Cybermobbing : Die Gemobbten werden jünger

Jugendliche beleidigen und demütigen einander immer häufiger im Internet, so sagt eine Studie. Aus Opfern können Täter werden, und unzufriedene Kinder leiden besonders.

Dieser Artikel erschien am 02.12.2020 auf ZEIT Online
Parvin Sadigh
Schülerin wird im Internet gemobbt
Cybermobbing und Mobbing auf dem Schulhof gehen oft ineinander über.
©Getty Images

Als im Frühjahr die Schulen geschlossen waren, wurde nicht nur ein Teil des Unterrichts, sondern auch das Privatleben ins Internet verlegt. Durch die Kontaktbeschränkungen trafen sich viele Kinder und Jugendliche noch häufiger als sonst online in Chatgruppen, bei TikTok oder Instagram und seltener im Sportverein oder auf einer Party.

Onlinezeiten haben sich für viele verlängert. Deshalb geht die aktuelle Studie des Bündnisses gegen Cybermobbing und der Techniker Krankenkasse – Cyberlife III – Cybermobbing bei Schülerinnen und Schülern – davon aus, dass Corona auch Mobbing im Netz verschärft hat. Vermutet wird auch, dass deshalb Präventionsprojekte noch seltener als sonst stattfanden. Wie sich Corona konkret auf das Mobbing ausgewirkt hat, müsse aber noch gesondert untersucht werden, sagt Studienautor Franz Beitzinger.

Zwei Millionen Kinder und Jugendliche fühlten sich schon gemobbt

Laut Umfrage haben jedenfalls im Jahr 2020 17,3 Prozent aller Schülerinnen und Schüler angegeben, schon einmal von Cybermobbing betroffen gewesen zu sein. Das wären zwei Millionen Kinder und Jugendliche – und damit deutlich mehr als in der Vorgängerstudie von 2017. Da waren es 12,7 Prozent. Befragt wurden über 6.000 Eltern, Lehrkräfte und Schülerinnen und Schüler. Ob die Zahlen auch deshalb steigen, weil das Bewusstsein für Mobbing gestiegen ist, bleibt aber unklar. Lehrer und Lehrerinnen geben jedenfalls an, grundsätzlich ganz gut informiert zu sein.

Besonders in der Pubertät ab 13 Jahren werden laut Befragung viele der Jugendlichen (über 23 Prozent) mit Mobbing konfrontiert. Wenn die Jugendlichen älter werden, nimmt die Drangsal allmählich wieder etwas ab. Die Opfer sind aber laut Studie insgesamt jünger geworden. Zumindest laut Einschätzung der Eltern ist inzwischen auch jeder zehnte Grundschüler oder Grundschülerin betroffen.

Die konkreten Zahlen müssen allerdings mit Vorsicht gesehen werden, da Mobbing in der Studie als das gilt, was Lehrer, Schüler und Eltern darunter verstehen. Vereinzelte Beleidigungen, nicht eingeladen werden zu einer Chatgruppe oder zum Geburtstag könnten gleichwertig neben Mobbing im engeren Sinne stehen: Wenn nämlich Kinder und Jugendliche systematisch und über einen längeren Zeitraum ausgegrenzt, beleidigt, erpresst oder gedemütigt werden.

Nach der Art des Cybermobbings gefragt, nennen Kinder und Jugendliche am häufigsten Beleidigungen und Beschimpfungen (72 Prozent). Oft werden auch Lügen und Gerüchte verbreitet (58 Prozent), unangenehme Fotos geteilt und Fakeprofile erstellt (30 Prozent). Viel Unglück bereiten Ausgrenzungen, etwa wenn Freundschaftsanfragen abgelehnt werden – 41 Prozent der Jugendlichen berichten davon.

Mobbing im realen Leben und im Internet gehen oft ineinander über. Was auf dem Schulhof geschieht, wird online fortgesetzt und umgekehrt. Im Netz bleiben die Täter jedoch teilweise anonym, was die Hemmschwelle herabsetzen könnte, besonders gemein zu werden – zumindest vermutet das die Mehrheit der befragten Eltern und Lehrer. Ob Mobbing unter Kindern und Jugendlichen besonders häufig anonym geschieht, hat die Studie aber nicht untersucht. Und es kommen spezifische Formen der Ausgrenzung hinzu: Etwa gezielt und systematisch jemandem Likes zu verweigern oder ihm oder ihr nicht auf Instagram zu folgen, kann sehr verletzend werden, wenn darüber der Wert eines Jugendlichen definiert wird.

Denn Jugendliche suchen laut der Befragung im Internet besonders häufig nach Anerkennung. Wenn ihnen die verweigert wird, kann sich das besonders für diejenigen katastrophal anfühlen, die ohnehin schon unzufrieden mit ihrem Leben sind. Denn sie halten sich noch häufiger im Netz auf als die Zufriedenen, zeigt die Studie. Sie fühlen sich dort oft wohler als in der Schule. Umgekehrt gilt aber auch: Wer zufriedener ist, der oder die wird nicht so leicht aus der Bahn geworfen von Ausgrenzungen im Netz.

Hauptschüler sind am härtesten betroffen

24 Prozent der Hauptschüler fühlen sich gemobbt, aber nur 13 Prozent der Gymnasiasten würden beschimpft, beleidigt und ausgegrenzt. Doch ausgerechnet die Gymnasiasten berichten häufiger von Präventionsprogrammen oder Informationen über Ansprechpartner, die ihnen beistehen könnten. In den Haupt- und Werkrealschulen finden Prävention aus Sicht der Schülerinnen und Schüler und Lehrkräfte seltener statt. Eine Ursache könnte sein, dass die Lehrer sich dort ohnehin überfordert fühlen und mehr Unterstützung von außen brauchten.

Er hat es verdient

Die einfache Trennung zwischen Opfern und Tätern ist nicht immer leicht. Gemobbte werden oft selbst wieder zu Mobbern. So wird als Motivation, andere zu mobben, oft genannt: Er oder sie habe es verdient, oder der oder die Mobberin wurde selbst gemobbt. Allerdings wird auch zugegeben, dass man aus Spaß oder Langeweile andere quält.

Die Folgen von Mobbing können verheerend sein. Die meisten Schüler und Schülerinnen fühlen sich vor allem verletzt, viele sind auch wütend. Aber jeder oder jede Vierte denkt an Suizid. Das sind 20 Prozent mehr als 2017. Und jeder Fünfte hat schon aus Verzweiflung Alkohol getrunken oder Tabletten eingenommen – 30 Prozent mehr als in der Vorgängerstudie. Lehrer nennen darüber hinaus auch einen Abfall der Leistungen.

Sanktionen und Prävention

Was muss also geschehen? Die Studienverantwortlichen fordern beides: Sanktionen und Prävention. Einerseits muss den Kindern und Jugendlichen klar sein, dass es sich um ein Delikt handelt, das Konsequenzen hat – also dass Lehrkräfte oder Eltern auch mal die Polizei dazu holen könnten. Sie wünschen sich ein Mobbing-Gesetz – nicht unbedingt immer, um die Strafverfolgung zu erleichtern, sondern um die Schwere der Taten bewusst zu machen, sagt Studienautor Beitzinger.

Andererseits sollte es am besten bereits in der Grundschule Präventionsprogramme geben, da auch Kinder schon deutlich häufiger als 2017 Mobiltelefone haben und immer mit Mobbing konfrontiert werden. Jede Schule sollte zudem einen Mobbing-Experten oder eine Expertin benennen, der oder die immer ansprechbar ist. Schüler wünschen sich anonyme Hotlines. Lehrer und Eltern sollten fortgebildet werden, denn auch viele Eltern geben an, sich hilflos zu fühlen. Dabei sind sie noch immer die ersten Ansprechpartner, an die sich die Kinder laut Umfrage wenden.

Viele Programme gibt es schon, nur müssen alle Beteiligten sie auch kennen. Manche können auch in Corona-Zeiten problemlos angewandt werden. So hat etwa die an der Studie beteiligte Techniker Krankenkasse ihre Programm für eine Projektwoche auf eine Internetplattform Gemeinsam Klasse sein verlagert. Andere Angebote wie Juuuport setzen auf die Unterstützung von Peers. Hier können sich Jugendliche etwa über WhatsApp von anderen Jugendlichen beraten lassen. Weitere evaluierte Programme zur Prävention und Beratung sind etwa die Medienhelden und die Mobbingberatung Berlin-Brandenburg.

Kurzfristige Hilfe im Krisenfall ist ebenso notwendig wie Prävention, die aber meistens nicht über eine Info-Stunde zu erreichen ist. Sie muss laut Experten langfristig angelegt werden, damit Kinder wirklich begreifen wie verletzend Mobbing werden kann und wie sie anderen beistehen können.