Dieser Artikel erschien am 17.09.2018 in der Süddeutschen Zeitung
Autorin: Anna Günther

Initiative : „Dialekt macht intelligenter“

- Ministerpräsident Markus Söder verkündet eine Initiative zu Dialekt und Mundart in der Schule.
- Was dabei genau passieren soll, teilen aber weder Söder noch Bildungs­minister Sibler mit.
- Neu ist das Thema nicht: Mund­art und Dialekt standen auch vor 15 Jahren schon im Lehr­plan.

Ein Lehrer schreibt "Dialekt" an eine Tafel
Bayrische Initiative zu Initiative zu Dialekt und Mund­art in der Schule.
©dpa

Welche Wirkung Dialekt hat, weiß jeder, der zwischen mehreren Regionen aufwuchs und daher keinen Dialekt so richtig spricht. Schon die Färbung der Sprache beweist Fremd­heit und Zugehörig­keit oder im Ideal­fall Viel­falt. Dialekt schafft Heimat und Identität, so verkündet es das bayerische Kultus­ministerium seit Jahren. Mindestens so lange schon gelten Heimat­krimis als Renner in Buch­läden, und Schau­spieler sprechen im Fernsehen und auf der Kino­lein­wand Dialekt.

Nun aber verkündete Ministerpräsident Markus Söder eine Initiative zu Dialekt und Mund­art in der Schule und garnierte das mit einer gehörigen Portion Eigen­lob: „Sie alle wissen, dass Dialekt intelligenter macht, das sieht man an der bayerischen Staats­regierung jeden Tag.“ Da zuckte sogar der Schul­minister. Eigen­lob soll den bescheidenen Nieder­bayern ja fremd sein. Trotzdem kündigte der Plattlinger Bernd Sibler einen „ganz wichtigen Auf­schlag“ und „aus­drücklich stärkeres“ Fördern an.

Zwar sagte er auch, dass die Schulen „nicht bei Null“ stehen. Wo sie stehen, sagte Sibler nicht. Mund­art und Dialekt standen auch vor 15 Jahren schon im Lehr­plan, etwa in Deutsch in der 8. Klasse des G-8-Gymnasiums aus dem Jahr 2004: „Unter­suchen der Merkmale und Leistungen von Mund­art: regionale Besonder­heiten erkennen, Mund­art­literatur kennen­lernen“. Allein die vom Kultus­ministerium verfasste Hand­reichung „Dialekte in Bayern“ hat schlanke 394 Seiten, voll­gepackt mit Beispielen aus Film, Fernsehen, Literatur und Zeitungen, Hinter­grund­texten und Arbeits­blättern für den Unter­richt.

Das Buch erschien erstmals 2006. Vier Jahre später initiierte der Bayern­bund mit den Land­räten von Traun­stein und Rosen­heim eine Initiative in Grund­schulen und Kinder­gärten, um die Jüngsten zum Dialekt­sprechen anzu­halten. Der Verein ist fast 100 Jahre alt und fühlt sich der bayerischen Geschichte, Kultur und Mund­art verpflichtet. Das Lese­buch zum Projekt erschien 2014 mit 206 Seiten.

Genauer hingeschaut kommt also die Frage auf, was so neu und aus­drücklich an der Initiative von Minister­präsident und Schul­minister sein soll. Die Fach­lehr­pläne in Deutsch und Musik sollen „neu akzentuiert“ werden, heißt es dazu im Ministerium. Dialekt soll im Unter­richt und Schul­leben positiv erlebt sowie „in die Sprach­kultur und jugendliche Erfahrungs­welt“ eingebracht werden.

Keine Lust auf Dialekt, wenn es Prüfungen gibt

Für den Fachlehrplan an Realschulen und Gymnasien sei in der Mittel­stufe eine verbindliche Ergänzung vorgesehen. Konkreter wird es nicht. Der neue Lehr­plan Plus, in dem diese Schwer­punkte gesetzt werden, gilt seit 2014 an den Grund­schulen und seit 2016 an den weiter­führenden Schulen. Eine Fachtagung für Lehrer, Schul­leiter und Schul­auf­sicht soll der Mundart insgesamt mehr Auf­merk­samkeit bringen.

Simone Fleischmann, die Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrer­innen­verbands (BLLV), warb vor zwei Jahren schon für mehr Dialekt in der Schule. Sie fragt sich nun, wieso Förder- und Mittel­schulen nicht in den Auf­schlag eingeplant sind. Real­schul­verbands­chef Jürgen Böhm – in Ost­deutsch­land sozialisiert und 13 Jahre lang Schul­leiter von selbst­bewusst Dialekt sprechenden Jugendlichen im Rottal – warnte davor, dass Schüler an Mund­art und Dialekt die Freude verlieren, wenn diese in Prüfungen abgefragt werden. Am Ende bleibt wohl die These: Neu ist, wenn’s dem Minister­präsidenten und Ex-Heimat­minister ins Heimat-Motto des Wahl­kampfs passt.