Dieser Artikel erschien am 05.06.2019 in DIE ZEIT
Autorin: Alexandra Werdes

Deutscher Schulpreis : Hier geschehen Wunder

Vor ein paar Jahren war die Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm ein Problem­fall mitten in einem sozialen Brenn­punkt. Jetzt erhält sie den Deutschen Schulpreis. Wie haben Lehrer und Schüler das geschafft?

©Traube47

Nichts deutet hier auf einen Gewinner hin. Auf Fortschrittlich­keit, Experimentier­freude. Hier, auf dem asphaltierten Schul­hof der Gebrüder-Grimm-Grund­schule in Hamm, Westfalen, stehen drei Baum­inseln, zwei Fußball­tore, ein farbloses Spiel­haus, alles renovierungs­bedürftig. Außerhalb der Schule: eine Zeche, die seit fast 30 Jahren dicht ist. Im Industrie­park dienen die Förder­türme nur noch der Erinnerung. Die Arbeits­losig­keit ist über­durch­schnitt­lich hoch, mehr als ein Drittel der Bewohner hat hier einen Migrations­hinter­grund.

„Brennpunktschule“, sagt der Schulleiter Frank Wagner ohne Umschweife. „Als ich vor zwölf Jahren hier ankam, ging es über Tische und Bänke.“ Er erinnert sich an einen Jungen, der mit einer Pistole in der Tür stand und Lehrer wie Schüler mit Plastik­kugeln abschoss. Ein anderer warf im Klassen­zimmer mit Stühlen. „Es gab Situationen, in denen mussten wir die Kinder mit der Polizei aus der Schule holen.“ Der 48-Jährige will nicht dramatisieren, nur beschreiben, wie schwer es viele seiner 225 Schüler zu Hause haben: „Das sind ja alles Verzweiflungs­taten.“

Ein Kollegium könnte sich angesichts solcher Zustände in seinem Lehrer­zimmer verschanzen, aufgeben, mutlos werden. An der Gebrüder-Grimm-Schule ist das Gegen­teil der Fall: Im Flur stehen alle Türen offen, auch die zum Leitungs­büro. Weil es an Räumen fehlt, finden manche Kurse sogar im Lehrer­zimmer statt.

Einen Platz zum Feiern brauchen sie jetzt auch: In dieser Woche wird die Schule mit dem mit 100.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis aus­gezeichnet. Die Jury spricht von einem „Lern- und Erfahrungs­raum mit Wohl­fühl­aspekt“, in dem die Kinder „ihre Basis­kompetenzen entwickeln und ihre Talente entdecken und entfalten können“.

Wie machen die das? Das werden sich jetzt viele Grund­schulen in Deutschland fragen, die mit Lehrer­mangel, sinkenden Schüler­leistungen und wenig unter­stützenden Eltern­häusern zu kämpfen haben.

In diesem Jahr feiern die Grundschulen in Deutschland Jubiläum. Hundert Jahre werden sie alt. 1919 war es, als die allgemeine Schul­pflicht in der Weimarer Verfassung verankert wurde. Bis dahin hatte es nur eine Unterrichts­pflicht gegeben, weshalb wohl­habende Familien ihre Kinder zu Hause unterrichten konnten. Von nun an aber trafen sich in der Schule auch Kinder, die sonst keinen Kontakt zueinander hatten. Die Grund­schule wurde zur ersten Schule für alle. „Die Lehrer mussten lernen, mit der Hetero­genität der Erfahrungen und der sozialen Herkünfte umzugehen“, sagt der Bildungs­historiker Heinz-Elmar Tenorth. „Das ist eine didaktische Leistung, die die Grund­schule auch heute noch erbringt.“

Eine Leistung, die den Pädagogen alles abverlangt und nicht wenige an den Rand der Über­forderung treibt. Wenn Kinder heute eingeschult werden, dann können die einen schon lesen und schreiben – während die anderen nicht mal wissen, wie sie einen Stift halten sollen.

Die klassische Unterrichts­struktur aufbrechen

Es gibt Schulen, in denen der Anteil an Kindern mit Migrations­hinter­grund so hoch ist, dass deutsche Mittel­schicht­eltern alles bewegen, um ihren Nachwuchs anderswo einzuschulen. Es gibt Schulen, die es vor lauter Integrations- und Inklusions­aufgaben nicht mehr schaffen, den Kindern Lesen und Schreiben beizu­bringen. Und es gibt Schulen, an denen die Kinder zwar reich an Privilegien, aber arm an sozialem Miteinander sind.

Lange galt die Grund­schule als besonders stabiler, verlässlicher und auch innovativer Lernort. Ein Blick in die Statistik des Deutschen Schulpreises zeigt: Keine Schul­art hat im Laufe der letzten 13 Jahre so viele Preise geholt wie die Grund­schule. Inzwischen aber bröckelt das Fundament. Bildungs­wissen­schaftler diagnostizieren Grund­schülern in ganz Deutschland einen besorgnis­erregenden Leistungs­abfall. Im Bundes­schnitt können Viert­klässler heute schlechter rechnen, lesen und schreiben als Gleich­altrige fünf Jahre zuvor.

An der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm ist das genau andersherum. Hier haben sich die Leistungen der Grund­schüler verbessert, und Frank Wagner sagt: „Mir ist das fast unheimlich.“ Zögernd legt der Schul­leiter einen Packen Farb­aus­drucke auf den Tisch. Die Balken­diagramme zeigen die Ergebnisse der landes­weiten Vergleichs­arbeiten Vera. Regel­mäßig misst dieser Test die Leistungen in Mathematik und im Lesen. Fünf Kompetenz­stufen bilden ab, was die Kinder können – oder eben nicht. 2015 erreichten nur drei Prozent von Wagners Drittk­lässlern den obersten Kompetenz­bereich, 42 Prozent landeten ganz unten. Beim letzten Test schafften es dann plötzlich 34 Prozent der Schüler in den besten Kompetenz­bereich. Landes­weit erreichten 44 Prozent der nordrhein-westfälischen Dritt­klässler die beiden obersten Kompetenz­stufen, an der Grimm-Schule waren es 80 Prozent.

Wie kommt so ein Wunder zustande?

Frank Wagner weiß noch, wie groß die Ratlosig­keit war, wie tief die Verzweiflung, als er und seine Kollegen fest­stellen mussten: Unser Unterricht funktioniert nicht mehr. Die Kinder lernen nichts. Zum Beispiel haben die Lehrer Recht­schreibung geübt, immer und immer wieder. Doch als es darum ging, die Regeln in einem Text anzuwenden, machten die Schüler nur noch mehr Fehler. Wagner bat um einen Termin beim Schul­rat: Mehr Geld, mehr Personal, irgendein Rezept musste der ihm doch geben können. Aber der Schulrat hatte nichts. „Und trotzdem war er die größte Hilfe“, sagt Wagner rück­blickend. „Weil er mir sagte: Sie sind doch selbst am nächsten dran an Ihrer Schule!“ Da wurde Wagner klar: „Wenn ich etwas ändern will, muss ich es selber machen.“

Was dann an seiner Schule passierte? Wagner sagt, man habe „an vielen Schrauben gedreht“. Wer aus einer Problem­schule einen Leucht­turm machen will, der bekommt keine fertigen Konzepte oder wissenschaftlich erprobten Programme, die auf Knopfdruck funktionieren. Der muss ausprobieren, verwerfen, anpassen und sich dabei immer fragen: Was haben unsere Kinder davon, was brauchen sie?

Der „Schlüssel“ sei der Epochen­unterricht gewesen, sagt Wagner. Die Schüler arbeiten nun jahr­gangs­über­greifend an bestimmten Frage­stellungen, immer angelehnt an ihre eigene Erfahrungs­welt. Ich möchte Knetschleim herstellen, kann aber die Gramm-Angaben in den Rezepten nicht zusammen­rechnen? Ich möchte Weltraum-Fragen erforschen, kann aber nicht lesen? Dann muss ich das üben! Deshalb folgen auf alle Projekte sogenannte Kurs-Epochen, in denen die Kinder trainieren, zu lesen, zu schreiben, zu rechnen.

Der Deutsche Schulpreis

Der Deutsche Schulpreis ist eine Art Oscar für Schulen. Seit 2006 wird er für heraus­ragende pädagogische Arbeit und exzellente Schul­praxis vergeben. Neben der Gebrüder-Grimm-Schule in Hamm, die in diesem Jahr den Haupt­preis erhielt, wurden auch folgende Schulen aus­gezeichnet: die Ketteler­schule in Bonn, eine weitere Grund­schule in Nordrhein-Westfalen; das Schiller-Gymnasium in Bochum; die Kurfürst-Moritz-Schule, eine Ober­schule im sächsischen Moritzburg; die Alemannen­schule Wutöschingen, eine Gemeinschafts­schule in Baden-Württemberg, und die Deutsche Schule „Mariscal Braun“ im bolivianischen La Paz.

Diese Schulen haben sich im mehrstufigen Auswahl­verfahren unter 15 nominierten Schulen durch­gesetzt – und in den sechs Qualitäts­bereichen Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichts­qualität, Verantwortung, Schule als lernende Institution sowie Schulklima und Schulleben besonders überzeugt. Der Schulpreis wird vergeben von der Robert Bosch Stiftung und der Heidehof Stiftung, unter­stützt wird er von der ARD und der ZEIT-Verlags­gruppe. Die ZEIT-Verlags­gruppe ist auch am Fachmedium „Deutsches Schulportal“ beteiligt.

Mit dem Epochenunterricht lernt nun jeder Schüler im eigenen Takt. Es gibt individuelle Lern­zeit­pläne und schriftliche Ziel­vereinbarungen, die wie ein Kompass von einer Aufgabe zur nächsten lotsen, alles abgeheftet in gelben Mappen. Schon bald nach Unterrichts­beginn sitzen die ersten Kinder im „Lern­kaleidoskop“ und arbeiten an ihrem persönlichen Lernplan. In den drei Räumen gibt es Computer und Lerninseln, aber auch Kuschel­ecken und Spielzeug. Für die Lehrer sind das auch Entlastungs­zonen, weil sie dorthin Kinder schicken, die selbst­ständig an Aufgaben knobeln, versuchen, schwierige Texte zu verstehen, oder für ihre Epochen­projekte recherchieren, während sich die Lehrer mit einer kleinen Gruppe von Schülern intensiver beschäftigen können.

Die klassische Unterrichts­struktur aufzubrechen – das ist keine Erfindung der Gebrüder-Grimm-Schule. „In den Grund­schulen bemüht man sich sehr um individualisiertes Lernen. Aber häufig bleibt das ein Schlagwort“, sagt der Bildungs­forscher Tenorth. Die Individualisierung sei ein großes Kunst­stück. „Sie braucht Zeit, Geduld und kompetente Lehrer.“

Eine Kultur der positiven Rückmeldung

Wer verstanden hat, wie unterschiedlich gut und schnell Schüler lernen, der weiß, dass diese Aufgabe zu groß ist für einen Lehrer allein. Frank Wagner hat in einer Art Stellen­scharade, die er „kreativ, aber nicht illegal“ nennt, Freiräume geschaffen, um die Last auf möglichst viele Fach­kräfte zu verteilen – und das sind an seiner Schule nicht nur Lehrer. So hat er sich gegen das an Grund­schulen übliche Team-Teaching entschieden, bei dem zwei Lehrer gemeinsam eine Klasse unterrichten, und die zusätzlichen Stunden statt­dessen der Betreuung der Kinder am Nach­mittag zugeschlagen. Weil die Lehrer nun auch dort mit­arbeiten, kann er umgekehrt auch Stunden von Heil­pädagogen und Erziehern für den Unterricht nutzen. Die Sozial­arbeiterin, die oft wichtige Beziehungs­arbeit mit Kindern und Eltern leistet, ist nicht nur für ein paar Stunden, sondern Vollzeit da. Und die Inklusions­begleiter, die an anderen Schulen allein Schüler mit Förderbedarf betreuen, sind an der Grimm-Schule für alle Kinder eine Unter­stützung.

Frank Wagner hat damit jene multi­professionellen Teams geschaffen, mit denen Länder wie Kanada oder Finnland in ihren Schulen schon seit Langem beste Erfahrungen machen. Weil keiner mehr Einzel­kämpfer ist und allein die Verantwortung für das einzelne Kind über­nehmen muss. „Die anderen Mit­arbeiter schauen noch mal von einer ganz anderen Warte aus auf die Kinder“, sagt Wagner, „die nehmen zum Beispiel das familiäre Umfeld mit in den Blick.“

Armut, Migration, Digitalisierung – das alles seien Themen, die „massiv auf die Grund­schulen einstürmen und die Bedingungen für den Unterricht verändern“, sagt Maresi Lassek, Vorsitzende des Grund­schulverbandes. Multi­professionelle Teams schützen nicht nur vor Über­lastung, sie sind oft auch kreativer und mutiger.

Sämtliche Ideen für eine bessere Schule, egal, ob sie von Lehrern oder Schülern kommen, sammelt Frank Wagner auf kleinen Post-its an einer Pinnwand in seinem Büro. Ein Großteil der kleinen Zettel hängt bereits unter der Rubrik „erledigt“. Die meisten Lehrer in Wagners Kollegium sind Anfang 30. Vor drei, vier Jahren erlebte die Schule einen großen Generationen­wechsel. „Seitdem ist es wie ein Feuer“, sagt Wagner. „Plötzlich hat alles gepasst.“

Die Kollegen sind sich einig, dass die Vielfalt an ihrer Schule ein Schatz ist, dass Kinder nicht in Schubladen sortiert werden sollen. Im Treppen­haus der Grimm-Schule hängen Spiegel, darunter stehen Sätze wie „Schön, dass du da bist“, „Das schönste Lächeln“ oder „Du bist etwas ganz Besonderes“. Ähnliches steht auf den Komplimente-Kärtchen, die sich Lehrer wie Schüler aus einem Aufsteller nehmen und verschenken können. Das Loben hat an Frank Wagners Schule System. Und am wichtigsten sind dem Schul­leiter die Lob­briefe.

Ob ein Kind sich getraut hat, zum ersten Mal vom Schwimm­becken­rand zu springen, oder sich im Unterricht plötzlich mehr meldet oder einfach nur nett war – das steht im Lobbrief. Verteilt und vor der ganzen Schul­gemein­schaft vorgelesen werden sie beim „Treffpunkt Grimm“. Der lockt auch Eltern an, die sich sonst eher selten in der Schule zeigen. Jedes Kind soll mindestens einmal im Jahr öffentlich gelobt werden. Eine Liste im Lehrer­zimmer sorgt dafür, dass niemand vergessen wird.

Wie eine stetige Sauer­stoff­dusche sorgt die Kultur der positiven Rück­meldung für eine Atmos­phäre, die bis zum Ende des Schul­tags fröhlich und lebendig bleibt. Nichts von der Aggression, dem Chaos einer Brenn­punkt­schule. Auf­fälliges Sozial­verhalten? Höchstens in dem Sinne, wie selbst­verständlich Emre im Kunst­unterricht seine Bewunderung gegen­über Beritan kund­tut („Ey, hast du voll gut hin­gekriegt!“) und wie eigen­ständig die Kinder ihren Aufgaben nach­gehen, sich in Klein­gruppen gegen­seitig helfen.

Und dann wird klar: Den Unterschied macht hier nicht der Schul­hund oder der Klassen­satz iPads oder irgendein anderes Aus­stattungs­merkmal. Und das ist gleichzeitig die schlechte Nachricht zum dies­jährigen Schul­preis: So einfach kopieren lässt sich ein solcher Erfolg eben nicht. Was hier aus­gezeichnet wurde, ist weniger ein Konzept – es ist eine Haltung.