhaupt weitergeht. Die Situation der jungen Menschen in dem Kurs mache ihn betroffen, erzählt er. „Das sind pfiffige junge Leute, die früher übernommen worden wären.“ Jetzt werde sie wahrscheinlich auch kein anderes Hotel oder Restaurant einstellen. „Ich könnte das auch nicht.“