Schule in der Corona-Krise : Deutschland, sei nicht kinder­feindlich!

Deutschland hasst Kinder nicht. Es macht es nur Eltern nicht immer leicht, das zu glauben. Im nächsten Schuljahr muss vieles besser werden. Diesmal wirklich.

Dieser Artikel erschien am 29.05.2021 auf ZEIT Online
Klaus Raab
Schülerinnen machen Hausaufgaben
Hausaufgaben im Homeschooling
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„Mein Skateboard ist wichtiger als Deutschland“, sang die Punkband Terrorgruppe vor einem Vierteljahrhundert. Damals lernten die heutigen Eltern gerade, was es heißt, ordentliche Teenager zu sein. Und vielleicht muss man sich an diesen Songtitel einmal erinnern, wenn man verstehen will, wie verkehrt die Welt der heutigen Teenager aussieht: Deutschland ist derzeit wichtiger als ihr Skateboard. Ihren Großeltern zuliebe akzeptieren sie das.

Das zurückliegende Schuljahr war für sie reich an nicht durchgemachten Nächten, an nicht besuchten Konzerten und nicht absolvierten Klassenfahrten. Statt Schule mit allem Drum und Dran, inklusive Pausenhof-Großgruppengesprächen, gab es erst Distanz- und zuletzt Wechselunterricht mit halben Klassen. Kinder, die befreundet sind, teilen dadurch seit einer kleinen Ewigkeit keinen Alltag mehr miteinander. Jugendliche, die heimlich verliebt sind, haben ihre Lieblingsmenschen vielleicht seit Monaten nicht mehr gesehen und können ihnen auch leider nicht schreiben, weil: soll ja heimlich bleiben. Sie haben über Monate auch all den Mist nicht gemacht, den man in ihrem Alter doch eigentlich verbrochen haben sollte. Sie konnten ein knappes Jahr lang das Hochgefühl der Freiheit nicht genießen, das man nie wieder so intensiv empfindet wie in den Jahren, in denen man erwachsen wird.

Der Preis, den Jugendliche und Kinder für die sozialen Einschränkungen der Pandemie bezahlen, ist hoch. Psychologen warnen schon seit Langem vor möglichen Folgen. Kinderärztinnen, die einen Bewegungsmangel ausmachen, ebenfalls. Und zuletzt gab es erschreckende Zahlen zur Gewalt gegen Kinder. Ungefähr in jeder Schulklasse sitzt demnach eines, das sexuelle Gewalt erfährt. Oder besser: Es säße eines in jeder Klasse, wenn es da verlässlich säße. Manch ein Kind soll zwischen Distanz-, Wechsel- und ausgesetztem Präsenzunterricht abgetaucht sein. Viele Einzelfälle, die sonst einer Lehrkraft aufgefallen wären, wurden wohl nicht bemerkt.

Das alles zeigt: Vieles, was Kinder und Jugendliche brauchen, ist mit der Schule verbunden. Sie sorgt dafür, dass junge Menschen sich bewegen – und sei es nur auf dem Schulweg –, und für ein Sozialleben, und sie erfüllt eine gewisse Kontrollfunktion. Sie fehlt aber nicht nur denen, die in Statistiken der Jugendämter und medizinischen Einrichtungen auftauchen, sondern auch den vielen anderen, die nur mal wieder ein bisschen Blödsinn reden wollen, während sie hinter den Schulmülltonnen eine Kippe wegsaugen. Könnten sich junge Menschen nur eine Sache wünschen, die sich im Alltag verlässlich ändern soll, viele von ihnen würden wahrscheinlich einfach nur wieder uneingeschränkt in die Schule gehen wollen.

Ist Deutschland kinderfeindlich?

Es ist deshalb kein Wunder, dass die diffuse Schulpolitik des vergangenen Jahres gerne als ein Indiz dafür herangezogen wird, dass Deutschland ein kinderfeindliches Land sei – dass Deutschland gar Kinder hasse. Während Ältere, um deren Gesundheit willen sich die Jüngeren eingeschränkt haben, mittlerweile weitgehend geimpft sind und entscheiden können, ob sie direkt nach Mallorca oder vorher doch noch an die Ostsee reisen wollen, und während Genesene durch Bayerns Biergärten flanieren, laden sich Dreizehnjährige morgens immer noch Aufgaben bei der Lernplattform Moodle herunter. Zum Beispiel.

Und dennoch ist es nicht ganz treffend, zu behaupten, Deutschland hasse Kinder. Es ist in administrativen Bereichen nur sehr schwerfällig, zumal bei nicht durchplanbaren Ereignissen wie dieser Pandemie. Kinder stehen nicht generell ganz unten auf der Prioritätenliste. Auf manchem Universitätscampus ist der Betrieb etwa noch stärker eingeschränkt als in Schulen. Labore, Bibliotheken, Archive, Computerräume – die Infrastruktur vieler Studierender, die trotzdem Leistungen nachweisen müssen, damit ihnen das Bafög nicht gestrichen wird –, sind derzeit kaum nutzbar. Kinder dürfen an der frischen Luft vielerorts seit Monaten wieder Vereinssport treiben; erwachsene Hobbyfußballer dagegen müssen noch warten. Und dass ein Impfstoff nach besonderen Regeln geprüft wird, bevor Kinder ihn bekommen, zeugt nicht davon, dass ihre Interessen übergangen werden, sondern davon, dass sie besonders geschützt werden.

Diese Beispiele sollen bestehende Missstände nicht rechtfertigen. Es sind lediglich zarte Hinweise darauf, dass wir nicht wirklich von kinderhassenden Regierungen verwaltet werden. Das ist schon deshalb relevant, weil das bedeuten würde, dass es am Willen nicht mangelt. Man könnte im kommenden Schuljahr demnach manches besser machen, wenn man einen Weg vom Willen zum Handeln fände.

Der Bildungsbereich wurde bislang wie ein schwerfälliger Tanker durch die Pandemie manövriert. Als das nun ablaufende Schuljahr begann, gab es keine Raumlüfter, keine extra angemieteten Veranstaltungssäle, um Klassen besser aufzuteilen, keine Konzepte für Outdoor-Unterricht, wie es ihn etwa in Spanien bald gab, und an vielen Schulen immer noch kein stabiles WLAN. Jetzt wäre es an der Zeit, dass auch die Erwachsenen mal Lernfähigkeit beweisen. Die Pandemie erfordert viele schwierige Abwägungen und nicht alle können zugunsten von Kindern ausfallen. Aber es muss alles dafür getan werden, dass die Schulen schnellstmöglich wieder verlässlich im Regelbetrieb starten. Notfalls in Festzelten, wie es derzeit in Deggendorf erprobt wird. Jedenfalls nicht in halben Klassen und nicht in Distanz. Darum geht es.

Um das zu erreichen, genügen keine Absichtserklärungen der Kultusministerkonferenz, die dann von den Landesregierungen mit anderen Interessen verrechnet, den Schulen kurz vor Schuljahresbeginn vorgestellt und von den Lehrerinnen und Lehrern ein paar Tage vor Ferienende konsterniert mit Fragezeichen im Gesicht zur Kenntnis genommen werden. Es ist fast Sommer, es braucht jetzt rundum konkrete Konzepte, speziell auch für die unteren Klassen, für die Impfungen noch nicht einmal zur Diskussion stehen. Und obendrein am besten überall einen Plan B, spätestens für den frühen Herbst, falls die Fallzahlen wieder ansteigen sollten. Schule ist eine zentrale Einrichtung der Kindheit und Jugend, vor allem in ihrer Funktion als sozialer Raum. Nie war das offensichtlicher als derzeit. Wer das jetzt nicht ernst nimmt, wäre womöglich doch einfach kinderfeindlich.