Dieser Artikel erschien am 24.06.2019 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Autor: Benjamin Fischer

MINT-Nachwuchs : Die etwas andere Berufsmesse

Die Ideen-Expo will Jugendliche spielerisch für Natur­wissenschaften, Nachhaltigkeit und Technik begeistern. Dabei helfen sollen auch Youtuber und Virtual Reality. Ein Rundgang.

Schüler liegen in Liegestühlen und bestauenen einen künstlichen Mond
©IdeenExpo

Wenn sie später die Welt verändern wollen, ist eine gute Ausbildung wichtig“, sagte Bundes­wirt­schafts­minister Peter Altmaier jüngst in Richtung der „Fridays for Future“-Demonstranten. Die Botschaft war klar: Schule schwänzen schadet euch am Ende selbst, weil ihr Stoff verpasst. Doch dass junge Menschen sich plötzlich für Klima­schutz und Nach­haltig­keit interessieren, kann auch eine Chance sein – nicht zuletzt für die Wirtschaft. Einmal Lunte gerochen, wollen sich die jungen Leute vielleicht ja auch in ihrem Berufsleben mit dem Thema aus­einander­setzen.

Ein guter Ort, um einmal in viele Felder aus dem Mint-Kosmos (Mathematik, Informatik, Natur­wissen­schaften, Technik) rein­zu­schnuppern, ist die Ideen-Expo in Hannover. Alle zwei Jahre präsentieren sich hier Universitäten, Unter­nehmen, Verbände und Schüler­gruppen, die eigene Erfindungen zeigen. 2017 kamen mehr als 300.000 Besucher. Erst­mals gibt es in diesem Jahr auch eine eigene „Klima-Zone“, wo die Auswirkungen des Klima­wandels thematisiert werden. „Um globale Heraus­forderungen wie den Klima­wandel bewältigen zu können, brauchen wir Sach­verstand. Daher werben wir für Berufe, die sich mit dem Thema aus­einander­setzen“, sagt Volker Schmidt, Auf­sichts­rats­chef der Ideen-Expo. Die Haupt­ziel­gruppe der acht Tage langen Veranstaltung sind Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 bis 18 Jahren.

Anders als bei gängigen Berufsmessen herrscht in den Hallen ordentlich Trubel. Die Besucher sollen sich ausprobieren. Daher knallt und raucht es in unregel­mäßigen Abständen, oft gefolgt von Gekreische oder durch­brochen von der Durch­sage, dass mal wieder ein Schüler seiner Klasse abhanden­gekommen ist.

Fußboden produziert Strom

Eine Grundidee der Ideen-Expo lautet, dass hinter jedem Exponat potentiell auch ein Berufs­bild steht. Viel dreht sich um Digitalisierung, die Mobilität der Zukunft, sowie Maschinen­bau und Fertigungs­techniken. „Themen wie CO2–Reduzierung und effizientere Ressourcen-Nutzung ziehen sich wie ein roter Faden durch viele Exponate“, sagt Schmidt.,

Das zeigt sich besonders bei den Schüler-Projekten. So präsentiert eine Schule aus dem nieder­sächsischen Cadenberge einen selbst­gebauten Glas­schneider für Flaschen. Aus den Einzel­teilen haben die Schüler Deko- und Gebrauchs­gegen­stände gefertigt. An einem anderen Stand wird derweil ein Kleber aus Bananen präsentiert. Der nächste zeigt einen sogenannten Energie-Fußboden. „Die Schüler haben sich gefragt, wie viel Energie eigentlich entsteht, wenn bei einem Konzert die Masse auf und ab springt“, sagt Stephan Oppermann, Lehrer an der Berufs­bildenden Schule in Holzminden, von der die Idee stammt.

Durch das Herumlaufen auf den Bodenplatten wird mittels der Elektronik darunter Strom produziert. Der reicht zwar „nur“ für ein paar LED-Lampen, aber die Grundidee der Elft­klässler, auf Basis des Prinzips, Energie zu nutzen, wo sie ohnehin anfällt, ist reizvoll. Seit einigen Jahren wird sie auch vom britischen Unternehmen Pavegen erprobt, das vergleichbare Platten mitsamt einem Energie­speicher unter einem Fußball­platz installiert hat.

VW, Siemens und Salzgitter vor Ort

Technikbegeisterte Tüftler passen perfekt ins Beuteschema von Unternehmen wie VW, Siemens oder dem Auto­mobil­zu­lieferer ZF Friedrichs­hafen. Entsprechend eifrig buhlen die großen Konzerne auf der Messe um Nach­wuchs. Früh für die Materie begeistern oder gar direkt für Ausbildung oder Studium im Unter­nehmen anwerben ist das Ziel. VW hat gleich eine ganze Werkstatt samt Wagen auf der Hebebühne aufgebaut. „Auch Studenten sind unter den Besuchern und suchen sich ihren ersten Arbeit­geber“, sagt Volker Schmidt. Wer ans Arbeits­leben noch keinen Gedanken verschwendet, soll derweil mit Auftritten von Youtube-Stars und drei Konzert-Abenden nach Hannover gelockt werden. Zum 50. Jahres­tag der Mond­landung wurde zudem ein riesiges Zelt aufgestellt, in dem man sich auf Liege­stühlen wie in einer Rakete fühlen kann.

Auch für ein unbemerktes kleines Nickerchen taugen die Stühle. Denn so eine Exkursion ist ja durch­aus anstrengend. Auch die Aussteller geben sich Mühe, die Jugendlichen nicht nur mit interessanten Exponaten zu beeindrucken, sondern zusätzlich Unter­haltungs­programm zu bieten. Da wird ein Industrie­roboter schon mal kurzer­hand zur Zwei-Mann-Achterbahn umfunktioniert und Virtual-Reality-Brillen gehören an vielen Ständen zur Standard­aus­stattung. Der Stahl­konzern Salzgitter führt damit Interessierte durch ein virtuelles Stahl­werk und nutzt die Gelegen­heit auch gleich, um zu erwähnen, wie man mit Hilfe von Wasser­stoff auf Kohle verzichten und tonnenweise CO2 einsparen will.

Programmieren für Anfänger

Und das Entwicklungshilfe­ministerium schickt in seinem „Klima-Globus“ die Besucher auf eine Reise nach Madagaskar, wo sie mehr über die Folgen des Klima­wandels lernen. Zusätzlich zu den Bildern bläst einem die Anlage den Geruch einer Rinder­weide ins Gesicht, während Wärme­lampen für Hitze sorgen. Fernab von Virtual Reality und Co. können Schüler am Stand der Handwerks­kammer aber auch ganz klassisch mit Gips und anderen Materialien herumwerkeln.

Anders sieht es in der „Coding World“ aus, wo die Jugendlichen sich im Programmieren versuchen und mit Künstlicher Intelligenz befassen. Manch ein Bereich gleicht einer wuseligen Bastel­ecke, in der kleine Roboter programmiert und zum Laufen gebracht werden. Die E-Sport-Zone ist eben­falls beliebt, was freilich auch daran liegt, dass man sich hier mal schnell an eine Spiel-Konsole setzen kann. Eine Branche mit guten Zukunfts­aus­sichten ist sie trotzdem zweifel­los, selbst wenn nicht jeder virtueller Fußball-Profi werden kann.

Mancherorts vermisst man aber auch jeglichen Berufsbezug. Etwa am Stand des Umweltzentrums Hannover: Da wird mit Schul­klassen gekocht und gegessen – mit pädagogischem Hinter­grund. „Wir wollen dafür sensibilisieren, darauf zu achten, wo unsere Lebens­mittel herkommen“, sagt Mika Hampe vom Umwelt­zentrum. Bewusst einkaufen könne jeder. Mit Natur­wissen­schaft und Technik hat das zwar wenig zu tun, aber immerhin ein bisschen mit Klima­schutz.